Der Wettlauf - Aus der Reihe Dämonsilber (Autor: Marc Strauch, Genre: Fantasy)
 
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Leseprobe: Der Wettlauf - Aus der Reihe Dämonsilber

Welt Tepor, Vierfürstentümer – Menschenreich,

Flüstersteinmark – Flüsterstein

 

In der ganzen Stadt war eine freudige Betriebsamkeit ausgebrochen. Das Fest des Erwachens wurde in Flüsterstein gefeiert, ein Fest, um dem Wachsen aller Dinge und dem Leben zu huldigen. So waren dieser Tage die Wirtshäuser noch besser besucht als sonst. Aus den umliegenden Ländereien waren die Bauern mit ihren Familien und dem Gesinde zur Stadt geströmt, und ganze Schwärme von Händlern, Akrobaten und Spielleuten hofften auf gute Geschäfte. Die Stadt wimmelte nur so von Besuchern.

Seit dem Mittag war Halgrimm mit Kev in der Stadt unterwegs. Gemeinsam hatten sie das bunte Treiben auf den Straßen genossen, und der „Grüne Kobold“ war mittlerweile der vierte Gasthof, in den sie einkehrten.

Halgrimm hoffte Kev würde dieses besondere Gasthaus gefallen, denn nirgendwo sonst traf man auf so viele interessante Gestalten. Es war ein Treffpunkt von weit gereisten Glücksrittern, dubiosen Händlern und hartgesottenen Söldnern der verschiedensten Rassen. Kulturen prallten aufeinander, und die Geschichten und Geschehnisse der zivilisierten Welt trafen hier zusammen und wurden weitergegeben. Es freute Halgrimm, wie der Wandler mit großen Augen die Eindrücke förmlich in sich aufsaugte. Kev hatte anscheinend eine Menge aufzuholen. Er stürzte sich in das Leben der Straßen und war voll des Staunens über die vielen unbeschwerten Leute, die in Flüsterstein miteinander das Fest begingen.

Halgrimm hatte den Führer gespielt und war zu seinem Unwillen auch gleichzeitig eine Art Aufpasser für Kev. Fürst Aldan hielt einen Magier am besten geeignet, um mit einem Wechselbalg fertig zu werden, sollte dieser etwas anstellen. Wieso der Fürst nach der letzten Offenbarung seiner Zauberfähigkeiten noch solch ein Vertrauen in ihn hatte, konnte sich Halgrimm nicht recht erklären. Nicht dass er es in seinem jetzigen alkoholisierten Zustand wagen würde, auch nur den geringsten Zauber zu wirken …

Halgrimm sah sich leicht schwankend um und suchte nach einem Platz zum Sitzen. Die rauchgeschwängerte Wirtsstube war an diesem Tag bis zum Bersten gefüllt. Alles in der Schenke erschien ihm übervoll: der Lärm aus zahlreichen Gesprächen, die vielen Gerüche, aber auch die gute Laune, die sich in lautem Gelächter und fröhlichen Gesichtern widerspiegelte. An einem überfüllten Tisch, an dem mehrere kleine, mit hohen Stimmen krakeelende Gnome mit ein paar menschlichen Karawanenwächtern um die Wette tranken, fand Kev zwei freie Hocker. Er winkte Halgrimm zu und

deutete auf die Plätze. Erleichtert ließ sich Halgrimm auf einen der Schemel plumpsen. Ihm war etwas duselig, und ihm schwirrte der Kopf. Vielleicht hing es mit den zwei vorangegangenen Gläsern Wein zusammen, auf jeden Fall brauchte er seine ganze Konzentration, um auf diesem verdammten Hocker ohne Rückenlehne sitzen zu bleiben. Das Ding hatte eindeutig ein hinterhältiges Eigenleben entwickelt und begann hin und her zu schwanken.

