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Der Weisheit letzter Schuss

Autor: Harald Evers

 

"Nun, wie weit seid Ihr gekommen, Bruder David?"

Der Angesprochene, der in demütiger Haltung vor seinem Prinzipal im Wüstenstaub kniete, wagte einen scheuen Blick hinauf, obgleich es ihm als Novizen nicht anstand, den ehrwürdigen Abt offen zu schauen. Bruder David jedoch konnte seine erregte Vorfreude nicht bezähmen.

"Ehrwürdiger, es ist uns gelungen," erklärte er mit zitternder Stimme, "bis ganz hinab in die erste Grabkammer zu gelangen! Wir fanden dort die Gebeine eines Alten!"

Meister Franziskus sandte ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Schöpfer mit dem unbeherrschten Novizen Nachsicht üben möge. Es war die Ungeduld der Menschen, welche sie immer wieder, seit Anbeginn der Zeiten, ins Verderben gestürzt hatte. Die Ungeduld, die Leidenschaft und das unselige Streben nach Macht und Besitz. Der ehrwürdige Meister bekreuzigte sich.

"Auch haben wir," krächzte David, und verrenkte sich den Hals in unterwürfiger Geste, "ein unbegreifliches Relikt gefunden, Ehrwürdiger!"

"Ein Relikt?" fragte der Abt misstrauisch.

Bruder David schien vor Aufregung der Ohnmacht nahe. "Ja, Meister!" keuchte er. "Ich wage es nicht auszusprechen, aber es erscheint mir, jenes Relikt habe die Form, welch selbige sich auf dem heiligen Abbild in Eurer Meditier-Stube befindet!"

Meister Franzikus fühlte einen plötzlichen Stoß der Erregung durch seinen alten Körper fegen. Er zerrte den Novizen auf die Füße, und starrte ihm mit geweiteten Augen ins Gesicht. "Was sagt Ihr da, Bruder David? Ein Relikt von der Form des Kompt'Herr? Ist das gewiss?"

Der Junge hing fast erschlafft in den starken Händen des Meisters und wagte nicht, ihn anzusehen.

"Sieh mir in die Augen, Unwürdiger!" donnerte der Abt in äußerster Erregung. "Sprichst Du die Wahrheit, oder habe ich es wieder mit dem voreiligen Geschwätz der Novizenschaft zu tun, das unser Kloster allenthalben in große, aber völlig unbegründete Aufregung versetzt?"

Die Brüder und Mönche, die in der Nähe mit primitiven Schaufeln und Hacken umherliefen, blieben stehen, und beobachteten erschreckt die Tat ihres Meisters.

Abt Franziskus bemerkte ihre Reaktionen, und ließ von Bruder David ab. Er bekreuzigte sich dreimal, und bat seinen Schöpfer um Vergebung für seine unbeherrschte Tat. Dann befahl er seinen Jüngern mit einer Handbewegung, sich wieder an die Arbeit zu begeben. Sofort machten sich die Männer wieder an ihr Werk, schleppten die Steine aus dem Schacht auf einen großen Haufen, schafften Körbe, voll von feinem, trocknen Sand beiseite. Die eigentliche Baustelle befand sich einen Steinwurf abseits der alten Ruine, ein Gerüst aus hohen Stangen markierte den Einstieg ins Erdinnere, wo sich in guten fünf Seillängen Tiefe die rätselhafte Kammer befand, die Bruder David vor sechs Monden entdeckt hatte.

Meister Franziskus versuchte, seine Erregung niederzukämpfen. Der Kompt'Herr! Der Stein der Weisen! Der Würfel der Erleuchtung! Sollte sich das, wonach alle Bruderschaften des Kontinents schon seit dem Tage der Zerstörung verzweifelt suchten, hier in dieser kargen Gegend, in der Tiefe unter dem ewigen Wüstenstaub befinden? Der Abt atmete tief durch. Obgleich es sein Alter nicht mehr gestattete, musste er sich persönliche Gewissheit verschaffen.

