Man kann Ursula K. Le Guin eigentlich zu Recht als die Grande Dame der Science Fiction und Fantasy bezeichnen, denn sie hat das Genre mit ihren Romanen und Kurzgeschichten zu einer Zeit geprägt, in der bestimmte Themen für die meisten ihrer männlichen Kollegen noch tabu waren. Der Fischer Tor Verlag ehrt sie nun durch Der Tag vor der Revolution mit einer Sammlung von fünfundzwanzig Kurzgeschichten und Novellen aus den Jahren zwischen 1967 und 1996, die zum größten Teil noch nie in Deutschland erschienen sind.
Die Menschen sind zu einer raumfahrenden Rasse geworden und inzwischen fest in das Universum der Hainish eingebunden, einer menschenähnlichen, aber viel älteren Rasse. Und natürlich gibt es für die Erdenbewohner immer wieder viel zu lernen und dabei auch über ihren Schatten zu springen.
Denn immerhin lassen sich die Planeten aber vor allem ihre Bewohner nicht unbedingt in menschliche Schubladen einsortieren, gerade was die Gesellschaft betrifft. Und manchmal müssen auch die Menschen umdenken, wenn es um das Überleben auf Welten geht. Oder neue Formen des Zusammenlebens, wenn alles andere nicht mehr funktioniert.
Die Sammlung bietet eine interessante Mischung aus Erzählungen, die sich meistens in einer fernen Zukunft bewegen, in der die Menschen ihre eigene Heimat verlassen haben und sich nun mit anderen Zivilisationen auseinander setzen müssen und manchmal auch ihren eigenen Befindlichkeiten, wenn sie die Umstände dazu zwingen.
Die meisten Geschichten sind tatsächlich im Hainish-Universum angesiedelt, so dass es natürlich auch ein Wiedersehen mit den Welten, nicht unbedingt den Figuren aus ihren bahnbrechenden Romanen gibt.
Und betrachtet man die Entstehungszeit der Werke, so merkt man, das vieles für ihre Zeit, gerade in den 1960ern und 1970ern regelrecht bahnbrechend war, gerade was geschlechtliche Identität oder Gesellschaftsformen angeht, die nicht mehr auf menschlichen Normen beruhen. Genderfluide Völker haben ebenfalls ihren Platz wie Familien, die ganz anders aufgebaut sind und auch queere Verbindungen ermöglichen.
Dabei merkt man immer wieder, dass sich Ursula K. Le Guin sehr bewusst damit auseinander gesetzt und die Möglichkeiten durchgespielt hat. Das gibt den Erzählungen ein immenses Potential, das nicht immer leicht zu verdauen ist.
Die Geschichten sollte man daher nicht an einem Stück genießen, sondern nacheinander. Denn auch wenn sie zunächst sehr flüssig wirken, so haben sie doch alle eine Tiefe, die man bei heutiger Science Fiction nicht ganz so findet.
Gleichzeitig fordert die Autorin auch bewusst den Leser heraus, nachzudenken und seine Vorstellungen in Frage zu stellen, denn immer wieder wird uns auch der Spiegel vorgehalten. Zudem sind die Inhalte zeitlos geblieben und nicht einmal so sehr gealtert, denn vieles wird auch heute leider wieder in Frage gestellt und teilweise verurteilt.