Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Der wahre Johnny

Autor: Enzo Asui

 

»Nimm den Müll mit.«

Arni wollte aufbrausen, unterließ es aber angesichts des monotonen Tonfalls seiner Mutter. Ihre Alles-Egal-Stimmung vermieste jeden Spaß am Widerspruch. Die, die niemals lacht, hatte Johnny sie einmal genannt. Dem Krieg konnte sie nicht verzeihen, dass er seinen Vater in seinen blutigen Rachen gesogen hatte. Den Russen auch nicht. Dem Führer schon.

Widerwillig ergriff Arni die nach Nikotin und benutzten Kondomen stinkende Plastiktüte und warf sie beim Hinausgehen in die Blechtonne neben der Treppe, die in ihre muffige Eineinhalb-Zimmer-Bleibe im Souterrain führte. Befreit atmete er durch, als er den Bürgersteig betrat.

Die Hände in den Taschen humpelte Arni die Fuhle entlang. Hüte tragende Spießer mit Anzug und Aktentasche ignorierten bettelnde Kriegsversehrte auf dem Trottoir. Als ob sich diese Stadt nicht zwischen Elend und Wirtschaftswunder entscheiden konnte. Dazwischen hastende Frauen mit quengelnden Kindern an der Hand. Arni hielt nicht viel von Frömmigkeit und mied die Kirche wie der Teufel das Weihwasser, aber die verbreiteten Hektik, die hatten die Bedeutung eines Sonntags überhaupt nicht kapiert.

Arni näherte sich dem Wiesendamm. Der Aufschwung hatte eine weitere Bausünde in den Stadtteil gepflanzt; der neu eröffnete Konsumtempel stieg wie ein klobiger Phönix aus den Backsteinbauten. Die Prospekte hatten Arni ahnen lassen, dass er nicht zur Zielgruppe der Angebote gehörte, und der Blick in die Schaufenster bestätigte seine Vermutung: Auf den Lederjacken in der Auslage prangten Preise, die er sich wohl niemals würde leisten können. Obwohl das Kaufhaus geschlossen hatte, berieselten Lautsprecher neben dem Eingang die wehrlosen Passanten mit Heile-Welt-Geschichten von kommenden Schiffen und weißen Rosen aus Athen. Opium auf die Ohren. Nicht sein Ding. Überhaupt nicht.

Ein aufgemotzter Opel Kadett schnitt hupend die Kurve, als er in den Wiesendamm bog. Der Abrieb der quietschenden Reifen markierte den Asphalt wie eine schmutzige Narbe. Frankie, erkannte Arni trotz des Tempos, mit dem die Karosse ihn passierte. Der einzige von ihnen, der sich so eine Karre leisten konnte. Die obligatorische Zichte hing in Frankies linkem Mundwinkel. Neu war die Braut an seiner Seite. Arni korrigierte. Nicht die Braut war neu, nur ihre Haarfarbe. Manu. Blondiert. Fast nicht erkannt. Hatte sich also für Frankie entschieden. Nun denn. Arni hatte sich ohnehin nicht viel bei ihr ausgerechnet.

Ralph, den alle nur Chuck nannten, obwohl er trommelte, wartete an der Ecke zur Saarlandstraße. Den Spitznamen verdankte er seiner dunklen Hautfarbe. Sichtbar halbamerikanisches Soldatenkind. Mutter untreu. Vater unbekannt.

»Hi Arni!« Chuck reckte ihm seine bratpfannengroße Pranke entgegen. Eigentlich bräuchte der keine Sticks, dachte Arni; reichte locker, wenn Chuck die Drums mit seinen Handballen und Knöcheln bearbeitete. Was er manchmal sogar tat, wenn er genug getankt hatte.

»Hi Chuck!« Arni klatschte ab. »We are ugly …«

»… but we have the music«, ergänzte Chuck grinsend ihre Parole, die immerhin mit der ersten Hälfte die Realität traf. Wenn man Johnny außen vor ließ.

»Die anderen haben letzte Woche signalisiert, dass sie kommen. Weißt du, ob Johnny dabei ist?«

»Denke schon. Hab’ ihn aber seit gestern nicht gesehen. Reißt wieder mal ’ne Schicht.«

Arni nickte. Johnny jobbte fast jeden Sonntagmorgen im Hafen. Anstrengend und gefährlich, aber gut bezahlt. Johnny wusste, wofür er das auf sich nahm. Arni könnte das nicht mit seinem halbsteifen Bein, das er von Geburt an mit sich rumschleppte. Er musste auf anderen Wegen zu Geld kommen, um das Mischpult finanzieren zu können, das sie dringend benötigten.

