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Der Schneidezahn

Autor: Taridis

 

Die beiden Männer reichten sich die Hände. Beide hatten eine Aufgabe zu erledigen. Wenn sie diese mit Erfolg bewältigen würden, würden sie sich schon bald an gleicher Stelle wiedersehen. Sie vertrauten auf die eigenen Kräfte wie auf ihren Einfallsreichtum und ihre Überzeugungskraft. Sicher würde alles klappen. Mit dieser Zuversicht trennten sich ihre Wege.

 

***

 

Es war ein ruhiger Abend in der kleinen Kneipe in dem unbedeutenden Dorf. Ein paar von der harten Arbeit erschöpfte Bauern tranken ihre Biere und erzählten sich belanglose Anekdoten vom Tage. Nur ein einziger Fremder zeigte sich in dem schlicht eingerichteten Schankraum. Sein langes Schwert, der alte Waffenrock und eine hässliche Narbe auf der linken Wange deuteten auf einen Kriegsveteranen hin, wohl aus einem der entfernt gelegenen Königreiche. Nur selten verirrten sich Bewaffnete in dieses abgelegene Nest, das politisch nie eine Rolle gespielt hatte und für das sich keines der weltlichen Reiche interessierte. Es hatte auch nichts zu bieten.

Auf die Frage, was er denn in Friedhain wolle, antwortete der Fremde erwartungsgemäß mit "Bin auf der Durchreise". Ihn schien das Dorf zu langweilen, doch die bevorstehende Nacht bewegte ihn dazu, kurz in der Kneipe zu verweilen und einen Krug Bier zu trinken, bevor er draußen sein Zelt aufbauen würde. Nur eine kurze Nacht, dann würde er wieder weg sein.

Doch es kam ihm etwas dazwischen. Plötzlich waren von draußen her laute, panische Schreie zu vernehmen. Frauen, Männer, Kinder, irgendetwas schien die ansonsten so ruhigen und gelassenen Einwohner Friedhains in helle Aufregung zu versetzen. Die Gäste in der Kneipe stürmten zur Tür und zu den Fenstern, durch die sie einen Blick auf die kleine Dorfstraße - und damit auf das ganze Dorf - werfen konnten.

Sie sahen, wie die Menschen hektisch über den Dorfplatz liefen und in ihre schmucklosen Häuser flüchteten. Zwei Kinder, die mit offenem Mund gebannt zum Himmel starrten, wurden von ihren Eltern schleunigst von der Straße geholt. Jetzt sahen auch die Männer in der Kneipe den Grund für den plötzlichen Aufruhr: Ein Drache, weiß, elegant und doch so bedrohlich, flog vielleicht fünfzig Meter über den Dächern des Bauerndorfes, drehte dort neugierig seine Runden.

Solange es Friedhain gab, ein solches Wesen hatte man hier noch nie gesehen. Schnell schloss man die Fensterläden, und auch die Tür der Kneipe wollte der Wirt schon verriegeln, da wurde er von einem kräftigen Arm zur Seite geschoben. "Lasst mich erst hinaus, danach tut, was immer ihr für nötig haltet." Schnellen Schrittes ging der Fremde mit seinem Schwert in der Rechten hinaus auf den Dorfplatz, nur eine Sekunde später hörte er die Tür hinter sich zufallen. Es waren ängstliche Bauern, aber an ein solches Verhalten hatte er sich längst gewöhnt.

 

Nach wenigen Minuten ging er gemächlich zur Kneipe zurück und klopfte an. "Macht die Tür auf, der Drache ist fort!" Die Tür wurde daraufhin entriegelt und erst einen Spalt, dann ganz geöffnet. Erwartungsvoll blickten die Bauern den Fremden an. "Er ist zu dem Berg südlich von hier geflogen. Wenn er sich dort niedergelassen hat, so dürfte das nicht sein letzter Besuch in eurem Dorf gewesen sein."

Als die anderen um ihn herum still blieben, ergriff der Bauer Tarolf zögerlich das Wort. In dem Dorf ohne offiziellen Vorsteher genoss er bei den Einwohnern hohes Ansehen und fungierte nun als deren Sprecher. "Sind diese Drachen denn böse?" - "Ob diese Drachen böse sind? Es sind Drachen - natürlich sind sie böse!"

 

Der Fremde setzte sich wieder an seinen Platz, sein Bier war noch halb voll. "Es ist nicht das erste Mal, dass ich einem weißen Drachen begegnet bin. Sie können sehr gefährlich werden, aber in ihren Höhlen können sie nicht zu hoch fliegen und daher von einem geschickten Kämpfer geschlagen werden." Er musste nicht lange auf die Reaktion des nervösen Tarolf warten.

