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Der Cthulhu-Mythos von H. P. Lovecraft u.a.

Hörbuch

Rezension von Marcel Dykiert

 

Inhalt:

Howard Phillips Lovecraft zählt neben Edgar Allan Poe und Ambrose Bierce zu den drei Eckpfeilern der amerikanischen Horrorliteratur. Diese Reihe ist seinem Leben und Werk gewidmet. Seit mehr als sechzig Jahren brüten Bewunderer H. P. Lovecrafts neue Geschichten zu dessen literarischen Schöpfung vom bösen Cthulhu aus. In diesem Buch präsentiert LPL records meisterhafte Erzählungen aus den USA, England und Deutschland. Cthulhu-Stories von H. P. Lovecraft, Robert E. Howard, Christian von Aster und vielen anderen Meistern des Schreckens.

 

Vorgetragen in einer inszenierten Lesung von Joachim Kerzel, der deutschen Synchronstimme u. a. von Jack Nicholson und Dustin Hofmann, dem Erzähler der Stephen King Hörbücher und John Sinclair Hörspiele. David Nathan, die Synchronstimme von Johnny Depp, tritt in der Rolle von H. P. Lovecraft auf und enthüllt dem Hörer wichtige Details über Lovecrafts Leben. Regie führten Sven Hasper und Oliver Rohrbeck, die auch als die Stimmen von Michael J. Fox und Justus Jonas Die drei ??? bekannt sind und als Regisseure u. a. für die deutschen Fassungen der Filme Titanic, Sleepy Hollow, Ganz oder gar nicht oder Notting Hill verantwortlich waren. Produzent von Lars Peter Lueg, dem Inhaber von LPL records (www.LPL.de)

 

CD 1

1. H. P. Lovecraft stellt sich vor

2. H. P. Lovecraft zu Der Ruf des Cthulhu

3. H. P. Lovecraft : Der Ruf des Cthulhu (1928), Teil 1

 

CD 2

1. H. P. Lovecraft : Der Ruf des Cthulhu (1928), Teil 2

2. H. P. Lovecraft zu Der schwarze Stein

3. Robert E. Howard : Der schwarze Stein (1931)

 

 

CD 3

1. H. P. Lovecraft zu Die Glocke im Turm

2. H. P. Lovecraft und Lin Carter: Die Glocke im Turm (1989)

3. H. P. Lovecraft zu Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel

4. D. R. Smith : Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel (1950)

 

CD 4

1. H. P. Lovecraft zu Dagon

2. H. P. Lovecraft : Dagon (1917)

3. H. P. Lovecraft zu Ein Portrait Torquemadas

4. Christian von Aster : Ein Porträt Torquemadas (2002)

5. H. P. Lovecraft verabschiedet sich

 

 

Rezension:

„Ph’nglui mglw’nafh Lovecraft R’Lyeh wgah’h´nagl fhtagn.“

[In seinem Haus in R’Lyeh wartet träumend der große Lovecraft.]

 

_Niemand würde bezweifeln, dass Howard Phillips Lovecraft zusammen mit Edgar Allan Poe und Ambrose Bierce zu den drei Eckpfeilern der amerikanischen Horrorliteratur zählt. Ich möchte jedoch die These formulieren, dass diese Einschätzung längst überholt ist. Unter den drei genannten ist HPL zwar literarisch gesehen der schwächste, doch hat er dank der Kraft und der Eindringlichkeit seiner visionären Geschichten Poe und Bierce längst hinter sich gelassen. Es gibt in der Gegenwart wohl nicht einen einzigen Horrorfilm und kein einziges Buch dieses Genres, das nicht, sei es bewusst oder unbewusst, von jenem Sonderling beeinflusst ist, der so gar nicht in seine eigene Zeit zu passen schien und sich in seinen Tagträumen stets in eine längst vergangene Tage wünschte, die ihm als die bessere schien.

Die gebührende Aufmerksamkeit erhielt Lovecraft zu Lebzeiten nicht, doch fand sein – bedauerlich kleines – Gesamtwerk nach seinem Tod endlich das verdiente Interesse und seine Geschichten und sein ungewöhnlicher Schreibstil zahllose Fans und Nachahmer von verschiedener Qualität.

