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Das Vampirbuch von Ditte und Giovanni Bandini

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Ditte und Giovanni Bandini legen mit Das Vampirbuch ein weiteres Sachbuch über Fabelwesen vor. Auch wenn der Titel eine ausschließliche Befassung mit Vampiren nahelegt, werden verschiedene verwandte Fabelwesen und andere Themenfelder im Umfeld angerissen. In dieser Rezension will ich das Buch Kapitel für Kapitel besprechen – wem das zu ausführlich ist, der möge gleich zum Fazit herunterscrollen.

 

Totgesagte leben länger (4 S.): Die Autoren berichten von einer Internet-Diskussion darüber, ob es Vampire gäbe. Manche protzen dabei mit profundem Unwissen und halten alles für Quatsch, andere halten sich selbst für Vampire oder zweifeln zumindest nicht an deren Existenz, und wieder andere versuchen einen Mittelweg zu gehen. Die Sympathie der Bandinis liegt klar bei den Letzteren. Ein paar in dieser Diskussion aufgeworfene Fragen (und einige weitere) wollen die Autoren behandeln ohne dabei alles zu entzaubern. Dabei wird es aber eher um Menschen als um Literatur gehen – Ditte Bandini studierte Völkerkunde und nicht Literaturwissenschaft.

Mit einer lesbischen Liebe fing alles an (8 S.): Nach einer fünfseitigen Zusammenfassung von LeFanus Carmilla benennen die Bandinis ganz richtig Coleridges Gedicht Christabel als wichtigen Einfluss und korrigieren ihre Kapitelüberschrift, denn Polidoris Der Vampir sei die literarische Keimzelle gewesen. Doch Bram Stoker habe sich eher an LeFanu gehalten.

Die hier vorgestellte literarische Grundlage ist reichlich dünn: So wird außer mit dem Hinweis auf Christabel nichts zur Vampirlyrik gesagt und auch zur Epik sollte einiges mehr gesagt werden. Statt einer fünfseitigen Zusammenfassung, aus der dann nichts weiter gemacht wird, hätte man besser ein paar Worte zu Lord Byrons Romanfragment, Rymers Varney der Vampir und vielleicht noch Tolstois Die Familie des Vampirs gemacht.

Draculas Vater (8 S.): Wie die Überschrift andeutet, wird hier kurz die Biographie Stokers aufgegriffen, dann gibt es eine knapp zweiseitige Zusammenfassung des Romans Dracula. Es folgt eine ebenso lange Aufzählung von Szenen, mit denen die Autoren die unterschwellige Sexualität des Romans aufzeigen wollen; allein es fehlt die wichtigste: Lucys Pfählung. Schließlich wehrt man sich gegen Interpretationen des Romans – Stoker hätte einfach nur eine Geschichte erzählen wollen.

Wer war Dracula wirklich? (8 S.): Die Autoren stellen fest, dass überraschender Weise generell die historische Person Vlad III., der mit Beinamen Draculea oder Tepes genannt wird, mit der Romanfigur Dracula identifiziert wird, obwohl ihn kein Zeitgenosse für einen Vampir hielt. Nach einer kurzen (und in Teilen zweifelhaften) Herleitung des Beinamens Draculea wird auf die Biographie eingegangen. Zwar wird angedeutet, dass Vieles sicherlich übertrieben ist, doch nie wird klar zwischen Fakten und Gerüchten unterschieden. Naiv werden einige Propaganda-Schriften für bare Münze genommen. Warum Vlad III. nun mit Dracula identifiziert wird, wird mit Ralf Peter Märtens These erklärt: Es liegt am Namen.

Der Massenmörder als Vampir (8 S.): Mit einer gewissen Regelmäßigkeit werden weitere reale Mörder zu Vampiren erklärt. Die Bandinis öffnen hier drei Kategorien: 1. Mörder, die eigentlich nichts mit Vampirismus zu schaffen haben, aber in der Öffentlichkeit so betitelt werden, 2. Mörder, die durch extreme Grausamkeit und vielleicht Nekrophilie oder Kannibalismus aufgefallen sind, und 3. Mörder, die sich für Vampire halten. Die Kategorien scheinen die Autoren selbst nicht ganz zu befriedigen, denn im Laufe des Kapitels gibt es keine scharfe Trennung zwischen der 1. und der 2. Kategorie, dafür aber noch einmal eine Zäsur innerhalb der 2. – Bluttrinker werden noch einmal anders behandelt und in die Nähe der 3. Kategorie gerückt. Es folgen kurze und präzise Abschnitte zu den 'historischen Vampiren', wobei Fritz Haarmann, John George Haigh und Peter Kürten der 1. und Gilles des Rais, Elisabeth Báthory, Martin Dummolard, Antoine Léger, Joseph Vacher und Vincento Verzeni der 2. Kategorie zugeordnet werden.

