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Der kosmische Schrecken von H. P. Lovecraft

Rezension von Ingo Gatzer

 

Howard Phillips Lovecraft ist neben Edgar Allan Poe der wohl einflußreichste Vertreter der amerikanischen Horrorliteratur. Seine Ideen und Schöpfungen - wie beispielsweise das schreckliche Buch "Necronomicon" - schmücken zahllose Filme, Erzählungen, Romane und sogar Computerspiele. Nun hat der auf phantastische Literatur spezialisierte Verlag Festa eine Ausgabe von Lovecrafts gesammelten Werken in Angriff genommen. "Der kosmische Schrecken" ist der erste Band dieses Projektes. Das Äußere des Buches macht gleich einen wertigen Eindruck: Schutzhülle, schwarzer Einband, Fadenheftung. Anläßlich der Werkausgabe wurden Lovecrafts Erzählungen von Andreas Diesel und Frank Festa neu aus dem Amerikanischen übersetzt. Dieses Unternehmen ist geglückt. Es lassen sich im Vergleich zu den im Suhrkamp-Verlag auf Deutsch erschienen Texten des amerikanischen Schriftstellers - zumindest bei den Auflagen neueren Datums - aber nur wenige Abweichungen finden. Insgesamt scheint die Übertragung von Diesel und Festa etwas näher am Originaltext zu sein, zumindest wenn man die bei Arkham House erschienen Werke Lovecrafts zu Grunde legt.

 

Den Auftakt des Buches bildet die Geschichte "Die Ratten im Gemäuer". In dieser beschreibt der Ich-Erzähler, wie er den alten Familiensitz Exham Priory wieder bezieht, nachdem dieser in Folge einer gräßlichen Tragödie komplett renoviert werden musste. Dabei referiert er ausführlich die Geschichte seiner Familie, der Delapore bzw. de la Poer, die von grausigen Gerüchten über Wahnsinn, Götzendienst und Mord durchzogen ist. Allerdings werden diese Aussagen vom Erzähler als "Mythen und Balladen, so typisch [...] für den kruden Aberglauben" relativiert. Dann aber mehren sich seltsame Geräusche hinter den neu angebrachten Wandvertäfelungen, die von Ratten stammen zu scheinen. Einer Expedition in das Gewölbe unter Exham Priory wird schließlich zu einer grauenhaften Reise in die Vergangenheit. Die Erzählung ist insgesamt gelungen. Einigen Lesern mag die Wiedergabe der Familiengeschichte des Erzählers etwas zu langatmig sein. Dafür gelingt es Lovecraft im letzten Drittel des Textes in einer wahren Tour de Force bei der Untersuchung dessen, was unter Exham Priory liegt, eine dichte Atmosphäre echten Grauens und Ekels zu erzeugen.

 

Die zweite Erzählung des Buches, "Das Ding auf der Schwelle", beginnt mit einem besonderen Kunstgriff, indem das Ende der Geschichte mit einem paradoxen Kommentar des Ich-Erzählers vorweg genommen wird: "Es ist wahr, dass ich meinen besten Freund sechs Kugeln durch den Kopf gejagt habe, und dennoch hoffe ich mit dieser Aussage zu beweisen, dass nicht ich sein Mörder bin." Im weiteren Verlauf des Textes teilt der Ich-Erzähler dem Leser die Geschichte seines besten Freundes, Edward Derby, mit. Dieser beschäftigt sich aufgrund seiner Neigung zum Düstren und Wunderlichen mit furchtbaren Werken wie dem "Necronomicon". Als er aber die aus Innsmouth - einem Ort, von dem noch zu berichten sein wird - stammende Asenath Waith ehelicht, die eine Aura des Mysteriösen umgibt, scheint er zeitweise nicht mehr er selbst zu sein. Kontrolliert ihn seine Frau mit Hilfe fremdartiger Mächte oder hat Derby nur zuviel in seinen verbotenen Büchern gelesen? Als ein furchtbares Ding auf seiner Türschwelle erscheint, ist der Erzähler endgültig von der schrecklichen Wahrheit überzeugt. Oder ist er nicht zu Unrecht in die Heilanstalt von Arkham eingewiesen worden? Obwohl Lovecraft das Ende der Geschichte quasi gleich am Anfang verrät, bleibt die Erzählung spannend, weil dies bewusst vage gehalten wird. Dabei werden den scheinbar übernatürlichen Vorkommnisse immer wieder durch mögliche rationale Erklärungen in Zweifel gezogen. Leider lässt der Autor seinen Erzähler zu viele Andeutungen hinsichtlich Asenath Waith und ihren Fähigkeiten sowie der Veränderung von Edward Derby machen. Dadurch wird die Auflösung weniger überraschend und grauenvoll ist, als es bei kargeren Hinweisen der Fall gewesen wäre. Obwohl die Geschichte nicht schlecht ist, hätte man Lovecraft zugetraut, dass er mehr aus der an sich reizvollen Grundidee macht.

