Der unterirdische Fluss (Rex Mundi, Bd. 2)
 
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Der unterirdische Fluss

Rex Mundi Bd. 2

Rezension von Christian Endres

 

Der Mystery-Thriller um die etwas andere Suche von Doktor Julien Sauniére nach dem Heiligen Gral geht in eine zweite Runde – und wie der erste Teil wirft auch diese Fortsetzung mehr Fragen auf, als dass sie Antworten gibt. Sicherlich funktionieren viele Thriller nach diesem Prinzip, doch braucht man als Leser zwischendurch trotzdem kleine wie große Erfolgserlebnisse – mit dem Dechiffrieren eines Codes ist es einfach nicht getan, damit man über knapp 200 Seiten hinweg hochmotiviert bei der Stange bleibt und nicht bei jedem neuen Haken der Story von vorne herein genervt abwinkt, weil man ohnehin weiß, dass es außer noch mehr kryptischen Hinweisen oder weiteren Personen und historischen Namen und Bezügen keine Antworten geben wird.

 

Keine Frage, das Setting dieser Serie ist nach wie vor überragend, prächtig mit politischen und historischen Alternativen zum Jahre 1933 unserer Zeit ausgestattet und wirklich akribisch in alle Richtungen konstruiert – aber was nutzt dieser wieder liebevoll mit Titelseiten und Leitartikeln einer fiktiven Zeitung ausgestattete, exorbitante Hintergrund, wenn die Geschichte, die vor ihm ausgebreitet wird, ihre Zutaten nicht richtig nutzen kann und bis auf ein paar Stellen und Szenen viel zu oft hinter ihren Möglichkeiten oder gerade auch dem zurück bleibt, was nach Band eins noch alles möglich schien?

 

Einer komplexen Geschichte muss man zugestehen, dass sie sich nicht auf ein oder zwei Dutzend Seiten völlig entfaltet und all ihre Geheimnisse auf einmal Preis gibt – in diesem Fall gleicht sie einer ebenso schönen wie klugen Frau, die sich auch nicht direkt beim ersten Date auszieht. Aber irgendwann müssen sich sowohl die Frau, als auch die Geschichte entscheiden, was sie wollen. Arvid Nelson und EricJ sowie ihr Rex Mundi entscheiden sich mit den vorliegenden Kapiteln erst einmal nur dafür, weitere Türchen und Deckelchen zu öffnen und damit weitere Variablen und Geheimnisse ins Spiel zu bringen. Dass sie ihre Jagd nach dem Heiligen Gral damit vielleicht zu komplex und ausufernd gestalten und ihrer Story den Drive nehmen, berücksichtigen sie dabei viel zu selten. Überhaupt ist es auffallend, das dieser zweite Band vor allem dann richtig überzeugt, wenn die Mystery-Komponente stärker betont wird, die Inquisition der mächtigen katholischen Kirche mehr Präsenz zeigt und Julien so kurz vor einem Verhör durch den Bischof beispielsweise in einer fast schon pulpig anmutenden Szene von einer verhüllten Gestalt in einem zerfledderten Umhang zwischen den Grabsteinen ein entscheidendes Puzzle aufgezeigt bekommt – das freilich wieder noch mehr Fragen aufführt und zu neuen Rätseln und Fallstricken der Geschichte führt ...

 

Auch das Artwork von EricJ, das schon in den ersten Kapiteln von Band eins nicht immer ganz überragend gewesen war, schwächelt weiter: Vor allem zu Beginn von »Der unterirdische Fluss« kann es in vielen Panels oder Details wie den Gesichtern einfach nicht überzeugen. Dies bessert sich zum Ende hin glücklicherweise ein bisschen, doch bleibt auch in optischer Hinsicht ein eher zweigespaltener Eindruck, der das Gefühl weckt, das auch hier nicht das gesamte Potential ausgeschöpft worden ist.

 

Und wenn das robuste Ehapa-Hardcover auch wieder durch eine sorgfältige technische Aufmachung und ein nettes Layout im Innenteil besticht, so muss sich der zweite Sammelband wie schon sein Vorgänger wieder mit einer eher weniger schönen Cover-Gestaltung herumschlagen. Wieso man hier nicht auf ein Original-Cover der Heftserie (die immerhin im Innenteil abgedruckt sind) oder gar ein Cover des entsprechenden US-Trades zugreift, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Die Pin-Ups anderer Künstler zur Serie machen dieses Vesäumnis nur zum Teil wieder wett.

 

Alles in allem also ein Band, der durch seine Spirale aus Geheimnissen am Ende mehr neue Fragen aufwirft, als dass er von den vielen bestehenden überhaupt erst einmal ein paar zufriedenstellend beantwortet. Trotz einiger guter Szenen und dramaturgischer Spitzen nach oben zeigt sich unterm Strich somit ein Comic-Thriller, der vor allem erst einmal durch sein nach wie vor außergewöhnliches Setting in der alternativen Vergangenheit unserer Welt überzeugen kann.

 

Das wiederum genügt allerdings nicht, um über seine Schwächen hinwegzutäuschen. Denn wie einige seiner Genre-Verwandten aus der Literatur hat auch »Rex Mundi: Der unterirdische Fluss« vor allem ein Problem: Er meint es zu gut, will zuweilen viel zu knifflig, geheimnisvoll und damit klug und aufregend sein. Ein bisschen weniger wäre hier vielleicht der richtige Mittelweg zwischen Anspruch und Spannung auf der einen und einfach gutem, geradlinigem Entertainment auf der anderen Seite gewesen. So bleibt eine viel zu häufig eher mühsame und etwas zähe Lektüre, die ihren fesselnden Hintergrund leider nicht ausreichend zu nutzen versteht und sich unterwegs an zu vielen Stellen in ihren eigenen Geheimnissen verliert und am Ende eben auch in ihnen verstrickt.

 

Es bleibt abzuwarten, ob Nelson und Johnson ihre furios gestartete Geschichte mit dem dritten Sammelband, »Die verlorenen Könige«, im November diesen Jahres wieder zurück auf Kurs bringen können.

 

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240222044143aa3ee199
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Comic:

Der unterirdische Fluss

Reihe: Rex Mundi Bd. 2

Autor: Advid Nelson

Zeichner: Eric J

Ehapa, April 2007

Format: Hardcover-Album

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 377046611X

Anzahl Seiten: 176

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 09.06.2007, zuletzt aktualisiert: 31.12.2023 11:30, 4020