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Der Ruf des Dämon von H. P. Lovecraft

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Nun versucht sich auch das Label Eichborn LIDO an einer Vertonung von H. P. Lovecrafts makaberen Horrorgeschichten. Der Ruf des Dämon enthält zwei CDs. Auf der ersten befinden sich die Geschichte Der Hund (ca. 35 Minuten) und die drei Gedichte The Cats (ca. 4 Minuten), The Wood (ca. 2 Minuten) und Festival (ca. 2 Minuten). Auf der zweiten findet sich allein die Geschichte Das Fest (ca. 45 Minuten). Hier treffen eine sehr gelungene Inszenierung auf gute, aber leider etwas mittelmäßige Kurzgeschichten von Lovecraft.

 

Der Hund handelt von zwei dekadenten, reichen Männern, St. John und dem Erzähler der Geschichte. Die beiden werden von der bürgerlichen Gesellschaft auf das Unerträglichste angeödet und suchen Befriedigung im Frönen von allerlei morbiden Tabubrüchen: So musizieren sie mittenmang ihrer Sammlung von abstoßenden Kunstwerken und geraubten Leichen auf widerwärtigen Instrumenten. Angelockt von gewissen Gerüchten über einen Leichenschänder, der seit fünfhundert Jahren auf einem verdorbenen Friedhof in Holland begraben liegt. Die lebenden Grabräuber schreiten zur Tat und finden im Sarg neben den Überresten des Verstorbenen ein ekles Amulett, das schon vom wahnsinnigen Araber Alhazred im verbotenen Necronomicon beschrieben wurde. Dieses unnatürliche Kunstwerk muss die Sammlung bereichern! Doch kaum ist es gestohlen, wähnen die zwei Diebe sich von einer unbekannten Bedrohung verfolgt.

 

Das Fest ist die Erzählung eines jungen Mannes aus einem uralten Geschlecht, welches noch um die wahre Bedeutung des Yul-Festes weiß, das von den Christen Weihnachten genannt wird. Es ist Tradition, dass die Abkömmlinge alle hundert Jahre in die abgeschiedene Stadt Kingsport zurückkehren und gemeinsam das mystische Fest begehen. Doch seine Verwandtschaft ist stark ausgedünnt – der Erzähler ist der einzige, der zu den mit Walmdächern versehenen Häusern seiner Ahnen reist. Schon bei seiner Ankunft fällt ihm auf, dass die Leute aus der Nachbarstadt Arkham sich wohl nicht so gut in Kingsport auskennen, aber der warmherzige Empfang im Haus seiner Verwandten zerstreut zunächst jedes unangenehme Gefühl. Indes schleicht es sich wieder ein, denn das Gesicht des Gastgebers ist so starr wie eine Maske und als der Erzähler einen Augenblick allein gelassen wird, fällt sein Blick auf das verbotene Necronimicon. Auf dem Weg zum Festplatz kommen dem Sprössling ernsthafte Bedenken.

 

Die Settings der beiden Geschichten sind zwar nominal verschieden – Der Hund spielt in Holland und England, während Das Fest in Lovecraft County, genauer der erfundenen neuenglischen Stadt Kingsport – doch der reale Hintergrund wird nur nachrangig behandelt. Wichtiger sind jeweils die bizarren Details der Umwelt, die aus der Normalität herausführen. Die Settings sind damit in erster Linie eine Art atmosphärischer Untermalung.

 

Der Protagonist ist jeweils ein junger Mann mit englischem Hintergrund aus gut situierter Familie und entsprechender Bildung; also eine Lovecraft-übliche Hautfigur. Auch die psychologische Entwicklung ist für Horror-Kurzgeschichten nicht ungewöhnlich: Es wird sich auf Furcht und Ekelgefühle konzentriert, diese werden dafür differenziert. Weitere Figuren gibt es kaum und ebenso wenig werden sie charakterisiert.

 

Im Plot unterscheiden sich die beiden Geschichten am deutlichsten. Der Hund ist eine relativ gewöhnliche Horror-Kurzgeschichte, in der aus einer Mischung aus moralischer Verdorbenheit, Neugierde und Hybris ein Grabraub begangen wird, der grausige Folgen hat. Interessant ist hier die Verknüpfung dessen mit dem Kunstsinn der Grabräuber.

Das Fest dagegen baut sehr langsam eine eigentümliche, auf dunklen Ahnungen beruhende Spannung auf. Die Bedrohung ist nie greifbar, doch sie wird immer deutlicher spürbar. Man könnte es daher als dunkle Wundergeschichte begreifen, deren Wurzeln in der dunklen Romantik liegen.