„Bei Euch scheinen die Gehöfte ja großartig zu laufen. Habt ’ne Menge Schafe und Ziegen auf diesem Frühlingsfest verkauft“, drang es an Halgrimms Ohr. Ein breiter, schon in die Jahre gekommener Bauer an einem Nebentisch hatte dies zu einem Gnom gesagt, der keck seinen Strohhut in die Stirn gezogen hatte. Seine großen eckigen Ohren gingen durch zwei Schlitze in der Hutkrempe und gaben der Kopfbedeckung damit zusätzlichen Halt und ein merkwürdiges Aussehen. Beide hatten einfache, vom Tagewerk schmutzige Arbeitskleidung an, die üblichen Hosen und Hemden aus naturfarbener, grober Wolle. Die eulengroßen Augen des kleinen Kerls hatten bei der Bemerkung des Bauern zu leuchten angefangen.

„Wie macht Ihr das bloß? Keiner hat so ein Händchen mit Tieren wie die Gnome.“

Der Gnom zuckte mit den Schultern. „Na, die Elfen vielleicht, aber nicht bei der Aufzucht. Ich glaube, es liegt an der Achtung, die wir vor jedem Leben haben. Ich will, dass es meinen Tieren gut geht, und das wirkt sich halt aus.“

Der alte Bauer kratzte sich seine verschwitzte Stirn. „Na, wenn Ihr meint. Für mich klingt das zwar seltsam, aber Ihr habt den Erfolg. Wer soll da noch widersprechen? Habt Ihr bei Eurer Reise hierher etwas Neues über den Streit bei Estraend gehört?“

Halgrimm hörte aufmerksam und wissbegierig dem Gespräch zu. Die lebenslustigen Gnome wirkten auf ihn mit ihren kindlichen Körpermaßen, den übergroßen Augen und Ohren und dem ihnen eigenen quirligen Auftreten immer wie noch nicht ganz erwachsene Jugendliche. Die Schriften wiesen die Gnome jedoch als gelehrtes, wissbegieriges Volk aus. Wieso verfiel man bei fremden Völkern noch schneller in Vorurteile als bei jemandem aus dem eigenen Volk? Nun gut, wenn man sich die Gnome ansah, lag es auf der Hand.

„Oh, das ist eine interessante Geschichte.“ Kurz ließ der Gnom den Bauern und damit auch Halgrimm etwas schmoren, bevor er fortfuhr. „Der Streit an der Grenze hat sich ganz schön zugespitzt. Die Elfen waren gar nicht erfreut, dass ständig Menschen von Estraend in ihre Waldgebiete kommen und Holz schlagen. Es gab schon harte Drohungen von beiden Seiten und eine handfeste Auseinandersetzung. Dann wurden vom Elfenfürsten Ascheriun Friedensrichter einberufen – natürlich, wie es der Sitte entspricht, aus den anderen Völkern. Bis diese dann endlich die Stadt erreichten, hatte sich die Lage weiter zugespitzt. Zum Glück konnte der Bürgermeister von Estraend seine Leute zurückhalten, weitere Bäume aus dem Fürstentum Fen-A'Dor zu schlagen, sonst wäre es blutig geworden. Den Gerüchten nach einigt man sich gerade. Irgendetwas in der Art wie: Die Bauern dürfen im Grenzgebiet von Fen-A'Dor für den Eigenbedarf Früchte und liegendes Holz sammeln und verpflichten sich im Gegenzug dafür, dem Wald keinerlei Schaden mehr zuzufügen.“

Der Bauer schnaubte. „Es ist grotesk, wie sehr den Elfen an jeglicher Wildnis liegt. Man muss sich doch die Natur untertan machen. Ihr ganzes Fürstentum scheint noch genauso unberührt wie zu dem Zeitpunkt, als sie es in Besitz nahmen.“

Der Gnom winkte ab. „Viel interessanter finde ich, wann ich Flüsterstein wieder verlassen darf. Was denkt sich der Fürst eigentlich dabei, niemanden mehr aus der Stadt zu lassen? Niemand weiß, wie lange die Tore geschlossen bleiben sollen. Ich muss wieder zu meinem Hof …“

Etwas kratzte an Halgrimms Aufmerksamkeit und lenkte ihn von weiteren Ausführungen des Bauern ab. Das Gefühl einer fremden Macht streifte sein Bewusstsein. Umgehend und ohne groß darüber nachzudenken öffnete er sich der arkanen Sicht. Vor seinem geistigen Auge sah Halgrimm Kraftstränge, die nur für den Kundigen sichtbar aufleuchteten, an einem kleinen gegenüber liegenden Tisch zwischen zwei Personen hin und her gehen. Die Gabe der Magie war so selten, dass Halgrimm nie damit gerechnet hätte, in Flüsterstein das arkane Wirken eines anderen zu spüren. Dazu kam, dass diese Stränge der Macht seltsam waren, zu präzise und mit dem Beigeschmack von etwas Fremdem, Machtvollem versetzt.