"Steh auf, Bruder David!" befahl er. "Zeige mir den Ort, an dem Du das Relikt erblickt hast!"

Der Junge blickte seinen Meister entsetzt an. "Ehrwürdiger, mögt Ihr mir meine Impertinenz vergeben, aber...?"

"Du hast es richtig vernommen, Bruder! Ich werde Dich hier und jetzt an den Ort des Fundes begleiten!"

"Aber Meister! Der Abstieg ist gefährlich! Bei aller Ehrerbietung, aber ihr werdet das nicht schaffen! Die Leiter besitzt mehr als zweihundert Sprossen!"

Der Abt bekreuzigte sich, und blickte zum Himmel hinauf. 'Allmächtiger - betete er - ich muss es wissen! Ich muss sehen, ob Du uns Menschen die Erleuchtung zuteil werden lässt, und so gib mir die Kraft, diesem Jungen dorthin zu folgen, wo er Deine Weisheit und Allwissenheit erblickte, Amen!'

Der Abstieg war beschwerlich. Bruder David stieg voran und stützte das ehrwürdige Hinterteil nach allen Regeln des Respekts. Schon nach halbem Wege schien er am Ende aller Kräfte zu sein. Doch dann hörte er den Abt ein Gebet murmeln, und das gab ihm neue Kraft.

Sie schafften es. In der Tiefe auf festem Boden angelangt, erkannte er im Zwielicht die staunenden Augen des Meisters, der die bunten Lichter betrachtete. Wie ein winziges Feuerwerk flackerten sie entlang der Wand in nicht erkennbarem Zusammenhang, aber Bruder David wusste aus seinen Forschungen, dass die Alten solcher Künste mächtig gewesen waren.

Drinnen, in der Grabkammer, warteten noch viel mehr solcher Wunder, und der Novize fragte sich, welches unsagbare Schicksal die Alten ereilt haben mochte, denn sie waren trotz ihrer Weisheit und Größe vernichtet worden. Getilgt und vertreiben vom Antlitz der Erde.

Der Abt betrat ehrfürchtig die Grabkammer, und blickte sich um. Es schien, als bestünde dieser Raum aus einer langen Röhre mit metallischen Wänden. Überall gab es Altare mit blinkenden Lichtern, magische, dunkle Augen, und an der Decke des Raumes leuchteten lange dünne Röhren, die aber nur ein mattes Zwielicht erzeugten. Rechts befanden sich Lager, die man wahrscheinlich aus Platzgründen übereinander angeordnet hatte. Welche Weisheit mussten doch die Alten besessen haben! An den Markierungen seiner Brüder erkannte der Abt, wo man die Gebeine gefunden hatte. Staub lag auf den Altären und dem Boden, an den Fußspuren sah man, bis zu welchem Ort die Mönche vorgedrungen waren. Die Spuren endeten abrupt an einer Linie, wenige Meter vor dem größten Altar, der Altar, auf dem sich.... der Kompt'Herr befand!

Der Abt blieb erschrocken stehen. Kein Zweifel, dieses Relikt war der langgesuchte Kompt'Herr! Meister Franziskus trat mit Ehrfurcht vor den Würfel der Erleuchtung, stand einige Minuten still, und bewegte sich dann um den Altar herum, um das Relikt in Augenschein zu nehmen.

"In den Schriften steht geschrieben," rezitierte Bruder David ehrfürchtig, "dass man den Kompt'Herr befragen könne, und dass er Auskunft gäbe, über den Weg zur Vollkommenheit!"

Der alte Abt nickte.

Dann beugte er sich behutsam über den Altar und bestrich den Würfel mit zarten Händen. Das riesige, dunkle Auge auf der Vorderseite fühlte sich kalt an, und es war aus Glas, so glatt und fein, wie er es noch nie erblickt hatte. Unter dem Würfel befand sich ein flaches, graues Brett, aus dem kleine Quader herausragten, die mit Buchstaben beschriftet waren. Der Abt bestrich auch diesen Teil mit seinen Händen, als plötzlich und unerwartet das dunkle Auge grell zu leuchten begann, und seinen hellen Schein durch den Raum warf.

