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Der Käfig von Richard Laymon

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Grusel- beziehungsweise horroraffinen Lesern dürfte der Valentinstag 2001 sicherlich in besonders unschöner Erinnerung geblieben sein. Denn es war an jenem 14. Februar, als eine gleichermaßen innig verehrte wie auch nicht selten stark umstrittene Koryphäe des Genres völlig unerwartet einem Herzinfarkt erlag: Richard Laymon. Mehr als zwei Jahrzehnte lang versorgte der Kalifornier regelmäßig seine Leserschaft mit überwiegend makabren, von triefend-schwarzem Humor und den Krachern des Grindhouse-Kinos aus den 1970ern geprägten Elaboraten, die zumeist (zumindest für damalige Verhältnisse) neue Dimensionen in Sachen Gewalt und Abartigkeiten erreichten. Was heute gerne als »Torture Porn« betitelt wird, hatte mit Sicherheit unter anderem seine Wurzeln in Laymons umfangreichem Schaffen, wobei das Repertoire des gebürtigen Chicagoers nicht selten die Fantasien der heutigen Filmemacher in Sachen bizarrem Einfallsreichtum bei Weitem übertrifft; sogar noch ein Jahrzehnt nach Laymons Tod. Mit Genuss und der entsprechenden Expertise verwischte er regelmäßig die klassische Grenze zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch. Eine Marschrichtung, der er übrigens zeitlebens stets treu geblieben ist, dafür aber auch nicht selten von diversen Verlegern mit Nichtbeachtung geschmäht wurde. Seine treuen Anhänger kümmerte dies allerdings herzlich wenig und freute sich regelmäßig auf die neueste Ausgeburt ihres Helden, der zudem eine ganze Generation von Nachwuchsautoren gleich mit »verdorben« hat.

Der Käfig (im Original als Amara erschienen) nimmt innerhalb der Laymon’schen Bibliographie aber eine besondere Stellung ein, da es sich hierbei um eines (von mehreren) posthum entdeckten beziehungsweise veröffentlichten Romanen handelt, die entweder nur teilweise vollendet und/oder noch nicht lektoriert waren. In diesem Falle konnten Laymons Witwe Ann und seine Tochter Kelly auf einen sehr guten Freund der Familie zurückgreifen: Dean Koontz. Ohne zu zögern erklärte sich der renommierte Bestsellerautor bereit, jenen Manuskripten den letzten Feinschliff zu verpassen; beginnend mit »Der Käfig«.

 

Interessanterweise rotiert diesmal der Mikrokosmos des Autors weniger um einen (oder mehrere) »Bad Guy(s)« denn um ein altbewährtes Versatzstück der Horror-Literatur: der zu neuem Leben erwachten Mumie. Ebenjene Reputation haftet dem neuesten, womöglich prominentesten Elaborat im Charles Ward-Museum an, soll die geheimnisvolle ägyptische Herrscherin Amara laut Überlieferung imstande sein, selbst den Tod zu überwinden. Ihren Vorbesitzer, den Archäologen Robert Callahan, hat die einstige Ehefrau von Mentuhotep dem Ersten auf jeden Fall schon mal überdauert – oder waren es letztlich doch simplere Umstände gewesen, die zu seinem unerwarteten Ableben geführt haben?

Für derlei abergläubisches Gerede ist die zuständige Kuratorin Susan Connors im Grunde immun, doch nach der brutalen Ermordung mehrerer Wachleute machen sich auch bei der sachlichen jungen Frau Zweifel breit: Könnte tatsächlich die wiederauferstandene Mumie die Mörderin gewesen sein? Oder handelt es sich letztlich doch um einen Akt von Kriminellen?

