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Der illustre Klient

Reihe: Sherlock Holmes 48

Hörspiel

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Dr. Watson ist erfreut: Holmes war am Morgen noch schlecht gelaunt gewesen, weil sich wieder kein interessanter Fall ausmachen lies, doch am Abend im türkischen Bad ist seine Laune glänzend – Sir James Damery hatte mysteriöse Bemerkungen gemacht. Beim Treffen kommt der Klient schnell auf den Punkt: Der österreichische Baron Adelbert Gruner ist ein Erbschleicher. Er bändelt mit einer reichen, ledigen Frau an, heiratet und beerbt sie, weil es rasch zu einem bedauerlichen Unfall kommt. Seit einiger Zeit hält der Baron sich in London auf und umwirbt Lady Violet de Merville; es scheint, als stünde die Heirat mit dem schönen Charismatiker kurz bevor. Um den Tod der gutherzigen, aber hoffnungslos verliebten Lady de Merville zu verhindern, müsse Holmes die Heirat verhindern. Da Sir James den eigentlichen Auftraggeber nicht preisgeben will – nur soviel, dass er in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen verkehre – ist Holmes zunächst sehr zögerlich. Doch Watson bedrängt ihn so sehr, dass der Meisterdetektiv schließlich nachgibt. Da Lady de Merville mit vernünftigen Worten anscheinend nicht umzustimmen ist, wendet Holmes sich zunächst an den Baron – und stößt auf einen brandgefährlichen Gegner.

 

Die Geschichte ist einigermaßen ungewöhnlich für eine Holmes-Geschichte, geht es dieses Mal nicht um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern um die mittelbare Verhinderung eines Verbrechens. Dabei geht Holmes allerdings nach dem üblichen Schema vor: Er redet mit Beteiligten in der Hoffnung, dass er dabei auf den entscheidenden Hinweis stößt, der nicht das Gericht, sondern die Braut überzeugt. Dem Plot nach ist es ein Thriller oder eher noch eine hardboiled Detektivgeschichte a la Dashiell Hammetts Continetal Ops-Geschichten. Nur dass es in dieser Holmes-Geschichte nur zwei Action-Szenen gibt, von denen eine auch noch Off-Scene stattfindet; stattdessen hört man hier eine Aneinanderreihung von Gesprächen. Die Spannungsquellen sind rar gesät: Die wichtigste ist die verholene Bedrohung für Lady de Merville. Daneben gibt es noch die kaum verholene Drohung gegen Holmes und natürlich die Frage, wer den Zweikampf gewinnen wird: Holmes oder Gruner. Aus Meta-Gründen weiß der Hörer natürlich, dass Holmes nicht ausgeschaltet wird – es ist schließlich nicht die letzte Folge. Auch dass Holmes Gruner bezwingen wird, ist klar, nur die Frage "Wie?" nicht. Damit ist natürlich auch die Rettung der Lady klar, auch wenn der Hörer dies bedauern mag – sie ist eine arrogante Zicke. Doch so wie die Meta-Ebene Spannungsquellen zerstört, wird sie für den Kenner verschiedener Krimi-Spielarten auch neue schaffen: Interessant ist vor allem der Vergleich mit Hammetts Continetal Ops-Geschichten: Holmes agiert hier als Problemlöser für eine hochgestellte Persönlichkeit. Für sie macht er sogar eine Ausnahme von seinen Prinzipien. Dass die Motive des eigentlichen Klienten mindestens fragwürdig sind, passt da gut ins Bild.

Der Plotfluss ist eher langsam: Die eine oder andere Szene hätte etwas gekürzt werden können, um mehr Schwung in die Geschichte zu bringen.