In der kleinen Erzählung "Dagon" berichtet der Ich-Erzähler, wie das Schiff, auf dem er als Frachtaufseher arbeitet im Großen Krieg von den Deutschen im Pazifik gekapert wird. Als ihm die Flucht in einem kleinen Boot gelingt, strandet er auf einer geheimnisvollen Insel und findet dort einen zyklopischen Monolithen mit grotesk-schaurigen Zeichnungen gigantischer Fisch-Mensch-Wesen. Aber schon bald erlebt er das Grauen in realiter. Oder glaubt er dies nur? Hier fügt Lovecraft in die Story geschickt den realen biblischen Mythos um den Philister-Gott Dagon ein, was der Geschichte eine größere Glaubwürdigkeit verleiht. Die Erzählung von eigentlich durchschnittlicher Qualität erhält ihren besonderen Reiz durch die offenkundige Verbindung zu "Der Schatten über Innsmouth".

 

Die längste Geschichte des Buches "Der Flüsterer im Dunkeln" wird vom Literaturprofessor Wilmarth erzählt. Dieser hält die Berichte über geflügelte, krabbenartige und fast menschengroße Kadaver, von möglicherweise außerirdischer Herkunft, die angeblich in einigen Flüssen Neuenglands gesichtet wurden, lediglich für Auswüchse bäuerlichen Aberglaubens und halb vergessener Mythen. Die Briefe von Henry Akeley, der sich durch diese Wesen immer stärker bedroht fühlt und Wilmarth Fotos von ihren Spuren sowie seltsame phonographische Aussagen sendet, sorgen aber bald für Zweifel. Schließlich scheint Akeley sich jedoch mit seinen Widersachern geeinigt zu haben und lädt den Literaturprofessor zu sich nach Vermont ein und stellt einige unglaubliche kosmische Enthüllungen in Aussicht. Wilmarth geht das Wagnis ein. Lovecraft fügt hier so deutlich wie sonst selten Elemente der Science Fiction in seine Horrorgeschichten ein. Dabei verleiht er dem Werk für den damaligen Leser eine ganz besondere Aktualität, indem er es kurz vor der Entdeckung des Planeten Pluto datiert, was im Kontext der Erzählung geeignet ist, ein Gefühl des Grauens und der Bedrohung durch außerirdische Wesen zu intensivieren. Die an sich gute Geschichte krankt leider an einigen Kleinigkeiten. So lässt Lovecraft den Erzähler angeblich fast wortgetreu seitenlange Briefe aus dem Gedächtnis wiedergeben. Zudem hätte dem langem Monolog in Akeleys Haus eine eher dialogische Struktur sicherlich gut getan.