In Deutschland gab es schon immer eine Breite Lovecraft Fangemeinde und Leserschaft, wie nicht zuletzt der Erfolg der Reihe „H.P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ beweist. Bei den vorliegenden CDs handelt es sich um die Aufarbeitung einiger der in diesem Rahmen erschienen Geschichten als Hörbuch.

 

Im stilvollen, rabenschwarzen Schuber kommen die vier CDs daher, die Lovecrafts unvergleichliche Schrecken, gleich einem Shoggoten aus den Boxen quellen lassen sollen.

Kein geringerer als Joachim Kerzel, dem Hörer vertraut als die Synchronstimme von Jack Nicholson und Anthony Hopkins, ist mit der nicht leichten Aufgabe betraut worden, den unwirklichen Horror an den Mann zu bringen. Doch wer wäre besser geeignet, als die Stimme des axtschwingenden Nicholson oder des diabolischen Anthony „Hannibal“ Hopkins?

Die Regisseure der Lesung, Sven Hasper und Oliver Rohrbeck, haben sich jedoch dazu entschieden, nicht einfach nur unkommentiert sechs Erzählungen auf die CDs zu pressen, sondern auch noch der Frage nachzugehen, die sich Lovecraft Biograph Jörg Drews schon 1971 stellte; „Wo kann man mehr erfahren über diesen Autor?“ Und so tritt ein zweiter Leser auf, David Nathan, ebenfalls eine bekannter Synchronsprecher, u.a. die Stimme von Johnny Depp, der als Lovecraft selbst in sein Leben und die Geschichten einführt.

Was möglicherweise etwas albern klingt, fügt sich nahtlos zu einem ganzen zusammen; denn die Lebensgeschichte des HPL klingt streckenweise, als sei sie ein Produkt seiner eigenen Feder, düster, manchmal bizarr, immer schwermütig, und doch merkwürdig unauffällig für einen solchen Giganten.

Nathan verleiht Lovecraft eine Stimme, die wohl seine eigene hätte sein können; ironisch, distanziert, ein Eigenbrödler eben. Die Texte, die der Lovecraft Verleger Frank Festa, für ihn geschrieben hat, umreißen in wenigen Sätzen HPLs viel zu kurzes Leben und machen Lust auf mehr.

Kenntnisreich sind auch die kurzen Einleitungen zu den Geschichten, die den Hörer weder mit langweiligen Fakten erschlagen, noch ihm irgendwelche Literaturinterpretationen aufdrängen wollen.

 

„Ein Überleben jener großen Mächte oder Wesen ist durchaus vorstellbar, ein Überleben aus einer fernen Zeit, als das Bewusstsein sich vielleicht in Formen offenbarte, die vor dem heraufdämmern der Menschheit wieder verschwunden sind, Formen, von denen allein Dichtung und Sage eine flüchtige Erinnerung bewahrt haben, und die von ihnen Götter, Monster, mythische Wesen genannt wurden.“

[Aufgefunden unter den Papieren des verstorbenen Francis Wayland Thurston aus Boston]

 

Doch nun endlich zu den Geschichten, die wie gesagt, allesamt kongenial von Joachim Kerzel vorgetragen werden.

 

Den Anfang macht die Geschichte, die sich im Zentrum von HPLs Lebenswerk befindet und einsam aus ihr aufragt: „Der Ruf des Cthulhu“. Die Geschichte über einen uralten Schrecken, der auf dem Grund des Meeres lauert, tot und doch nicht tot, träumend in seiner zyklopischen Stadt auf seine Rückkehr wartet, dürfte wohl zu den bekanntesten des Autors zählen.

„The Call of Cthulhu“ ist ein, wenn nicht der, Schlüsseltext des Autors und für seine künstlich geschaffene Mythologie hat sich folgerichtig der Begriff „Cthulhu Mythos“ etabliert und in der Tat steht in dieser Geschichte auch erstmals ein Pantheon dunkler, göttergleicher Wesen im Mittelpunkt, wie es vorher – in dieser Ausprägung – noch nicht der Fall war.

