Es gibt viele Klassiker der Horrorliteratur. Während einer wie H. P. Lovecraft seit vielen Jahren über allen und allem thront, gibt es auch unzählige Autoren des Unheimlichen, die mit der Zeit in Vergessenheit geraten sind.
Fast vergessen, aber nur fast, ist Robert W. Chambers (1865-1933). Er war seinerzeit ein erfolgreicher Autor, der fast 100 Bücher veröffentlicht hat, aber nur seine ersten Veröffentlichungen, die sich dem Übernatürlichen widmen und der »Weird Fiction« zuzurechnen sind, haben die Zeit überdauert und werden bis heute stetig nachgedruckt.
Ich wollte Chambers schon immer mal lesen. Schon alleine die Tatsache, dass H. P. Lovecraft von ihm inspiriert gewesen sein soll, macht ihn für alle Fans von fantastischer Literatur hochinteressant. Nun ist sein bekanntestes Werk, die Geschichtensammlung Der König in Gelb, in einer wirklich sehr preiswerten Hardcoverausgabe für weniger als zehn Euro bei Anaconda erschienen, und ich habe mir den Band besorgt.
Das mit Lovecraft steht auch auf der Rückseite des Buchs, allerdings ergibt eine schnelle Recherche, dass dies nicht so ganz stimmt. Zumindest soll Lovecraft die Idee des fiktiven Zauberbuchs »Necronomicon«, das essentieller Teil des Cthulhu-Mythos ist, vor Lektüre von Chambers gehabt haben. Lovecraft hat in der ersten Fassung seines 1927 veröffentlichten Sekundärwerks Supernatural Horror in Literature Robert W. Chambers gar nicht erwähnt. Erst als er das Buch kurz danach entdeckt und gelesen hatte, ergänzte er noch ein zusätzliches Kapitel.
»Sehr authentisch, wenn auch nicht ohne die für die 1890er-Jahre typische, manierierte Extravaganz, ist der Horror in den frühen Werken Robert W. Chambers’, der später für Werke ganz anderer Qualität bekannt wurde«, schrieb damals Lovecraft. Und ergänzte: »Der König in Gelb, eine Reihe lose verbundener Kurzgeschichten, deren Hintergrund ein monströses, unterdrücktes Buch bildet, dessen Lektüre Schrecken, Wahnsinn und gespenstische Tragödie hervorruft, erreicht trotz uneinheitlicher Spannung und einer etwas trivialen und gekünstelten Pflege der von Du Mauriers »Trilby« populär gemachten französischen Studioatmosphäre bemerkenswerte Höhen des kosmischen Grauens.«
Das Buch »Der König in Gelb« enthält neun Geschichten und ein langes Gedicht. Wie bei vielen Sammlungen bietet es eine breite Palette an Storys, wobei man hier betonen muss, dass diese »bunte« Mischung weit über den roten Aufkleber auf dem Buchcover hinausgeht. Anaconda hat vorne das Etikett »Der große Horrorklassiker« aufkleben lassen, was nur für die ersten Geschichten gilt. Absolut herausragend ist die Erzählung Der Wiederhersteller des Ansehens, die den Auftakt der Kollektion bestreitet. Sie etabliert den ›König in Gelb‹, als Theaterstück und als Buch, dessen Lektüre Lesende in den Wahnsinn oder Tod treibt, sowie das unheimliche Symbol namens »Gelbes Zeichen«. Beides sind wiederkehrende Elemente in den ersten Geschichten dieser Sammlung.
»Der Wiederhersteller des Ansehens« spielt in New York City des Jahres 1920, also 25 Jahr ein der Zukunft, und wird daher nicht nur als Vertreter des Horrorgenres, sondern auch der frühen Science Fiction angesehen. Unter anderem wird auch eine staatliche Todesanstalt erwähnt. So wurde das Gesetz zum Verbot von Selbstmord und die Bestrafung jedes Versuchs der Selbstzerstörung aufgehoben: »Die Regierung hielt es für angebracht, das Recht eines Menschen anzuerkennen, eine Existenz zu beenden, die für ihn untragbar geworden ist, aufgrund körperlichen Leidens oder seelischer Verzweiflung.«
Die Story ist aus der Sicht von Hildred Castaigne erzählt, einem Mann, dessen Persönlichkeit sich nach einer Kopfverletzung durch einen Sturz vom Pferd drastisch verändert hat. Daraufhin wird er in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Dort erhält und liest er das auf der ganzen Welt verbotene Theaterstück ›Der König in Gelb‹, was ihn extrem verstört und zum Exzentriker werden lässt.
Aus meiner Sicht ist diese Geschichte alleine das Geld für das Buch wert, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie 1895 veröffentlicht wurde und auch heute noch eine leicht unheimliche Sogwirkung entfaltet. Für Genrefans interessant sind auch Die Maske, Im Hof des Drachen und Das gelbe Zeichen.
Die weiteren Geschichten, die vornehmlich in Frankreich spielen, können nicht das unheimliche und teilweise makabre Element der ersten Vier vorweisen. Sie sind mitunter eher etwas abgehoben und phasenweise eher romantische Episoden, also das genaue Gegenteil von Horrorstorys. Freunde der klassischen Fantastik könnten sie als unnützes Beiwerk empfinden.
Deshalb könnte man behaupten, dass es auch die 2014 erschienene Edition des Festa Verlags tut, die ein tolles Covermotiv mit Hastur, dem König in Gelb, vorweist. Sie hat sich seit Veröffentlichung zu einem Evergreen des Verlags gemausert. Zwar bietet diese Ausgabe Begleitmaterial in Form von zwei Sekundärartikeln über Leben und Werk von Chambers, aber sie ist eben nicht vollständig und versammelt »nur« die unheimlichen Geschichten.
Hier kommt die neue Anaconda-HC-Ausgabe ins Spiel, die nicht nur günstiger ist, sondern neu übersetzt wurde und die Originalsammlung vollständig präsentiert. Wer also den kompletten Chambers will, kann hier beruhigt zuschlagen. Ebenso alle, die schon mal »irgendwo, irgendwie« vom »Gelben König« und seinem Zeichen gehört haben und schon immer wissen wollten, wo die Idee herkommt. Das sind wahrscheinlich alle, welche die erste Staffel der TV-Serie True Detective gesehen haben. Dort wird der Mythos kongenial thematisiert.