 

"Der Außenseiter" ist die schwächste Erzählung im ersten Band von Lovecrafts Werken. Sie gehört sicherlich nicht "zu den besten Geschichten vom Altmeister des Horrors", wie der Buchrücken bezüglich des Inhalts verspricht, noch handelt es sich hier um ein Werk, das von kosmischen Schrecken - im Sinne des Titels dieses Bandes - geht. Thematisch wäre es wohl passender gewesen "Cthulhus Ruf" oder "Träume im Hexenhaus" aufzunehmen. Die Story ist schnell erzählt. Der Ich-Erzähler flieht aus einem unterirdischen Gemäuer und muss schmerzhaft seiner eigenen Monstrosität Gewahr werden. Auf dieser, recht dürftigen Pointe der Selbsterkenntnis ist die ganze, nicht sonderlich interessant gestaltete Geschichte aufgebaut, die fast den Eindruck macht als hätte sie Franz Kafka an einem schlechten Tag geschrieben.

 

Der geneigte Leser wird aber nach diesem einmaligen Ausrutscher mit einer der besten Erzählungen des amerikanischen Horrorschriftstellers überhaupt entschädigt: "Der Schatten über Innsmouth". Wieder sorgt Lovecraft für Spannung, indem er seinen Ich-Erzähler Ereignisse rekapitulieren lässt, die chronologisch eigentlich erst ans Ende der Erzählung gehören, weil sie eine Konsequenz seiner Erlebnisse darstellen. Staatsbeamte sollen im Jahr 1927/28 in der Hafenstadt Innsmouth eine geheimnisvolle Razzia durchgeführt, diverse Häuser zerstört und einige Bewohner in besonderen Gefängnissen inhaftiert haben. Dabei bleiben die anfänglichen Beschreibungen allerdings so unklar, dass die Spannung eher steigt als abnimmt. Die Story beginnt, als der Ich-Erzähler die Hafenstadt Innsmouth besucht, über die düstere Legenden kursieren. Die Häuser der Stadt sind in einem erbärmlichen Zustand und die Bewohner wirken seltsam degeneriert und tierähnlich. Was hat es mit dem seltsamen esoterischen Orden des Dagon auf sich, den die Leute hier gegründet haben? Als der Erzähler den alten Zadok Allan ausfragt, offenbart dieser ihm das schreckliche Geheimnis, das hinter dem Aussehen der Bewohner steckt. Allerdings ist der Alte ein ziemlicher Trunkenbold. Der Erzähler ist schließlich entgegen seiner Pläne gezwungen, im schattenhaften Innsmouth zu übernachten. Bald beginnt eine Verfolgungsjagd, bei dem er mit nur partiellem Erfolg dem Grauen erflieht. Denn die Pointe der Geschichte bietet eine grauenhafte Selbsterkenntnis. Die Story wird - für Werke von Lovecraft eigentlich ungewöhnlich - von einer langen Actionsequenz anläßlich der Flucht des Protagonisten geprägt. Obwohl der Autor dies selbst als "eckshun" eher wortmalerisch-ironisch abtut, stellt die Episode einen gelungenen Kontrapunkt zur vorher aufgebauten Atmosphäre der Bedrohung dar.

 

In allen Erzählungen schlägt sich Lovecrafts berühmtes Credo nieder, das sich auch immer wieder in seiner Korrespondenz findet: "Atmoshere is the all-important thing." Egal ob er das von Ruinen, verfallenen Häusern und Fischgeruch durchsetzte Innsmouth, die menschenleeren Wälder, tückisch-gluckerenden Bäche und den Horizont einengenden Berge in Vermont oder das geheimnisvoll-bedrohliche Exham Priory beschreibt; immer gelingt es ihm, den Leser in die richtige Stimmung zu versetzen und für das Phantastische empfänglich zu machen. Dabei wird das Übernatürliche selbst - zumindest anfänglich - immer wieder durch eine Reihe von möglichen anderen Erklärungen (Einfluss von Mythen, Aberglaube, Geisteskrankheit, Traum, Sonnenstich, bewusste Täuschung etc.) relativiert. Dies geschieht besonders durch den Ich-Erzähler, der hinsichtlich des Phantastischen zunächst skeptisch ist, es am Ende in der Regel aber nicht mehr leugnen kann. Eine besondere Wirkung erlangen die Geschichten durch die besondere topographische Verzahnung. Lovecraft entwirft vor dem Auge des Lesers eine besondere Landkarte Nordenglands, indem seine - in diversen Geschichten vorkommenden - fiktiven Städte wie Arkham oder Innsmouth in der Nähe von realen Orten wie Ipswich oder Newburyport lokalisiert werden. Spannung erzeugt der Autor indem der seinen Erzähler am Anfang der Geschichte häufig vage Andeutungen machen lässt, am Ende aber meist noch eine besondere Pointe bereit hält, die den schrecklichen Effekt noch vergrößert.