Schließlich wollte auch er seinen Beitrag zu den Hamberrys leisten. Die Parts für Gitarre, Bass, Schlagzeug, Piano und Gesang hatten Johnny, Bodo, Chuck, Manu und Tine besetzt. Arnie konnte gut mit seiner Zuarbeiter-Rolle leben, auch wenn er selbst mal dazu angesetzt hatte, die Gitarre zu übernehmen. Bis Johnny kam.

Die warme Maisonne hatte viele Menschen in den Park gelockt. Flanierende Liebespaare versteckten ihre Küsse züchtig-verspielt hinter vorgehaltenen Hüten. Auf der Wiese vor dem Planetarium eiferten schnittige Mittzwanziger mehr laut- als laufstark den Helden von Bern nach. Oder den Kickern vom HSV, der gerade den Pokal gewonnen hatte, wie Johnny aufgeschnappt hatte. Fußball interessierte ihn nicht die Bohne.

Tine, Bodo und Johnny hatten sich im Schatten des alten Baums ausgestreckt. Ihr sonntäglicher Treffpunkt, seit der Bonze sie aus dem verwaisten Keller seiner alten Fabrik rausgeworfen hatte. Hottentottenmusik, und dann noch ein Halbneger, das könne er nicht dulden. Bodo hatte dem Altnazi mit seinen Fäusten die passende Antwort gegeben. Brachte ihm drei Monate im Bau und den Raum auch nicht zurück. Wurde Zeit, dass sie einen neuen Übungsort fanden. Tines Job, aber die kam nicht in die Gänge.

Kein Grund, auf die Treffen zu verzichten. Und was lag näher als Rumhängen im Park?

Frankie und Manu schlenderten heran. Hatten sich Zeit gelassen, dachte Arnie; wahrscheinlich die Gelegenheit genutzt und die Rückbank von Frankies Karre mit ’nem Quickie strapaziert.

Bodo aktivierte seinen Ghettoblaster. AFN, natürlich. Nach Werbung und Patrioten-Gelaber schepperte Rock’n Roll aus den Lautsprechern. Jerry Lee Lewis zelebrierte Great Balls of Fire.

Ein Klassiker. Arnis Laune stieg. Zumal dieses Mal Frankie die Flasche spendierte, und der konnte sich Qualität leisten. Echten Kentucky-Whisky, nicht den üblichen Selbstgebrannten von Bodo und Chuck. Chuck ließ einen üppigen Schwall in seinen aufgerissenen Rachen glucksen und schluckte das scharfe Zeug hinunter, ohne eine Miene zu verziehen. Das hatte er echt drauf. Auch Arni langte zu. Der Stoff trug seinen Teil dazu bei, dass er entspannte. Das tat er immer.

Gemütlich schlenderten die Minuten in Richtung Dämmerung. Während sich die Wiese nach und nach ihrer kickenden Besatzung entledigte und die Turteltauben nach Hause abzogen, um die Familienplanung zu forcieren, warteten sie auf ihren Song. Den brachte AFN jeden Sonntag, zwischen sechs und acht, und auf AFN war auch an diesem Tag Verlass. Arni erkannte das Intro, das Johnny so genial spielen konnte, schon am ersten Ton. Ihm schlich jedes Mal eine Gänsehaut über den Rücken, wenn das Lied über den Äther donnerte. Oder aus Johnnys Gitarre.

Manu drehte auf. »Duckwalk, Johnny!«, forderte sie. Johnny ließ sich nicht lange bitten. Kein männliches Wesen, das bei Verstand war, zögerte, wenn Manu etwas von ihm wollte.

Johnny ließ sich in eine halbe Hockstellung nieder. Begleitet vom rhythmischen Klatschen seines Publikums hüpfte er auf dem angewinkelten linken Bein langsam vorwärts, streckte das rechte nach vorne aus und schwang das Schienbein in der Luft auf und ab. Johnny traf jeden Takt.

Arni lehnte sich zurück. Für diese Momente lebte er. Rumhängen mit den Hamberrys. Alkohol in den Adern. Unter sich Gras, das nach Frühling roch. In den Ohren dieser Song. So fühlte sich Heimat an. Ein Refugium.

