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Leseprobe: Der vergessene Friedhof

Ein Fressen für die Fische

 

Als Kronn von der Planke gestoßen wurde und mit hinter dem Rücken gefesselten Händen hinabfiel, wurde ihm schmerzhaft bewusst, dass ihm die letzte Stunde geschlagen hatte. Das Klirren von Eisengliedern erinnerte ihn während des Fallens daran, dass an seinen Füßen eine Kette befestigt war. Am anderen Ende der Kette hing sein bester Freund Kaschemm. Blutüber-strömt und mit weit aufgerissenen Augen. Kaschemm war tot.

Dann klatschten beide auf der Wasseroberfläche auf und Kronn versank wie ein Stein in den Fluten des Meeres.

Das Johlen der Piraten drang nur schwach von oben zu ihm durch. Luftblasen wirbelten um Kronn herum und strebten der Oberfläche zu. Sein blondes Haar wurde von der Strömung hin- und hergerissen. Obwohl Kronn seine muskelbepackten Arme bis zum Zerreißen anspannte, konnte er die Fesseln nicht sprengen.

Während der Söldner tiefer und tiefer sank, durchzuckten ihn die Erinnerungen...

 

Es war ein gewöhnlicher Tag auf See gewesen. Die Meeresoberfläche war ruhig, geradezu einladend. Die Matrosen hingen an der Reling und dösten vor sich hin. Selbst der Kapitän, ein vierschrötiger Geselle mit nur einem Auge und einer Stahlklaue, gönnte sich ein Nickerchen in der Kajüte. Der Bootsmann saß unter Deck und war in ein Kartenspiel mit dem Koch vertieft. Die Kriegskaravelle Safir kreuzte in Sichtweite der zerklüfteten Steilküste verschiedene Wegpunkte ab, welche von Saramees Stadtvorderen festgeschrieben worden waren. Schon lange hatten die Piraten die Gewässer unsicher gemacht und in Saramee ging die Angst um, dass die eh schon durch ihre Lage zum Landesinneren hin abgeschlossene Stadt, auf Grund der Piratenaktivitäten auch von See her bald isoliert sein würde. Die Stadtvorderen konnten dies nicht zulassen. Dies wäre das Ende von Saramee, dieser Grenzstadt voller Abenteurer, Dirnen und anderen gestrauchelten Existenzen.

Die Söldner saßen auf dem Deck, polierten ihre Krummschwerter und Kriegsäxte, während sich das Piratenschiff unbemerkt näherte. Kronn entdeckte es als erster. Es musste hinter einer Landzunge hervorgekommen sein. Anders wäre es den Piraten nicht gelungen, die Kriegskaravelle zu überraschen. Kronn sprang auf und gab Alarm. Sofort stürmten alle Söldner zusammen und bildeten eine Linie an der Reling. Die Matrosen verfielen in hektische Betriebsamkeit, waren aber ohne Kapitän und Bootsmann unfähig zu einer gezielten Reaktion. Je näher das feindliche Schiff kam, desto mehr Einzelheiten erkannte Kronn. Es war ein kleines, wendiges Schiff, eher ein umgerüstetes Fischerboot mit Fischbeinschilden an den Seiten. Lange Ruder stießen ins Wasser, wühlten es auf, zogen das Schiff näher und näher heran.

Als Kapitän und Bootsmann an Deck erschien, hatte Kronn schon die Schlachtordnung der Söldner aufgestellt und erwartete mit gebleckten Zähnen und vorgeschobenem Kinn den Angriff der Piraten, die nur noch wenige Schiffbreiten entfernt waren.

Ehe der Kapitän begriff, was vor sich ging, lief das Piratenschiff längsseits und ein Schwarm von Enterhaken flog durch die Luft. Nicht alle konnten die Söldner zurückwerfen und an jenen, die sich in Takelage und Segeln verfingen, hangelten sich die Piraten mit quer im Mund geführten Messern herüber.