Kerzel liest die Odyssee des F.W. Thurstons eindringlich, beschwörend, grauenerregend und schafft es, die komplizierten Namen, die ja laut eines Briefes von Lovecraft an D.W.Rimel (aus dem Jahr 1934) gar nicht korrekt auszusprechen sein sollen, weil sie für nicht-menschliche Kehlen bestimmt sind, auf eine Art und Weise zu betonen, die erfrischend unamerikanisch ist, denn obgleich es natürlich keine Gewissheit geben kann, klingt doch nichts falscher, als die Namen der Großen Alten zu anglifizieren.

 

CD2 räumt mit dem Gerücht auf, bei Lovecraft würde es sich um den viel zitierten „Einsiedler von Providence“ handeln. Natürlich lebte er sehr zurückgezogen, doch hatte er durchaus viele Freunde und Bekannte, mit denen er meist schriftlich verkehrte. Tatsächlich sind bis zu 10 - 20 Seiten Briefe pro Tag – ein Leben lang – gerade der Durchschnitt dieses außergewöhnlichen Autors. Und, wie sollte es anders sein; ein so sonderbarer Mann zieht andere sonderbare Menschen an. Einer der besten Freunde Lovecrafts ist Robert E. Howard gewesen, dessen berühmteste Schöpfung der bis in die Gegenwart hinein sehr populäre „Conan, der Barbar“ ist. Die beiden haben sich nicht nur oft geschrieben, sondern durch viele Vorschläge und Textüberarbeitungen auch einen großen Einfluss auf das Werk des jeweils anderen.

Mit Howards Geschichte „Der schwarze Stein“ versucht sich dieser an einer Horrorgeschichte, die eindeutig in Lovecrafts Universum spielt. Es geht um einen mythischen Ort in Osteuropa, den titelgebenden schwarzen Stein, bei dem, in bestimmten Nächten, ein merkwürdiges Schauspiel zu beobachten ist. Wie es sich für eine typische lovecraftsche Geschichte gehört, fehlen hier weder penible Nachforschungen, noch die Großen Alten oder der Wahnsinn, der einen unvermeidlich packt. Doch ist Howard nicht Lovecraft und sein Faible für Abenteuergeschichten scheint durch den ansonsten ganz und gar lovecraftschen Horror unübersehbar hindurch. Dennoch ist „Der schwarze Stein“ eine sehr hörenswerte Geschichte, die dem Geist HPLs sehr nahe kommt.

 

CD3 beginnt schon langsam Wehmut zu wecken – man nährt sich dem Ende, doch es hilft ja nichts, also weiter ...

„Die Glocke im Turm“ ist eine Geschichte, die auf einem Fragment, von denen es im Werk Lovecrafts leider viel zu viele gibt, basiert und die von Lin Carter, sicher einem der bekanntesten Autoren, die versucht haben, den einzigartigen Stil Lovecrafts in ihren eigenen Geschichten wiederzugeben, vollendet wurde.

Hier geht es um einen Professor, einen gelehrten, doch einsamen Mann (einem gewissen HPL nicht unähnlich ...), der sich durch finstere und verderbte Kräfte, im wahrsten Sinne des Wortes, ein wenig zu weit aus dem Fenster lehnt.

Carter schafft es mühelos, das Fragment im besten lovecraftschen Sinne zu vollenden, doch ist die Geschichte im Gesamtwerk eher zweitrangig, hätte HPL mehr an ihr gelegen, hätte er sie ja wohl auch vollendet ...

Dennoch vereint die Geschichte alle Zutaten einer Gruselgeschichte, die das Prädikat „Lovecraft“ verdient, wiederum ist sowohl die Einführung von Nathan als auch der Vortrag Kerzels gar nicht genug zu loben.

 

Was uns zur vierten Geschichte, dem Tiefpunkt der Anthologie, bringt. „Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ wird, wie gehabt, durch äußerst erhellende Weise von Lovecraft selbst eingeführt. Hier wird ein weiterer, nicht tot zu kriegender Mythos ein für allemal geklärt: Das sagenumwobene Necronomicon ist eine Erfindung Lovecrafts und existiert, trotz anders lautender Meldungen, nicht wirklich!

Abdul bedeutet Sklave und wäre niemals der Name eines arabischen Gelehrten, al Hazred ist eine Verballhornung eines Familiennamens Lovecrafts mütterlicher Seite. Wiederum verfügt der von Festa formulierte Text über viel Distanz und Eigenironie zu dem sich verselbstständigten Thema „Necronomicon“.

