Denial of Service (Autorx: Aiki Mira)
 
Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Denial of Service von Aiki Mira

Rezension von Matthias Hofmann

 

Ein neues Buch von Aiki Mira ist inzwischen ein besonderes Ereignis. In den vergangenen Jahren heimste Mira einen Preis nach dem anderen ein. So schaffte Mira mit den Romanen Neongrau, Neurobiest und Proxi von 2023 bis 2025 gar den Hattrick in der Kategorie »Bester Roman« bei der Vergabe des Kurd-Laßwitz-Preises. Davor machte sich die »nichtbinäre Autorenperson« vor allem einem Namen mit markanten Kurzgeschichten, die ebenfalls preisgekrönt wurden.

 

Wenn man die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren lässt, in denen einige vielversprechende Talente aufgetaucht sind, die sich anschließend als Eintagsfliegen entpuppten oder einfach nicht dauerhaft etablieren konnten, so könnte man Aiki Miras zielstrebigen Aufstieg fast schon als kometenhaft beschreiben. So war es schön zu sehen, dass der Sprung von kleinen Independentverlegen zu einem der großen Publikumsverlagshäuser nicht lange auf sich warten ließ und konsequent erfolgte.

 

Also erschien Miras vierter Roman (»Proxi. Eine Endzeit-Utopie«) 2024 bei Fischer TOR und wurde von der Community erneut wohlwollend aufgenommen. Kurzum: Die Erwartungen an ein neues Buch von Aiki Mira sind inzwischen sehr hoch. Die Fallhöhe allerdings auch.

 

Mira ist bekannt für ein progressives Science-Fiction-Setting. »Proxi« lief unter dem Label »Hopepunk«. Der neuste Streich, wieder bei Fischer TOR, heißt Denial of Service und hat vom Verlag das Etikett »Science Fiction Thriller« bekommen. Der Buchhandel braucht das. Nur den Begriff Science Fiction zu nehmen, ist heutzutage nicht mehr sexy. Vorweg lässt sich konstatieren, dass die Vermengung mit dem Thrillergenre keine gute Idee war, weil es schlicht falsch ist und dem Buch unterm Strich sogar schadet.

 

Doch bevor ich zum Inhalt komme, sollte man sich den Titel des Romans näher anschauen. Nicht jeder weiß, was ein »Denial of Service« ist. Ein schnelles Gegoogel ergibt diese Erklärung: »Ein Denial-of-Service-Angriff (DoS) ist eine Art von Cyber-Angriff, bei dem ein böswilliger Akteur versucht, einen Computer oder ein anderes Gerät für seine vorgesehenen Benutzer unzugänglich zu machen, indem er die normale Funktion des Geräts unterbricht.«

 

Oder, um es mit Worten des Bundesamts für Sicherung der Informationstechnik zu sagen: »Denial of Service (engl. Verweigerung des Dienstes) – kurz DoS – bedeutet soviel wie etwas unzugänglich machen oder außer Betrieb setzen. Technisch passiert dabei folgendes: Bei einem DoS-Angriff wird ein Server gezielt mit so vielen Anfragen bombardiert, dass er die Menge der Anfragen nicht mehr bewältigen kann und den Dienst verweigert bzw. im schlimmsten Fall zusammenbricht. Auf diese Art wurden schon bekannte Web-Server, wie zum Beispiel Amazon, Yahoo, oder eBay, mit bis zur vierfachen Menge des normalen Datenverkehrs massiv attackiert und so für eine bestimmte Zeit für reguläre Anfragen außer Gefecht gesetzt.«

 

Im Roman »Denial of Service« geht es im Kern um was anderes. Nur was? Die Handlung spielt in der Metropole Frankfurt am Main, in der die Zukunft längst Einzug gehalten hat. Die Stadt ist eine einzige große supersmarte und durch und durch kapitalistische Künstliche Intelligenz. Sie weiß alles und beherrscht alles. Kontrolliert werden die Menschen durch ein KNN, ein Künstliches Neuronales Netzwerk. Man kann sich direkt per Chipimplantat in die Stadt einloggen, wird Teil des großen Ganzen und ist in der Lage z. B. mit dem Transportsystem oder Gebäuden zu interagieren.

 

Die Handlung ist durchgehend schwer zu greifen und wirkt wie ein Mosaik (oder eher ein Flickenteppich?) aus Situationen. Es gibt mehrere Protagonisten, die in diesem dystopisch-digitalen Ambiente irgendwie agieren. Jov ist eine 26-jährige Data Scientistin (»deutsch-thailändischer Vater«), die gerade einen neuen Job antritt. Die junge Per (»deutsch-türkisch und deutsch-iranisch«) verkauft in einer kleinen Imbissbude MegaBalls (»Vegan! Gesund! Natürlich!«). Und dann sind da noch die Kids, Chala und Zuzie, beide erst 16 Jahre alt, und Tad (»erst dreizehn, ein Baby«), die in Frankfurt herumlungern, wobei Tad mit seiner Drohne die Häuserschluchten der Stadt unsicher machen kann wie einer vom Geheimdienst. Die Kids dealen mit (und nehmen auch) Drogen. Digitale Drogen.