Aufmerksam geworden, versuchte Halgrimm, zwischen dem Gedränge und durch die stehenden Gäste hindurch mehr vom Nachbartisch zu sehen. Dort waren vier Pfeife rauchende Zwerge in ein Gespräch vertieft, drei in reiche Gewänder gekleidet, einer in einem schweren Kettenhemd. Ein Helm lag neben dem Gerüsteten auf dem Tisch. Dieser Zwerg war es auch, von dem die Macht ausging, als er mit beiden Händen den Arm des ihm gegenübersitzenden Zwergs umfasst hielt. Ein Zwerg und kein Mensch, also musste es ein Kleriker sein. Priester, die von einem Behüter erwählt worden waren und von diesem die Gabe der Macht erhielten, waren mindestens so selten wie Magier. Wenn ein solchermaßen Gesegneter zu Besuch war, wusste davon normalerweise die ganze Stadt. Gerade bei einem Fest hätte sich diese Neuigkeit wie ein Lauffeuer verbreitet, doch Halgrimm hatte nichts von der Ankunft eines Geweihten der Behüter gehört.

Halgrimm beobachtete die Gesellschaft der Zwerge weiter. Kev schien vollends damit beschäftigt, das hektische Treiben der Gnome am Tisch zu verfolgen.

Ein Mann trat aus der Menge zu der Zwergengesellschaft und begrüßte jeden Einzelnen. Sein unauffälliges Gesicht mit einem schwarzen Bart und schmalen Zügen setzte ein geschäftsmäßiges Lächeln auf. Seine Kleidung war aus schlichtem grünen Tuchleinen, ein Stoff der gern von Handwerkern und Knechten getragen wurde. Er setzte sich hinzu und wurde anscheinend mit dem Zwerg in der Rüstung bekannt gemacht. Die Gruppe steckte die Köpfe zusammen, als wollte sie nicht, dass jemand der Umstehenden etwas von dem Gespräch mitbekommt. Halgrimm ärgerte sich, dass er noch nicht den Zauber beherrschte, mit dem Meister Naruum immer die jungen Anfangssemester aushorchte, die in der hintersten Reihe des Übungssaals miteinander flüsterten anstatt aufzupassen.

Meister Naruum baute dann den Inhalt des Gespräches sehr zum Schrecken der Kinder in seinen Unterricht mit ein. Halgrimm hatte sich nie sehr für diesen unspektakulären Bannspruch interessiert. Warum eigentlich nicht – bei seiner Neugier? Andererseits konnten Magiekundige es oft erspüren, dass sie gerade magisch ausspioniert wurden.

Angestrengt lauschend, bekam er nur einzelne Satzfetzen mit: „… feindliche Händlergilde …“, „… aus der Stadt hinausbekommen …“

Der Zwerg in Kettenrüstung webte erneut Stränge der Macht zusammen. Wieso hielt der fremde Kleriker seinen Aufenthalt in Flüsterstein geheim? Fürst Aldan machte sich über etwas große Sorgen, und es gab Schleicher der Drakaner in der Stadt. War der Zwerg ein Drakaner?

Völlig fasziniert von dem Gedanken, ergriff Halgrimm unbewusst den Weinkelch von Kev und nahm einen tiefen Zug daraus. Oh, Dämon der Torheit, das war nicht klug gewesen! Seinen eigenen Kelch hatte er bereits ausgetrunken, und der Wein stieg ihm mittlerweile kräftig zu Kopf. Trotz oder gerade wegen seines benebelten Zustandes versuchte Halgrimm sich mit seinem schummrigen Verstand an die Lehren des Grauen Turmes über die klerikale Magie zu erinnern.

