Den Science-Fiction-Geschichten von Frank Lauenroth wohnt etwas eigenes inne. Oft verbinden sie exotische Wesen und ethische Fragen mit einer sehr lesbaren Lockerheit.
So verwundert es auch nicht, dass gerade ein kritischer Rezipient wie Erik Simon eine mehr als wohlmeinende Vorbemerkung Tradition und Experiment zu Franks Story-Sammlung Delter beiträgt. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit, die eine große Erwartungshaltung für die Lektüre hervorbringt.
Interessant ist Simons Analyse der Kurzgeschichten-Landschaft im deutschsprachigen Raum. Er unterteilt sie grob in drei Kategorien. Die klassische, auf eine SF-Idee fokussierte Story, dann das ironisch gebrochene SF-Abenteuer mit ambivalentem oder ganz fehlendem Happy-End und Storys, die eine SF-Verfremdung nutzen, um aktuelle moralische Themen zu beackern. Letztere Unterart findet sich bei Frank demnach nicht, so Simon und das feiert er in seiner Vorbemerkung.
Zu den einzelnen Geschichten:
Höchster Einsatz auf Robina 8
Valent arbeitet als Praktikant für den Protektor einer Casino-Weltraumstation und hilft beim Überwachen der Spiele und der Spielenden. Doch da beginnt ein junges Mädchen zu gewinnen …
Die erste der beiden Erstveröffentlichungen der Sammlung spielt mit den Beobachtungen der Figuren und lässt uns bis fast zum Schluss darüber im Unklaren, was und vor allem wie es geschieht. Dabei lässt Frank Lauenroth auch die Figurenmotivation nicht aus den Augen. Kurz, knackig und überraschend.
Nur der Tod ist sicher
Herbert besucht das Grab seiner Frau und wird dabei von einer Werbung verfolgt. Darin geht es um eine Firma, die die Gedanken Sterbender scannt, weil da viel Kreatives drin steckt.
Eine kurze Satire, die mir etwas zu viele Erklärungen benötigt, um den Twist zu rechtfertigen.
Erstschlag
Tyck wurde losgeschickt, den Planeten der feindlichen Germ zu zerstören, weil das Visionen als erfolgreich für das Kriegsende vorhersagten, die von Bissen einer eigentlich als Nahrungsmittel dienenden Alienspezies herrühren.
Die zugrundeliegende Idee ist genial, hätte aber durchaus etwas straffer erzählt sein können.
Goldene Zeiten
Ein Auftragskiller kauft Waffe, die in die Zukunft schießen kann.
Hier stimmt das Timing und wir sind live dabei, wie die neue Technologie Anwendung findet. Eine Art SF-Noir-Geschichte.
Pächnidihia
Frankie bekommt bei einem Landeanflug einen Passagier in den Frachtraum, der ihn für eine Flucht bezahlt. Ziel ist ein verbotener Planet …
Die Aufklärung des Plots, auch bezüglich des Motivs des Passagiers blieb etwas unklar. Die Stärke der Story liegt in der sehr empathischen Schilderung der Beziehung zwischen den Figuren.
Diese verdammten Alienzombieroboterviecher
Grant und Franzen sehen als letzte Menschen einer Armee Alienzombieroboterviecher entgegen, die auch sie nun fressen will …
Das sehr lustige Weltuntergangserlebnis versprüht einen feinen Humor.
In dubio pro Roboto
Detective Hendrickson ist der Beste Ermittler seines Departements und seine Mord-Aufklärungsrate ist hoch. Doch nun soll er einen Mord aufklären, den ein Roboter begangen hat. Eigentlich nicht sein Gebiet, doch sein Vorgesetzter macht ihn mit einem Wink auf eine Beförderung das Angebot, fehlendes Wissen per Nadel direkt ins Hirn zu implatieren …
Erstklassig aufgebaute und durchdachte Story, die ganz nebenbei Weltenbau und ethische Themen behandelt. Vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung? Die Figuren hätten es verdient.
Touchdown
Richard Miske arbeitet als ITler bei der ESA und ist für die Galileo-Satelliten zuständig, als einer den Tunguska-Einschlag aufzeichnet …
Sehr kurze Story über mitdenkendes Personal. Hier stand der berufliche Background des Autors ganz offensichtlich Pate.
Stief
Stief verlässt aufgeladen und mit 100 % Reserven die Ladestation. An Bord des Raumschiffs gibt es Probleme, doch Stiefs Reserven schwinden schnell …
Der Autor lässt die Leserschaft mit Absicht in die Falle laufen, die der Twist am Ende etwas zu bemüht öffnet.