 

Wie üblich für Maritims Sherlock Holmes-Reihe ist die Anzahl der Sprecher recht überschaubar – das Inlay zählt neun auf. Sherlock Holmes und Dr. Watson sind selbstverständlich wieder mit ihren Stammsprechern Christian Rode und Peter Groeger besetzt; die beiden herausragenden Sprecher machen ihre Sache gewohnt gut. Von den verbleibenden Figuren ist Holmes charismatischer und boshafter Gegenspieler Baron Gruner zweifelsohne die wichtigste. Ole Pfennig gelingt es ganz vorzüglich, diese Rolle mit Leben zu füllen – ich halte seine Performanz für die beste dieser Folge. Dabei wird seine Stimme dem Hörer vermutlich irgendwie bekannt vorkommen, ohne dass man sie richtig zuordnen könnte. Das liegt daran, dass er zwar als Synchronsprecher an zahllosen Filmen mitwirkte, aber keinen Schauspieler regelmäßig synchronisiert. Als Hörspielsprecher ist er mir bisher nur in Maritim-Produktionen wie die Morde des Émile Poiret oder eben Sherlock Holmes-Folgen begegnet. Auch die Sprecher der folgenden drei Nebenfiguren sind vor allem aus Maritim-Produktionen bekannt: Sir James Damery (Gerhard Acktun, Top Secret & Sherlock Holmes), der anständige Gauner Shinwell Johnson (Michael Schernthaner, Top Secret & Sherlock Holmes), sowie die überhebliche Lady de Merville (Susanne Meikel, Top Secret & Sherlock Holmes); da sie zumeist nur Kleinstrollen haben, hält sich der Wiedererkennungsfaktor aber in engen Grenzen. Schernthaner und Meikel können ihre Rollen anständig interpretieren, Acktuns Performanz klingt in meinen Ohren nach Overacting: Zuerst ist er zu unbeteiligt, später dann zu begeistert. Als Letztes will ich die kleine Ganovin Kitty Winter nennen. Sie wird von Arianne Borbach gesprochen. Die Synchronsprecherin (Uma Thurman, Catherine-Zeta Jones) ist nun wieder eine Veteranin des Hörspiels: John Sinclair, Jack Slaughter, Offenbarung 23, aber eben auch Die Morde des Émile Poiret. Sie spielt ihre Rolle aus der zweiten Reihe, wohin sie ob ihrer inhaltlichen Bedeutung gehört, in die erste Reihe hinein. Man wünschte sich, Pfennig und Borbach öfters als Schurken zu hören.

 

Die Inszenierung ist wie immer gemäßigt modern mit Dr. Watson als beteiligten Erzähler. Die Geräusche werden selbsterklärend, aber zurückhaltend eingesetzt. Bisweilen sind sie irritierend gewählt; die Baker Street scheint neuerdings an der Küste zu liegen und im Hafen hört man Dieselmotoren tuckern. Die Musiken sind wiederum zurückhaltend eingesetzt, können aber wesentlich eher überzeugen – es handelt sich um verjazzte Orchestralmusik und erinnert sehr an klassische Kriminalfilme.

 

Fazit:

Sir James Damery wendet sich vertrauensvoll an Holmes: Der Meisterdetektiv soll die anstehende Heirat zwischen der naiven Lady de Merville und dem mörderischen Erbschleicher Baron Gruner verhindern. Dieser die hardboiled Detective-Geschichte vorausahnende Fall ist weniger aus sich selbst heraus spannend, als vielmehr im Kontext der frühen Kriminalgeschichten interessant; versüßt wird dieses durch die zum Teil hervorragenden Leistungen der Sprecherriege.

 

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Hörspiel:

Der illustre Klient

Reihe: Sherlock Holmes 48

Vorlage: Sir Arthur Conan Doyle

Produzent: Studio Maritim

Buch: Daniela Wakonigg

Label: Maritim

Erschienen: Juni 2010

Umfang: 1 CD, ca. 68 Minuten

ASIN: 3867142831

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher (Auswahl):

 

Christian Rode

Peter Groeger

Gerhard Acktun

Ole Pfennig

Michael Schernthaner

Arianne Borbach

 


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Erstellt: 01.07.2010, zuletzt aktualisiert: 14.05.2019 14:55