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Der Bildhauer

Autorin: Diandra Stone

 

Das Foto war vergilbt und grau, die Hälfte des Gesichtes lag im Schatten, der nackte Körper war vor dem Bauchnabel und an den Schultern abgeschnitten. Die Frau posierte vor der Kamera kerzengerade und steif. Sie wirkte weder beschämt noch sonstwie berührt. Die Länge des Oberkörpers legte nahe, dass es sich um eine große Frau mit langen, dünnen Armen und Beinen handelte. Ihr Gesicht war schmal und fein geschnitten. Ihre Augen groß, dunkel und geheimnisvoll. Ihr Haar schwarz wie die Nacht und glänzend. Eine schöne Frau... ein interessantes Gesicht.

 

Es waren stets die Augen, die ihn am meisten faszinierten und als er den Meißel ansetzte um dem unförmigen Steinblock Gestalt zu verleihen, so begann er mit den Augen.

 

Warm fühlte er sich der Stein an, als ob er lange das Sonnenlicht in sich gespeichert hätte. Der erste Schlag sprengte ein faustgroßes Stück aus dem Quader. Beinahe wäre die Sache ins Auge gegangen.

 

Was für ein verfluchter Stein war das überhaupt?

 

Trotz der Widerspenstigkeit des Steins kam er gut voran. Die hellen Schichten ließen sich leicht abkratzen. Erst als er auf die harten, schwarzen Adern stieß, wurde es schwieriger. Er setzte den Meißel an und schlug zu. Als er den Hammer zurück zog, war alles voller Blut.

 

Oh Gott... - Die Hand!, war sein erster Gedanke. Er verspürte keinen Schmerz. Doch die Hand und der umgebende Stein glänzten von der warmen Flüssigkeit. Er ließ den Hammer fallen. Zitternd zog er seine blutende Hand vom Stein. Er taumelte abwärts und wäre dabei beinahe von der Leiter gestürzt. Mühsam versuchte er Ruhe zu bewahren. Er schwankte zum Badezimmer. Normalerweise bereitete ihm der Anblick von Blut keine Probleme, nur von seinem eigenen wurde ihm übel.

 

Mit zitternder Hand drehte er das Wasser auf und zwang sich die verletzte Hand darunter zu halten. Er kniff die Augen zusammen. Die Kälte hatte ihm einen leichten Schock bereitet. Die Flüssigkeit wusch sich leicht ab, der rote Saft wirbelte in den Abfluss. Kein Schmerz. Seine Hand war wie taub. Er wagte es kaum den Blick auf sie zu richten.

Da war nichts!

Er konnte es nicht glauben! - Absolut nichts - keine Verletzung - kein gar nichts!

War das möglich? Woher kam dann das ganze Blut?

 

Nachdenklich kehrte er ins Atelier zurück. Die Augen der Figur starrten ihn an. Ihre Wangen waren schon vollständig aus dem Stein gearbeitet, die Nase steckte noch im unförmigen Klumpen. Die rote Flüssigkeit war von ihren Schläfen ausgegangen und auf halben Weg zum Boden versiegt. Der Bildhauer stieg auf die Leiter und wischte über die Blutbahn. Er roch am Finger. Er kostete. Es schmeckte wie Blut, doch es konnte unmöglich Blut sein! - Es musste sich um irgendein Kondensat handelt, dass sich in einem Hohlraum des Steines gesammelt hatte.

 

Mit einem feuchten Lappen wischte er die seltsame Flüssigkeit vom Steinblock ab. Warm und weich fühlte sich der Stein an, warm und weich wie der Körper eines Menschen. Er glaubte einen Atem auf seinem Gesicht zu spüren.

Der Stein bereitete ihm Unbehagen, er besaß etwas derart Lebendiges, dass er nicht anders konnte, als ihm das Leben aus dem Stein zu rauben. Fieberhaft arbeitete er weiter. Mit dem Meißel formte er das Gesicht der Frau auf dem Foto. Er ließ ihr Haar in wildem Fluß auf ihre Schultern fallen. Wie ein Verrückter hieb er auf den Stein ein, so als wolle er ihn zerstören und doch ging etwas Schönes aus seiner Zerstörungswut hervor. Ihre Brüste entstanden und er hieb ihren flachen, strammen Bauch aus dem toten Material. Das Blut pochte in seinen Schläfen, sein Herz hämmerte vor Aufregung. Er erschuf etwas Neues. Etwas, dass sich von all den anderen Dingen, die er je geschaffen hatte erhob. Ergriffen hielt er inne und betrachtete sein Werk. Seine Hände tanzten über ihren Bauch bis hoch zu ihrem schmalen langen Hals. Er starrte ihr in die Augen. Ihre Augen... etwas stimmte nicht damit! - Aber was? Er hätte es nicht sagen können. Sie waren doch tot. Tot wie all die anderen Augen, die er je mit seinen Händen erschaffen hatte. Und doch... es war unglaublich, diese Augen glänzten in rehbraunem Licht. Sie erinnerten ihn an etwas, diese Augen.