Tubes Inc.
Gerichtsprozess um einen beim Transport mit der revolutionären Tubes Inc.-Technik verschwundenen Mann.
Die Story ist spannend erzählt und stellt eine Hauptfigur vor, die an eigenen Problemen leidet und wächst. Sie ist ein konsequentes ethisches Weiterdenken der Transportertechnologie von Star Trek oder dem Zaubern in Christopher Priests Prestige.
Deleted Scenes (mit Lara Möller)
Freddie Norton ist Astronaut auf einer Raumstation und zeichnet seine Gedanken auf, denn die Erde ging durch einen Meteoritentreffer unter …
Sehr einfühlsam erzählte, zu Tränen rührende Geschichte.
Laden! Zielen! Feuer!
Seit sieben Jahren, Schicht für Schicht, lädt ein Mann Torpedos in das Rohr vor ihm. 400 Torpedos jagen mit jeder Salve Richtung Feind. Auf einigen Geschossen sind Blumen gemalt …
Die Sinnlosigkeit eines Stellungskrieges als Selbstreflexion steht im Zentrum der Geschichte, garniert mit einer überraschenden Pointe. Auch diese Erstveröffentlichung beweist das Vermögen des Autors, Spannung und Drama aus fremden Kulturen zu extrahieren.
Am Ende des Regenbogens
Richard erwacht aus dem Cryoschlaf unverhofft als alter Mann. Als einziger der Besatzung, fünf Tage vor Ankunft am Besiedlungsziel …
Flott und spannend erzählt, durchmischt mit etwas Zeitreisethematik, endet die Geschichte jedoch ohne befriedigendes Ende, bleiben einige offene Punkte zurück.
Syms
Prentice verteilt von Amts wegen Symbionten an Bedürftige, da bittet eine Frau ihn um einen Symbionten zur Brustvergrößerung …
Die Story wirkt einfach konstruiert und benötigt sehr viele Welt-Erklärungen. Die Handlungen der Figuren sind vorhersehbar und enden in einem eher mäßig spannendem Twist. Die erste schwache Geschichte in der Sammlung, obwohl Erik Simon ihre Komplexität in seiner Vorbemerkung explizit hervorhebt.
Holzwollekommando
Diese Geschichte aus der leider kaum beachteten Anthologie Cybäria um eine Gruppe lebendig gewordener Teddys, die gegen laufende Autos kämpfen muss, bietet eine durchweg vergnügliche Lektüre.
Der Digger und der Lukudur
Zwei Distributianer landen wegen Diebstahls im Knast und hoffen darauf, dass ihr Kumpel die Caution bezahlt, stattdessen erscheint Digger mit seinem Lukudur …
Die Erzählung erschien in der Anthologie Alien Contagium und hat nichts von ihrem Reiz verloren.
Frank Lauenroth ist in Punkto lustige exotische Alienrassen mit terrestrischen Verhaltensweisen ein wahrer Könner. Auch hier nimmt er ein paar menschlicher Charaktermacken aufs Korn. Die Story enthält zudem einen interessanten Weltenbauansatz und eine ethische Komponente, was insgesamt für die paar Seiten wirklich gut ist. Frank kann sehr präzise Science-Ideen mit Leben füllen.
Delter
Die Titelgeschichte handelt von Delter, einem Arbeiter, der in seiner Gesellschaftshierarchie fast ganz unten steht und nur malochen will. Aber er kennt den Weg zu einem Schatz …
Auch Jahre nach der Lektüre der Anthologie Unsere Freunde von ε Eridiani hafte mir diese Story im Gedächtnis.
Das liegt vor allem an dem coolen Alien-Design und der gut geschriebenen Hauptfigur. Stilistisch erscheint die Geschichte an Blumen für Algernon angelehnt, ist aber vom Plot her gänzlich anders; Kultur und Wesen der Gesellschaft werden mit wenigen Details durch den Autor sehr lebendig präsentiert.
Das Cover von Lothar Bauer wurde vom Autor für eine Erhöhung der Plastizität durch ein Punktrasterrahmen erweitert und gehört insgesamt nicht zu den auffälligeren Werken des Illustrators.
Gelungener sind die Vignetten von Gloria Manderfeld, die wie beim Programm des Fantasy Filmfestes die zu erwartenden Inhalte kurz anteasern.