"Ich bitte euch, Herr, wie ihr euch denken könnt, ist von uns keiner in der Lage, einem Drachen gegenüber zu treten. Uns fehlt es an Mut und Kampfgeschick, ihr aber seid sicher ein geübter Krieger. Bitte helft uns!" Der Krieger lehnte sich in seinem Stuhl zurück, sein Krug war jetzt leer. "Wisst ihr, auch für mich ist ein solches Unterfangen kein Spaziergang. Ich würde mein Leben für euer Dorf aufs Spiel setzen; und da auch ich für meinen Lebensunterhalt sorgen muss, erbitte ich mir von euch eine kleine Aufwandsentschädigung."

Im Namen des Dorfes handelte Tarolf mit dem Fremden, der sich inzwischen als Sadre vorgestellt hatte, eine Summe aus, mit der beide Parteien einverstanden sein konnten. Friedhain hatte keine wohlhabenden Einwohner, doch um das eigene Leben zu schützen, waren auch die ärmeren Bauern zu Entbehrungen bereit. Am nächsten Morgen stand das ganze Dorf schon früh auf den Beinen, um den gut gerüsteten Sadre viel Glück für den bevorstehenden Kampf zu wünschen, den er führte, um sie vor diesem Ungeheuer zu retten. "Wir werden für euch beten, Sadre."

 

Einen Tag darauf.

Stolzen Schrittes marschierte Sadre auf das Dorf zu. Die Kinder Friedhains liefen ihm schon weit davor entgegen, "Hast du den Drachen getötet? Hat er Feuer gespien?...", der Rest versammelte sich derweil auf dem Dorfplatz und erwartete ihn dort. Als er in Hörweite gekommen war, breitete Tarolf seine Arme aus und erhob seine Stimme: "Sadre, so sagt uns, habt ihr den Drachen erledigt? Können wir nun wieder ohne Sorge durch das Dorf und auf unsere Felder gehen?"

Sadre kramte etwas aus einer Tasche seines Waffenrocks heraus, ein kleines, längliches Ding, das er mit gestrecktem Arm gen Himmel hielt. "Seht, Einwohner von Friedhain, dies ist der Schneidezahn des weißen Drachen, der in der Nähe eures Dorfes in einer Höhle gehaust hat. Seine sterblichen Überreste befinden sich noch immer darin." Die Menschen um ihn herum fanden gar nicht genug Worte des Dankes, und erleichtert überreichten sie ihm den Beutel mit der versprochenen Belohnung.

Nach kurzem Zögern nahm Sadre den Beutel entgegen und lächelte verschmitzt, als er wieder das Wort an die Dorfbewohner richtete: "Dieser Zahn ist alles, was ich von dem Drachen als Trophäe mit mir nehmen möchte. Holt euch ruhig den Rest, in den großen Städten gibt es Menschen, die ein kleines Vermögen für derartige Utensilien ausgeben würden. Doch da ich in den Städten nicht mehr willkommen bin, begnüge ich mich mit dem, was wir ausgehandelt haben." Darauf erwiderte Tarolf: "Uns ist es egal, was die Menschen in den Städten über euch denken, Sadre, und was dort auch immer geschehen sein mag, hier in Friedhain werdet ihr immer willkommen sein."

Sadre bedankte sich für die freundlichen Worte, obgleich er wusste, dass er sicher nie wieder auch nur in die Nähe des Dorfes kommen würde. Nachdem er noch mit einigen Lebensmitteln für seine lange Weiterreise versorgt wurde, packte er seine Sachen zusammen und machte sich wieder auf den Weg. Die Menschen aus Friedhain blickten ihm noch lange nach, als wenn sie einer der größten Helden dieser Welt verlassen würde, dann verschwanden sie in ihren Häusern und auf den Feldern, um das einfache Leben fortzuführen, das für kurze Zeit unterbrochen war.

 

***

 

 

Die beiden Männer reichten sich die Hände. Es hatte alles geklappt, wie erwartet hatten beide ihre jeweilige Aufgabe erfolgreich bewältigt. Die nächsten Meilen würden sie nun gemeinsam zurücklegen, bevor sie sich erneut trennen müssen. Der Größere der beiden kramte ein kleines, längliches Ding aus der Tasche seines Waffenrocks und betrachtete es eine Weile. Dann hielt er es mit gestrecktem Arm seinem Begleiter entgegen. "Weißt du", sagte der Krieger schließlich zu dem Illusionisten, "das könnte auch der Zahn eines großen Bergtrolls sein. Kriegst du so einen auch hin?"

 

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ANNA
Mittwoch, 29. März 2006 17:53 Uhr
schöne geschichte!!!

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Erstellt: 28.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58