Die klerikale Macht war ein Geschenk der Behüter. Manche der Erwählten waren bereits als Priester tätig, andere wurden unversehens berufen. Im Gegensatz zu Zauberern konnten Kleriker jedoch nicht die Schöpfungskräfte frei nach ihrem Willen lenken. Zwar beruhten die Gebetswunder auf denselben Energien, die auch die Zauberer nutzten, doch wurden die Kräfte von den höheren Wesen bereits fertig verwoben übergeben und nicht von den Priestern selbst geformt. Diese Zauber gingen nie fehl, und damit war ein Erwählter der Behüter nie in Gefahr, durch falsches Verweben der Macht zerrissen zu werden. Die Bewahrer vergaben allerdings nur wenige und in ihrer Wirkungsweise bestimmte Zauber, je nach Wesen des Bewahrers. Bei den Klerikern des Imperiums ging man hierzulande allgemein davon aus, dass sie ihre Macht von den Gegenspielern der Behüter bekamen – den Dämonen.

Bei diesen Gedanken betrachtete Halgrimm den gerüsteten Zwerg mit einem unguten Gefühl im Magen. Der hagere Mann schob dem Zwergenkleriker gerade eine lederne Rolle mit Verschlusskappe zu. Daraufhin stand der Hagere auf, nickte noch einmal zum Abschied und verließ den „Grünen Kobold“.

„Habt Ihr Genickstarre oder seid Ihr schon betrunken?“ Überrascht wandte sich Halgrimm zu Kev um, der ihn lächelnd betrachtete.

„Ah, keine Genickstarre, also betrunken!“

„Isch … ich glaub, ich bin wirklisch etwas angetrunken, trink sonst nich’ sehr oft geistige Getränke. Sagt mal, wie gut könnt Ihr eigentlich hö… hören?“

„Wie kommt Ihr denn jetzt darauf?“

„Na ja, könn’ Ihr zum Beispiel hier in diesem Lärm ’n Gespräch an einem anderem Tisch verfolg’n?“

„Beim Abgrund, nein! Hier ist es lauter als bei einer Schlacht. Dazu müsste ich mich in einen Hund oder ein anderes Wesen mit gutem Gehör verwandeln. Aber Ihr wollt doch sicher nicht, dass ich das jetzt mache? Ich glaube, es ist jetzt spät genug für Euch, wir sollten nach Hause.“

„Nein, nich’ jetzt! Hört auf, mich soo komisch anzusehen, so betrunk’n bin ich nicht. An dem gegenüberlieg’nden Tisch mit den vier Zwergen geh’n interessante Dinge vor sisch.“

„Zwerge und interessante Dinge? Ihr seid betrunken! Oder habt Ihr an Gestein, Metall und Schmiedekunst gefallen? Für mich jedenfalls keine Themen, die ich tagelang bereden könnte. Und genau das werden die vier da machen.“

„Wenn Ihr Euch verwan’elt, nehmt doch bitte ein Tier mit großen Ohren und ohne Maul. Dann hört Ihr vielleicht erst mal su, ohne mich dauernd su unterbrech’n.“

Ein finsterer Blick ersetzte Kevs vorangegangenes Grinsen, doch Halgrimm bemerkte diesen gar nicht. Er hatte seine Aufmerksamkeit schon wieder dem Nachbartisch zugewandt.

„Da, jetzt steh’n sie alle auf! Der mit dem Kettenhemd hat ’nen Pergamentbehälter von dem Hageren bekomm’n. Das braune Ding, dasch er sich grad in den Rucksack stopft.“

„Ja, und da oben an der Decke sind zwei Fliegen, die verdächtige Bewegungen gemacht haben.“, murmelte Kev vor sich hin.

„Sie geh’n! Los, hinterher!“

Prompt stand Halgrimm auf, doch kam er nicht besonders weit. Kevs linke Hand drückte auf seine Schulter, sodass er gleich wieder auf seinen Hocker plumpste.