Von all diesen sonderbaren Vorkommnissen weiß der junge Ed nichts. Ihn plagen andere Sorten. Nicht nur, dass seine Freundin abrupt Schluss mit ihm gemacht hat, findet er sich zudem nach einer Entführung in einem kleinen Käfig wieder – gemeinsam mit weiteren Gefangenen. Hilflos werden er und die anderen nicht nur wie Tiere gehalten, sondern auch für bizarre und zumeist äußerst abartige Spielchen von durchweg sexueller Natur missbraucht. Doch von wem?

Was Missbrauch und Gewalt betrifft – davon können Grace und ihre kleine Schwester Pixie ein Liedchen singen. Gemeinsam mit Graces’ Freund Cody sind die beiden Mädchen vor ihrem brutalen Stiefvater geflohen und finden sich in den dunklen Ecken von South Los Angeles wieder. Auch hier lauern unzählige Gefahren; präsentiert sich jene verrufene Ecke der Millionenmetropole als Brutstätte für menschliche Monster. Das ihnen dabei allerdings auch noch eine untote ägyptische Herrscherin und ein bizarrer Sex-Spielplatz in die Quere kommen könnte, damit haben die drei Ausreißer nicht gerechnet …

 

»Der Käfig« – eigentlich sagt der Titel schon alles. Zumindest wenn man mit Laymons Vorgehensweisen vertraut ist. Und tatsächlich: all jene »liebgewordenen« Ingredienzien sind in Hülle und Fülle vorhanden, beginnend mit reichlich viel Gewalt, unzähligen durchgeknallten Persönlichkeiten, einer ordentlichen Prise Gewalt, nackter Haut im Übermaß sowie Körpersäften und –ausscheidungen in allen Formen und Farben. Parallel dazu entwickelt der Roman eine außerordentliche Sogwirkung sowie eine Geschwindigkeit, welche es unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen. Sofern man … siehe oben.

Denn eines sollte ganz besonders den Novizen vor Beginn des Lesens klar sein: hochtrabende Prosa der Marke Peter Straub & Co. wird es hier ebenso wenig geben wie eine tiefschürfende Handlung. Vielmehr präsentiert sich »Der Käfig« als fetzige Mutation aus den splattrigen Schmuddelkino-Fantasien eines Herschell Gordon Lewis (besonders sein kultiges Blood Feast muss dabei Pate gestanden haben) und dem pechschwarzen Humor einer so gewissenlosen Comedy-Truppe wie Monty Python, sofern letztere dem Horror zugewandt wären. Hochglanztrash zugegebenermaßen, jedoch auf einem außerordentlich hohen und unglaublich unterhaltsamen Niveau. Dabei muss man es den beiden Autoren (Koontz’ Passagen sind überwiegend deutlich auszumachen) hoch anrechnen, dass sie trotz des wirklich groß angelegten Dramatis personae zu keinem Augenblick die Übersicht verlieren. Stattdessen läuft »Der Käfig« vom Beginn bis hin zum Ende präzise und einwandfrei wie eine gut geölte Maschine – und das bei über fünfhundert Seiten. Die ideale Ergänzung dazu stellen die unterschiedlichen Schicksale dar, die versiert verknüpft werden und im finalen Akt sogar noch für eine wirklich, WIRKLICH bitterböse Überraschung sorgen.

 

Fazit:

»Der Käfig« ist zu 100 Prozent Richard Laymon: Ausschweifend, brutal, gnadenlos, mitunter sexistisch, verstörend und mit Sicherheit nicht unbedingt jugendfrei. Innerhalb der deutschen Übersetzungen dürfte dieser Roman unter Garantie einen der vorderen Plätze einnehmen. Darum Platz nehmen, anschnallen und viel Spaß bei der wilden Achterbahnfahrt!

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Buch:

Der Käfig

Original: Amara (To Wake the Dead)

Autor: Richard Laymon

Übersetzer: Marcel Häußler

Taschenbuch, 512 Seiten

Heyne-Verlag, 8. März 2011

 

ISBN-13: 978-3453435308

ASIN: 3453435303

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 22.05.2011, zuletzt aktualisiert: 10.08.2020 18:25