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Der Elefant verschwindet von Haruki Murakami

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der Elefant verschwindet ist eine Sammlung von acht Kurzgeschichten Haruki Murakamis, in denen Großstadtmenschen bizarre Ereignisse unterschiedlicher Colouer erleben. Die Sammlung ist erstmalig 1995 auf Deutsch erschienen.

 

Die Geschichten im Einzelnen:

Der Aufziehvogel und die Dienstagsfrauen (36 S.): Kurz bevor die Spaghetti des arbeitslosen Tokyoers fertig sind, ruft eine unbekannte Frau an. Sie will zehn Minuten mit ihm reden. Warum? Damit sie ihre Gefühle besser verstehen. Doch er beendet das Gespräch, schließlich verkochen sonst seine Nudeln – sie könne ja später noch mal anrufen. Sie schien ihn zu kennen, aber er ist sich sicher, noch nie mit ihr gesprochen zu haben. Und überhaupt: Was kann man schon in zehn Minuten erfahren! Und warum gerade zehn Minuten? Warum nicht neun oder elf? Was ist am Dienstag nur mit den Frauen los?

In dieser Geschichte um das eigenwillige Spannungsverhältnis zwischen Anonymität und Intimität im Alltag der modernen Großstadt reagiert der phlegmatische Protagonist mit wunderbar humorvoller Lakonie auf die auftretenden absonderlichen Rätsel. Hierbei handelt es sich eigentlich um den Anfang von Mister Aufziehvogel; als Kurzgeschichte funktioniert es aber ebenso gut.

Der Bäckereiüberfall (5 S.): Die beiden Männer hatten Hunger; seit zwei Tagen haben sie bloß Wasser getrunken (und ein paar Sonnenblumenblätter gegessen – eine Wiederholung dieser Erfahrung wollen sie aber unbedingt vermeiden). Jetzt wollen sie Essen und sind bereit Böses zu tun. Sie beschließen eine Bäckerei zu überfallen. Der Bäcker ist über fünfzig, Mitglied der KP und hört Wagner. (Geziemt sich das überhaupt für einen Kommunisten?) Außerdem ist da noch ein Tantchen im Geschäft – es gilt vorsichtig zu sein, denn Tantchen durchkreuzen immer die Pläne von Gangstern.

Hierbei handelt es sich um eine absurde Gangsterkomödie, die der Ich-Erzähler um seine schrägen Phantasien anreichert; eigentlich ist es nur der Auftakt, denn es folgt:

Der zweite Bäckereiüberfall (17 S.): Zehn Jahre später rutscht dem mittlerweile verheirateten (und wieder einmal hungrigen) Erzähler jener folgenschwere Satz heraus: "Das war bei dem Überfall auf die Bäckerei!" Das muss der hartnäckig neugierigen (und ebenfalls hungrigen) Ehefrau erläutert werden. Für sie steht nachher fest: Es liegt ein Fluch auf den Bäckereiräubern (und, da sie einen geheiratet hat, nun auch auf ihr), der nur gebrochen werden kann, wenn erneut eine Bäckerei überfallen wird. Glücklicherweise hat die Gattin zufälligerweise Schrotflinte und Skimasken im Auto liegen. Er wundert sich zwar etwas (Wozu braucht die Sekretärin eines Designerbüros solche Sachen?), sagt aber nichts – schließlich muss ein Fluch gebrochen werden.

Der zweite Bäckereiüberfall ist noch einmal erheblich irrsinniger und komischer als der erste – ich habe Tränen gelacht.

Schlaf (42 S.): Sie ist knapp dreißig und kann sich nicht beklagen: Ihr Körper ist immer noch schön – schließlich geht sie jeden Tag schwimmen – ihr Mann, den sie liebt und der gut zu ihr ist, kommt mit seiner Zahnarztpraxis gut voran und auf ihren Sohn ist sie auch stolz. Sie führt ein Tagebuch, in dem sie alle Ereignisse einträgt – führte sie es nicht, könnte sie gestern nicht von vorgestern unterscheiden, da ihre Tage gleichförmig und öde geworden sind. Wann hatte das begonnen? Es ändert sich jedoch, als sie aufhört zu schlafen und stets wach und munter ist.