Die Piraten waren in der Überzahl und selbst die furchtlosen Söldner vermochten nicht gegen die schiere Masse anzukommen. Einer nach dem anderen fiel unter den Hieben der Gesetzlosen, bis nur noch Kaschemm und Kronn übrig blieben.

Sie kämpften Rücken an Rücken. Verbissen, gewitzt und hart. Aber plötzlich fühlte Kronn nicht mehr den Rücken von Kaschemm an seinem eigenen und drehte sich um. Zu seinen Füßen lag der Söldnerfreund in seinem eigenen Blut, das sich auf den Planken mit der vergossenen Röte der restlichen Besatzung vermischte.

"Gib nicht auf! Es sind nicht mehr allzu viele übrig!", keuchte Kaschemm und stieß mit letzter Kraft einem heranstürmenden Piraten sein Schwert in den Bauch. Dann verschied Kaschemm und Kronn blieb allein zurück.

"NEIN!", brüllte der Söldner und hieb wutentbrannt um sich. Seine Kriegsaxt wirbelte in einem zerstörerischen Kreis durch die Piraten, zerteilte deren Fleisch und legte Knochen frei. Irgendwann ließ der Blutrausch in Kronn nach und einer der Feinde schlug ihm mit der Breitseite eines Krummsäbels über den Kopf, so dass Kronn schwer auf die Knie sank und seine Axt ihm aus den Händen glitt.

Der Pirat holte weit aus und wollte eben seinen Säbel zu einem Enthauptungsschlag führen, als etwas Unerwartetes geschah.

"Haltet ein!", erscholl eine Stimme über den Kampfeslärm hinweg, der sofort erstarb.

Kronn blinzelte. Blut verklebte seine Augenlider und trübte seine Sicht. Verschwommen nahm er einen Bär von Mann wahr, der vor ihn hintrat.

"Dieser hier soll unserem Vergnügen dienen!", polterte dessen Stimme.

Kronn holte tief Luft.

"Verflucht sollst du sein, Pirat! Töte mich endlich, so wie du meine Kameraden und Freunde umgebracht hast! Warum zögerst du?"

Der Pirat ging in die Hocke. Offensichtlich war er der Anführer der Gesetzlosen. Sein Bart stank nach tagealtem Essen und im Atem schwang der Geruch fauliger Zähne mit.

"Oho - Ein Held!"

Lachen und Johlen der Piraten folgten diesen Worten.

"Du willst also zusammen mit deinem Freund hier sterben?" Das bärtige Gesicht blickte auf Kaschemm, der mit weit aufgerissenen Augen neben Kronn lag. Kaschemms Blick war gebrochen.

Kronn nickte.

"So sei es! Kettet sie zusammen und bindet dem Helden die Arme hinter den Rücken!", sprach der Piratenkapitän.

Die Menge johlte vor Freude. Offensichtlich wussten sie schon, welches Schauspiel sie erwartete.

"Und bringt mir eine Planke für die beiden!" lachte der bärtige Pirat, während er sich aufrichtete...

 

Kronns Lungen brannten. Um ihn herum herrschte das wechselhafte Zwielicht des Meeres. Auf einmal war ihm, als könne er unter sich einen schat-tenhaften Punkt erkennen, der rasch größer wurde.

Je tiefer Kronn sank, desto deutlicher sah er den Punkt sich zu einem Kreis ausweiten, bis der Söldner auf gleicher Höhe mit dem Objekt war und erstaunt feststellte, dass es sich dabei um ein Korbgeflecht handelte, das auf einem dicken Rundbalken aufgeflanscht war, der in die Tiefe hinabreichte.

 

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Titel: Der vergessene Friedhof

Autor: Markus K. Korb

Reihe: Saramee Bd.1

Illustration: Chrissi Schlicht

A5 Paperback – 72 Seiten

ISBN: 3-936742-51-0

Verlag: Atlantis Verlag

erschienen Januar 2005

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.


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Erstellt: 11.11.2005, zuletzt aktualisiert: 23.01.2015 16:11