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Der Werwolf von Paris von Guy Endore

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Der Werwolf-Mythos gehört zu den ältesten Geschichten über Verwandlungen von Mensch und Tier. Neben religiösen Gründen spielen auch Krankheiten und damit insgesamt sehr viel Unwissen eine Rolle bei der Verbreitung dieses Mythos. Literarische Verarbeitungen ziehen sich von der Antike bis hin zu Megabestsellern, in denen Vampire gegen Werwölfe antreten.

In Deutschland eher unbekannt ist der 1934 erschienene Roman The Werewolf of Paris des amerikanischen Schriftstellers und Drehbuchautors Guy Endore. Dabei ist Endores Verknüpfung des Werwolf-Themas mit sozialen und politischen Umbrüchen in Frankreich des 19. Jahrhunderts deutlich mehr als nur einer der üblichen Gruselgeschichten.

 

Der Werwolf von Paris beginnt zunächst mit dem typischen Aufbau einer Rahmenhandlung. Der Icherzähler schreibt an seiner Doktorarbeit, deren Forschungsgegenstand MS.F.2839 ihn nach Paris führt. Von einer Freundin wird er eines Abends in die Pariser Clubszene entführt. Nach fachsimpelnden Gesprächen über Mimikri und Wölfe mit einem jungen Mann kann er ein altes Manuskript von zwei im Müll wühlenden Kaiarbeitern erwerben. Es ist der Bericht eines Mannes namens Aymar Galliez und in der Folge wird uns dieser Bericht ausführlich dargebracht, angereichert mit Materialien, die der Icherzähler offenbar während seiner Nachforschungen über das Manuskript fand. Dabei ist die Trennung zwischen diesen Erkundungen und jenen des Aymar Galliez sehr unscharf. Nicht immer wird deutlich, welche Erzählinstanz ihre Meinung oder ihre Erkenntnisse darlegt. Nach einem wörtlichen Zitat des Galliez-Berichtes geht der Rahmenerzähler dazu über, die Ereignisse in eigene Worte zu fassen und zu erweitern. Zwar endet das Buch auch mit Nachträgen zu Galliez-Bericht und einigen Obduktionsberichten, der Icherzähler selbst tritt aber als Handelnder nicht mehr auf. Damit bleibt der Rahmen ähnlich ungeschlossen wie in Das Durchdrehen der Schraube von Henry James.

 

Die eigentliche Geschichte besteht aus drei Teilen. Im ersten wird erklärt, wie es zur »Erschaffung« des Werwolfes kam. Im zweiten Teil erfahren wir von seiner Entwicklung als Kind und im letzten Teil dreht sich alles um Frage, worin das Wesen des Werwolfes besteht.

 

Guy Endore richtet diese drei Teile auf das große Thema seines Romanes aus: Dass die Menschen letztlich alle von ihrem Wesen her und vor allem wegen ihrer Taten Werwölfe sind.

Eingebettet zwischen den blutigen Ereignissen der Revolution von 1848 und der Pariser Commune verschwindet der Unterschied zwischen dem echten Werwolf Bertrand und den »normalen« Menschen immer mehr, sodass selbst sein skeptischer Onkel Aymar ihn nicht töten kann, weil er trotz seiner Verbrechen eine genauso wilde Bestie ist wie alle anderen auch.

 

Das Besondere an Endores Werwolf-Geschichte ist gar nicht einmal die Verwendung heute typischer Topoi wie die nächtliche Verwandlung oder die Verletzbarkeit durch silberne Kugeln. Vielmehr ist es die Einbettung in eine sehr lebendige, naturalistische Darstellung der Lebensumstände im Frankreich jener Tage. So ist die Mutter des Werwolfes eine junge Waise, die von einer reichen Witwe in Paris als Hausangestellte aufgenommen wird. Auch Aymar, kriegsverletzt, findet hier Unterkunft. Nach der Revolution von 1848 rückten die Bürger zusammen.

Wir erleben die Vergewaltigung Josephines durch einen Priester, erfahren, was mit Müttern ohne Vater und Familie in bürgerlichen Kreisen geschieht, sehen die mit der Geburt verbundenen Aberglauben. Erhalten Einblick in das ländliche Leben aus bürgerlicher Sicht und begleiten Aymar in die groteske Welt der Pariser Commune. Als großes Highlight dieser Beschreibungen kann die Abendgesellschaft gelten, in der sich ein unfassbar dekadenter Teil des Bürgertums ein Abendessen aus Hunde, Katzen und Rattenfleisch munden lässt. Und nicht minder brutal ist die finale Schilderung des Lebens in einer Anstalt für geistig kranke Menschen.