 

Er berührte die Augen und war fast enttäuscht, als sie ihren Glanz verloren und nur noch Stein waren. Das war immer das Enttäuschendste, wenn alles was Leben war plötzlich erlosch und er nichts davon festhalten konnte. Wer war diese Frau auf dem Foto nur, dass sie ein solches Gefühl in ihm auslösen konnte? - Sein Auftraggeber hatte ganz geheimnisvoll getan - ein besonderer Stein für eine besondere Frau. Er wusste nur, dass der Stein aus einem historischen Steinbruch in Ägypten stammte. Der Auftraggeber war ebenfalls orientalischer Herkunft.

 

Der Bildhauer machte sich wieder an die Arbeit. In manchen Momenten blitzte ein derart sehnsüchtiges Verlangen in ihm auf, dass er die entstehende Figur am Liebsten eng umschlungen hätte. Als er ihre Beine aus dem Stein schlug, heulte er vor Glück fast wie ein wehmütiges Hündchen. Er liebte lange Beine mit schlanken Fesseln, er liebte sie so sehr, dass er, als sie fertig waren, sich kaum zurückhalten konnten, sie ihr wieder abzuschlagen und seiner geheimen Sammlung hinzuzufügen. Schlanke Fesseln, lange, schmale Hände und ein Körper von der Wendigkeit und Kraft einer Schlange. Diese Frau hatte alles, was ihn wahnsinnig machte. Er wollte sie besitzen - er wollte dieses Stück Stein besitzen, ganz, als wäre es lebendig, so wie er die anderen Frauen besitzen wollte, ganz, als wären sie tot. Nur dunkel erinnerte er sich an die wunderschöne ägyptische Studentin, deren vollkommene Arme und Beine er für die Ewigkeit gerichtet hatte. Diese Frau würde ihr Ebenbild sein und selbst, wenn er sich dessen nicht bewußt war, spürte er bereits, dass sie einander gehörten.

 

Der Hammer schlug auf den Meißel. Das Steinmehl wirbelte in der Luft. Wie verrückt arbeitete er, diese geheimnisvolle Figur aus ihrem steinernen Sarg zu befreien. Ihre Augen leuchteten wieder. Ihr rehbrauner Blick verfolgte angespannt jede seiner Bewegungen. Doch der Bildhauer war zu sehr in seinem Element gefangen und vom Feuereifer des Erschaffers beseelt, dass er wie so oft die Welt um sich vergaß.

 

Er befreite ihren Kopf aus dem Quader, schlug ihre Arme frei und zuletzt die herrlichsten Füße, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Er lag auf den Knien, lag im Staub vor ihren Füßen und betete ihre Göttlichkeit an.

 

Was als Auftragsarbeit von einem ägyptischen Geschäftsmann begonnen hatte und ihn eher mit Widerwillen, denn künstlerischer Leidenschaft erfüllt hatte, war zu seinem Meisterwerk geworden. Was hätte er darum gegeben diesen besonderen Moment mit ihr erleben zu können! Einmal noch, einmal noch diese Herzschlagminute, das Keuchen, das Röcheln, das erstaunte Aufblitzen der Augen, wenn alles Leben aus dem Körper entweicht und das was in ihm tot ist lebendig wird. Umso ungläubiger blickte er in ihr Gesicht, welches plötzlich voller Lebendigkeit und Güte auf ihn hinab sah. Ihre geröteten Lippen formten einen Gruß. Ihre schlanken Hände streckten sich nach ihm aus. Ihre langen Beine bewegten sich auf ihn zu.

 

"Das ist unmöglich...", flüsterte er, als sich die Schönheit zu ihm hinab beugte. "Wer bist du?"

Die Göttin zog ihn auf die Füße und drückte ihn an sich. Ihr Griff war fest und schmerzte. Sie legte ihre Hände um seinen Hals, wie er es schon viele Male getan hatte und ließ dass in ihn lebendig werden, was tot in ihm war. Den Schmerz.

 

In den Legenden hieß es von ihr, sie sei die Göttin, die das dunkelste Geheimnis aus einem Menschen herausholte, und es zu ihrem eigenen machte.

 

Der Ägypter stieg über den Torso des Bildhauers. Kein Blutstropfen, nur Staub bedeckte den Boden. Der Monolith war verschwunden. Er stammte aus dem ägyptischen Museum. Ihn stehlen zu lassen hatte dem alten Mann ein Vermögen gekostet. Aber das war es ihm wert. Über den Stein gab eine alte ägyptische Legende. Es hieß von ihm, er könne Tote zurückholen, die gewaltsam aus dem Leben gerissen worden sind. Aber nur der Mörder selbst könne diese Wesen ins Leben zurückführen...

 

Der Ägypter hob das Foto seiner Tochter vom Boden. Ein langes, schwarzes Haar hatte sich darin verfangen. Hinter sich spürte er einen Schatten. Die Augen des Mannes glänzten feucht, er lächelte und drehte sich zu ihr herum. "Aischa!"

 

Ihr starrer Blick bohrte sich in seine Augen. Sein Lächeln erstarb. Das war der Körper seiner Tochter, doch das Ungeheuer in ihr würde ihn verschlingen...

 

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Erstellt: 24.07.2005, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 19:26