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Der Scharfrichter von Gregg Hurwitz

Rezension von Martin Weber

 

Die sechsjährige Tochter des US-Marshals Tim Rackley wird von einem Kinderschänder ermordet. Befreundete Polizisten geben dem Marshal die Möglichkeit, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen, indem sie ihn einige Minuten mit dem Verbrecher am Tatort alleine lassen. Doch Rackley entscheidet sich gegen die Ausübung von Selbstjustiz, was er in der Folge noch schwer bereut, da der Triebtäter aufgrund eines juristischen Schlupfloches freikommt.

 

Während Rackley und seine Frau um den Bestand ihrer Ehe ringen, weil sie mit dem Trauma zu kämpfen haben, das der gewaltsame Verlust ihrer Tochter und der nicht nachvollziehbare Gerichtsentscheid hinterlassen haben, erhält der US-Marshal Besuch von einem älteren Herren, der eine mysteriöse Einladung ausspricht. Misstrauisch, aber doch irgendwie neugierig, nimmt Rackley den Termin wahr. Er trifft auf eine Gruppe von Menschen, denen das Justizsystem schlimm mitgespielt hat, denn jeder einzelne von ihnen hat durch ein Verbrechen einen geliebten Menschen verloren, wobei die jeweiligen Täter ungeschoren davonkamen, weil sie trotz ihrer erkennbaren Schuld durch irgendwelche absurden Gesetzeslücken geschlüpft sind.

 

Die Gruppe, die sich selbst „die Kommission“ nennt, will Rackley nun aufgrund seiner Kenntnisse in der Verbrechensverfolgung als Mitglied rekrutieren. Um nicht der Gefahr zu erliegen, blindwütige Selbstjustiz zu üben, basiert das Vorgehen der Kommission auf strengen Richtlinien. Obwohl Rackley mittlerweile bei den Strafverfolgungsbehörden gekündigt hat, da er als Sündenbock für einen medial ins Kreuzfeuer geratenen Polizeieinsatz herhalten musste, bleibt er dennoch skeptisch, da er als langjähriger Vertreter von Recht und Gesetz nicht so plötzlich die Seiten wechseln kann und will. Schließlich lässt er sich dann doch überzeugen, nicht zuletzt wegen der Aussicht, Einblick in die Unterlagen des Verteidigers des Kindermörders zu bekommen, die der organisatorische Kopf der Kommission besorgt hat.

 

Die Organisation nimmt ihre Arbeit auf und spricht auf ihre ganz eigene Art und Weise Recht. Das Urteil: Hinrichtung. Doch das Ganze geht nicht lange gut, denn manche Kommissionsmitglieder haben ganz eigene Vorstellungen von der Richtung, in der sich die Sache weiterentwickeln soll und lassen nur allzu bald die strengen, selbst auferlegten Regeln zur Makulatur werden … und Rackley muss erkennen, dass einige seiner ehemaligen Mitstreiter zu Feinden geworden sind, die er unbedingt aufhalten muss, damit nicht noch mehr Blut vergossen wird.

 

KOMMENTAR

Wie es um die Realitätsnähe der Geschichte bestellt ist, soweit es das us-amerikanische Justizsystem, die Waffentechnik und das operative Vorgehen der „Scharfrichter“ betrifft, vermag der Rezensent nicht zu beurteilen. Immerhin wartet der Autor am Ende des Buches mit einer beeindruckenden Liste von Danksagungen auf, die suggerieren, er habe profund recherchiert. Also sind wir mal gutgläubig und nehmen an, alles hat seine Richtigkeit.

Ebensowenig soll der moralischen Frage nachgegangen werden, ob sich eine derartige Tragödie wie der Verlust eines Kindes durch die Bluttat eines Kinderschänders dafür eignet, eine zentrale Rolle in einem Unterhaltungsroman einzunehmen. Zwar schildert Gregg Hurwitz die emotionalen Auswirkungen auf die Hinterbliebenen für diese Art von Literatur relativ einfühlsam und glaubhaft, dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack, weil ein so furchtbares Verbrechen für Unterhaltungszwecke ausgeschlachtet wird.

 

Lässt man diese beiden Punkte außer Acht, dann funktioniert >Die Scharfrichter< als Thriller ziemlich gut, wenn auch das Buch mit seinen über 600 Seiten etwas zu lang geraten ist und bald - nicht zuletzt wegen des Klappentextes - absehbar wird, in welche Richtung der Plot steuert. Tim Rackley ist ein sympathischer (wenn auch ein wenig eindimensionaler) Held von altem Schrot und Korn, der für seine moralischen Überzeugungen einsteht und alles riskiert, um die außer Kontrolle geratenen Entwicklungen wieder zu korrigieren. Ebenso sind alle anderen Figuren nur sehr pointiert charakterisiert, was aber ausreichend ist. Neben den psychologischen Untiefen, in denen sich der Marshal und seine Frau bewegen, gibt es mehrere sehr lebendig beschriebene Actionszenen, die diejenigen zufrieden stellen, die es gerne haben, wenn es hart zur Sache geht. Rackley wird dabei so übel mitgespielt, dass man glauben könnte, er sei der reinkarnierte John McClane aus den Die Hard-Filmen.

 

Gegen Romanende kommt dann der Eindruck auf, dass es sich Gregg Hurwitz ein wenig zu leicht gemacht hat, weil er seinen Helden mit einem nicht recht überzeugenden Zaubertrick aus der Bredouille holt. Andererseits hört man aber genügend verrückte Dinge über das us-amerikanische Rechtssystem, sodass der geschilderte Dreh vielleicht gar nicht so abwegig ist.

 

Was bleibt als Fazit? Der Roman >Die Scharfrichter< erzählt eine vertraute Geschichte (siehe z.B. >Calahan/Dirty Harry 2< oder >Ein Richter sieht rot<) in neuem Gewand und schafft es trotz einiger Unzulänglichkeiten, solide Unterhaltung zu offerieren.

 

Eure Meinung:


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Der Scharfrichter

Autor: Gregg Hurwitz

Broschiert - 635 Seiten - Droemer/Knaur

Erscheinungsdatum: Mai 2006

ISBN: 3426632675

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 15.05.2006, zuletzt aktualisiert: 22.10.2019 14:35