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Der glückliche Berg

Autorin: Angela Sommer-Bodenburg

 

Schon seit ewigen Zeiten stand der kleine Berg in der Wüste, zusammen mit vielen anderen Bergen. Auf seinem Rücken hatte er zwei Buckel mit einer Mulde dazwischen, so dass er wie ein verbeulter Filzhut aussah. Aber natürlich bestand er nicht aus Filz, sondern aus Stein - aus Sandstein. Alles in allem war er ein recht hübscher Berg. Aber es war nichts Ungewöhnliches an ihm. Die Berge um ihn herum hatten genau wie er Buckel und Mulden. Nicht einmal seine Farbe unterschied den kleinen Berg von den anderen: alle waren hellbraun wie Milchschokolade. Die meisten Berge waren sogar höher und breiter als er. Es gab allerdings keinen, der wie ein verbeulter Filzhut aussah.

Und so stand der kleine Berg Jahr für Jahr auf seinem Platz und war glücklich, weil ihm nichts fehlte und weil er nichts vermisste. Er lauschte dem nie endenden Gesang des Windes, der in der Wüste viele verschiedene Stimmen hat: er flüstert und raunt, er pfeift und singt, aber er kann auch heulen und brüllen. Tagsüber beschien die Wüstensonne den kleinen Berg und ließ die Sandkörner auf seinen sanft abfallenden Hängen glitzern und nachts Übergoss ihn der Mond mit seinem silbernen Licht. Sonst geschah nicht viel.

Aber dann kam eines Sonntags ein schwarzes Auto in die Wüste und hielt auf dem steinigen Weg, der sich zwischen den Bergen hindurchschlängelte. Ein Junge in einer dunkelblauen Hose und einem hellblauen Hemd sprang heraus. Er hatte rotbraune Haare und Sommersprossen. Der Fahrer des Autos, ein dicker Mann mit einem Schnurrbart, lehnte sich aus dem Fenster und rief: "Was willst du denn in dieser Einöde fotografieren?"

"Den Berg", sagte der Junge.

"Welchen Berg?"

"Den da drüben." Der Junge zeigte auf den kleinen Berg.

"Warum ausgerechnet den?", fragte der Mann. "Er sieht doch genauso aus wie die anderen."

"Sieht er nicht", sagte der Junge. "Er ist ein Hutberg. Und Hutberge sind etwas ganz Besonderes!"

"Du bist wohl ein Fachmann für Berge", lachte der Mann.

Der Junge gab keine Antwort. Er musterte den kleinen Berg durch seine Kamera und dann drückte er auf den Auslöser. Es machte Klick.

"Komm jetzt", drängte der Mann. "Wir wollen noch zu den siebzehn Palmen!"

Der Junge stieg wieder ein und das schwarze Auto fuhr davon. Seine Kamera hatte der Junge mitgenommen - aber nicht nur die Kamera. Er hatte auch ein Stück des kleinen Bergs mit sich genommen, als er ihn fotografiert hatte!

Von diesem Tag an war der kleine Berg nicht mehr derselbe. Ständig musste er an den Jungen denken und daran, dass der Junge ihn ausgewählt unter all den Bergen. Sehnlichst wünschte er sich nun, dass der Junge zurückkam. Aber der Junge kam nicht und mit jedem Tag wurde der kleine Berg trauriger. Es wurde Frühling in der Wüste, dann Sommer. Schließlich war es Herbst und der Junge war noch immer nicht gekommen. Zum erstenmal in seinem Leben bereute der kleine Berg es, ein Berg zu sein, denn ein Berg kann nur dastehen und warten.

"Wenn ich doch ein Vogel wäre!", sagte der kleine Berg zu dem Wüstenspatz, der in einer kalten, stürmischen Novembernacht bei ihm Schutz suchte.

"Ist es nicht viel schöner, ein Berg zu sein?", entgegnete der Wüstenspatz.

"Es ist schön, ein Berg zu sein", sagte der kleine Berg. "Aber wenn ich ein Vogel wäre, könnte ich zu dem Jungen mit den Sommersprossen fliegen und herausfinden, ob wir noch Freunde sind!"

"Dazu musst du kein Vogel sein", sagte der Wüstenspatz, der ein sehr kluger Vogel war.

"Nicht?", wunderte sich der kleine Berg.

"Nein", sagte der Wüstenspatz. "Du kannst doch im Traum zu dem Jungen fliegen!"

"Im Traum?"

"Ja! Im Traum kannst du überall hinfliegen!"

Da beschloss der kleine Berg, noch in derselben Nacht im Traum zu dem Jungen zu fliegen. Aber wer träumen will, muss vorher einschlafen - das wusste der kleine Berg. Und so begann er sich in den Schlaf zu wiegen. Während er sich wiegte, bebte in der Wüste die Erde.

Und dann auf einmal wurde der kleine Berg davongetragen, über die große weite Wüste hinweg zu einer Stadt, zu einem Haus, in ein Zimmer. Dort stand ein Bett, in dem jemand lag. Es war der Junge mit den Sommersprossen! Er schlief. Der kleine Berg wagte nicht ihn zu wecken. Scheu sah er sich um. Sein Blick fiel auf ein Foto an der Wand und er stieß einen tiefen Seufzer aus. Auf dem Foto war er selbst! Der Junge hatte die Aufnahme, die er von dem kleinen Berg gemacht hatte, vergrößern lassen und nun hing sie in einem silbernen Rahmen an der Wand.

Der kleine Berg spürte, wie die Traurigkeit der vergangenen Monate von ihm abfiel. Der Junge hatte ihn nicht vergessen! Und sie waren noch immer Freunde!

Bis zum Sonnenaufgang stand der kleine Berg am Bett des Jungen und sah ihm beim Schlafen zu. Dann kehrte er in die Wüste zurück. Aber jetzt war er nicht nur so glücklich wie früher. Nein, jetzt war er der glücklichste Berg unter der Wüstensonne!

 

©2003 Angela Sommer-Bodenburg

 

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Erstellt: 23.05.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58