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Der Herr des Turmes von Anthony Ryan

Reihe: Rabenschatten Band 2

Rezension von Markus Mäurer

 

Rezension:

»Es hat einen Bullenmotor auf 350 PS aufgeblasen, es hat Bullenreifen, Bullengetriebe und Bullenstoßdämpfer. Das ist ein Modell, das von katalytischen Konvertern gemacht worden ist, läuft also mit Normal-Benzin. Was sagst du jetzt? Ist das das neue Blues Mobil, oder was?!«

 

»Der Zigarettenanzünder ist im Arsch!«

 

So läuft das Gespräch zwischen Jack und Elwood im Film Blues Brothers ab, als Elwood Jack aus dem Knast abholt und versucht, ihm das neue Auto schmackhaft zu machen.

 

»Es hat einen Wahnsinnshelden, der alle Bösen niedermetzelt, zwei Wahnsinnsbräute, die mit Intelligenz, Charme, Mut und Kampfkünsten die Welt vor dem kataklysmischen Untergang bewahren. Alles folgt dem Lied des Blutes. Mit spannender Handlung, in einer edlen aufgemotzten Hardcoverausgabe mit schickem Cover. Was sagst du jetzt? Ist das der Fantasyknaller des Herbstes?«

 

»Es hat kein Lesebändchen!«

 

So könnte ein Gespräch ablaufen, in dem mir jemand versucht, Der Herr des Turmes von Anthony Ryan schmackhaft zu machen. Aber es gibt durchaus noch etwas mehr zu kritisieren, als das fehlende Lesebändchen.

 

Anders als in Band 1 ist Vaelin Al Sorna nicht mehr der Ich-Erzähler und damit einzige Hauptfigur des Romans, der nach der Rahmenhandlung des Chronisten Verniers, der Vaelins Geschichte aufgezeichnet hat. Nein, auch wenn Verniers, wieder eine Art Rahmen liefert, gibt es dieses Mal vier Hauptfiguren, aus deren Perspektive die Geschichte in den jeweiligen Kapiteln erzählt wird. Vier Geschichten, die anfangs scheinbar nur wenig miteinander zu tun haben, später aber geschickt zusammengeführt werden.

 

Vaelin begibt sich nach seiner Freilassung am Ende von Teil 1 zurück auf den Weg nach Varinsburg; unterwegs lernt er Revyn kennen, die versucht, ihn umzubringen, was in einer solch archaischen und von Gewalt geprägten Welt schon mal als Bewerbungsgespräch gelten kann. Jedenfalls nimmt Vaelin sie fortan unter seine Fittiche, denn Reva wird im Verlauf der Geschichte, in der sie über sich hinauswächst, noch eine wichtige Rolle spielen. Ebenso, wie Prinzessin Lyrna und Frentis, die beide in sehr unterschiedlichen aber für sie fremden Gefilden unterwegs sind und sich übermenschlichen Bedrohungen ausgesetzt sehen.

 

Es dauert ganze 400 Seiten, bis die Geschichte richtig in Gang kommt und sich ein roter Faden bzw. überhaupt ein zentraler Plot abzeichnet. Ab da geht es aber richtig los und es zeigt sich, dass die bis dato eher willkürlich wirkenden Handlungsstränge geschickt miteinander verbunden sind.

 

Wobei dieser zentrale Plot jetzt nicht wirklich originell ist. Sämtliche in diesem Buch vorhandenen Fantasyelemente hat man auch woanders schon gelesen. Die Handlung verläuft sehr vorhersehbar und genau so, wie man es erwartet. Nein, Originalität und Kreativität sind sicher keine Gründe die Reihe um Vaelin Al Sorna und das Lied des Blutes zu lesen.

 

Was diesen Roman (ebenso wie Teil 1) aus der Masse der Fantasyerscheinungen heraushebt, ist der packende Schreibstil des Autors, der jede auch noch so langweilig erscheinende Szene spannend und mitreißend schildert. Was Anthony Ryan erzählt, ist nicht besonders, aber wie er es erzählt. Auch wenn es hier durch den Wechsel der Erzählperspektive einen Bruch gibt, was von vielen Lesern auch kritisiert wurde. Durch die Ich-Erzählung Vaelins in Band 1 ist man als Leser direkt an ihm dran, erfährt die Geschichte durch seine Augen und bekommt so einiges über sein Innenleben mit. Man hat also eine persönliche Beziehung zu ihm als zentralen Bezugspunkt aufgebaut.

