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Der Glöckner von Notre Dame

Reihe: Gruselkabinett 28 & 29

Hörspiel

 

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

1482 wird in Paris das die Grundlagen der Gesellschaft auf dem Kopf drehende Narrenfest gefeiert, auf dem für viele Pariser der Grundstein einer tragischen Entwicklung gelegt wird. Schon zu Beginn ist die Stimmung gereizt: Die ins Mysterienspiel einführende Rede des Dichters Pierre Gringoire wird vielfach unterbrochen, der Pöbel will nacktes Fleisch, Raufereien, Blut – kurzum: Die spaßigen Seiten des Lebens. Bei der Wahl des massiv verunstalteten Quasimodos, des Glöckners vom Notre Dame, zum Narrenpapst ist der leichtlebige Jean Frollo du Moulin anwesend; er schreitet nicht gegen die Wahl ein, die bloß den verunstalteten Menschen verspotten soll, ganz im Gegenteil. Aber Erzdiakon Claude Frollo, Jeans älterer Bruder und Ziehvater Quasimodos, schreitet durchaus ein und entfernt ihn unter dem Protest des grausamen Pöbels vom Fest. Doch dann tritt die geheimnisvolle und wunderschöne Zigeunerin La Esmeralda auf und verdreht mit ihrem Tanz allen Männern den Kopf – und riskiert letztlich ihren eigenen.

 

Auf zwei CDs – es sind die Folgen 28 und 29 der Reihe Gruselkabinett – wird der Klassiker Der Glöckner von Notre Dame von Victor Hugo umgesetzt. Diese Länge ist für die tragische Liebesgeschichte aufgrund ihrer Komplexität absolut angemessen. Im Zentrum des Beziehungsgeflechts steht die Zigeunerin La Esmeralda; sie verdient mit einer komischen Vorführung ihrer Ziege und ihrem Tanz ihren Lebensunterhalt. Sie kennt ihre Eltern nicht und hofft, dass ihr Glücksbringer ihr diesbezüglich hilft. Die junge Frau selbst verliebt sich in Phoebus de Châteaupers, einen schmucken und unmoralischen Offizier. Der strenge Erzdiakon verliebt sich wiederum in die erregende junge Frau. Da er ein keuscher Mann mit hohem moralischen Anspruch – vor allem sich selbst gegenüber – ist, fällt es ihm sehr schwer mit diesem Begehren umzugehen, das er nie zu artikulieren oder kompensieren lernte. Auch der glücklose Poet Gringoire und der hässliche Quasimodo verlieben sich in die Tänzerin.

Zu diesem komplexen Beziehungsgeflecht kommen noch zahlreiche Nebenhandlungen um Hexerei und Alchemie, Esmeraldas Herkunft, den Eskapaden Jean Frollos und den mächtigen Bettlerkönig Clopin Trouillerfou. Diese Nebenhandlungen sind allerdings nur eingeschränkt Selbstzweck, denn häufig sind sie Träger einer vielfältigen Beschreibung des Settings; da dieses Setting recht beeindruckend ist, will ich hier etwas näher darauf eingehen. Das (fiktive) Paris des späten 15. Jh. ist grob, schmutzig und lebensfoh. Die Büßernonne bepöbelt vor allem Zigeuner aus ihrer Zelle am Notre Dame, die Bürger rümpfen die Nase über den Pöbel und lassen ihn am ausgestreckten Arm verrecken, mischen sich zum Amüsement aber schon einmal darunter. Der Pöbel wiederum treibt grausamen Spott mit den Wehrlosen – wer ins Viertel des Bettlerkönigs unerlaubt eindringt, wird kurzerhand aufgeknüpft. Aberglaube und Doppeltmoral, Gier und Grausamkeit sind wichtige Eigenarten dieses Paris'; Grusel im engeren Sinne, also Gespenster und Dämonen, gibt es keine, aber für meinen Geschmack ist das Setting schrecklich genug um eine Aufnahme ins Gruselkabinett zu rechtfertigen.

Die Spannung speist sich in erster Linie aus dem Setting – die Geschichte ist also zumindest in Teilen als Sittengemälde zu verstehen – und (überraschend für eine Liebesgeschichte) auf die direkten Bedrohungen der Protagonisten. Auch der Konflikt Claudes ist spannend, denn er ist nicht nur der wahre Schurke, sondern auch die einzige moralische Person – wie sagt Claude selbst: "Wenn man Böses tut, soll man es ganz tun."