 

Natürlich haben die Geschichten Lovecrafts zumindest aus Sicht des heutigen Lesers auch Schwachpunkte. So kommen Dialoge praktisch gar nicht vor, sondern nur teilweise ermüdend lange Monologe. Außerdem sind in einigen Erzählungen die Andeutungen hinsichtlich des Phantastischen zu massiv. Hier wäre weniger mehr gewesen. Oft wird zudem zur Kennzeichnung des Grauenhaften eine Art Standardrepertoire von gehäuften Adjektiven benutzt, was durch zu starke Wiederholungen schnell an Reiz verliert. Nicht zu Unrecht wird dem Autor in der Sekundärliteratur deshalb sein "Adjektivismus" vorgeworfen.

Als besonderen Bonus bietet Festa in allen Bänden von Lovecrafts Werken den Lesern so etwas wie Bonusmaterial. In diesem Fall handelt es sich um "Anmerkungen zu Der Schatten über Innsmouth" von den Lovecraft-Kennern S. T. Joshi und David E. Schultz, Lovecrafts Notizen zu Der Schatten über Innsmouth sowie eine verworfene Fassung der Geschichte. Der Aufsatz von Joshi und Schultz ist an sich interessant, bietet Kennern von Lovecrafts "Selected Letters" aber wenig Neues. Einige fragwürdige Thesen von Joshi und Schultz wie, die Geschichte sei "eine Warnung vor den schlimmen Folgen der Rassenvermischung, der sexuellen Vereinigung mehrerer Rassen" dürfen guten Gewissens in das Reich nicht-belegbarer und unzulässiger Spekulation verbannt werden. Die angeführten Notizen Lovecrafts sind zwar nicht sehr umfangreich aber aufschlussreich. Bei der versprochenen verworfenen Fassung der Erzählung hätte man klarstellen sollen, dass es sich lediglich um ein Fragment handelt, dass nur etwas mehr als ein Zehntel der ursprünglichen Geschichte ausmacht.

 

Für Lovecraft-Fans ist die neue Werkausgabe praktisch ein Muss, sofern sie sich nicht mit den wenig attraktiven und nicht sehr haltbaren Taschenbuchausgaben von Suhrkamp zufriedengeben möchten oder die Texte im amerikanischen Original genießen wollen. Das Nonplusultra wäre natürlich eine kommentierte Werkausgabe gewesen, die beispielsweise Lovecrafts Briefe und sonstige Aufzeichnungen als Grundlage benutzt. Dieses dürfte allerdings wohl leider an der mangelnden Finanzierbarkeit scheitern. Freunde der Horrorliteratur, die nur wenig oder gar keinen Kontakt mit den Texten Lovecrafts hatten, sei eine Lektüre unbedingt empfohlen. Zwar haben die Geschichten aus heutiger Sicht vielleicht einige Schönheitsfehler. Dafür zeichnen sie sich durch eine besondere Imaginationskraft und dichte Atmosphäre aus. Es lockt erlesenes kosmisches Grauen.

 

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Der kosmische Schrecken

Autor: H. P. Lovecraft

Gebundene Ausgabe: 316 Seiten

Verlag: Festa; Auflage: 1 (August 2005)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3935822685

ISBN-13: 978-3935822688

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 28.08.2007, zuletzt aktualisiert: 12.04.2019 16:18