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Der leuchtende Stein von Joanne Harris

Rezension von Christel Scheja

 

Die heute in England lebende Autorin Joanne Harris hat englische und französische Wurzeln und ist auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt als man denkt. Ihr Roman „Chocolat“ wurde mit Juliette Binoche und Jonny Depp in den Hauptrollen verfilmt und zu einem großen Erfolg. „Der leuchtende Stein“, hier bereits als „Feuervolk“ im Hardcover erschienen, ist ihr erstes Jugendbuch.

 

Malbry ist ein verschlafenes Dörfchen, in dem alles seinen geregelten Gang geht, und jeder weiß, wo sein Platz ist – zumindest die meisten. Denn die junge Maddy Smith ist anders als der Rest ihrer Familie und der Dorfbewohner, und das nicht nur in ihrem Wesen. Schon seit ihrer Geburt trägt sie ein Mal in der Hand, das wie eine Rune aussieht, eines der alten und verfluchten Zeichen, die der Pfarrer und seine Lehren so gerne verdammen. Denn die Mächte, die die Runen einst benutzt haben, hätten vor fünfhundert Jahren beinahe das Weltenende herauf beschworen. Ein Überbleibsel jeder wilden Schlacht aus heidnischen Tagen befindet sich sogar noch in der Nähe der Siedlung – ein als verflucht geltender alter Hügel.

So wird Maddy von den meisten gemieden und verachtet, was das muntere und freche Mädchen, dass es sogar mit stärkeren Jungen aufnimmt, nicht all zu sehr zu stören scheint. Denn schon vor Jahren hat sie einen geheimnisvollen Freund gefunden, einen schwarz gekleideten und einäugigen Wanderer, der sie nicht nur über die Runen aufklärt, sondern ihr auch beibringt, diese zu nutzen. So lernt Maddy zu zaubern und die in ihr wohnende Kraft zu zügeln.

Eines Tages bittet der Fremde Maddy, ihm ein Tor in den verfluchten Hügel zu öffnen. Das junge Mädchen folgt seiner Bitte, beschließt aber auch, ihn zu begleiten, um zu erfahren, was ihr Freund ihr so lange verheimlicht hat. Und so kommt sie seiner wahren Identität auf der Spur, denn sie betritt eine Welt, in der die Götter und Helden aus alten Mythen und Legenden noch nicht verschwunden sind. Es gilt einen Seher zu finden, ein allwissendes Orakel, das helfen soll, den Namenlosen zu finden, der im verborgenen das Feuer für einen weiteren Weltenbrand zu schüren.

Schon bald muss sie sich alleine durchschlagen und bekommt mit dem listenreichen Loki einen Mitstreiter, dessen Motive sie nicht einschätzen und dem sie noch weniger trauen kann, denn sie erinnert sich noch zu genau an die alten Geschichten, in denen Asen und Wanen – die alten Götter der nordischen Welt schon einmal ihre ewige Schlacht auf dem Rücken der Sterblichen austrugen.

Was sie nicht weiß ist, das nun auch die Dorfbewohner auf den Plan gerufen wurden, die das Hexenwerk ein für alle Mal ausrotten wollen. Zu diesem Zweck hat der Pfarrer einen besonderen Vertreter seines Glaubens herbeirufen lassen, der das Übel ein für alle Mal mit der Macht des „Wortes“ ausrotten soll.

 

Ohne dass Joanne Harris viele Worte machen oder weitschweifend erklären muss, ahnt man, schon, worum es geht, wenn man zumindest ein wenig über die nordischen Götter weiß und Zusammenfassungen der wichtigsten Sagen gelesen hat. Irgendwann in einer Welt, die an das frühneuzeitliche England erinnert, in dem der christliche Glaube besonders misstrauisch auf Abweichler reagierte und Hexenjäger das Land durchzogen, darf ein junges Mädchen Seite an Seite mit den nordischen Göttern wandern, um erneut zu verhindern, dass die Erde durch ihren Streit untergeht.

Sie inszeniert die Geschehnisse mit einer gewissen flapsigen Ironie: So sind die Götter keine starren Lichtgestalten, sondern haben Launen, Vorurteile und Schwächen. Vor allem die Wanen sind nicht gerade vorausschauend und weise – allein Skadi die Jägerin ist ihrer Engstirnigkeit sogar dazu bereit, mit dem Feind zu taktieren. Der Exterminator des Glaubens ist zweifellos an die Inquisitoren der katholischen Kirche angelehnt, nur dass er keinen Namen, sondern nur noch eine Nummer trägt. Und einen Kobold namens „Zucker“ dürfte niemand wirklich fürchten wollen.

Neben Maddy ist zudem der umtriebige Gott Loki Held der Geschichte. Da er seinen unberechenbaren Charakter beibehält, sorgt er für so manche Überraschung und einige Konflikte im Buch, die die Spannung steigern und muss sich so einiges von seiner jungen Begleiterin anhören. Die Dialoge der beiden sind zwar in flapsigem Umgangston geschrieben, lassen sie aber um so lebendiger wirken. Auch weiß zu gefallen, dass keine Seite wirklich bevorzugt wird, und auch jeder der Kontrahenten einerseits Schlappen aber auch Erfolge einstecken darf und seine glaubwürdigen Gründe hat.

So entsteht eine dichte Geschichte, die man zwar immer wieder zu kennen glaubt, die aber doch anders verläuft als vermutet und mit der nordischen Mythologie auf lebhaft-amüsante Weise spielt und keine Längen aufweist.

 

So wird „Der leuchtende Stein“ zu einem amüsanten Spiel mit Göttern und Helden, die man eigentlich als wesentlich ernster in Erinnerung hat und zeigt, dass auch die Verwendung von sattsam bekannten Handlungselementen immer noch ermöglicht eine neue und ungewohnte Geschichte zu erzählen.

 

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Der leuchtende Stein

Autorin: Joanne Harris

broschiert, 542 Seiten

cbt, erschienen April 2009

Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung

Titelbild von istockphoto/Lukasz Laska/Christopfer O’Driscoll

ISBN-10: 3570305155

ISBN-13: 978-3570305157

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 24.05.2009, zuletzt aktualisiert: 28.10.2019 13:53