„Gemach, Halgrimm. Ich kann mich in einen Eber verwandeln, aber Ihr habt die Natur eines Ebers. Wenn Ihr so wild und auffällig hinterherstürmt, könnt Ihr auch gleich die Sturmglocken schlagen, Ihr Meister der Schleicher. Nicht dass ich den Sinn hinter dieser ganzen Aktion sehen kann …“

Große, etwas glänzende Augen sahen Kev an, und hinter Halgrimms Stirn schien es zu arbeiten, bis er nach einer Weile etwas stockend meinte:

„Un’ wie lang musch man warten? Ich hatt’ ganz vergessen, Ihr hab’ ja lange Zeit die Arbeit eines Sch… Schleichers ausgeführt. Also, ich verlass mich auf Euch, dass wir die Zwerge nich’ verlier’n. Und bidde glaubt mir, an dem einen is’ was Besonderes dran, ein Kleriker is das, da bin ich mir sicher. Na ja, und ich binnn auch neugierig, das is’ nun mal die Triebfeder jeder Wischenschaft.“ „Und der Weg ins Verderben, das kann ich Euch versichern. Aber gut, ich lasse Euch Euren Spaß. Lehnt Euch zurück, entspannt Euch und seht vor allem nicht mehr … Was geht denn hier vor?“ Kevs Stimme war bei seinem letzen Ausspruch immer leiser geworden. Mit einem kurzen Rucken des Kopfes wies er Halgrimm auf eine schmale Gestalt mit einem grauen Umhang hin, die an einem Holzpfosten in der Nähe des eben verlassenen Tisches der Zwerge lehnte.

Halgrimm verstand nicht, warum Kev ausgerechnet diesem Gast so besondere Aufmerksamkeit schenkte. Er sah, wie das wohlgeformte Gesicht des Mannes die Schritte der Zwerge verfolgte und dieser sich dabei sein langes Haar zurückstrich, um besser sehen zu können. Die ebenmäßigen Züge und das silbrige Haare wiesen ihn als Elfen aus. Als die Zwerge langsam im Gedränge verschwanden, machte der Elf sich auf, ihnen nachzugehen.

Kev beugte sich näher zu Halgrimm und raunte: „Die Erdwühler werden anscheinend beschattet! Seht, der Elf ist der einzige Gast hier, der ganz allein ist, und jetzt stellt er seinen vollen Bierkrug auf dem Tisch ab. Ich kann es kaum glauben, hier geht wirklich etwas Seltsames vor.“

„Tja!“, lallte es ihm von Hallgrimm mit erhobenem Zeigefinger entgegen. „Ihr könn’ Euch in einen Jagdhun’ verwandeln, aber ich hab das Geschpür eines Jagdhun’es!“

Verzweifelt drehte Kev die Augen zur Decke, während er gleichzeitig Halgrimm von seinem Hocker hochzog.

Auch als sie sich zum Ausgang des verrauchten weitläufigen Schankraums durch die Besucher drängelten, ließ der Wandler den Arm von Halgrimm nicht mehr los.

Wotan schüttelte die Hände von Lektar, Terter und Gontram in kräftiger Zwergenmanier.

Die vier Zwerge standen nur wenige Schritte entfernt vom „Grünen Kobold“ in der Windgasse, die direkt am Wirtshaus vorbeiführte. Die Dunkelheit der Nacht erfüllte die Gassen, hier und da durchbrochen von Inseln aus Licht, das aus einigen Fenstern drang. Noch immer war viel Volk unterwegs. Ständig kam jemand aus der Tür des „Grünen Kobold“ heraus oder ging hinein, wobei dann jedes Mal ein Lärmschwall von gut gelaunten Schenkenbesuchern aus dem Eingang drang, gefolgt von einer Wolke schweißgetränkter Luft.

„Danke für diesen leichten und gut bezahlten Auftrag, den Ihr mir vermittelt habt. Das werde ich Euch und dem Blaugold-Klan nicht vergessen.“

Lektar nickte Wotan zu und zitierte: „Feinden nichts vergeben und bis zur letzten Untat heimgezahlt, den Freunden keine Tat vergessen, Treue, auch wenn der Schnitter naht, so ist das Felsvolk immerdar gekannt.“

Gontram legte eine Hand auf die mächtige Schulter des Kampfpriesters.