Auf der Textebene ist diese melancholische Geschichte z. T. Rätsel- vor allem aber Wundergeschichte, auf der Metaebene wird das Rätsel der Schlaflosigkeit allerdings stark in den Vordergrund gerückt. In seinem Roman Afterdark greift Murakami das Thema Schlaflosigkeit wieder auf; Schlaf und Afterdark ergänzen sich gut ohne von einander abhängig zu sein.

Der Untergang des Römischen Reiches, der Indianeraufstand von 1881, Hitlers Einfall in Polen und die Sturmwelt (7 S.): Nach der Wetterkarte sollte es ein friedlicher Sonntag wie zur goldensten Zeit des Römischen Reiches sein, doch gerade als der Tagebuchschreiber über seinen Donnerstageintrag nachdenkt – er hatte Sex mit seiner Freundin gehabt; sie steht auf Sex mit verbundenen Augen, er eigentlich nicht, aber, da sie mit Stoffaugenbinde aus der Flugzeug-Overnightbag süß aussieht und alle Menschen irgendwo ihre Macken haben, lässt er sich darauf ein – bricht ein richtiger Sturm los.

Was zunächst nach einer wahllosen Zusammenstellung ungewöhnlicher Details aussieht, entpuppt sich beim genauen Hinsehen als Momentaufnahme aus dem eigenwilligen Leben eines normalen Menschen.

Scheunenabbrennen (21 S.): Der Autor lernt über die Freundschaft mit einer eigenwilligen Pantomime – sie ist sehr begabt und ebenso unkompliziert – einen sonderbaren Mann kennen. Zunächst scheint er ganz gewöhnlich: Er sieht durchschnittlich aus, ist recht höflich und mit deutschem Sportwagen versehen. Doch er hält sich mit Auskünften über seine Arbeit zurück – aber da es niemanden interessiert… (Was findet der wohlhabende Geschäftsmann an der armen Pantomime?) Eines Abends jedoch, bei einem Joint, erzählt er, dass er hin und wieder eine Scheune abbrennt.

Eine weitere Geschichte, die ihre Spannung aus den komischen (im doppelten Sinne) Figuren zieht, am Ende aber mit einer kleinen Überraschung aufwartet, die in Richtung todorovscher Phantastik weist.

Frachtschiffe nach China (27 S.): Der japanische Ich-Erzähler hat unzählige Chinesen getroffen, aber drei Begegnungen haben ihn besonders beeindruckt. Er erinnert sich zurück, grübelt über das "Ich" nach und fragt sich, wie die Begegnungen ihn verändert haben.

Eine sehr eigentümliche Geschichte; im Kern geht es um die Begegnung mit drei Chinesen; hier wird generische Fremdheit gebrochen und individuelle errichtet. Er teilt seine zentrale Beobachtung früh mit: "Nicht dass sie sich irgendwie von uns unterscheiden. Es gibt auch keine speziellen Eigenschaften, die nur ihnen eigen wären. Jeder Einzelne von ihnen ist anders, und darin gleichen wir uns." Ein schwer zugänglicher Text, wenn man über die einzelnen Ereignisse hinaus schauen möchte.

Der Elefant verschwindet (24 S.): Aufgrund schlechter Planung muss die Stadt des Erzählers einen alten Elefanten von einem bankrotten Zoo übernehmen. Da die Opposition lautstark die mangelnde Sicherheit moniert, wird großes Augenmerk darauf gelegt, dass der Elefant nicht entkommen kann. Und dennoch geschieht gerade dieses. Der Vorgang bleibt allerdings sehr unklar, denn die stählerne Fußfessel des Tiers war geschlossen aufgefunden worden – und der ebenfalls verschwundene Pfleger hatte weder einen Schlüssel noch ist einer der Schlüssel abhanden gekommen. Das ist noch nicht einmal das Sonderbarste am Fall.

Wiederum eine sehr ungewöhnliche Geschichte: Es gibt zwei Teile. Der erste enthält einen Rätselplot, der sehr an einen Krimi mit Locked-Room-Mystery erinnert; der zweite liefert die Auflösung, die doppeldeutig ist: Wörtlich gelesen wird es eine Wundergeschichte, symbolisch interpretiert eine Allegorie – beide Lesarten stehen gleichberechtigt nebeneinander.

