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Der norwegische Gast von Anne Holt

Rezension von Björn Backes

 

Inhalt:

Während eines brutalen Schneesturms entgleist ein Personenzug auf der Reise von Oslo nach Bergen in der direkten Umgebung eines Provinzbahnhofs in den norwegischen Bergen. Während der Zugführer noch vor Ort ums Leben kommt, retten sich die Gäste in ein anliegendes Berghotel. Unter ihnen befindet sich auch die einstige Polizistin Hanne Wilhelmsen, die nach einem brisanten Einsatz an den Rollstuhl gefesselt ist und in der neuen Umgebung zunächst hilflos ist. Gezwungen, in den Rezeptionsräumen zu nächtigen, bis sich der Orkan beruhigt hat und Hilfe herbeieilt, beobachtet sie das merkwürdige Treiben in den Räumlichkeiten des Hotels und erfährt auch als erste vom plötzlichen Tod des Predigers Cato. Doch der Mord an den mitreißenden Priester soll nicht die letzte Schreckenstat in der engen Behausung bleiben: Roar Hanson, ein enger Bekannter Catos, der zudem weiß, wer hinter dem Attentat steckt, wird kurze Zeit später ebenfalls tot aufgefunden – scheinbar mit einem Eispickel erstochen.

Die Lager im Hotel spalten sich immer deutlicher: Getrieben von Gerüchten und Befürchtungen wird unter dem scheinbar immer schmaleren Dach jeder zum Verdächtigen. Du da zudem unklar ist, wer in dem geheimnisvollen letzten Waggon gereist ist und sich sogar kleine Legenden um mitreisende Terroristen ranken, wird die Stimmung immer bedrückter. Ausgerechnet die an den Rollstuhl gebundene Wilhelmsen soll in diesem Chaos noch einen klaren Kopf bewahren…

 

 

Rezension:

Mit „Der norwegische Gast“ präsentiert Anne Holt nicht nur ihre neue Kriminal-Story, sondern unterschwellig auch einen Blick hinter die Kulissen der skandinavischen Mentalität mit ihrer gesammelten Ironie, teils aber auch mit einer Spur Verbitterung, die gerade im nördlichsten Teil der europäischen Dreigestirns recht häufig anzutreffen ist. Dementsprechend steht die eigentliche Krimi-Handlung auch nicht prioritätsmäßig im Mittelpunkt des Interesses, sondern vermehrt der Fokus auf die Hauptdarsteller des Plots, angefangen natürlich bei der Protagonistin Hanne Wilhelmsen, die von den Ereignissen im Gebirge aus ihrer persönlichen Perspektive berichtet – und dies getrieben von manch schwarzem Gedanken!

 

Die gesamte Szenerie wirkt von Beginn an sehr bizarr und befremdlich, zumal die bedrohliche Situation des Zugunglücks ohne Ankündigung auf den Leser einprasselt. Die Charaktere tauchen aus dem Nichts auf, die Situation bekommt keine kurze Einleitung, und bevor man sich versieht, eröffnet sich ein teils verworrener Komplex, der gerade deswegen nicht so richtig in Fahrt kommen mag, da die Handlung auf den ersten 100 Seiten damit beschäftigt ist, sich und auch den Zugang auf Seiten des Lesers zu finden. Dies wird dadurch erschwert, dass Holt mit ihren Hauptfiguren nicht gerade die angenehmsten Zeitgenossen aufbietet, wobei gerade die leicht depressive, absolut nicht lebenslustige Protagonistin hier die Blaupause eines literarischen Antikörpers darstellt. Ihr zu folgen bzw. generell über ihre Person die Distanz zwischen der beklemmenden Stimmung im Hotel bzw. im Buch allgemein und den perfide inszenierten Eckpunkten des Kriminalplots zu überwinden, stellt sich so manches Mal als echte Herausforderung heraus, deren Motivation darunter leidet, dass sich die eigentliche Spannung erst im letzten Drittel einstellen will. Dort nämlich fließt das Erzähltempo nicht mehr ganz so zäh daher und wird nach den etwas langatmigen Zwischenpassagen, in denen größtenteils unvollständige Personenanalysen betrieben werden, endlich mal vorangetrieben! Außerdem eröffnen sich auch endlich mal Spuren, was die Hintergründe und die Verdächtigend der beiden Mordanschläge betrifft, wobei die Brisanz gerade dadurch gewinnt, dass Holt bewusst einige Figuren im Hintergrund lässt, die zwar spürbar involviert sind, aber dennoch nicht zu den treibenden Kräften innerhalb der Erzählung gehören.

Dieses Gefühl, ständig im Dunkeln zu tappen und sich von der vordergründigen Hauptgeschichte in die Irre führen zu lassen, ist schließlich auch das einzige, wirklich Spannung initiierende Element des Romans, reicht als solches aber überraschenderweise aus, um den Leser bei der Stange zu halten und ihn letztendlich auch mitfiebern zu lassen. Dazu bedarf es – klassisch skandinavisch – in diesem Fall keiner groß angelegten Schockmomente oder rasanter Wendungen, sondern einfach nur dieser bedrückten Atmosphäre, der sich die Autorin von der ersten Seite an bedient, und deren Level sie auch gekonnt auf hohem Niveau hält.

Dennoch: Die Ironie alleine reicht zur puren Begeisterung nicht aus; hier und dort vermisst man schon etwas mehr Raffinesse beim Spannungsaufbau und der Inszenierung der Morde. Es fehlenden die packenden Szenen, die den bitteren ironischen Unterton auskontern und für etwas mehr Leben in der Geschichte sorgen könnten. Auch dies mag man als Merkmal des skandinavischen Thrillers bezeichnen – doch hier ist es nicht durchweg förderlich!

 

Fazit:

“Der norwegische Gast“ ist ein eigenwilliger Vertreter des nordischen Krimis, der in erster Linie auf seine negative Stimmung baut, aber gerade deswegen Einbußen im Spannungsaufbau hinnehmen muss. Anne Holt schafft es, die dadurch entstehenden Mankos sprachlich wieder wettzumachen – doch ein echtes Highlight ist ihr neuer Roman deswegen nicht!

 

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Der norwegische Gast

Autor: Anne Holt

Gebundene Ausgabe: 336 Seiten

Verlag: Piper; Auflage: 4 (November 2008)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3492046932

ISBN-13: 978-3492046930

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 15.01.2009, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57