Mit Johnny, der über den Rasen rockte.

 

Kein Pfennig für den Troubadour, beschloss Arni und ignorierte den ausgelegten Hut, in dem nur wenige Münzen klimperten. Verdientermaßen. Gute Musik ging anders. Das genäselte »Blowing in the Wind« des Dilettanten litt nicht nur unter der verstimmten D-Seite.

Arni mochte Folk Music nicht, diese pseudorebellischen Songs gelangweilter Upperclass-Kids. Kein Vergleich mit Rock’n Roll. Der riss mit. Zielte in den Magen. Nicht auf den Kopf.

Sie passierten den Hafen. Barkassen tanzten auf den Schwallwellen überfüllter Fähren. Der Troubadour wechselte zu »The Times they are a’changing«, und Arni floh, genervt von Nuscheltönen und gedrechselten Reimen, in die äußerste Ecke des Waggons. Selbst die herabhängenden Halteschlaufen baumelten im Takt der Kurven und Weichen rhythmischer als der Dylan-Verschnitt in die Saiten schlug.

Neben Arni federten zwei Peggy-Sue-Typen in Richtung Wagendecke, die blonden Haare in zwei seitlichen Zöpfen gebändigt und riesige Chewing-Gum-Blasen vor dem knallrot geschminkten Mund. Knapp erwischten sie die anvisierten freien Plastikringe. Ihr erstes Mal, erkannte Arni fachmännisch an ihren spitzen Triumphschreien. Initiationsritual erfolgreich absolviert. Nun gehörten sie zu den Großen. Die dürren Mädchenkörper baumelten zwischen Zehenspitzen und Halteschlaufen wie auf der Streckbank in einem Folterkeller.

 

Eine Stunde später starrte Arni erschöpft auf sein Gegenüber. Da hockte dieser Mensch hinter seinem wuchtigen Eichentisch wie ein verschrumpelter Apfelbaum und musterte seine Testergebnisse mit einem Gesichtsausdruck, als sezierte er eine Laborratte. Das frustrierte.

Doktor Wortmann blickte hoch und fixierte ihn durch sein Monokel.

»Wir haben Glück: Du leidest unter einer ausgeprägten Rechenschwäche.«

Arni ballte seine Fäuste. Der Typ hatte das Feingefühl eines Presslufthammers. Dass er sich schon am kleinen Einmaleins die Zähne ausbiss, bescheinigte ihm die Zensur unter jeder Mathearbeit, die er geschrieben hatte, seit er den Sandkasten hinter sich gelassen hatte. Für diese Erkenntnis benötigte er keinen Weißkittel. Er fand keinen Zugang zu diesen abstrakten Symbolen und Strichen. Sah keinen Sinn in der Welt der Zahlen und Kurven. Keinen Rhythmus. Keine Melodie. Keine Logik.

Arni fragte sich, ob es richtig war, für läppische zehn Schleifen plus Fahrgeld bei diesem Seelenklempner vorzutanzen, um sich dann vorführen zu lassen. Aber er brauchte die Kohle. »Im Klartext: Ich bin also ein Idiot?«

Doktor Wortmann legte seine Handprothese auf die Tischplatte.

»So drastisch würde ich das nicht formulieren. Ausgeprägte Rechenschwäche muss nicht aus einem Mangel an Intelligenz resultieren. Deine Ergebnisse in den sprachlichen Sparten liegen sogar über dem Schnitt.«

Arni atmete durch. Idiot. Aber kein Vollidiot.

»Kann man das kurieren?«

»Möglicher Weise.«

Doktor Wortmann beugte sich vor und zog den Rest seiner Stirn in Falten. Ein Kriegsversehrter, schweiften Arnis Gedanken ab. Handgranate, tippte er.

»Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Empirische Erfahrungen liegen nicht vor, und die Rechenschwäche hat auch noch keinen spezifischen Namen.«

Selbst in diesem Punkt stach Johnny ihn aus, dachte Arni. Der wusste, worunter er litt. Legasthenie – neues Wort für altes Leiden. War auch nicht witzig. Klang aber bedeutend.

»Allerdings habe ich in den letzten Jahren beobachtet, dass viele Menschen mit Rechenschwächen einen guten Zugang zu Musik haben. Ich vertrete die Theorie, dass das Spielen eines Instrumentes mathematische Fähigkeiten verbessert.«

Logo, dachte Arni. Noten folgen einer ähnlichen Grundstruktur wie Algebra, hatte ihm Johnny einmal erklärt: Klare Strukturen, mit denen man richtig rechnen könne. Tonika. Subtonika. Dominante. Viertel. Achtel. Ab und an gewürzt durch eine Triole. Soweit zur Theorie. Die beherrschte er mittlerweile halbwegs.