 

Wie der Inhalt vermuten lässt, gibt es gleich eine ganze Reihe von Sprechrollen: Es werden dreizehn benannte Figuren und einige unbenannte gesprochen. Bei einer so großen Anzahl von Sprechern kann es nicht verwundern, wenn auch schwächere Leistungen dabei sind – umso schöner ist es, dass alle Sprecher in Der Glöckner von Notre Dame gute Leistungen abliefern. Da gibt es einfach nichts dran auszusetzen. Man könnte vermuten, das liege daran, dass die wichtigen Rollen mit Hörspiel-Veteranen besetzt seien, doch das ist nur zum Teil der Fall.

Roland Hemmo (Erzähler) ist ein außerordentlich fleißiger (und guter) Synchronsprecher, der auch in Hörspielen wie das Gruselkabinett oder Dorian Hunter mitwirkte. Udo Schenk (Claude Frollo) ist ähnlich erfahren – er verlieh unter anderem Gary Oldman und Kevin Spacey die deutsche Stimme – aber in Sachen Hörspiel deutlich umtriebiger: John Sinclair, Don Harris, Dorian Hunter, Faith – The Van Helsing Chronicles, Tony Ballard – Udo Schenk scheint omnipräsent. Auch Christian Stark (Jean Frollo) ist vor allem aus dem Hörspiel bekannt: Die Schwarze Serie, Lübbes Perry Rhodan-Produktion oder Scotland Yard gehören in sein Sprecheroeuvre. Julien Haggège (Pierre Gringoire) ist zwar als Synchronsprecher erfahren, doch Hörspiel hat er nur wenige mitgestaltet – Der Orden (des leider verblichenen CanoraMedia-Labels) und natürlich das Gruselkabinett. Der Schauspieler Patrick Bach (Phoebus de Châteaupers) ist nun recht bekannt – meiner Generation als Silas oder Jack Holborn, man kann ihn allerdings auch in Die drei ??? , Dorian Hunter oder TKKG hören. Matti Klemm (Clopin Trouillerfou) ist nun eher unbekannt, obwohl er vielleicht schon öfters gehört wurde – als Sprecher von Fernsehberichten. Hörspiele hat er nur wenige gemacht: Abseits der Wege und Point Whitmark. Nun sind wir beim anderen Ende der Erfahrungsleiste angelangt: Tommy Morgenstern (Quasimodo) hatte vorher nur im Gruselkabinett und Kristine Walther (La Esmeralda) meines Wissens nirgends mitgewirkt. Und dennoch will ich besonders Walthers herausragende Leistung loben – sie spricht die Zigeunerin glaubhaft nuanciert und lässt sich vom gut aufgelegten Udo Schenk keineswegs an die Wand spielen.

 

Die Inszenierung ist sehr solide. So gibt es zwar trotz des Erzählers ein paar eigentümliche Beschreibungen in der Figurenrede, doch die halten sich in sehr engen Grenzen, so dass dieses nicht weiter stört. Die Untermalung mit orchestralen Musikstücken und Geräuschen ist sehr dezent – manch einer mag meinen: Zu dezent. Doch dem lässt sich das alte Bonmot: "Die beste Filmmusik ist die, die man nicht hört." entgegen halten. Wie es der geneigte Hörer damit hält, muss obliegt ihm selbstverständlich selbst.

 

Fazit:

Die zauberhafte Zigeunerin La Esmeralda wird von den bürgerlichen Damen verachtet und von den Herren verehrt – drei sehr unterschiedliche Männer sind ihr besonders zugetan, doch ihr Herz gehört einem anderen. Mit Der Glöckner von Notre Dame hat Titania Medien dank einer soliden Inszenierung und vielen guten Sprechern einen Klassiker der Literatur gelungen umgesetzt, der an einer komplexen tragischen Liebesgeschichte ein düsteres Sittengemälde des spätmittelalterlichen Paris aufzeigt. Diese Doppelfolge hat zwar ein ungewöhnliches Thema für das Gruselkabinett, lohnt sich aber darum nicht minder anzuhören.

 

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Hörspiel:

Der Glöckner von Notre Dame

Reihe: Gruselkabinett 28 & 29

Vorlage: Victor Hugo

Buch: Marc Gruppe

Produktion & Regie: Stephan Bosenius & Marc Gruppe

Umfang: 2 CDs, ca. 127 Min.

Label: Titania Medien

Erschienen: Oktober 2008

 

Asin: 3785736371

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher:

Roland Hemmo

Udo Schenk

Christian Stark

Tommy Morgenstern

Kristine Walther

Julien Haggège

Patrick Bach

Matti Klemm

Serienguide:

Alles zur Reihe Gruselkabinett


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Erstellt: 27.02.2009, zuletzt aktualisiert: 28.05.2019 19:09