Die Geschichte, die sich anschließt ist jedoch ein Debakel, für das sich D.R. Smith verantwortlich zeigt.

Hier geht es um einen römischen Feldherren, der in nicht näher bezeichneten Bergen in einer Höhle einen großen Alten erschlägt und diesen dann verspeist. Nach der durchaus stimmungsvollen „Glocke im Turm“ und der kenntnisreichen Einführung über das Necronomicon sollte man die CD einfach wechseln, denn was Smith sich hier getraut hat, hätte wohl selbst den ruhigen und besonnenen Lovecraft zu wüsten Beschimpfungen hingerissen.

Die allzu genaue Rangordnung unter den Alten, das Auftauchen des römischen Gottes, das simple Beseitigen des angeblichen Vaters Cthulhus, all das beweist nur fehlendes Fingerspitzengefühl und null Verständnis, weder für Lovecrafts Art, Horror zu wecken, noch mit seinen Kreaturen.

Mögen die Hunde Tindalos Smith für dieses Sakrileg durch alle Höllen jagen!

 

Die fünfte Geschichte versöhnt den Hörer sofort, denn sie stammt endlich wieder aus der Feder Lovecrafts selbst; zugleich schließt sie den Kreis zu CD 1. „Dagon“ kann als erster Versuch HPLs in Richtung Cthulhu gelesen und verstanden werden. Die Geschichte des Seemannes, der alleine auf dem Meer treibt und sich plötzlich mit dem uralten Schrecken der Großen Alten konfrontiert sieht, verdichtet erzählerisch bereits alle Elemente, die „Cthulhus Ruf“ ausmachen, lediglich der Hintergrundmythos, das weltumspannende Element fehlt noch. Eine höchst hörenswerte Geschichte, die ohnehin zu der Kernliteratur HPLs zählen muss.

 

Den traurigen, weil viel zu raschen, Abschluss bildet die Geschichte „Ein Portrait Torquemadas“ von Christian von Aster. Das dieser nicht nur ein Fan von Lovecraft, sondern auch von dem Spanier Arturo Perez-Reverte, dessen Buch „Der Club Dumas“ von Roman Polanski unter dem Titel „Die neun Pforten“ verfilmt wurde, ist, erkennt man sofort.

Ein Restaurateur für historische Gemälde, macht eine sonderbare Entdeckung, die ihn auf eine Spur bringt, an deren Ende ihm eine schreckliche Erkenntnis erwartet.

Von Aster versetzt den Cthulhu Mythos in die Gegenwart und mischt ihn zeitgemäß mit Verschwörungstheorien. Das er sich zu diesem Zweck relativ ungeniert bei anderen großen Autoren bedient, tut der Spannung keinen Abbruch. Der unausweichliche Wahnsinn, der am Ende einer jeden HPL Geschichte steht, fehlt zwar, doch ist die Erkenntnis, dass alles verloren ist, der Fatalismus und die Hilflosigkeit, etwas daran zu ändern, ebenso typisch für Lovecraft und es sind genau diese Aspekte, die von Aster mit seiner preisgekrönten Geschichte hervorhebt.

So enden vier Stunden und 35 Minuten atemlosen Lauschens. Das mein Fazit positiv ausfällt, wird wohl keinen mehr überraschen. Die Auswahl der Geschichten, die Sprecher, auch die Musik, die zwischen den Kapiteln ertönt, die Aufmachung der CDs und selbst noch die Trackunterteilung – dass alles verdient Bestnoten.

Lediglich die Geschichte von Smith ist ein peinlicher Ausrutscher, doch hat sie zumindest den Vorteil, von allen die kürzeste zu sein.

Man hätte sich vielleicht gewünscht, es mögen zehn oder zwanzig CDs sein, doch gibt es ja eine solche Vielzahl von Geschichten aus dem lovecraftschen Universum, dass weitere folgen könnten – was zu hoffen wäre.

 

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Hörbuch: Der Cthulhu-Mythos

Horrorgeschichten von H. P. Lovecraft u.a.

4 Audio CD - ca. 280 Minuten - Festa Verlag

Erscheinungsdatum: 2002

ISBN: 3-935882-14-9

Erhältlich bei: Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 01.01.2006, zuletzt aktualisiert: 15.07.2019 20:03