 

Die Geschichten haben einige Gemeinsamkeiten. So ist der Schauplatz stets eine japanische Stadt, zumeist Tokyo selbst. Doch Murakami präsentiert kein pittoreskes Japan mit Ikebana, Teezeremonie und Zen-Buddhismus, sondern Studenten, die Nachts bei McDonalds jobben, arbeitslose Laufjungen, die am Telefon sexuell belästigt werden, und Geschäftsmänner, die Scheunen anzünden. Es ist ein sehr modernes, urbanes Japan. Die Figuren spiegeln dieses Milieu zumeist wieder; da sind zerrissene Gestalten, Individualisten, die sich nach Liebe oder Anerkennung sehnen, und integrierte Erfolgsmenschen, die aus ihrem Alltag ausbrechen wollen. Die meisten sehnen sich einerseits nach echten Gefühlen, trauen sich aber andererseits nicht mit ihrem wohlgeordneten Leben zu brechen. Es gibt aber auch Ausnahmen, wie die fröhlichen Bäckereiräuber, denen allerdings die Vorzüge des bürgerlichen Lebens abgehen.

Zentral ist das Bizarre; entweder erleben die Figuren ein solches Ereignis oder sie selbst haben einen solchen Charakterzug. Auch wenn die meisten Geschichten im engeren Sinne nicht phantastisch sind – nur Schlaf und Der Elefant verschwindet haben ein wesentliches phantastisches Element, der Aufziehvogel, die Bäckereiüberfälle und Das Scheunenabbrennen haben möglicherweise eines, welches nur eine geringfügige Rolle spielt – können sie doch alle das Gefühl des sense of wonder erwecken. Weiterhin haben die Geschichten entweder eine melancholische oder humorige Grundstimmung.

Es gibt außerdem unzählige Anspielungen, die bisweilen dem kundigen Leser neue Dimensionen eröffnen; glücklicherweise bezieht sich Vieles davon auf westliche Kulturen. Die Selbstreferentialität hält den Verstand des geneigten Lesers ebenfalls auf Trab: Was hat es zu bedeuten, dass der Kater des arbeitslosen Tokyoers und der Elefantenpfleger Noboru Watanabe heißen (das ist übrigens auch der Name des Verlobten aus der Kurzgeschichte Familiensache)? Oftmals lohnt es, die Geschichte nach kurzer Zeit erneut zu lesen. Doch die Geschichten funktionieren ebenfalls großartig, wenn man die Anspielungen und Referenzen überliest; die meisten von ihnen sind recht zugänglich geschrieben.

Als einzige Schwäche könnte man die Erzähltechnik bewerten. Um es klar zu sagen: Sie ist zweifellos gut, der Stil trifft immer die Stimmung genau und Murakami schafft wunderbare Sprachbilder – aber er nutzt auch immer die selbe Erzählperspektive: die eines namenlosen Ich-Erzählers. Hier wäre etwas mehr Abwechslung wünschenswert; liest man die Geschichten aber nicht nacheinander weg, dann kommt dieses kleine Manko überhaupt nicht zum Tragen.

 

Fazit:

In acht eigenwilligen Großstadtgrotesken darf der Leser an Murakamis wundersamen Sinn für das Bizarre teilhaben. Auch wenn nur wenige Geschichten zur Phantastik im engeren Sinne gehören, erzeugen sie doch alle ein sense of wonder, wie es sonst nur selten vorkommt. Hier wird dem Leser ein guter Zugang mit viel Humor und etwas Melancholie zum Werk eines modernen Meisters geboten. Wer J. L. Borges Reihe Die Bibliothek von Babel schätzt, darf hier nicht zögern.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der Elefant verschwindet

Original: Zō no shōmetsu, 2005

Autor: Haruki Murakami

Dumont, August 2007

Gebundene Ausgabe, 200 Seiten

Übersetzerin: Nora Bierich

 

ISBN-10: 3832180281

ISBN-13: 978-3832180287

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 15.12.2007, zuletzt aktualisiert: 16.08.2019 12:16