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Der Freund des Todes von Pedro Antonio de Alarcón

Reihe: Die Bibliothek von Babel, Band 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Der Freund des Todes ist der erste Band aus der Bibliothek von Babel, einer vom großen argentinischen Schriftsteller J. L. Borges zusammengestellten Reihe phantastischer Literatur. Neben einem kurzen Vorwort, in dem Borges den Autor vorstellt und einen Überblick über dessen Werk bietet, enthält der Band zwei Geschichten: Der Freund des Todes (110 Seiten) aus dem Jahr 1852 und Die große Frau (28 Seiten) aus dem Jahr 1881, beide von Pedro A. De Alarcón verfasst.

 

Der Freund des Todes ist der junge Schneidersohn Gil Gil. Seine Mutter war eine Schönheit, was auch dem Grafen Ríonuevo nicht verborgen geblieben war. Gil war ein Glückspilz, denn der Graf hatte ihn gerne und nahm ihn als Pagen auf. Während der Zeit am Hofe verliebten sich Gil und Elena, die Tochter des Herzogs von Monteclaro, in einander. Dann starb der Graf und die Gräfin, die Gil nie leiden konnte, warf ihn hinaus. Hier beginnt zwar die Geschichte, aber Gils Pechsträhne hält an: Nach Ablauf einer schnell erzählten zweijährigen Pechsträhne ist Gil am Ende und bereit sich das Leben zu nehmen. Da ergreift eine kalte Hand seine Schulter – es ist der Tod, der Gil als Freund begrüßt. Der Tod bekennt, dass er für das viele Leid in Gils Leben verantwortlich ist, und bat daher Gott darum Gils Seele retten zu dürfen. Dazu will der Tod Gil zunächst einmal ein glückliches Leben bescheren. Gil soll Wunderarzt werden, der mit Gewissheit sagen kann, ob ein Patient genesen wird. Und der Tod weiß von einigen – passenden anstehenden Todesfällen. Aber hat der Tod wirklich Freunde unter den Lebenden?

Die grosse Frau bereitete dem jungen Ingenieur Telesforo großes Unbehagen. Bei einer Flasche Wein erzählt Gabriel von einem guten Freund, der vor einiger Zeit verstarb: dem Ingenieur Telesforo. Bei seinem letzten Besuch hatte Gabriel seinen Freund völlig verstört gefunden. Telesforo hat seit seiner frühesten Kindheit eine panische Angst vor einsamen Frauen in den nächtlichen Strassen. Vor ein paar Jahren nun war er einer solchen zum ersten Mal begegnet, einem großen und groben Weib, das ein grotesk kostümierter Mann sein könnte – doch was hat Telesforo so sehr aus der Fassung gebracht?

 

Das Setting ist in beiden Fällen Spanien; beim Freund beginnt die eigentliche Geschichte 1724, bei der Frau 1857. Aber sieht man von der politischen Lage in der erstgenannten ab, werden die Settings nur sehr beiläufig behandelt – ob Madrid oder San Millan, ob 18. Jh. oder 19. Jh., es gibt fast keinen Unterschied. Wer M. John Harrisons Diktum: "Every moment of a science fiction story must represent the triumph of writing over worldbuilding," folgen will, wird Alarcóns Herangehen schätzen.

Die politische Lage sieht so aus: Philipp V. steht vor einem Dilemma. Sein Sohn, Ludwig I., der König von Kastilien, ist schwer erkrankt, man fürchtet um sein Leben. Sein Neffe, Ludwig XV., der König von Frankreich, war zwar Schwerkrank, hat sich aber mittlerweile ein wenig erholt. Um welchen Thron soll er sich nun bemühen – die sichere Beute, Kastilien, oder die größere Beute, Frankreich? Wenn er nur wüsste… Hier kommt der Wunderarzt Gil ins Spiel, der Titel und Reichtum für sein Glück braucht – schließlich will er eine Herzogstochter freien. Damit ist das Setting als eine Art Milieu zu verstehen – mit der Eigenart fast keinen Raum einzunehmen.

 

Die Figuren werden kaum ausgearbeitet; sie werden meist von einem oder zwei Gefühlen oder Verlangen dominiert und sind damit typenhaft.

Gil Gil ist ein Schneidersohn, der eine Bildung am Hofe seines Vaters erhält. Er wird von seiner Liebe zu Elena von Monteclaro angetrieben. Kann er sie nicht erlangen, will er lieber sterben. Er ist ein sprunghafter, fast hysterischer Typ: In einem Augenblick ist er dankbar, im nächsten überzeugt davon hintergangen zu werden. Der Tod ist ein wenig kryptisch; er scheint freundlich zu sein, aber reagiert sardonisch, wenn man ihm respektlos begegnet. Die anderen Figuren bleiben eindimensional – die Gräfin von Monteclaro ist eifersüchtig auf Gil, Elena ist verliebt in Gil und Philipp V. ist machtgierig, aber zögerlich.