„Glück mit Euch, Erdenbewahrer, es war uns eine Freude, Euch helfen zu können. Seid Ihr sicher, das wir Euch nicht bis vor die Stadt zu diesem Treffpunkt, an dem ihr diesen Behälter abgeben müsst, begleiten sollen? Ich trau diesem Menschen nicht mit seiner ganzen Geschichte über verfeindete Händlergilden, die Botschaften abfangen, um den Handel zu stören.“

Terter fiel in die Zweifel mit ein. „Für einen simplen Botengang ist die Bezahlung recht hoch, auch wenn gerade das Verlassen der Stadt verboten ist. Auch das Argument, dass niemand mit einem Erdenbewahrer als Überbringer rechnet, ist für mich nicht recht befriedigend. Man hofft wohl, dass ein Erdenbewahrer nicht gegen seinen Willen in der Stadt festgehalten wird. Dieser Händler hat uns einige kleinere Gefallen getan, und wir standen in seiner Schuld. Gleichzeitig sahen wir eine Möglichkeit, Euch zu helfen. Aber ganz wohl ist mir bei der Sache nicht.“

Wotan starrte kurz auf den gepflasterten Boden. „Er sagte aber auch, es wäre ihm egal, ob ich allein oder mit einer ganzen Wachmannschaft käme. Hauptsache, es wären nur Zwerge, die aus dem Osttor der Stadt ziehen, damit ich sie als mein Gefolge ausgeben kann. Und dass es heute Nacht geschieht. Klingt für mich nicht nach einem Überfall.“

Grimmig blitzten Wotans Augen, als er jeden in der Runde kurz ansah. „Doch misstrauisch ist der langlebige Zwerg, also lasst uns doch mal nachsehen, was an seinen Worten so dran ist.“

Wotan klaubte daraufhin den Schriftrollenbehälter aus seinem Rucksack heraus, ging weiter zu einem hell erleuchteten Fenster an der langen Außenwand des „Grünen Kobolds“ und öffnete die Verschlussklappe des Behälters. Im Lichtschein des Fensters steckten die Zwerge die Köpfe über dem auseinandergerollten Pergament zusammen und lasen dessen Inhalt.

„Empfehlungen und Preise für günstige Waren, Warnungen über schlechte Qualität bei anderen Gütern, Lagerhauskosten. Mmmm …“ Terter kratze sich nachdenklich an seinem fast kahlen Kopf, während aus einer Nebengasse ein grölender Haufen Menschen in die Windgasse einbog. Irgendwo in der Nähe ertönten die würgenden Geräusche eines sich Übergebenden aus der Nacht.

„Das sieht so aus, als hätte die Geschichte des Menschen einen geraden Tunnel. Bisher hatten wir als Händler noch keine Probleme mit konkurrierenden Kaufmännern.“

„Dann müsst Ihr noch entscheiden, ob Ihr mich begleiten wollt. Ich werde diesen Auftrag ausführen, da ich keinen Haken erkennen kann und das Geld angenommen habe.“

Die drei Händler sahen sich an, dann nickte erst Terter, dann Lektar Gontram zu.

„Wir werden Euch heute Nacht begleiten, Erdenbewahrer. Terter, hol unsere Waffen!“

Kev und Halgrimm brauchten eine Weile, um den „Grünen Kobold“ zu verlassen, was nicht zuletzt an Halgrimms fehlender Standfestigkeit lag. Als sie endlich aus der Tür traten, erfasste Kev schnell die Gruppe Zwerge, die am Ende der Außenwand des Wirtshauses an einem Fenster stand und sich über etwas beugte.

Langsam gingen sie weiter. Kev, immer noch mit der Hand am Arm des Adepten, beobachte aus den Augenwinkeln die Gasse ringsumher. Halgrimm blickte angestrengt zu Boden.

„Wooo is’ denn der Elf hin, Meischter Kev?“

„Leise – und kommt zur Ecke der nächsten Gasse.“

Kev führte seinen angeschlagenen Begleiter in einen dunklen, sehr schmalen Weg zwischen krummen Häuserwänden, in den kaum noch Licht von den Fenstern aus der Windgasse drang.

