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Das verlorene Bestiarium von Nicholas Christopher

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

»Die erste Bestie in meinem Leben war mein Vater.«

Unzählige Legenden ranken sich um das »Karawanenbuch«. Als Xeno Atlas, schon als Kind fasziniert von fantastischen Geschöpfen und Tiergeistern, von dieser verschollenen Handschrift erfährt, setzt er alles daran, ihr auf die Spur zu kommen.

 

Rezension:

Es mag sein, dass die Zeit der klassischen Bildungsromane schon einige Zeit vorbei ist. Dennoch gibt es immer wieder Geschichten, die sich mit einem Lebenslauf beschäftigen und dabei das Wachsen einer Figur beobachten. Das verlorene Bestarium von Nicholas Christopher bietet immer wieder Parallelen an, mit denen man die Handlung vergleichen kann. Augenfällig ist die erzählerische Nähe zu Forest Gump.

Es gibt den seltsamen Elternteil, Vietnam, Wiederkehr und die Jugendliebe. Nur ist Xeno Atlas weder dumm noch ein Läufer durch die Weltgeschichte. Xeno ist eher ein normaler Amerikaner, der sich aus den gewaltigen Konflikten seiner Zeit genauso wenig heraushalten kann oder will. Nicholas Christopher erzählt diese politischen Szenen unaufgeregt als Teil des Lebenslaufes seines Helden. Es zeigt, dass Xeno neben den phantastischen Seiten real im Hier und Jetzt lebt. Obwohl er auch mit Drogen experimentiert, muss Xeno der Welt nicht entfliehen.

Xeno ist das Kind einer stürmischen Liebe. Sein Vater, der Seeman mit griechischen Wurzeln verliebt sich Hals über Kopf in die wesentlich jüngere Tochter italienischer Migranten – gegen den Willen der stolzen Sizilianer heiraten die beiden heimlich, zehn Monate später kommt Xeno zur Welt – und verliert seine Mutter noch im Kreißsaal. Xenos Vater übersteht den Verlust nur durch lange Fahrten zur See und mit emotionaler Kälte gegen seinen Sohn. Doch zu Xenos Glück zieht bei ihnen seine italienische Großmutter ein, die zwar den Vater hasst, aber zu stolz ist, ihre Pflicht gegenüber dem Säugling zu vernachlässigen.

Fortan gibt es Geschichten über Tiergeister in Xenos Kinderzimmer. Seine Großmutter kann sie sehen und verstehen, sie beherrscht uralte Sprachen und gibt dem einsamen Kind einen festen Halt.

In der Schule dann erfährt der geschichtsbegeisterte Junge vom »Karawanenbuch«, einem Katalog von Tieren, die der Schöpfung entstammten. Die christliche Kirche hatte ähnliche Bestiarien über die Jahrhunderte hinweg immer mehr gesäubert und moralisch aufgeladen, im »Karawanenbuch« jedoch sollten auch jene mythologischen Geschöpfe beschrieben sein, die Noah nicht auf die Arche ließ oder jene, die zu seltsam und geheim dafür waren.

So beginnt Xenos Suche nach dem Buch...

 

Man könnte durch die kurze Einführung auf die Idee kommen, es handle sich bei »Das verlorene Bestiarium« um einen Wissenschaftsthriller im Stile Dan Browns. Das stimmt nur zu einem kleinen Teil, denn die spannende Suche ist in erster Linie ein Finden von Wissen. Xeno liest sich durch Archive, sitzt wochenlang in Bibliotheken und reist in der ganzen Welt umher, um zu den Quellen seiner Texte zu gelangen. Es gibt keine Geheimdienste, Verschwörungen und selbst Verbrechen sind Jahrhunderte alt und Teil der Geschichte des Buches. Xeno forscht. Und immer wieder verbindet sich die Suche mit dem Fortschreiten seines Lebens, mit den Freunden, der gestörten Beziehung zu seinem Vater und zu dem Mädchen, die er liebt, begehrt oder bewundert, bis zu seiner Jugendliebe Lena.

Über diese vorhersehbare Entwicklung gelingt es Christopher eine weitere Querverbindung herzustellen. Von der Begeisterung für mythische Lebewesen bis hin zum ganz realen Artenschutz ist es nicht weit. Wenn Xeno gegen Ende das von seinem Vater geerbte Schiff ähnlich einer Arche einsetzt um bedrohte Tiere zu retten, erfüllen sich nicht nur die Schicksalswege seiner eigenen Familie, er wiederholt auch jenen Teil der Geschichte, die ihn auch auf seine Suche brachte. So dreht sich das Buch letztlich um die Verbindung von Geisterwelt und Wirklichkeit als untrennbare Emanation der Schöpfung.

Christopher bewegt sich also durchaus auf den religiösen Spuren all jener Romane, die mit christlichen Mythen Abenteuerromantik verbreiten wollen, die aus halb verstandenen Glaubensparadigmen oberflächlichen Thrill generieren. Das verlorene Bestiarium versucht zwar, sich dieser Instrumentalisierung von Glauben zu entziehen, indem der Schwerpunkt auf die positive Entwicklung der durch und durch guten Hauptfigur belassen wird. Der Name Xeno Atlas symbolisiert diese Aufladung als eine Art Heilsbringer. Der Fremde, der Weltenträger, die Vereinigung diverser Religionen bis hin zu heidnischen Bräuchen. Der Mensch als Summe der Geschichte und Gedanken seiner Vorfahren.

All das schreibt Nicholas Christopher in einem ungemein flüssigen und fesselnden Stil, der das Buch zu einem rasanten Pageturner macht und dem man gerne noch länger gefolgt wäre.

 

Im Anhang und in den Fußnoten gibt es Kurzfassungen der Bestariumeinträge, nicht unbedingt Neuigkeiten und vielleicht hätte dem Buch eine mystischere Edition besser zu Gesicht gestanden, aber wer eine fesselnde und anregende Lektüre bevorzugt, kommt mit »Das verlorene Bestiarium« voll auf seine Kosten.

 

Fazit:

Weniger ein Abenteuerbuch als eine faszinierende Biografie, beschäftigt sich »Das verlorene Bestiarium« mit dem Antrieb unserer Gesellschaft, mit der Verbindung zwischen Mystik und Realität. Nicholas Christopher ist ein unterhaltsamer und ruhiger Erzähler, der den Leser zwingt, sein Buch zu verschlingen.

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Eure Meinung:

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Buch:

Das verlorene Bestiarium

Original: The Bestiary, 2007

Autor: Nicholas Christopher

Übersetzer: Pociao

dtv, 1. März 2011

Taschenbuch, 378 Seiten

 

ISBN-10: 3423248297

ISBN-13: 978-3423248297

 

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 25.07.2011, zuletzt aktualisiert: 07.05.2019 18:36