Arni konzentrierte sich wieder auf den Doktor.

»Um meinen Ansatz zu prüfen suche ich Betroffene, die bereit sind, ein Instrument zu erlernen und sich während dieser Phase regelmäßig mathematischen Tests zu unterziehen. Nach deinen Ergebnissen halte ich dich für einen außergewöhnlich gut geeigneten Kandidaten.«

Arni spürte, dass er Wasser in den Scotch kippen musste.

»Ich fürchte, Sie überschätzen mich. Gitarre spielen würde mich reizen, aber daran habe ich mich schon einmal erfolglos versucht. Außerdem kann ich mir weder Musikunterricht noch eine vernünftige Klampfe leisten«, versuchte er, sein Gegenüber zu erden.

Dr. Wortmann nickte.

»Vielleicht solltest du einen zweiten Versuch starten. Und was das Geld angeht bin ich mir sicher, da können wir eine Lösung finden. Noch einmal: Mein Institut und ich sind sehr an deiner Mitarbeit interessiert; das eröffnet Möglichkeiten. Auch finanzielle.«

»Heißt das, Sie könnten mir auch ein gutes Instrument beschaffen?«, versuchte sich Arni an einer Übersetzung. Erneut nickte Doktor Wortmann.

Arni beugte sich vor. Es wurde spannend.

Der Mai zeigte seine frostige Seite, der April schien den kalten Ostwind und die Schauer bei seinem Auszug vergessen zu haben. Arni fröstelte. Trotz des ungemütlichen Wetters fläzten sich Bodo und Chuck im ärmellosen Shirt auf dem nassen Gras. Tough, aber auch ein bisschen bescheuert, dachte Arni, während er die letzten Meter zu ihnen überbrückte. Wollten die harten Kerle spielen, aber auch ihre hünenhafte Statur schützte sie nicht vor banalen Erkältungen.

Die schlechte Laune der beiden konnte Arni nicht übersehen.

»Wo sind die anderen?«, fragte Arni. Chuck zuckte mit den breiten Schultern.

»Tine wollte Johnny von seiner Schicht abholen. Eigentlich müssten sie schon lange hier sein. Und Frankie und Manu …«

Frankie und Manu kamen nicht mehr, entnahm Arni den Zeilen, die Chuck ihm in die Hand drückte. Nie mehr. Arnis Überraschung hielt sich in Grenzen. Inspiriert vom neuen American Style, dieser faszinierenden Mischung aus Fun und Rebellion, hatten sich Chuck, Frankie, Bodo, Manu, Tine und er in einer durchzechten Nacht in den Kopf gesetzt, eine Band zu gründen. Die Hamberrys. Erdigen, konsequenten Rock’n Roll wollten sie spielen. Bodo organisierte Instrumente und Equipment, und sie legten los. Und wie. Wenn sie probten, ließen Bodos Bässe die Scheiben klirren. Sie fühlten sich als kommende Stars, als deutsche Brüder von Chuck, von Buddy, von Jerry Lee.

Bis Johnny kam. Eines Abends im Oktober stand er im Eingang ihres Probenraums, eine verschrammte Nullachtfünfzehn-Wandergitarre in der Hand, und fragte schüchtern, ob er mitmachen dürfte. Beim ersten Song hielt er mit. Beim zweiten spielte er sie in Grund und Boden. Beim dritten hatte er die Führung übernommen. Er gab die Tonart vor. Er korrigierte ihre Einsätze. Er verzögerte. Er trieb. Er führte sie auf die Spur der Feinheiten, die aus einer Aneinanderreihung von Akkorden und Läufen Musik machte.

Er formulierte Ansprüche und Erwartungen. An denen letztlich Frankie und Manu zerschellten.

Das schrieben sie, und das hatte nicht nur Johnny gesehen. Frankie und Manu trafen den Groove nicht. Ihr Tempo schwankte wie ein Schilfrohr im Wind. Oft bekamen sie nicht mit, wenn sie einen Takt übersprangen oder Einsätze verfehlten. Johnny rastete immer wieder aus, wenn sie ihre Parts absolvierten bis zum Ende, ohne Disharmonien zu erkennen und innezuhalten, um wieder ins Raster zurückzufinden.

