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Der vierte Mond von Kathleen Weise

Rezension von Matthias Hofmann

Bei Heyne ist ein neuer Science-Fiction-Roman erschienen mit dem Titel Der vierte Mond. Es handelt sich hierbei um SF aus Deutschland. Und um SF von einer Frau. Beides kann nach wie vor für endlose Diskussionen sorgen. Deutsche SF wurde lange Zeit traditionell entweder missachtet oder belächelt. Und SF von Autorinnen hatte Seltenheitswert. Während sich der weibliche Anteil der schreibenden Zunft im Bereich der Fantasy gefühlt auf einem Allzeithoch befindet, sieht es bei der Science Fiction eher mäßig aus. Deshalb hat es mich gefreut, als »Der vierte Mond« angekündigt wurde. Und natürlich habe ich mir den Roman gleich nach Erscheinen zu Gemüte geführt.

 

Vorweg schon mal dies: Sowohl das Titelbild als auch der Klappentext führen gnadenlos in die Irre. Die Coverillustration suggeriert einen geheimnisvollen Hard-SF-Roman, im besten Fall, à la Arthur C. Clarke oder Cixin Liu. Die Person, die den Umschlag mit Worten beschrieben hat, macht mächtig Lesehunger mit Worten wie »Spannung, Wissenschaft, Abenteuer« und spricht von »einem Science-Fiction-Epos der neuen Generation«.

 

Ich hätte es besser wissen müssen. Wer sich, derart geblendet, an die Lektüre macht, kann nur enttäuscht werden. Dabei hätte es so schön sein können …

Im Jahr 2104 hat die Menschheit das All erobert. Es geht um die Ausbeutung fremder Trabanten wie den Jupitermond Kallisto. Von Unternehmen wie Space Rocks werden sogenannte Spaceworker dorthin geschickt, um Rohstoffe abzubauen. Sie sind so eine Mischung aus Helden und Popstars der Zukunft. Hinter der Fassade macht sich ein eher trauriges Bild breit. Unfälle sind keine Seltenheit, schließlich ist das im Grunde harte Arbeit in einer unwirtlichen Atmosphäre. Untertagebau 2.0. Wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, weiß wahrscheinlich Bescheid. 

Was die Öffentlichkeit der Zukunft scheinbar auszublenden scheint: die Folgeschäden. Viele Spaceworker sind nicht nur körperlich versehrt, sondern haben auch seelisch einen Knacks weg, nehmen Drogen, haben Geldprobleme und schlagen sich mehr schlecht als recht durch die Frührente. So hat eine der Hauptpersonen, Uche Faure, bei einem Unglück gar beide Beine verloren.

Und mit einem Unfall beginnt auch der Einstieg in die Handlung. Der Orbiter Eurybia stürzt ab während einer Erkundungsmission. Nach und nach kommt die Crew ums Leben oder verschwindet. Nur einer bleibt übrig: Samuel Thomas, Soldat der EASF (European Armed Space Forces), der unglaublich lange die Stellung hält, bis die inzwischen fünfte Kallisto-Mission sich auf den Weg macht, um ihn auf die Erde zurückzuholen.

 

Kathleen Weise, die bereits einige Romane für Jugendliche und Erwachsene geschrieben hat, jongliert gleich von Beginn an ein enormes Figurenarsenal. Dabei macht sie den William Gibson und setzt irgendwie alles voraus. Sehr mutig für einen SF-Neuling werden Namen, Spezialbegriffe und Abkürzungen munter in den Plot gewürfelt, dass es vom Start weg schwer fällt, den Überblick zu behalten (besonders die Namen, da mitunter nur die Vornamen, oder nur Nachnamen erwähnt werden).

 

Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir bis zur Hälfte des Buches das Lesen selbst schwer gemacht hatte, denn erst zu dem Zeitpunkt hatte ich bei einer langweiligen Passage erstmals bis ans Ende des Roman geblättert und dort doch tatsächlich ein umfangreiches Figurenregister, Abkürzungsverzeichnis und Glossar entdeckt. (Einen Hinweis darauf hat der Verlag immerhin im Impressum versteckt.) 

Während das Glossar unnütze Fakten wie »FC Sheffield – der älteste Fußballverein der Welt« oder »Kumpel – aus der Bergmannssprache, Bergmann« bereithielt, erwies sich das Figurenregister als Segen und fast schon erleuchtend. Allerdings war ich fortan mit Vor- und Zurückblättern beschäftigt.

Bis dahin musste man sich durch einen mehr oder minder komplexen Plot lavieren, der hauptsächlich auf der Erde spielt. Es geht um Wirtschaft, Politik, Macht und die Folgen davon. Das ist für sich nichts schlechtes, allerdings braucht man dafür kein SF-Setting. Die Episoden auf dem vierten Mond sind spärlich und werden erst im letzten Drittel dichter. Dann wird es auch philosophisch und durchaus interessant. 

Bis dahin schleppt sich jedoch die Handlung in einem betulichen Tempo vorwärts und ich begann mich zu fragen, wann ich denn wohl auf die auf der Buchrückseite angekündigte »Spannung« stoße. Oder zumindest das »Abenteuer«, denn auch die »Wissenschaft« ist eher krückenhaft etabliert, wie Kathleen Weise freimütig und ehrlich in ihrer Danksagung am Ende des Buchs zugibt. Dafür gebührt ihr Respekt, denn es bleibt nach beendeter Lektüre der Eindruck, dass sie sich mit diesem SF-Setting nicht völlig wohlgefühlt hat. Sie stellt in ihrem Nachwort die Frage: »Wie viel Science muss und wie viel Fiction darf in einen Text, damit er noch als Science-Fiction gilt?«

Weise selbst hat nur soviel wie nötig eingebaut. Das ist völlig legitim, denn gerade in der SF ist jede Art von Gewichtung von beiden Teilen erlaubt. Nur hat ihr der Verlag mit dem Covermotiv und der Werbung einen Bärendienst erwiesen und dürfte damit so manchen Interessierten auf die falsche Fährte locken.

»Der vierte Mond« ist solide geschrieben. In Gesamtheit leider eher durchschnittliche Science-Fiction-Kost. Statt dem erhofften großen Wurf, eher eine weitere vertane Chance. Prädikat: »unterwältigend«.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der vierte Mond
Autorin: Kathleen Weise
Taschenbuch, 448 Seiten
Heyne, 8. Februar 2021

ISBN-10: 3453320824
ISBN-13: 978-3453320826

Erhältlich bei: Amazon

Kindle-ASIN: B086V4X16B

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 30.03.2021, zuletzt aktualisiert: 28.07.2021 19:31