„Der ist dort schräg links auf einem Dach.“

„Wie is’ der denn so schnell da raufgekommen? Wie habt Ihr das gesehen, haabt doch kaum den Kopf bewegt?“

„Wie Ihr schon sagtet, bin ich lange in diesem Geschäft tätig gewesen. Doch schaut, die Zwerge lesen etwas, ausgerechnet hier draußen im Dunklen.“

„Mir ist schlecht!“

„Das kann nicht Euer Ernst sein. Ausgerechnet jetzt?!“

„Tut mir leid. Is’ das erschte mal, dass ich mehr als ’n Glas Wein getrunken hab.“

„Ihr seid ein Magier! Macht Euch wieder nüchtern!“

„Ich soll ja nich’ mal zaubern, wenn ich nüchtern bin“, kam es schmollend aus dem Dunkeln.

„Was faselt Ihr da?“

„Oooh, is’ mir schlecht!“

Es kam das Unvermeidliche. Kev sah fassungslos, wie Halgrimm sich vornüberbeugte und sich lautstark übergab. Ohne Mitleid riss der Wandler Halgrimm in einen Hauseingang tiefer in die Schatten hinein.

„Das glaub ich einfach nicht, das glaub ich einfach nicht!“, kam es unterdrückt aus Kevs zusammengepresstem Mund. „Wir können von Glück reden, wenn niemand auf uns aufmerksam geworden ist. Passt auf, Meister Halgrimm, Ihr füttert hier erst mal weiter die Ratten und bekommt wieder einen freien Kopf. Währenddessen verfolge ich unsere Maulwürfe alleine – auf meine Art und Weise.“

Halgrimm hob zwischen zwei Würgern bejahend den Daumen.

Kev legte seinen Dolch, einen Silberring und andere metallene Gegenstände neben Halgrimm ab. Eine tiefe Konzentration erfüllte das Gesicht des Wandlers. Sein gesamter Körper schien sich zu wellen, die Beine und Arme verkürzten sich, und selbst die lederne Kleidung zog sich zusammen. Kleiner und kleiner wurde seine Gestalt, während er sich nach vorn beugte und mit den Händen auf dem Boden abstützte. Dann formten sich Kopf, Hände und Füße um, schwarze Haare sprossen überall hervor, wurden dichter und zahlreicher. Voll Schrecken und Staunen sah Halgrimm in seiner

gebückten Haltung die Umwandlung seines Gefährten mit an. Der Kopf des Wandlers befand sich nun direkt vor ihm, und Halgrimm blickte in Kevs Augen, die bis zuletzt, obwohl sie immer kleiner wurden, die Augen von Kev blieben.Zum Schluss formten sich die Pupillen zu Rauten um und begannen gelb zu schimmern. Eine pechschwarze Katze reckte sich neben dem an der Wand lehnenden Magieradepten, wo soeben noch Kev gestanden hatte. Die Katze blickte in das entgleiste Gesicht Halgrimms und zwinkerte ihm mit einem Auge zu. Gleich darauf verschwand sie mit einigen weiten Sprüngen von Fenstersims zu Fenstersims geräuschlos hinauf auf die Dächer von Flüsterstein.

Terter brauchte eine Weile, bis er schwer beladen zurückkam. Er trug einen riesigen Rucksack und brachte es irgendwie fertig, auch noch drei kleine Rundschilde unter dem linken Arm mitzuschleppen. Er hatte nicht nur drei Streitkolben mitgebracht, sondern auch noch Kettenhemden, die Gontram, Lektar und Terter ohne viel Umstände einfach über ihre Gewänder zogen. Einige vorbeiziehende Nachtschwärmer staunten ob dieses Schauspiels, doch ein paar kurze düstere Zwergenblicke ließen alle schnell wieder den Blick abwenden. Niemand hatte Lust, sich in Angelegenheiten von Zwergen einzumischen, die sich gerade Waffen und Rüstzeug anlegten und dabei Gesichter aufsetzten, als hätte jemand ihre Schwester geschwängert und sich dann aus dem Staub gemacht.