Für Frankie und Manu war Rock’n Roll nicht Musik, sondern Mode. Sie wollten einen Trend mitmachen und investierten Zeit und Geld lieber in Lederklamotten, grelle Schminke und getunte Karren als in Übungsstunden und Verstärker. Konsequent, dass sie gingen. Und dennoch empfand Arni die Nachricht als Niederlage. Das erste Mal, dass jemand die Gruppe verließ.

Bodo schaltete den Ghettoblaster an. AFN krönte den gebrauchten Tag und spielte ausschließlich Balladen. Bodo versuchte, den Mangel an Tempo und Dynamik durch Lautstärke zu kompensieren, doch weder diese Brachialkur noch Chucks Selbstgebrannter brachten den Funken zum Überspringen. Eine Stimmung wie bei einer Beerdigung, schoss es Arni durch den Kopf. Pflichtschuldig tranken sie und brachten ihre Sprüche, doch Pointen krepierten wie Fehlzündungen und produzierten nur bemühte Lacher.

Die Minuten dehnten sich wie Kaugummi.

»Da kommt Tine!«

Chucks Ruf klang wie eine Erlösung. Arni blickte in die Richtung, in die Chucks ausgestreckter Arm wies. Warum allein, wunderte er sich. Und warum heulte sie?

»Ihr müsst mitkommen. Johnny hatte ’nen Unfall.«

Tines Gesichtsausdruck würgte jede Frage ab, die durch ihre Köpfe raste. Bodo, Chuck und Arni folgten Tine im Laufschritt zum Krankenhaus am Rübenkamp, das Johnny aufgenommen hatte. Schweigend eilten sie durch die weißgewandeten Flure mit dem hellblauen Linoleum-Fußboden.

Johnnys Bett stand mitten auf dem Gang. Blutgetränkte Verbände umschlossen seine linke Körperhälfte von der Hüfte über den Arm bis zur Schulter. Der sichtbar geschundene Körper sonderte einen aggressiven Geruch von Jod und medizinischem Alkohol ab.

»Danke, dass ihr gekommen seid. Gleich muss ich unters Messer.«

»Was ist passiert?«, wollte Chuck wissen.

»Keine Ahnung. Hab’ wohl beim Entladen ’nen Eisenhammer abbekommen. Kann mich aber an nichts erinnern.«

Einen derart schleppenden Tonfall kannte Arni bei Johnny nicht; er musste massiv unter Betäubungsmitteln stehen.

»Sehr schlimm?«, fragte Bodo leise. Für einen mehrfach verurteilten Schläger konnte er überraschend mitfühlend sein, wunderte sich Arni.

»Hüfte zertrümmert, Hand zerquetscht. Noch Fragen? Sie werden mir wohl zwei Finger amputieren.«

Johnnys sonst so lebendige, vibrierende Stimme sank auf das ausdruckslose Timbre hinunter, das Arni nur zu gut von seiner Mutter kannte.

»Ich wird’ nie wieder spielen können.«

Aus Johnnys Mund ein Satz wie ein heruntersausendes Fallbeil.

Zwei Wochen Reha hatte Johnny nun hinter sich. Noch zwei Wochen, dann trudelte er wieder ein, erinnerte sich Arni. Johnnys Brief kam mit der gleichen Sendung an wie das Paket von Doktor Wortmann. Irgendwie passend.

Arni riss den Umschlag auf. Die Heilung liefe so weit gut, verkündete die altbekannte krakelige, fehlertriefende Schreibe. Er würde aber nie mehr richtig laufen können. Zwei Finger hatten sie abgenommen, einer würde steif bleiben. Und das an der Greifhand. Das mit dem Gitarre spielen habe sich erledigt. Aus den Hamberrys würde er ausscheiden.

Arni legte den Brief ab.

Die Hamberrys ohne Johnny?

Und Johnny ohne Musik?

Johnny, dessen Hüftschwung an guten Tagen den des Kings in den Schatten gestellt hatte?

Johnny, dessen Finger so geschmeidig über die Saiten glitten, dass Buddy vor Neid erblasst wäre, wenn er es gesehen hätte?

Johnny, der den Rock’n Roll so liebte, dass sogar sein Herz in dessen Takt zu schlagen schien?

Johnny, der so beschwingt über den Rasen tanzte?

