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Der Intimitätendieb von Robert Rescue

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Der Zirkel der Berliner Hexen hat ein gravierendes Problem. Obwohl sie nach den Gesetzen der Anonymität leben, ist ihnen ein skrupelloser Mörder auf den Fersen.

Die junge, naive Hexe Tasha Me bekommt den Auftrag, ihn ausfindig zu machen. Hilfe findet sie bei Hakim, dem Intimitätendieb, der die Geheimnisse von Menschen ausspioniert und sie in der temporären Kneipe, einer zwielichtigen Spelunke im Hier und Nirgendwo, verkauft.

Doch nicht nur sie sind dem Mörder auf der Spur. Auch Kriminaloberkommissar Brückmann ermittelt in dem Fall und kann kaum glauben, was er herausfindet

 

Rezension:

Die Berliner Lesebühnenlandschaft ist groß und ihre AutorInnen sehr umtriebig. Der Periplaneta Verlag hat mit Christian von Aster bereits einen Autor aus der Szene im Programm, vielleicht gelingt Robert Rescue ein vergleichbarer Erfolg.

 

Sein Roman-Debüt Der Intimitätendieb verspricht Fantasy jenseits aller Klischees. Dem kann man nach der Lektüre nur zum Teil zustimmen. Allerdings sind Genre-Klischees auch keine festen Größen und dürften von LeserIn zu LeserIn schwanken.

Die Handlung bildet anderthalb Wochen des Jahres 1999 in einem leicht neben unserer Realität treibenden Berlin ab. Zunächst begleiten wir die etwas chaotische Junghexe Tasha Me, die sich eine Fehde mit ihrer Ex-Ausbilderin liefert. Als wir sie kennenlernen, ärgert sie die lesbische Hexe gerade durch Sex in ihrer Wohnung, natürlich nicht ohne das Kondom hinterher gut sichtbar zu drapieren.

Ja, das ist schon ein skurriler Auftakt. Rescue liefert sofort Nachschlag. Der titelgebende Intimitätendieb Hakim trifft in der »Temporären Kneipe« auf seine Kunden. Diese Kneipe und ihre Gäste samt Lebensgeschichten ragen aus dem Rest des Romans hervor. Hier ist dem Autor ein wunderbares Kleinod schräger Phantastik gelungen, mit dem die eigentlich Story aber nicht ganz mithalten kann.

Die Temporäre Kneipe ist ein magischer Ort. Hier ist die Atmosphäre greifbar. Das Zusammenspiel von Chat, dem Wirt, der eine versteinerte Lady durch immer neue Getränke erwecken will und seiner Kneipe, die irgendwo im Ungefähr zu finden ist, macht großen Spaß beim Lesen. Sie ist nie wirklich bevölkert, das Kneipenleben besteht quasi nur aus den Stammgästen, aber Rescue bringt das sehr lebendig zu Papier. Hakim verkauft hier Intimitäten, die er vorher seinen Opfern abgeluchst hat. Alles fein säuberlich in einer versteckten Datenbank und Kisten mit Material archiviert. Daher wundert es ihn zunächst nicht, das sich die Hexer an ihn wenden und ihm ein lukratives Geschäft vorschlagen.

Die Durchdringung der Fantasy-Stereotypen mit urbaner Welt und moderner Technik steht dabei spürbar in der Tradition von New Weird.

 

Im zweiten Handlungsstrang wird Tasha Me von der Oberhexe des Berliner Hexenzirkels auf den Mord an einer Kollegin angesetzt. So etwas geschieht heutzutage eigentlich nicht mehr, denn dank dem Gebot der Anonymität leben die Hexen ganz glücklich und unangetastet im Verborgenen.

Doch die moderne Zeit bringt nicht nur ein Auflockern des Gebotes sondern auch das Aufflackern eines alten Feindes mit sich, bei deren Bekämpfung, sich die Hexen reichlich dumm anstellen. Dem Erben der Inquisition, der mal unüberwindlich erscheint, mal ebenso dämlich wie seine Opfer, sind sie zunächst nicht gewachsen.

Hinein schlittern zusätzlich noch Polizisten am Rande des Gesetzes und nach und nach erfahren wir so einiges über Hexenverfolgung im Wandel der Zeiten.

 

Je nach Humorlevel wirkt das lustig oder angestrengt, aber nur ganz selten schafft es der Autor, seine durchaus schrägen Typen auf den Punkt genau in eine witzige Situation geraten zu lassen. Man spürt förmlich die fehlende Pointe und bekommt das Gefühl, dass sich Rescue nicht entscheiden konnte, ob er einen Horror-Roman oder eine Satire schreiben wollte. So jedoch bleibt beides in, wenn auch profunden, Ansätzen stecken.

Verblüffend ist zudem, das Berlin als Handlungsort nicht wirklich greifbar und lebendig wird. Zwar werden Straßen, Plätze und Parks genannt, aber über bloßes Namedropping geht das nicht hinaus. Es entsteht kein Flair. Weder ein irgendwie magisch-mystisches, noch ein an die Realität angelehntes. Rescue agiert stets von den Figuren aus, sie bestimmen die Szene und treiben die Handlung mittels Dialogen voran. Hier kommt vermutlich der Lesebühnen-Autor durch.

Das muss aber kein Nachteil sein; der Roman bleibt trotzdem bis zum Schluss locker flockige Unterhaltung.

 

Fazit:

»Der Intimitätendieb« stellt sich dem Versuch, Berlin eine Spur von Mystik einzuhauchen. Mit der Temporären Kneipe erschafft Robert Rescue einen phantastischen Ort, der über kleinere Schwächen in der Handlung mit einer ordentlichen kreativen Explosion hinwegschießt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der Intimitätendieb

Autor: Robert Rescue

Taschenbuch, 241 Seiten

Periplaneta, 2. Februar 2014

Cover: Holger Much

 

ISBN-10: 3943876683

ISBN-13: 978-3943876680

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00HAQW35W

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 28.03.2014, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 13:52