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Der Pfahl von Richard Laymon

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

"Die Tussi hatte einen Pfahl im Herzen."

Das ist wohl der zentrale Satz in Richard Laymons Der Pfahl.

 

Der Klappentext verkündet Folgendes:

Der Horrorautor Larry entdeckt eine Geisterstadt in der Wüste Kaliforniens. Im Keller eines verfallenen Hotels steht ein Sarg, in dem eine mumifizierte weibliche Leiche liegt. Und in dieser Leiche steckt ein Holzpfahl. Larry beschließt, den Sarg mitzunehmen und das Entfernen des Pfahls in seiner eigenen Garage auf Video für die Nachwelt festzuhalten.

Keine gute Idee, wie sich bald herausstellen wird.

 

Der Klappentext ist völlig blöde, vorsichtig ausgedrückt, suboptimal gewählt, denn er ist mindestens irreführend. Das fängt damit an, dass Larrys Freund Pete ihn erst nach über 160 Seiten – immerhin einem guten Viertel des Romans – dazu drängt, die Leiche mitzunehmen. Und die schlechte Idee bezieht sich auf den Plan, nicht auf das Herausziehen selbst, das erst im achtundvierzigsten Kapitel (von fünfzig) stattfindet. Aber der Reihe nach.

 

Larry ist ein Autor von Horrorromanen und ein fantasiebegabter Hasenfuß. Außerdem ist er Familienvater: Jean heißt seine Frau, und die siebzehnjährige Lane ist seine Tochter. Zusammen mit den befreundeten Nachbarn Pete und Barbara entdecken Larry und Jean bei einem Ausflug eine gepfählte, mumifizierte Frauenleiche. Diese Leiche ist nun Zentrum einiger Ereignisse. Zunächst wollen die vier sie einfach vergessen, doch Pete ist besessen von der Idee, zusammen mit Larry ein Buch über die Leiche zu schreiben (und viel Geld damit zu verdienen). Der Höhepunkt soll das Herausziehen des Pfahls sein, was via Videoaufnahme dokumentiert werden soll. Larry ist zunächst gar nicht begeistert, lässt sich aber nolens volens auf die Sache ein. Je mehr er allerdings über die Leiche erfährt, desto besessener wird er von ihr. Dann ist da noch Lane. Bella Lane ist die Klassenbeste, sieht toll aus, ist aber etwas ungeschickt. Ihr Freund Jim denkt ständig an Sex, begrapscht sie und geht ihr ganz generell auf die Nerven. Außerdem flirtet sie mit ihrem Englischlehrer Mr. Kramer, der ein Vergewaltiger und Mörder ist, wie der Leser deutlich vor Lane herausfindet.

Eigentlich eine ganz reizvolle Parallelisierung: Larry und die Leiche, Lane und der Mörder. Leider scheitert Laymon weitgehend.

 

Das Scheitern ist an verschiedene Faktoren geknüpft. Am wichtigsten ist der extrem langsame Plotfluss zu Beginn, der aus zahllosen überflüssigen Details herrührt. Die frische Brise fühlte sich angenehm an seinem Penis an. Er richtete den Strahl gerade nach vorne. Der Wind wehte ihn zur Seite, aber nicht zurück zu ihm. Es wird noch mehrfach beschrieben, wie Larry erfolgreich uriniert. Neben derartigen unnützen Einzelheiten gibt es noch Dialoge, die mit Banalitäten über zahllose Zeilen gestreckt werden. Auf Seite 167 fasst Larry für Pete die Erlebnisse, die er bisher hatte, zusammen und stellt fest: "Das reicht vielleicht für fünfzig Seiten." Recht hat er.

Hinzu kommen noch Digresse und Nebenhandlungen. Lane trifft sich mit ihren Freunden, Larry sinniert über seinen neuen Roman etc. Wer freundlich ist, mag diese Digresse als Charakterisierungen der Hauptfiguren werten, doch in diesem Fall sagen sie wenig Neues aus. Dann wird noch die Frage gestellt, ob die gepfählte Leiche vielleicht doch ein Vampir ist – mit dieser Nebenhandlung sind einerseits einige Szenen verknüpft, die wieder strecken, anderseits ist sie nicht präsent und ambivalent genug, um den Leser zu beschäftigen.

 

Die Figuren sind ein weiteres Debakel, denn sie sind weitgehend eindimensionale Typen, denen man in dieser oder einer ähnlichen Form schon vielfach begegnet ist. Kurzum: Es sind flache Klischees. Larry ist der zimperliche Literat, Pete der pragmatische Kerl, Lane die schöne Streberin, Henry der Nerd, Betty das fette Mädchen, das ständig frisst usw. Am wenigsten ist Jean gelungen: Sie ist völlig farblos. Was motiviert sie? Man weiß es nicht. Und eigentlich ist sie die wichtigste Frau in Larrys Leben. Am gelungensten ist dagegen die Leiche – und auch die wird nur oberflächlich via Zeitungsartikel charakterisiert. Weiterhin setzen alle Protagonisten und Antagonisten so seltsame Prioritäten, dass sie mindestens am Rand einer Neurose bzw. Psychose stehen müssen – so hat z. B. niemand ein moralisches Problem damit, dass eine Frauenleiche in der Garage aufbewahrt wird, um damit Geld zu verdienen. Trotzdem sollen die Beteiligten eigentlich normale Leute sein.

 

Die Erzähltechnik ist völlig konservativ: Die Stränge werden aus der personalen Perspektive von fünf Figuren erzählt (zumeist Larry und Lane). Sie sind progressiv und zumeist dramatisch aufgebaut, obgleich es auch einige episodische Einsprengsel gibt und Larrys Nachforschungen bezüglich der Leiche natürlich regressiv sind.

Der Stil ist sehr unauffällig und befördert das schnelle Lesen: viele gebräuchliche Wörter und stets gradlinige, eher kurze Sätze.

 

Fazit:

Larry, der Autor billiger Horrorromane, findet mit seinen Freunden eine gepfählte Frauenleiche. Er lässt sich dazu drängen, den Fund literarisch zu verarbeiten. Während er sich langsam verändert, beginnt seine Tochter Lane mit ihrem Lehrer Mr. Kramer zu flirten – ein Flirt mit einem Vergewaltiger und Mörder. Der Pfahl besteht im Kern aus drei Geschichten: 1. Der Leichenfinder beginnt sich zu verändern – ist die Leiche vielleicht doch ein Vampir? 2. Der Leichenfinder will Geld mit der Leiche machen. 3. Die Schülerin erlebt Schreckliches mit einem Vergewaltiger. Zwei der drei Ideen passen gut zueinander: 1. & 2. sowie 2. & 3. Alle drei sind zu viel. Bedauerlich, denn beide Kombinationen bieten viel Potenzial. Zusammen mit den anderen Mängeln ist der Roman weitgehend Zeitverschwendung. Schade.

 

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Roman:

Titel: Der Pfahl

Reihe: -

Original: The Stake (1990)

Autor: Richard Laymon

Übersetzer: Marcel Häußler

Verlag: Heyne (April 2010)

Seiten: 589 Broschiert

Titelbild: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur

ISBN-13: 978-3-453-67580-3

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 29.09.2010, zuletzt aktualisiert: 20.08.2019 17:14