Johnny, der so viel geopfert, so viele Schichten am Kai abgerissen hatte, um sich seinen Traum zu erfüllen? Die gleiche Gitarre zu spielen wie Chuck Berry? Die legendäre Gibson ES-350 T?

Jenes Instrument, das er sich von Doktor Wortmann als Preis für seine Teilnahme ausbedungen hatte und das er nun aus der Verpackung schälte?

Arni hob die Gitarre hoch. Gebraucht, aber kaum genutzt und voll funktionsfähig sei sie, hatte Doktor Wortmann ihm versichert. Vorsichtig strich Arni über den Korpus, und ihm war, als beginge er ein Sakrileg. Eigentlich, wusste er, gehörte sie in eine andere Hand. Eine würdigere Hand. In Johnnys Hand.

Johnny hatte seine Ankunft für den nächsten Tag angekündigt. Zeit für eine letzte Probe.

Arni führte seine linke Hand über Hals und Saiten der Gibson, steckte das Plektron zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten und signalisierte Chuck, dass er bereit war. Chuck schlug die Sticks gegeneinander und gab das Tempo vor.

Arni konzentrierte sich. Ohne Johnny, hatte er immer gedacht, wäre die Band zum Scheitern verurteilt war. Ohne ihren musikalischen Mittelpunkt. Ihren Spirit. Und nun hatte ausgerechnet Johnnys Unfall die Lust am Spielen wieder geweckt und die glimmende Flamme des Rock’n Roll wieder in ihnen entfacht; jene Flamme, die er mit seinem Talent und seinen Ansprüchen beinahe erstickt hätte.

Sie hatten geprobt, motiviert und konsequent wie nie zuvor. Ein einziges Lied. Stundenlang. Ihr Lied.

Nein. Johnnys Lied.

Arni schlug den ersten Ton an. Er konnte nicht wie Johnny die Finger über die Stege huschen lassen, als besäßen sie ein Eigenleben. Er vermochte nicht, Melodien nach Belieben zu verzögern oder zu forcieren, ohne den Charakter des Songs zu zerstören. Er verspürte keine Ekstase, wenn er die Saiten berührte. Er liebte die Gitarre nicht. Er konnte sie nicht kitzeln. Nicht liebkosen. Nicht streicheln.

Er war kein Künstler. Er war ein Malocher. Er hatte geübt, bis das Blut aus den Fingerkuppen troff und Krämpfe in Handballen und Unterarm zogen. Er hatte das Lied nicht erlernt. Er hatte es bezwungen. In den Rahmen seiner Möglichkeiten gezwängt. Er spielte es nicht gut. Aber gut genug. Auch das zu erkennen, Grenzen zu akzeptieren, hatte er während der letzten beiden Wochen begriffen, erforderte Talent. Sein Talent.

Arni schlug an. Ließ die Töne steigen, fallen, baute mit einem Stakkato Spannung auf, wie er es so oft bei Johnny gesehen und gehört hatte. Dann vier Takte lang ein Ton, abwechselnd auf der G-Saite hochgezogen und auf der H-Saite angeschlagen.

Tine setzte ein. Ihre raue, treibende Stimme erzählte eine Geschichte. Die Geschichte von einem Jungen aus der Nähe von New Orleans. Eine Geschichte aus Amerika.

Aber dort spielte sie nicht wirklich. Sie klang nur so, weil Chuck Berry Johnny nicht kannte. Ihren Johnny. Den wahren Johnny.

Den rothaarigen Johannes Gutmann aus einem kleinen, verschlafenen Winzkaff bei Kellinghusen.

 

Deep down in Louisiana close to New Orleans

way back up in the woods among the evergreens

there stood a log cabin made of earth of wood

where lived a country boy named Johnny B. Goode.

He never learned to read or write so well.

But he could play the guitar just like ringing a bell.

Go! Go, Johnny, go go go!

 

 

Charles Edward Anderson »Chuck« Berry: Chuck Berry war der Sohn von Henry Berry, dem Diakon einer Baptistenkirche, und Martha Berry, einer Schulleiterin. Eines seiner bekanntesten Lieder, ein Klassiker des Rock´n Roll, heißt »Johnny B. Goode«. Es hat mich zu diesem Text inspiriert.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
*
*
Platzhalter

Weitere Infos:

Disclaimer

Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

Freigabe zur Weiterveröffentlichung besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

Empfehlen:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 19.10.2017, zuletzt aktualisiert: 22.10.2017 20:33