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Der Fluch des Hechts von Juhani Karila

Rezension von Ralf Steinberg

Rezension:
Das finnische Ostlappland ist in Deutschland eher unbekannt. Gleich zu Beginn des Romans Der Fluch des Hechts von Juhani Karila erfahren wir, dass es dort vor allem Sumpf und Mücken gibt, was keinen interessiert. Am Ende des Romans allerdings sind wir diesbezüglich um einige Erkenntnisse reicher.

Im Seiväslampi, einem schrecklich flachen Tümpel, der vom Schmelzwasser des Winters gebildet wird und langsam austrocknet, bleibt Anfang Juni nur noch ein Hecht übrig. Jedes Jahr. Und jedes Jahr muss Elina Ylijaako diesen Hecht vor dem 18. Juni aus dem Wasser ziehen. Dafür nimmt sie Urlaub und fährt am 14. Juni aus dem Süden des Landes nach Norden, muss sich an der Grenzkontrolle ausweisen und verlässt damit die Welt des Handyempfangs. 
Schnell wird klar, dass Elina dieses Jahr ein paar besondere Probleme hat. Da sind etwa der verletzte Fuß, die suboptimale Angelausrüstung und ein Näck, der sich den Tümpel als Herrschaftsgebiet auserkoren hat. Doch sie hat nur diese drei Tage Zeit …

Zudem folgt der jungen Frau eine Polizistin. Janatuinen musste ihren Kollegen unterwegs zurücklassen und reist nun allein in den Norden, um ein Gewaltverbrechen aufzuklären, in das Elina Ylijaako offensichtlich verwickelt ist.
So wie wir als Lesende, erfährt Janatuinen nach und nach in skurrilen Erlebnissen und Gesprächen, wie die Menschen hier leben und ticken. Janatuinen ist eine coole Socke. Sie übernimmt den Part des Film-Noir-Detektives, den nichts aus der Fassung bringen kann. Obwohl die Menschen in der ländlichen Gegend alle sonderbar sind, bleibt sie gelassen. Sogar, als sie mit den mythischen Wesen Ostlapplands Bekanntschaft macht, geht sie stoisch ihren Ermittlungen nach. Ein Pejooni auf der Rückbank ihres Dienstwagens? Diese Kreatur ist eine Art finnischer Yeti, der ihr wie ein Hund folgt und ihre Handlungen mit Begeisterung beobachtet. Janatuinen teilt mit ihm einen Schokoriegel …
Doch alle Gelassenheit hilft nicht gegen die Umstände, denn Elina Ylijaako ist nicht nur die Tochter einer magisch begabten Frau, sie wird durch den tödlichen Fluch getrieben und so ist auch Janatuinen bald mittendrin; Teil einer lebendigen, mythologischen Welt.

Dass sich »Der Fluch des Hechts« nicht wie ein Fantasy-Roman liest, liegt vor allem an dem trockenen Humor. Ostlappland und Ostfriesland scheinen mental eng beieinander zu sein, man erkennt die Naturverbundenheit ebenso wie die Liebe zu ihren Geschöpfen und Eigenheiten. Man kämpft nicht gegen die Umstände, man arrangiert sich. Auch der Tod ist nur ein weiterer Teil des Lebens und so manche Verstorbene trifft man ja eh immer mal wieder als Monster oder Erscheinung; so war das hier schon immer.

Dabei lässt Juhani Karila keinen Zweifel daran, dass seine Heimat kein romantischer Platz ist. Mücken und Sumpf bleiben den gesamten Roman über widrige Gefährten, die Höfe und Ortschaften werden beständig vom Wetter malträtiert und wer weiß, ob man in der »Kraftnacht« nicht doch lieber im Bett bleiben sollte, wenn Krankheiten, Fabelwesen und hungrige Zombies nach Opfern suchen. Es gibt jede Menge Schrott, Gerümpel und Umweltschutz ergibt sich irgendwie nie, aber wer in dieser spannenden Umgebung überlebt, kommt mit allem zurecht.

Am Ende, wenn man endlich das ganze Drama und die Liebe hinter dem Fluch versteht, offenbart sich dann noch eine andere Ebene des Romans. Gerade weil diese ländliche, abgeschiedene und seltsame Welt ist wie sie ist, gebiert sie Sehnsüchte und zeigt uns, dass die Menschen dort unter denselben Dingen leiden wie überall. Dann wird das Leben kompliziert und der Weg aus dem Schlamassel von Verstand und Herz führt durch einen Sumpf voller Mücken.

Juhani Karila in der Übersetzung von Maximilian Murmann erzählt uns seine zwischen Road-Movie und Märchen mäandernde Geistergeschichte mit gutem Timing. Der Humor ist an den richtigen Stellen platziert, die Menschen bleiben trotz ihrer Seltsamkeiten liebenswert, die Atmosphäre von Landschaft und Mythologie entfaltet sich bereits mit den ersten Seiten und hält uns bis zum Finale fest gefangen. Der Stil ist klar und so eilen wir an den Seiten entlang, stets froh, an einem Blutsauger-freien Ort zu sein, oder zumindest nichts in der Größe eines Streifenbeins umherschwirren zu sehen.

Fazit:
Mit »Der Fluch des Hechts« von Juhani Karila gelingt es dem homunculus Verlag erneut, eine phantastische Perle der europäischen Literatur nach Deutschland zu holen. Der Besuch in den Osten Lapplands wartet mit unbekannten Fabelwesen auf, bringt uns einen ganz besonderen Menschenschlag näher dringt dabei dennoch in wunde Punkte vor, die in vielen Menschen, an vielen Orten auf Heilung warten.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der Fluch des Hechts
Original: Pienen hauen pyydystys, 2019
Autor: Juhani Karila
Übersetzer: Maximilian Murmann
gebundene Ausgabe, 301 Seiten
homunculus, 2022
Cover: Arla Kanerva

ISBN-10: 3946120768
ISBN-13: 978-3946120766

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.03.2022, zuletzt aktualisiert: 26.07.2022 19:50