 

Dieser Bezugspunkt fehlt in Band 2. Trotzdem halte ich Ryans Entscheidung für richtig. Hätte er Band 2 genauso aufgebaut wie den ersten, wäre es nur eine Wiederholung des Gleichen gewesen, ein warmer Aufguss. Durch die Erweiterung der Hauptfiguren hat er seine Möglichkeiten erweitert, die Geschichte in einer großen Bandbreite aus verschiedenen Perspektiven abwechslungsreicher in einem viel größeren und epischeren Rahmen zu erzählen.

 

So gibt es jetzt vier unterschiedliche Handlungsstränge aus vier Perspektiven mit unterschiedlichen Figuren, die im Laufe der Geschichte geschickt zusammengefügt werden, was der Geschichte ihre Geradlinigkeit nimmt. Die Erzählperspektive ist distanzierter und nimmt teilweise fast auktoriale Züge an.

 

Ein bisschen Kritik an den Figuren muss ich aber, obwohl ich sie alle gerne begleitet habe, äußern. Alle vier Hauptfiguren sind sehr interessant, aber teilweise wirken sie zu unverwundbar, zu perfekt mit ihren an Superkräften grenzenden Fähigkeiten. Vaelin ist der Superkämpfer, der sich durch das Lied des Blutes, das ihm stets vorgibt, was er zu tun hat, wie im God-Mode durch die Handlung kämpft, auch wenn er sein Schwert erst gegen Ende des Buches wieder auspackt. Prinzessin Lyrna ist durchaus verwundbar (wie sie auf sehr schmerzhafte Weise feststellen muss) glänzt aber durch ihre überragende Intelligenz, Frentis hat sich ebenfalls zum Superkrieger entwickelt, wobei dies dadurch abgemildert wird, dass er gezwungen wird, seine Fähigkeiten gegen seinen Willen einzusetzen. Über Reva möchte ich jetzt nicht zu viel verraten, aber sie entwickelt sich schon fast zu einer Heiligen á la Jeanne d’Arc.

 

Da es sich um Teil 2 der Serie handelt, versteht es sich von selbst, dass man zunächst Das Lied des Blutes lesen sollte. Wem Teil 1 gefallen hat, wird sich auch in Teil 2 nicht daran stören, dass alles etwas vorhersehbar und konventionell abläuft. Der Wechsel der Erzählperspektive stellt da schon eher ein Problem dar, was mich persönlich aber überhaupt nicht gestört hat. Im Gegenteil, wie oben schon erläutert, tut es der Serie sogar gut. Während Band 1 vor allem die Originsstory (wie man das heute nennt) erzählt hat, zeichnet sich jetzt so langsam das große Ganze hinter der Geschichte und dem Lied des Blutes ab, dem Vaelin mehr oder weniger bereitwillig folgt. Mit knapp 850 Seiten ist das Buch ein ganz schöner Brocken, der sich in der exzellenten und stilsicheren Übersetzung von Birgit Pfafffinger und Hannes Riffel locker runterliest.

 

P. S. Jetzt habe ich gar nicht viel über den Inhalt bzw. die Handlung geschrieben, aber so geht es einem auch beim Lesen, man versteht erst ungefähr aber der Hälfte, worum es überhaupt geht. Nur so viel sei erwähnt: Die Zeichen stehen auf Krieg und das Volarianische Kaiserreich spielt dabei eine wichtige Rolle. Es gibt Verrat, große Tragödien, eine Liebe unter düsteren Vorzeichen und Schlachtszenen, an denen auch David Gemell seine Freude gehabt hätte.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der Herr des Turmes

Original: Tower Lord, 2014

Reihe: Rabenschatten 2

Autor: Anthony Ryan

Übersetzung: Birgit Pfaffinger und Hannes Riffel

Gebundene Ausgabe, 859 Seiten

Klett-Cotta. 26. September 2015

 

ISBN-10: 360896018X

ISBN-13: 978-3608960181

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00X5M0FFU

 

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Erstellt: 29.10.2015, zuletzt aktualisiert: 10.08.2019 17:02