 

Aber da sind noch mehr. So wie Fatma oder Lele oder ein namenloses Botmädchen oder Beexone II. Die beiden letztgenannten zählen zu den interessanteren Charakteren, weil die anderen (inklusive non-binärer Figuren) alle wie nach dem Lehrbuch für soziale Wachsamkeit zusammengestellt wirken. Beexone II ist eine berühmte menschliche Sängerin, die zur Extremkörper-Community zählt und eine Art lebendig gewordener Spielecharakter ist. Ihr Körper besteht zu mehr als der Hälfte aus Prothesen und Implantaten. (»Die Amputation ihres Beins hat sie damals filmen lassen. Der Videoclip war Teil einer aufwendigen Filmproduktion.«).

 

Doch was passiert mit all diesen Charakteren? Nicht viel. Zu Beginn, wenn man in Setting und Plot eingetaucht ist, stirbt eines der Kids. Und keiner weiß so richtig wieso, weshalb, warum. Auch die Stadt nicht. Aber diese müsste es eigentlich in jedem Fall wissen? Dieser Twist könnte die Initialzündung für eine Art Kriminalfall sein. Doch der Funke zündet nicht und der Spannungsbogen verpufft nach ein paar Seiten wie eine lahme Pointe.

 

Die Handlung des Romans ist in viele kleine Kapitelchen eingeteilt, welche die Inexistenz eines roten Fadens nicht verbergen können. Die Protagonisten reden viel mit einander. Sie spazieren durch die Stadt oder am Main entlang. Aber wirklich passieren tut nicht viel.

 

Und damit sind wir beim Grundproblem. Das Etikett auf dem Titelbild verheißt einen »Science Fiction Thriller«. Serviert wird die Umkehrung: eigentümliche Langeweile. Geboten wird vielmehr eine Zustandsbeschreibung einer dystopischen, vollautomatischen Stadt namens Frankfurt am Main in der Zukunft. Das könnte, mit den richtigen Zutaten, auch spannend sein. Denn während ich die Idee toll finde, die Handlung eines SF-Romans aus deutschen Landen mal nicht in New York, London oder das obligatorische Berlin anzusiedeln, so bleibt das Setting Frankfurt hier merkwürdig schablonenhaft. Man liest nicht heraus, dass Aiki Mira diese Stadt wirklich kennt und den Ort raffiniert in die Zukunft extrapoliert hat. Im Gegenteil: Die Story könnte beinahe in jeder Großstadt spielen.

 

Die Charaktere sind bei näherer Betrachtung ebenfalls merkwürdig seelenlos. Das liegt sicherlich nicht an der inflationären Verwendung kurzer Vornamen und dem spärlich ausgearbeiteten Background der einzelnen Figuren, aber man hat während der Lektüre durchgehend Mühe damit, die einzelnen Personen auseinanderzuhalten.

 

»Denial of Service« bietet jede Menge Cyberpunk hier, eine Prise Queerness da, sowie eine gehörige Portion Sozialkritik. Es bleibt jedoch alles ziemlich an der Oberfläche. Zwar ist der Roman ein Füllhorn an Ideen, die dem belesenen SF-Fan schon vor Jahren begegnet sind, aber Leserinnen und Lesern, die sich frisch mit KI, Digitalisierung und den negativen Folgen auseinandersetzen wollen, wird durchaus genug Gedankennahrung geboten, um Anregungen mitzunehmen. Aus meiner Sicht ist das Glas für diese Leserschaft halbvoll und nicht halbleer. Zwischen den Seiten klingen Grüße von großen Pionieren wie Ursula K. LeGuin, Philip K. Dick und William Gibson an. Aber auch Jeanette Winterson oder Sibylle Berg kann man heraus- oder hineinlesen. Aber vielleicht sind für die letztgenannten emanzipierten Autorinnen die Charaktere im Roman von Aiki Mira doch etwas zu asexuell.

 

»Denial of Service« ist mit rund 250 (mit großer Schrift bedruckten) Seiten nicht zu lang und im Grunde schnell gelesen. Der Roman wirkt jedoch trotzdem wie ein Kurzgeschichte, die sich verselbständigt hat. Das Thema hätte man besser kondensiert als Erzählung oder Novelle verarbeitet. Statt eine gehaltvolle Jus, bekommt man eine zu flüssige Suppe als Lesefutter vorgesetzt, die extrem überfrachtet ist.

 

Vielleicht ist das mit dem Titel gemeint? Man wird als Leser mit extrem vielen kleinen Gedankenanstößen bombardiert, dass man die schiere Menge der Stimulanzien nicht mehr bewältigen kann und den Dienst verweigert bzw. im schlimmsten Fall zusammenbricht. Denial of Service eben. Die Abbrecherquote könnte bei diesem Roman relativ hoch sein.

 

Ich habe zwar bis zum Ende durchgehalten, muss als Fazit aber leider eine vertane Chance konstatieren. Oder wie Stephen King sagen würde: »Grandios gescheitert.«

Platzhalter

Buch:

Denial of Service

Autorx: Aiki Mira

Taschenbuch, 256 Seiten

Fischer TOR, 29.10.2025

Cover: Johannes Wiebel

 

ISBN-10: 3596711827

ISBN-13: 9783596711826

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B0F514PT3F

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 12.12.2025, zuletzt aktualisiert: 12.12.2025 13:35, 25587