 

Die Werwolfhandlung selbst bietet einige interessante Aspekte. So beschränkt sich der animalische Trieb zunächst auf das nächtliche Rumstromern als Wolf und das Reißen von Tieren. Bertrand erlebt diese Phasen als Träume und weiß nicht was ihm da passiert. Dies findet sein Onkel Aymar heraus, der sich intensiv mit dem Werwolfthema und der Lykanthropie befasst und sogar beschließt, das Kind in seinem Zimmer zu verbrennen. Doch angesichts der Mutterliebe Josephines ist er dazu nicht in der Lage.

Und Aymar gelingt es, die nächtlichen Verwandlungen zu vermeiden, indem er dem Jungen rohes Fleisch als normale Speisen geben lässt. Jahre der Ruhe lassen aus dem Kind einen jungen Mann werden, der sogar vorhat, Medizin zu studieren.

Doch ein anderer existentieller Trieb macht alle Ruhe und Pläne zunichte. Bei einem Bordellbesuch beißt er beim spielerischen Zerreißen der Kleidung eine junge Frau und ihr Blut, ihr Körper, verändern alles.

Zwar versucht Aymar, den Trieben wieder Herr zu werden, indem er Bertrand einsperrt, doch erneut rechnet er nicht mit der Mutterliebe. Josephine besucht des Nachts ihren Sohn, doch der ist in seinen animalischen Träumen gefangen. Die Frau im dünnen Nachthemd erscheint ihm wie eine Fortsetzung seiner leidenschaftlichen Nacht im Bordell. Er fällt über seine Mutter her, flieht, tötet unterwegs einen Studienfreund, frisst sich satt – wird sich seiner Natur bewusst.

 

Grausame Taten, schwere Verbrechen und sie bleiben nicht die einzigen. Bertrand gelingt es, in der pulsierenden, chaotischen Stadt Paris unterzutauchen. Seine Morde und Angriffe gehen im Übel der Metropole unter. Nur Aymar, der gezielt danach sucht, findet die blutige Spur des Todes. Als er Bertrand endlich gegenübersteht hat sich erneut etwas geändert. Der inzwischen als Soldat dienende junge Mann ist verliebt. Die junge Tochter eines Bankiers himmelt den geheimnisvollen Bertrand an, weil sie in seinen Augen jene Dunkelheit sieht, der sie in ihren geheimsten Träumen nachjagt. Für die Öffentlichkeit ist sie ein lebenshungriges, fröhliches Mädchen, doch in ihrem Innern sehnt sie sich nach Schmerzen und dem Tod. Und so gibt sie sich ihrer Liebe hin, lässt Bertrand sich an ihr nähren, ihr Blut trinken. Bertrand erlebt diese Liebe als Begeisterung, der er nicht mehr des Nachts zum Wolf wird und Menschen umbringt, fühlt sich geheilt. Aber er sieht auch, was er dem Mädchen antut, ihre Wunden, ihre Verwandlung in ein Geschöpf der Dunkelheit.

 

Guy Endore erweitert den Werwolf-Mythos hiermit um ein Konzept der Hoffnung. Bertrand findet eine Frau, die ihn wegen seines Wesens liebt und akzeptiert, welche Bedürfnisse er hat. Was Frankenstein seinem Geschöpf nicht zu billigte, wurde im »Der Werwolf von Paris« möglich.

Aber auch bei Endore sind es letztlich die Taten von vermeintlich ehrenhaften Menschen, die zur Katastrophe führen.

 

Fazit:

Es ist erstaunlich, warum »Der Werwolf von Paris« von Guy Endore in Deutschland so wenig beachtet wird. Vielleicht ist er Fans eines Fantasywesens zu historisch, zu belehrend. Geschichtsinteressierte mag die Verknüpfung mit einem mythischen Wesen abstoßen.

Aber »Der Werwolf von Paris« ist eben genau deshalb ein besonderer phantastischer Roman. Er zeigt, welche Möglichkeiten Literatur bietet, wenn man ihre Grenzen niederreißt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der Werwolf von Paris

Original: The Werewolf of Paris, 1934

Autor: Guy Endore

Taschenbuch, 254 Seiten

DTV, Oktober 1980

Übersetzer: Mauki Venjakob

Cover: Celestino Piatti

 

ISBN-10: 3423018658

ISBN-13: 978-3423018654

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 21.03.2019, zuletzt aktualisiert: 24.02.2020 16:53