Neben Büchern lese ich, als Mitherausgeber eines Comicfachmagazins, selbstverständlich auch viele Comics. Und natürlich bin ich allen Mischformen aus Wort und Bild nicht abgeneigt. So findet sich hin und wieder auch ein Bilderbuch oder ein reichlich illustriertes Buch auf meinem Lesestapel wieder.
Rechtzeitig zum Herbst (und vor Weihnachten) ist ein neues Buch von James Norbury bei Wunderraum, einem Ableger des Goldmann Verlags, erschienen. Wunderraum existiert seit 2017. Davor hieß er Manhattan Verlag und verlegte u. a. Romane von Terry Pratchett oder Neal Stephenson.
Um sich besser abzugrenzen vom Goldmann-Umfeld, hatte man beschlossen, keine Thriller, Erotik, Fantasy oder Science Fiction mehr ins Portfolio aufzunehmen. Die damalige Verlagsleiterin erklärte, das neue Programm solle aus Romanen bestehen, »in denen Leserinnen und Leser sich verlieren können und die nach der Lektüre ein gutes Gefühl hinterlassen«.
Und wirklich: Viele Titel aus dem kleinen, aber feinen, Wunderraum-Programm können diesem Credo zugeordnet werden. Besonders die wunderschön gemachten Bücher des Briten James Norbury. Mit seinem neusten Buch Der schönste Ort der Welt kehrt er zu den beiden Freunden Großer Panda und Kleiner Drache zurück und schickt sie auf eine Reise zum titelgebenden schönsten Ort der Welt.
Die Geschichte kann in einem Rutsch durchgelesen werden oder bewusst in Teilen von ein paar Seiten pro Tag. Man kann sie aber auch wahllos aufschlagen und in ihre Gedankenwelt eintauchen. Den meisten der insgesamt zehn Kapiteln ist ein Thema zugeordnet, wie z. B. »Verlust und Umgang mit der Vergangenheit«, »Selbstzweifel« oder »Depression und innere Leere«.
An diesen Themen merkt man, dass es sich hier nur vordergründig um ein Kinderbuch handelt. Zwar kann es auf der ersten Ebene als Buch für Kinder gelesen werden, doch ist es in zweiter Instanz eher eine Art Lebenshilfe. Viele Stellen von »Der schönste Ort der Welt« regen zum Nachdenken an und ich vermute, dass viele Leserinnen und Lesern einige Passagen auch für ihr eigenes Leben und selbst gemachte Erfahrungen anwenden können.
Norbury, der um die 20 Jahre als Künstler und Schriftsteller sehr erfolglos war und stets wenig Geld hatte, kam zu dem Konzept dieser Art von Bilderbuch durch seine Not und Entschlossenheit. Wie er im Nachwort schreibt, hatte er viele Probleme mit seiner psychischen Gesundheit und sich deshalb jahrelang mit spirituellen Themen beschäftigt, vor allem mit dem Buddhismus, der ihm eine große Hilfe war. Was er dabei gelernt hatte, wollte er mit anderen in einer leicht zugänglichen Form teilen. »Denn viele Menschen wollen nicht unbedingt dicke Bücher lesen, um ein paar hilfreiche Anregungen zu bekommen«, so Norbury.
Eine Veröffentlichung von Bildern, wie oftmals von Themen wie Dystopie und Einsamkeit inspiriert waren, in den sozialen Medien verhalfen ihm schließlich zu Erfolg. Dabei vermeidet er eine Ansammlung von Aphorismen oder Bonmots im Stile von Konfuzius, sondern entwickelt – zwar nicht unbedingt neue – aber eigene Gedanken.
»Der schönste Ort der Welt« ist das fünfte Buch von James Norbury. Die Produktion des Hardcovers in Halbleinen ist hochwertig und sehr gelungen.
Meist lasse ich mich von den Werbeslogans der Verlage nicht beeindrucken. In diesem Fall stimmt der folgende Spruch aber wirklich: »Das perfekte Geschenkbuch für einen Lieblingsmenschen oder sich selbst.«