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David Copperfield von Charles Dickens

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Der zweite Band der Dickens-Edition im dtv

 

David Copperfield wird nach dem Tod beider Elternteile von seinem Stiefvater auf die Schule des brutalen Mr. Creakle geschickt. Dort verlebt er eine bedrückende Zeit und wird bereits als Zehnjähriger zur Fabrikarbeit gezwungen. Elend und Ausbeutung stehen im Zeitalter der blühenden Industrialisierung auf der Tagesordnung, und David kann sich den unerträglichen Bedingungen nur durch die Flucht zu seiner Tante Betsey entziehen. Obwohl diese ihn kaum kennt, nimmt sie ihn herzlich auf. Nach entbehrungsreicher Zeit scheint sich das Blatt zu wenden und der Junge kann eine gute Schule besuchen. Wie Dickens wird er später selbst Anwaltsgehilfe, Reporter und schließlich erfolgreicher Schriftsteller. ›David Copperfield‹ gilt als einer der bedeutendsten Kindheits- und Jugendromane der Weltliteratur. Er zeigt Dickens überragendes Talent für die Darstellung von Stimmungen, Erlebnissen und Gefühlen seiner Figuren. Das 1849/1850 zunächst in Fortsetzungen erschienene Werk weist viele autobiografische Züge auf und gilt als Lieblingsroman des berühmten englischen Schriftstellers.

 

Rezension:

Das Wort Bildungsroman mag heute eine gewisse Piefigkeit anhängen und eher abschrecken, als zur Lektüre anhalten. Dabei ist diese literarische Gattung mit vielen bedeutenden Werken besetzt und stets auch eine ganz besondere historische Fundgrube. Charles Dickens selbst kann man wohl schwer als jemanden abtun, der milde belehren oder althergebrachte Bildungsdoktrin nett bebildern will - wer so etwas hinter einem Bildungsroman vermutet, sollte den Begriff entweder vergessen oder nachschlagen.

Die Bedeutung des Romans liegt vielmehr in seiner intensiven und liebevollen Darstellung einer Epoche in der britischen Geschichte, die zu ihrer Zeit weitaus positiver wahrgenommen wurde, als von nachfolgenden Generationen. Viele dieser Kritikpunkte finden sich bei Dickens wieder. In einer feinsinnigen und vor allem pointierten Betrachtung. Die zeitgenössischen Leser führte Dickens an die Probleme im Gewande mitreißender und bewegender Schicksale heran. Kinderarmut und -gewalt, Prostitution, Scheinheiligkeit und Klassendünkel - nicht nur durch persönliches Erleben authentisch. Zwar trägt "David Copperfield" autobiografische Züge, gerade die Not in der Kindheit und das frühe Brotverdienen hat Dickens selbst erlebt, dennoch vergisst er nie, seine Figuren tatsächlich in ein literarisches Geflecht einzupassen. Die bewusste Verzahnung der Schicksale, die zu wiederholten Begegnungen während ganz unterschiedlicher Lebensphasen führen, erinnern heute vielleicht an das gefühlige Zusammenklatschen von Figuren und Geschichten in Seifenopern, wo aber in diesen Geschichten der Effekt im Mittelpunkt steht, findet man bei Dickens eine schlüssige Kontinuität. So wird aus dem angebeteten Freund der Kindheit, Steerforth ein Kamerad jugendlichen Tatendranges und zum Ende hin ein nachhaltiges Zeichen für ein schief gelaufenes Leben, eine Konterfigur zum Titelhelden.

Die vielen Momente, in den David von einem rechten Weg abweichen konnte, enthalten stets auch Hinweise auf ihre katastrophalen Enden. Dabei wird David zu keinem Zeitpunkt als wirklich gefährdet dargestellt. Seine reine Seele strahlt den gesamten Roman hindurch und zieht brave Menschen ebenso an, wie Schurken. Als Beispiele seien Wilkins Micawber und Uriah Heep genannt, die wohl bekanntesten Nebenfiguren des Romans, die ein ähnliches Pärchen bilden. Auch wenn der sozialkritische Unterton hier auf eine sachte Erziehung des Lesers abzielt, ist gerade die liebevolle Ausgestaltung der Figuren die eigentliche Leistung Dickens. Ob Liebe, Ehre oder Verbrechen, stets schreibt der Autor darüber mit tiefer Menschlichkeit und berührt damit auch heute noch seine Leser.

 

Der dtv präsentiert das umfangreiche Werk in einem Band und greift dabei zur Reduzierung des Umfanges auf besonders feines, aber undurchsichtiges Papier zurück. Zwar kommt das Buch allein durch die Seitenzahl auf ein beachtliches Gewicht, aber es sieht immer noch wie ein Taschenbuch und nicht wie ein Ziegelstein aus.

Gewohnt großzügig sind auch die Zugaben. Die Originalillustrationen, Nachwort und Zeittafel runden die Ausgabe ab. Im Nachwort geht Rudolf Beck zudem auf die Übersetzung von Gustav Meyrink ein, deren Charme besonders in der Mundartenübertragung ungebrochen ist.

 

Fazit

Die vorzügliche Edition im Taschenbuchformat ist für alle empfehlenswert, die dieses bezaubernde und anrührende Stück Weltliteratur noch nicht ihr Eigen nennen und auch mit Paperbacks vorlieb zunehmen bereit sind. "David Copperfield" gehört zu den großen Romanen des 19. Jahrhunderts, sprachlich ein Vergnügen und besiedelt mit einer Anzahl der merkwürdigsten und erstaunlichsten Figuren der Literaturgeschichte.

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Eure Meinung:

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Buch:

David Copperfield

Original: David Copperfield or The Personal History Experience and Observation of David Copperfield the Younger of Blunderstone Rookery, 1849/1850

Autor: Charles Dickens

Übersetzer: Gustav Meyrink

Illustrationen: Phiz

Titelbild: John Burn

Nachwort: Rudolf Beck

dtv, Januar 2009

Taschenbuch: 1136 Seiten

 

ISBN-10: 3423137304

ISBN-13: 978-3423137300

 

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 24.03.2009, zuletzt aktualisiert: 16.08.2019 12:16