Mit DC All In gibt es ein neues Comic-Universum. Die innerfiktionale Erklärung – die mit der Alpha-Welt und Darkseid zu tun hat – muss Fans glücklicherweise nicht kümmern. Viel wichtiger ist, dass die größten DC-Helden einen alternativen Neustart haben, der sich für Neulinge gut als Einstiegspunkt eignet. Zwar bleibt die Ausgangssituation grundsätzlich ähnlich. Die DC-Heroen haben aber mit einer finsteren Welt und stärkeren Widerständen zu kämpfen. Das ist auch in Absolute Superman Band 1 der Fall.
In seiner Storyline wirft Jason Aaron (Thanos) zunächst einen Blick in die Vergangenheit und auf den Planeten Krypton, wo sich eine Katastrophe anbahnt. Wir erfahren aber nun mehr über diese Welt und erkennen, dass diese zwar technologisch fortschrittlich ist, aber ein strenges Klassensystem hat, und an Machtmissbrauch leidet. Gleichzeitig erzählt Aaron auf der Erde der alternativen Gegenwart von einem skrupellosen Konzern namens Lazarus Corp. Dieser beutet Menschen gnadenlos aus. Doch dann stellt sich ihnen ein Mann aus Stahl in den Weg. Aber der Mega-Konzern verfügt über mächtige Waffen und zahlreiche Agenten: Eine trägt den Namen Lois Lane.
Jason Aaron gelingt ein erfrischender Remix, der deutlich düsterer und weniger optimistisch daherkommt als die klassischen Superman-Comics. Er arbeitet nicht nur Krypton als Gesellschaft und Planet stärker aus, als das in den meisten früheren Comics der Fall war. Auch sein Blick auf unsere Welt – wenngleich es ja eine Alternativwelt ist – fühlt sich authentischer und fast klassenkämpferisch an. Die Geschichte orientiert sich zwar an Bekanntem. Gleichzeitig gibt es jedoch auch für Kenner genug Überraschungen sowie einige Anspielungen zu entdecken. Dank zahlreicher Auseinandersetzungen kommen Actionfans auf ihre Kosten – wobei die ansonsten eher stiefmütterlich behandelte Mutter von Superman, Lara-El, einen starken Auftritt bekommt.
Für emotionale Tiefe ist ebenfalls gesorgt, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Erzählerische Dynamik entsteht durch den Wechsel zwischen den Zeitebenen und Welten – also zwischen dem Krypton der Vergangenheit und der Erde der Gegenwart. Leider kommt dieser Wechsel im letzten Kapitel zu kurz, auch wenn die erzählte Geschichte packend ist. Viele Umdeutungen und Neuinterpretationen sind stimmig und gelungen. Nebenbei gibt es einen kleinen, aber feinen Seitenhieb gegen eines der Themen unserer Zeit: KI. Warum aber nun das klassische Supermansymbol seine altbekannte Bedeutung verliert und nicht mehr für Hoffnung, sondern für die Arbeiterklasse auf Krypton stehen soll, erschließt sich nicht so ganz.
Bebildern darf Supermans Neustart Rafa Sandoval (Dark Crisis) und das Ergebnis überzeugt durch einen realistisch anmutenden Ansatz. Sandoval frischt nicht nur seine Hauptfigur auf – wobei eine wilde Wuschelfigur die ikonische S-förmige Haarsträhne ersetzt. Er liefert zudem immer wieder XL-Panels, die oft für Gänsehaut sorgen. Ein feines Händchen beweist Sandoval bei den Actionsequenzen, die er dynamisch orchestriert. Während die von ihm gestalteten Peacemakers gut aussehen und optisch an Judge Dread erinnern, wirkt ein Hybrid aus Hubschrauber und Panzer, mit dem die Lazarus Corp. Superman verfolgen lässt, albern und unpassend.