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Der Teufel von Mailand von Martin Suter

Rezension von Oliver Kotowski

 

Schon seit langem wird Sonias Leben immer deprimierender, doch seit sie sich von ihrem gewalttätigen Gatten getrennt hat, eskaliert die Situation. Sonia versuchte dem zu entkommen: den Urteilen der alten Bekannten durch den Umzug in eine neue Wohngegend und den Erinnerungen an ihren Exmann durch Flucht in die Arme unbekannter Männer. In ihrer Nachbarschaft jedoch schwelen brutale Auseinandersetzungen und dank einer Disco-Bekanntschaft lernte sie auch unfreiwillig LSD kennen. Aus dem Trip resultieren seltsame Wahrnehmungen – Sonia kann Formen schmecken und Töne sehen: Ihre Handtasche sah aus, wie eine E-Gitarre klingt. Die ehemalige Physiotherapeutin beschließt einen neuen Anfang zu wagen und lässt sich von Barbara Peters für das Gadamer, einem Wellness-Hotel, anstellen. Die Landschaft ist malerisch, die Kollegen scheinen nett und im Restaurant des Dorfs Val Grisch kann man toll räto-asiatisch Essen. Doch schon bald stellen sich Probleme ein: Sonia erträgt es nicht mehr, gewisse Gäste anzufassen. Irgendjemand spielt dem Hotel seltsame Streiche, so verliert der Baum im Foyer alle Blätter über Nacht. Und in einer anderen Nacht sieht Sonia, wie das große Astloch die kleineren und die Fugen aufsaugt. Wird Sonia wahnsinnig?

 

Die Ereignisse tragen sich in Unterengadin in der Schweiz zu, genauer gesagt: Im fiktiven Örtchen Val Grisch. Die Berglandschaft und das Dorf sind pittoresk und liegen abgelegen. Doch auf die Schönheit des Settings wird selten eingegangen. Das Wetter wird zur atmosphärischen Untermalung genutzt: Nebel, Regen und weitere Niederschläge spiegeln die Stimmung Sonias wieder. Mehr Raum gewährt Suter dem Milieu, welches er vor allem mit den kleinen Marotten der Nebenfiguren einfängt. Weiterhin bleiben sich die Hotelangestellten und die Dörfler immer fremd, selbst wenn man sich von der einen oder anderen Seite bemüht das Eis zu brechen. Als Ganzes betrachtet, kommt dem Setting jedoch nur eine nachrangige Rolle zu.

 

Die Darstellung der Figuren dagegen ist zentral. Die Hauptfigur ist Sonia Frey, eine gut aussehende Frau von etwa fünfunddreißig Jahren. Sie leidet auch nach der Trennung unter der Gewalt Frédéric Forsters, ihres Exmanns. Er steckt in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt und bedrängt sie durch seine Anwälte, damit sie ihre Anzeige zurücknehme. Dazu kommt der Rückzug des alten Umfelds und die Rohheit des neuen – Sonia ist zu einer labilen Person geworden, die anderen mit Misstrauen begegnet. Sie flüchtet sich in oberflächliche Flirts – so kommt sie auch zu einem LSD-Trip. Die bizarren Wahrnehmungen bleiben jedoch. Daher flüchtet sie nach Val Grisch und erhofft sich durch eine Rückkehr zur alten Arbeit auch eine Rückkehr zur alten Normalität. Wichtige Nebenfiguren sind: Die stets freundliche, aber distanzierte Chefin Barbara Peters, eine blendend aussehende Endzwanzigerin, die sich auch bei schlechten Geschäften nicht um das Finanzielle sorgt; der schwule Masseur Manuel, ein unkomplizierter Kumpel, der Sonia häufig hilft, und der alte Nachtportier Casutt, ein sympathischer alter Kauz, der nicht nur müde ist, sondern zusätzlich ein Alkohol-Problem hat. Weiterhin sind unter anderen Sonias Kollegin Frau Felix, eine rigorose und zum Sadismus neigende Person, der gut aussehende Pianist Bob, der sowohl für Sonia, wie auch für Manuel interessant ist, und die höfliche, aber nachtragende Anna Bruhin, die Besitzerin des Kolonialwarenladens, zu erwähnen. Die Figuren sind rund und zentrisch, neigen aber in wenigstens einer Eigenschaft zur Exzentrik. Obwohl sich die eine oder andere weniger originelle Eigenschaften-Kombination findet, sind die Figuren alle ambivalent und interessant entwickelt. Leider gibt es im fortgeschrittenen Buch einige sprunghafte Entwicklungen Sonias, die nicht überzeugen können.