Mord im Namen des Vampirs (7 S.): Hier wird schließlich die 3. Kategorie gefüllt, allerdings nur mit einer Person: dem psychotischen Mörder Rod Ferrell. Da er ein sehr typisches Beispiel dafür sei, was Rollenspiele, Fantasy-Filme und dergleichen bei Menschen anrichten könnten (sie nämlich dazu bringen, sich für Vampire zu halten), folgt ein fünfseitiger Exkurs zum Rollenspiel, insbesondere Vampire: The Masquerade.

Was einen Vampir ausmacht (10 S.): Dieses Kapitel beginnt mit einem kurzen, typischen Bericht über einen Zwischenfall mit einem Vampir, der überraschender Weise vor etwa 100 Jahren noch in eine südslawische Ethnographie aufgenommen wurde. (An dieser Stelle frage ich mich, warum dieses überrascht – weil es noch keine Rollenspiele gab?) Es folgen Aufzählungen von Eigenschaften der Vampire des Volksglaubens, vor allem den des Balkans: Woran man einen Vampir erkennt, dass er in erster Linie seine Familie angeht und meistens die Vitalität auf andere Art als durch Blutsaugen raubt, dass sie zwar Nachts aktiv sind, aber mitnichten im Sonnenlicht zu Staub zerfallen, und zuletzt wird geklärt, wie man zum Vampir wird. Es bleibt eine kurze (sicherlich auch unvollständige) Aufzählung, eine Einbettung in den kulturellen Kontext fehlt.

Was man sich früher über Vampire erzählte (9 S.): Nach einem Hinweis auf die Nähe von Hexenmärchen zum Vampirmärchen werden drei Vampirmärchen vollständig wiedergegeben und ein paar weitere pointiert zusammengefasst. Am Ende folgt noch eine wichtige Beobachtung: Im deutschen Märchen tauchen kaum Vampire auf, weil bei deren Fixierung der Begriff in Deutschland noch kaum bekannt war.

Was also ist ein Vampir (7 S.): Er werden einige Definitionen des Vampirs vorgestellt, die in der 2001 von Peter Mario Kreuten formulierten gipfeln: "Der Vampir ist ein wiederkehrender Toter, der sein Grab verlässt, um Lebenden Blut auszusaugen, das Vieh zu ruinieren oder anderen Schaden zuzufügen. Er ist somit kein dämonisches Wesen, kein Geist und auch kein Mensch, sondern ein wandelnder Leichnam." Es folgt eine Wiedergabe des aktenkundigen Falls um Anton Paole und, interessanter noch, Zedlers Einschätzung. Dann weisen die Autoren noch einmal darauf hin, dass zu häufig Entitäten als Vampire bezeichnet werden, die nicht viel mit Vampirismus zu tun haben; selbst Montague Summers, der bei vielen Hobby-Vampirologen einen guten Ruf genießt, soll vielfach den Begriff zu weit gefasst haben.

Die Magie des Blutes (8 S.): Dieses Kapitel ist eigentlich ein Exkurs zur magischen Kraft des Blutes, dessen die Vitalität stärkenden Eigenheiten und bindende Kräfte hervorgehoben werden. Zuletzt wird noch einmal daran erinnert, dass die volkstümlichen Vampire gar keine Bluttrinker seien (was den zuvor aufgestellten Definitionen teilweise zuwiderläuft), sondern dass erst Stoker und die ihm folgenden Autoren dieses in den Mittelpunkt gerückt hätten.

Die Wesen der Nacht und die Macht der Finsternis (5 S.): Nun kommt ein kleiner Exkurs über die Nacht, deren ambivalentes Bild zwischen behütender Dunkelheit und bedrohlicher Finsternis angesiedelt ist. Die Verknüpfung dieses Motivs mit dem Vampir wird nicht herausgearbeitet.

Miniaturvampire oder Pissdämonen (7 S.): Ein Exkurs zur Fledermaus. Einerseits ist sie gefürchtet, weil sie eng mit der Nacht verbunden ist, andererseits kann man Teile von ihr zu vielen positiven magischen Handlungen verwenden. Unsichere Verknüpfung mit dem Vampir: Vampire der Mythen konnten sich in allerlei Flügeltiere verwandeln, Vampir und Fledermaus sind schreckliche Nachtwesen, die mit dem Tod in Verbindung gebracht werden; eine Verschmelzung läge nahe, besonders seit Berichte von blutsaugenden Fledermäusen aus Südamerika nach Europa gelangten.