 

Erzähltechnisch findet sich hier von Autorenseite wiederum nichts Ungewöhnliches: Die Kurzgeschichten werden streng aus der Perspektive eines Ich-Erzählers wiedergegeben. Lovecraft verwendet einen manirierten Stil: Die Sätze sind länglich und voller Adjektive und Adverbien, aber abwechslungsreich und elegant geformt. Die Übersetzungen stammen beide von Susanne Althoetmar-Smarczyk, die deutlich flüssiger als die abgehobeneren von Charlotte von Klinckowstroem (erschienen in Stadt ohne Namen beim suhrkamp Verlag) sind. Vorgetragen werden die Kurzgeschichten von Simon Jäger. Er macht seine Sache gut, da er Gefühle mit der Stimmlage zum Ausdruck bringen kann, aber auch nicht überzeichnet – das wirkt leicht ironisch – oder zu markant betont – das wirkt leicht pathetisch, was beides der Tod einer Horror-Geschichte ist. Weiter ist seine Stimme wohltuend frisch und unverbraucht – im Gegensatz zu Joachim Kerzels Stimme, bei der sich einem sofort John Sinclair, Vatikan-Verschwörungen und Bier-Reklame aufdrängen. Ich-Erzählungen, gerade solche, in denen es kaum Nebenfiguren gibt, bieten sich für Lesungen an; auch die Länge ist gut gewählt. Ein Lob geht an die besonders gelungene Wahl der Hintergrundmusik: Sie unterstreicht sehr stimmig und nicht zu aufdringlich den Charakter einer Szene.

 

Lyrik gehört nicht zu meiner starken Seite, darum will ich auf die Gedichte nur kurz eingehen. Soweit ich es beurteilen kann, sind sie formal nicht sonderlich anspruchsvoll: Lovecraft bevorzugt abwechselnd stumpfte und klingende (was er aber nicht immer durchhält) Endreime. Die ersten beiden Gedichte verwenden durchgehend Kreuzreime, während das dritte, Festival, welches das interessanteste ist, jeweils einen Waisen pro Vers enthält. Es gibt zudem zahlreiche Alliterationen und ein paar Binnenreime, doch auch hier gilt, dass sie nicht durchgängig gehalten werden und somit etwas zufällig wirken. Die Gedichte sind nicht übersetzt, was natürlich Vor- und Nachteile hat. Selten kann man die Form und den Inhalt eines Gedichtes bei einer Übersetzung wahren; es in der originalen Sprache zu belassen löst dieses Problem natürlich. Dafür dürfte es den meisten Gelegenheitsenglischsprechern schwer fallen sich auf Form und Inhalt gleichzeitig zu konzentrieren. Jenseits der bei der Edition Phantasia erschienen Gesammelten Werke Lovecrafts, sind sie im Deutschen meines Wissens nach nicht veröffentlicht worden. Gelesen werden sie von Simon Newby, der seine Sache anständig macht.

 

Schließlich gibt es ein recht ausführliches Booklet, in dem sich eine Erläuterung der Hintergrundmusik des Orchesters der Schatten, die Texte der Gedichte sowie knappe Informationen zu Lovecaft und den anderen am Projekt Beteiligten finden.

 

 

Fazit:

Der Ruf des Dämon ist eine runde Sache: Die beiden Kurzgeschichten sind von angenehmer Länge und durchaus spannend, die Gedichte sind für Lovecraft-Freunde interessant und sehr gut gelungen ist die Umsetzung als inszenierte Lesung, vor allem die der Kurzgeschichten. Der Schwachpunkt ist das fehlende Etwas. Irgendwie zünden die Geschichten nicht – sie wirken zu routiniert. So gibt es die eigenartige Empfehlung an Grusel-Freunde, die Lovecraft kaum kennen, und Lovecraft-Komplettisten diese Umsetzung schärfer ins Auge zu fassen, während Kenner von Lovecraft-Geschichten, die etwas Herausragendes wollen, sich vielleicht trotz der stimmungsvollen Inszenierung noch einmal umsehen sollten.

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Der Ruf des Dämon

Autor: H. P. Lovecraft

Eichborn, Oktober 2005

Deutsch-englische Lesung mit Musik, 2 CDs, ca. 89 Min.

ISBN-10: 3821853913

ISBN-13: 9783821853918

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 21.06.2007, zuletzt aktualisiert: 10.05.2019 11:36