Meister Franziskus prallte entsetzt zurück, aber der junge Bruder David lächelte ihm beruhigend zu.

"Ich werdet mich tadeln, Meister, aber seit ich diese Kammer entdeckte, habe ich mich mit den alten Schriften aus unserer Bücherei intensiv beschäftigt! Das Auge hat die wunderbare Eigenschaft zu leuchten, und stellt Worte dar, Worte, die zur Vollkommenheit führen. Dies hier unten," und er deutete auf das flache Brett, "ist der heilige Schrein, mittels dem der wahrhaft Gläubige dem heiligen Relikt der Alten seine eigenen Worte mitteilen kann, er muss nur die Buchstaben seiner Worte in der richtigen Folge niederdrücken!"

"Unfassbar!" ächzte der Abt. Dann betrachtete er das leuchtende Auge. Darauf standen die Worte geschrieben:

Logon: ***Heilsbringer***

Status: Endphase

Liftoff: Automatik/15min

Code: >

"Heilsbringer!" keuchte der Abt. "Endphase! Fünfzehn Minuten! Was bedeutet der kleine blinkende Pfeil hinter dem Wort "Code"?"

Bruder David zuckte die Schultern. "Ich bin nicht sicher. Aber ich glaube, hier kann ein wahrer Gläubiger seine Worte mitteilen!"

"So sei es!" rief der Abt mit lauter Stimme, richtete sich auf, und breitete die Arme aus. "Bruder David, Du wirst in die Geschichte unseres Ordens eingehen! Du bist der Schriftkunst mächtig, und so befehle ich Dir, im Namen unseres Glaubens, sage dem Würfel der Erleuchtung meine Worte: "Der Himmel sei mit uns!"

Der Novize starrte seinen Meister mit offenem Munde an, aber dessen Augen sagten ihm, dass es an der Zeit sei, jene große Tat zu vollbringen. Und so stach er die Buchstaben nieder: "Der Himmel sei mit uns!"

Kaum hatte er den letzten Buchstaben niedergedrückt, da gellte ein jaulender Ton durch den Raum, und rote Lichter blinkten und die kleinen Lichter an den Wänden vollführten einen wilden, bunten Tanz.

"Es ist vollbracht!" rief der Abt in religiöser Verzückung und sank zu Boden.

Die Mönche oben auf dem Erdboden sprangen entsetzt beiseite, als sich im Boden sieben riesige Schlünde auftaten, und sich aus ihnen sieben mächtige Säulen langsam in den Himmel schoben. Es folgten Minuten der Ruhe, in denen Rauchwolken aus den Schlünden aufstiegen. Da erschien der ehrwürdige Meister, gestützt von seinem Novizen, aus dem Schacht.

"Brüder, es ist vollbracht!" rief er. "Die Erleuchtung wird uns zuteil werden!"

Kaum hatten seine Worte geendet, da schossen die sieben Säulen mit Donnergetöse und feurigen Schweifen hinauf in den stahlblauen Himmel. Die Mönche wurden zu Boden geschleudert, nur der Abt hielt sich mit wehendem Gewand auf den Beinen.

"Seht nur Brüder!" rief er, und deutete hinauf in den Himmel. "Dieses Mal haben wir richtig, und mit Bedacht gehandelt! Da steigen sie dahin, die Heilsbringer , und künden dem Himmel von unserer Tat, zum Ruhme der Menschen und zum Andenken der Alten , deren Aufgabe wir endlich vollendet haben!"

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Disclaimer

Original-Kurzgeschichte (Preisträger)

aus der Kurzgeschichten-Sammlung

"Computer-Fiktionen"

von Harald Evers

erschienen 1986 im Markt&Technik-Verlag, München.

Copyright 1986 (c) by Harald Evers. Alle Rechte vorbehalten.

Keine Veröffentlichung - auch nicht auszugsweise - ohne vorherige Absprache mit dem Autor!

weitere Infos:


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Erstellt: 19.05.2005, zuletzt aktualisiert: 28.12.2018 09:08