Auch der Werwolf mag es blutig (11. S.): Ein Exkurs zum Werwolf. Zur Rechtfertigung steht am Ende des Kapitels zu lesen, dass manche Forscher meinen, mancherorts sei der Werwolf-Glaube vollständig in den Vampir-Glauben aufgegangen; eine nähere Betrachtung dieses Phänomens fehlt allerdings.

Familienbande? (17 S.): Ein Exkurs zu verschiedenen körperlichen Untoten: Den Wiedergängern (vor allem den Zombis), den Ghulen (die als Dschinne eher zu den Feenwesen oder Dämonen bzw. Engeln zu rechnen sind als zu den Untoten; dazu werden sie erst im Heftchenroman bzw. Rollenspiel) und den Nachzehrern. Nachzehrer sind Tote, die mit aller Kraft am Leben festhalten. Im Grabe kauen sie an ihrem Leichentuch und entziehen so die Lebenskraft ihrer Nächsten. Die Bandinis legen wert auf eine Unterscheidung von Vampiren und den hier aufgezählten 'Untoten' – grundlegend ist die Eigenart des Vampirs andere 'anzustecken'; das können andere Untote nicht. Ein paar Worte zum Hexenbild schließen das Kapitel ab.

Verflucht bist du, du bist verflucht: Schutz und Abwehr (9 S.): Es geht zurück zum Vampir. Zunächst werden die verschiedenen Arten einen Untoten im Grabe zu halten vorgestellt – das reicht von der Beerdigung mit dem Gesicht nach unten über die Pfählung bis hin zur Verbrennung des Leichnams. Darauf werden noch ein paar Schutzmittel vorgestellt, die ihn vom Hause fernhalten sollen. Allerdings wird bei den Abwehrmitteln die im Kapitel zuvor gemachte Trennung nicht aufrecht gehalten – Vieles hilft generell gegen das Übernatürliche.

Meine Ruhe ist hin, mein Herz ist schwer… (4 S.): Es wird die Behauptung aufgestellt, Vampire seien vom Wesen her unglücklich, weil sie nicht im Einklang mit der Welt lebten, nur in "kindlich netten Filmen wie Tanz der Vampire" gäbe es rauschende Ballnächte. Zum einen ist mir unklar, wieso Roman Polanskis Film kindlich sein soll – er wirkt auf Kinder sicherlich viel verstörender als die üblichen Dracula-Verfilmungen, in denen stets ein väterlicher Van Helsing die Unschuldigen vor dem bösen Vampir schützt – und zum anderen gibt es mittlerweile zahlreiche Werke mit 'glücklichen' Vampiren – Clairmondes Vampirdasein in Théophile Gautiers 1836 erschienenem Die liebende Tote ist ein Segen und kein Flucht – für den Vampir.

Der Reiz der Erotik und die Lust der Qual (7 S.): Nach einem kleinen südrussischem Märchen, in dem ein zum Vampir gewordener Ehemann des Nächtens weiterhin seine noch lebende Frau besucht, stellen die Autoren fest, dass es viele Vampirmärchen mit sexueller Komponente gäbe. Das mag den aufmerksamen Leser überraschen, denn einige Seiten zuvor hieß es noch, die sexuelle Komponente scheide den Nachzehrer (der sie habe) vom Vampir (der sie sehr selten habe). Obschon sich die Bandinis psychologischer Erklärungen enthalten wollten, führen sie die starke erotische Komponente der modernen Vampire auf den unterschwelligen Wunsch nach verpflichtungslosen Sex zurück.

Mein Liebster im Sarg: Der persönliche Vampir (9 S.): Dieses Kapitel wendet sich den Vampirgeschichten zu, die von Amateuren im Internet veröffentlicht werden. Fazit: Der Vampir ist außerordentlich flexibel und erfüllt die Wünsche des Schreibenden. Er ist stets gut aussehend und begehrenswert; zumeist ist er eine positiv besetzte Figur, eine Art dunkler Rächer. Dieses ist meines Erachtens eines der interessantesten Kapitel; hier hätte ich mir eine differenziertere und handfestere Betrachtung gewünscht. Eine solche Amateurgeschichte rundet das Kapitel ab – man muss den Autoren zur Auswahl beglückwünschen, Joana Angelides Text hätte die Aufnahme in eine professionelle Anthologie verdient.