 

Der Plot besteht aus drei Handlungssträngen: Da sind zunächst die sonderbaren Ereignisse im Hotel. Warum hat der Baum übernacht aller Blätter verloren? Will jemand aus dem Dorf Barbara Peters schaden? Später findet Sonia die lokale Sage um den Teufel von Mailand, der einem armen Mädchen ein glückliches Leben anbietet – im Tausch gegen ihre Seele, die sie unter bestimmten, sehr ungewöhnlichen Umständen verlieren soll. Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen dieser Schauergeschichte und den Zwischenfällen? Dieser Strang weißt klar Elemente eines Gaslighting-Krimis auf und lässt den Leser streckenweise sogar in todorovsches Fahrwasser geraten: Gibt es möglicherweise tatsächlich Übernatürliches? Weiter sind da seit dem LSD-Trip die seltsamen Wahrnehmungen. Gerade zu Beginn können sie den Leser verunsichern und unheimlich wirken: Verliert Sonia den Verstand? Sind es Nachwirkungen der Drogen? Hat sie seherische Fähigkeiten? Ab einen gewissen Zeitpunkt treten diese Momente leider deutlich in den Hintergrund. Schließlich ist da noch Sonias vergangenes und gegenwärtiges Liebesleben. Die Vergangenheit spielt über Träume und plötzlich aufwallende Erinnerungen an die Ausbrüche ihres Exmannes und zudem über die SMS-Gespräche mit Malu, ihrer letzten Freundin aus dieser Zeit eine Rolle. Für die Gegenwart ist da Bob, der interessanteste Mann im Hotel – nicht nur für Sonia. Eine moderne Beziehungsgeschichte um körperliche Nähe und emotionale Distanz – und Eifersucht.

Da ist für jeden was dabei: Ein bisschen Krimi, ein bisschen Grusel, ein bisschen Beziehungskiste. Meiner Ansicht nach hätte Suter sich besser auf zwei Aspekte beschränkt und diese intensiver behandelt. So ist es eine spannende, schnell voranschreitende Unterhaltungsgeschichte; zwar gut recherchiert, aber es mangelt etwas an Tiefe.

 

Erzähltechnisch ist die Geschichte nicht besonders originell: Die Handlung ist dramatisch aufgebaut, ist zwar generell progressiv, wird allerdings immer wieder regressiv unterfüttert, und Entwicklung und Desillusionierung halten sich modern die Waage. Geschildert wird die Geschichte aus auktorialer Haltung heraus, zumeist mit personalem Blickwinkel Sonias.

Der Stil ist klar und direkt. So neigen die Sätze zur Kürze: Es gibt deutlich mehr Hauptsätze als Nebensätze, selten Bandwurmsätze und fast nie Schachtelsätze. Einige 'Sätze' erfassen die Gedankengänge der Figuren lakonisch mit einem einzigen Wort ein. Der Autor bedient sich üblicherweise eingängiger Worte; er weicht nur bei Fachgesprächen, bizarren Situationen oder um den Lokalkolorit einzufangen davon ab. Erfrischend sind die Minimalgespräche zwischen Sonia und Malu per SMS und einige der Metaphern.

 

Fazit:

Auf der Flucht vor der Vergangenheit mit dem gewalttätigen Exmann Frédéric treibt es die Physiotherapeutin Sonia ins abgelegene Hotel Gadamer, doch unheimliche Wahrnehmungen und sonderbare Streiche lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Suter schreibt eine spannende und gut lesbare Unterhaltungsgeschichte mit Elementen des Krimis, Gruselromans und der Beziehungsgeschichte – eine klassische Mystery-Story modern erzählt.

 

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Der Teufel von Mailand

Autor: Martin Suter

Gebundene Ausgabe: 296 Seiten

Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (Juni 2006)

ISBN-10: 3257065345

ISBN-13: 978-3257065343

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 20.12.2006, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27