Telesforo ist ein junger Ingenieur, der seinen Mann in harschen Situationen zu stehen vermag, aber vor einsamen Frauen unbändige Angst hat. Die große Frau wird nur physisch charakterisiert, denn aus ihrem kurzen Auftritt lässt sich kaum etwas über ihren Charakter sagen. Weitere Figuren von Belang treten in der zweiten Geschichte nicht auf.

Insgesamt stört die knappe Zeichnung der Figuren nicht weiter, da sie ihre Funktion erfüllen können.

 

Die Plots lassen sich nur schwer fassen; Der Freund des Todes scheint eine Geschichte des sozialen Aufstiegs, des Wunders und der tragischen Liebe zu sein – und kann der respektlose Gil wirklich ein Freund der tödlichen Gottheit sein? Ist es nicht Hybris? Natürlich gibt es eine drastische Wendung am Ende. Doch sie ist ganz anders als erwartet, obwohl der aufmerksame Leser erraten könnte, wohin die Reise geht. Sie mögen unfreiwillig sein oder nicht, aber die Geschichte hat ihre humorvollen Momente: Wenn der Tod von seinem größten Moment berichtet, den Tag, da er für eine Zeit Gott besiegt hatte und ein furchtbares Duell mit der Natur focht (um dann in Klammern festzustellen, er erinnere sich genau daran, dass es um drei Uhr nachmittags stattfand), dann amüsiert mich der Stil. Mir scheint, als würde der Autor bei jenen Zeilen verschmitzt gelächelt haben.

Die Geschichte erinnert mich leicht an J. B. Cabells Der verwunschene Ort; das liegt zum einen daran, dass sie beide im selben Zeitraum und französische Politik und Hofkultur eine gewisse Rolle spielen, zum anderen am respektlosen Umgang mit den großen Mythen der Menschheit – wobei Alarcón wesentlich subtiler ist. Weiterhin gibt es eine Reihe von Momenten der Geschichte, die Terry Pratchett bei seiner Scheibenweltgeschichte Mort inspiriert haben könnten: Insbesondere die Reise um die Welt erinnerte mich sehr an jene des Lehrlings TODs.

Die grosse Frau ist nun eine relativ klassische Gruselgeschichte um ein düsteres Vorzeichen und eine schicksalhafte Begegnung. Interessant daran ist die interpretatorische Offenheit: Ist Telesforo tatsächlich einem Todesboten begegnet oder ist er hysterisch und steigert sich in seine Angst hinein? Der Erzähler beendet die Geschichte mit eben dieser Frage. Damit ist es eine der wenigen Geschichten, die Todorovs anspruchsvolle Kriterien für eine minimalistische Definition der phantastischen Literatur entsprechen: Der Leser kann anhand der Geschichte nicht entscheiden, was der Fall ist. Die Intertextualität zur jüngeren Geschichte Das Durchdrehen der Schraube von Henry James ist somit hoch.

 

Erzähltechnisch sind die Geschichten nicht altmodisch, sonder alt – schließlich stammen sie aus dem vorletzten Jahrhundert. Während der auktoriale Erzähler (er 'Wir-zt' uns) des Freundes die ganze Zeit über prominent bleibt, tritt er in der Frau erst am Ende auf. Diese Geschichte ist von den Erzählebenen her deutlich raffinierter; es gibt eine Rahmenerzählung, die die eingebettete Geschichte immer wieder unterbricht und in der eingebetteten Geschichte ist noch einmal ein Bericht von Telesforo enthalten.

Die Sätze neigen zur Länge und sind nicht immer ganz gradlinig. Die Wortwahl ist – wenig überraschend – etwas altertümlich.

 

Nun liegt der Preis für einen einzelnen, relativ schmalen Band mit etwa 18 Euro nicht wirklich in der Schnäppchen-Klasse. Dagegen sind die edle Aufmachung und vor allem die wunderbaren surrealen Aquarelle der Titelbilder von Bernhard Jäger zu halten. Es ist klar: Diese Ausgabe ist für den literarischen Gourmet, nicht den Gourmand.

 

Fazit:

Der erste Band der Bibliothek von Babel enthält zwei ungewöhnliche Geschichten, die sich mit dem Verhältnis von Leben und Tod auseinandersetzen. Zwar entsprechen die Geschichten in Hinsicht auf Figuren und Schreibstil nicht den modernen Standards, doch ihre Kraft und gedankliche Tiefe kann noch immer überzeugen. Wer literarisch anspruchsvolle Phantastik mag, wird hier auf seine Kosten kommen.

Eure Meinung:

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Titel:

Titel: Der Freund des Todes

Autor: Pedro Antonio de Alarcón

Reihe: Die Bibliothek von Babel, Band 1

Übersetzerin: Astrid Schmitt

Verlag: edition Büchergilde, April 2007

Seiten: 152-Gebunden

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3940111012

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 14.05.2007, zuletzt aktualisiert: 07.05.2019 18:36