Psivamps oder: Auch Vampire gehen mit der Zeit (13 S.): Ein Exkurs zu neurotischen Menschen, die ihr Umfeld seelisch belasten. Im Internet hat sich eine esoterisch angehauchte Szene daran gemacht, diese mit Vokabeln des Vampirismus zu beschreiben.

Vampyre und die Gothszene (16 S.): Ein Exkurs über die modernen Vampyre – das "Y" zeigt an, dass sie die Sache ernst nehmen – die Blutfetischisten sein können (oder auch nicht), vielleicht mit diesem Stil spezielle sexuelle Fantasien ausleben (oder auch nicht) und möglicherweise sich wie Goths aufführen (oder auch nicht). Trotz der Länge das uninformativste Kapitel.

Der perfekte Grenzgänger (7 S.): Dieses abschließende Kapitel will erkunden, worin die besondere Faszination des Vampirs liegt. Dabei grenzt die Weigerung der Autoren zu interpretieren an Verstocktheit, wenn sie nicht verstehen wollen, was der fiktive Geschlechtsverkehr mit einem Untoten mit Nekrophilie zu tun hat. Es gibt aber auch kluge Beobachtungen, wenn sie etwa die Attraktivität des Vampirs mit dem allgegenwärtigen Jugend- und Schönheitswahns in Verbindung bringen. Ihr Fazit ist simpel: Der Vampir ist der perfekte Grenzgänger – es ist die unfassende Ambivalenz der Figur, die sie so anziehend macht.

Anhang (23 S.): Der Anhang enthält die obligatorische Danksagung, Quellenhinweise, ausgewählte Literatur, das Register und die Bildnachweise. Vor allen die Quellenhinweise und die ausgewählte Literatur – auch wenn die Liste leider nicht kommentiert ist – sind besonders interessant für Leser, die sich weitergehend mit dem Thema Vampire befassen wollen, gleich ob sie nun Vampyre sind oder nicht.

 

Fazit:

Ditte und Giovanni Bandini haben ein weiteres Buch verfasst, dass einen Überblick über das Thema Vampir geben soll. Dabei wollen sie einen eigenen Weg gehen: Keine Konzentration auf die verschiedenen literarischen Ergüsse, keine tiefenpsychologischen Interpretationen. Stattdessen soll ein Bogen vom alten völkischen Vampir der Sagen und Märchen über den literarischen Vampir hin zum modernen völkischen Vampir des Internets und der Szene-Clubs geschlagen werden. Eigentlich ein spannendes Vorhaben, das aber meiner Ansicht nach an der Oberflächlichkeit und mangelnder Sorgfalt scheitert. Symptomatisch für die mangelnde Sorgfalt ist die Verwechslung von Lucy und Mina im Erotik-Kapitel; ich vermute, dass eine Reihe der oben erwähnten Widersprüchlichkeiten sich ebenfalls darauf zurückführen lassen. Die Oberflächlichkeit schlägt sich in einem Fehlen von differenzierten Betrachtungen, vor allem bei unklaren Verknüpfungen, nieder. Hierein fällt wohl auch der Umstand, dass die Autoren weitgehend bei der bloßen Darstellung bleiben und zu selten Interpretationen anbieten. "Wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt bleibt dumm!" hieß es in einem zu meiner Kinderzeit bekanntem Lied. Eben weil so wenige Fragen nach Gründen gestellt werden, erfährt der Leser nur wenig Interessantes – er bleibt "dumm".

Dennoch ist das Buch kein totaler Reinfall. Wer sich tiefergehend mit dem Thema befassen will, wird im Anhang hoch interessante Hinweise bekommen und auch in den eigentlichen Kapiteln sind ein paar Perlen der Erkenntnis verborgen. Doch tendenziell ist es eher für vom Vampir unbeleckte Leser interessant, die vielleicht ein oder zwei aktuelle Geschichten gelesen haben und noch nicht wissen, ob sie sich ernsthaft mit dem Thema befassen wollen. Der lockere Stil und die vielen Bilder, sowie rote, Blut symbolisierende Flecke machen das Buch zu durchaus unterhaltsamem Infotainment.

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Titel: Das Vampirbuch

Reihe: -

Original: -

Autor: Ditte und Giovanni Bandini

Übersetzer: -

Verlag: dtv (November 2008)

Seiten: 217 - Klappbroschur

Titelbild: Tom Ungemach

ISBN-13: 978-3-423-24702

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 13.11.2008, zuletzt aktualisiert: 16.08.2019 12:16