Bald darauf klimperten und schellten vier Zwerge durch die nachterfüllten Gassen von Flüsterstein. Er kauerte sich hinter einen Schornstein und lugte über die obere Mauerkante des Schlotes hinab in die Gasse. Sichergehend, dass ihn niemand bemerkt hatte, wartete er still ab und beobachtete. Er war ein Schatten in der Nacht, sein Körper verborgen unter einem dunkelgrauen Mantel, das Gesicht unter der Kapuze unsichtbar. Die wolkenverhangene Nacht ließ ihn fast vollständig mit seiner Umgebung verschmelzen. Er wandte alles an, was er gelernt hatte, um unbemerkt zu bleiben, und war sich doch sicher, dass es bei denen hier glatte Zeitverschwendung war. Vier kurze, breite Gestalten lärmten klirrend die Gasse unter ihm entlang. Sie gingen langsam, zwei von ihnen manchmal auf Zehenspitzen, so als wollten sie die Gassen entlangschleichen. Ihre Schlagwaffen lagen einsatzbereit auf den Schultern. Immer wachsam zu den Seiten und nach hinten spähend, sicherten sich die Zwerge ununterbrochen ab. Was für Dilettanten! Nur einmal blickten sie überhaupt nach oben. Er hätte sich auch offen hinstellen und lärmend über die Dächer springen können, die vier hätten es nicht bemerkt.

Trotzdem blieb er bei der Verfolgung leise und umsichtig. Mit der Geschicklichkeit eines Seiltänzers bewegte er sich von Schindel zu Dachtraufe. Seine Schuhe waren dick mit schwarz gefärbten Stoffstreifen umhüllt und verhinderten selbst bei weiten Sprüngen ein lautes Geräusch. Die wenigen Laute, die er dennoch verursachte, wurden allemal von dem Lärm der Zwergenrüstungen übertönt. Lektar drehte sich wieder nach vorn und schloss zu seinen Gefährten auf.

„Niemand, der uns verfolgt, glaube ich. Wir treffen kaum noch jemanden auf der Straße zu dieser späten Stunde, eine Verfolgung wäre unweigerlich auffällig.“

„Hmpf“, kam mürrisch Wotans Antwort.

Bei der nächsten Gasse zu ihrer Linken bogen sie ab und folgten dieser längere Zeit nach Norden, dann nahmen sie wieder eine Gasse, die nach Osten führte. Alle vier Zwerge hatten ihre strengsten Mienen aufgesetzt, ihre Augen kamen nicht zur Ruhe, stets auf der Suche nach Gefahr.

„Bisher läuft es gut, das Osttor ist nicht mehr weit, geehrter Erdenbewahrer“, tat Terter seine Meinung kund.

„Hmpf“, ertönte es diesmal gleichzeitig aus Gontrams und Wotans Mund.

„Würden die Herren so gütig sein und aufhören, hier rumzuhmpfen! Hab ich was übersehen?“ Lektar blickte scheel von links nach rechts von Gontram zu Wotan, die nah vor ihm hergingen.

Gontram schaute kurz Terter an und dann hinter ihnen die Gasse hinunter. „Meine Nase juckt, und ich hab ein schlechtes Gefühl im Bauch. Außerdem fühle ich mich nackt, so ohne Helm.“

„Ich weiß auch nicht, mir geht es genauso. Irgendwas liegt in der Luft“, stimmte Wotan zu.

„Wir sind nicht in unseren Höhlen. Die Städte der Oberirdischen sind ungewohnt für uns, und wer weiß, was wir alles übersehen? Wir sollten kein unnötiges Risiko eingehen. Da ich heute erst einen Segen Toorns gewirkt habe, kann ich noch etwas für unseren Schutz tun.“

Abrupt blieb Wotan stehen und drehte sich zu seinen Gefährten um.

„Haltet an und kniet nieder! Empfangt die Güte Toorns!“

 

‚Denk nach, Halgrimm, denk nach.‘ Etwas schwankend, drückte sich Halgrimm von der Wand der Windgasse ab, gegen die er fast gestoßen wäre. Diese Gasse waren die Zwerge entlanggegangen, aber sie waren längst außer Sicht. Halgrimm ging es nach dem Erbrechen erheblich besser. Ihm war zwar immer noch schlecht, doch konnte er wieder etwas klarer denken.

‚Oh, wieso musste ich mich ausgerechnet heute das erste Mal betrinken? Ausgerechnet dann, wenn etwas Wichtiges vorgeht. Denk nach, Halgrimm. Bei allen Dämonen, ich hab keine Ahnung, wo die hin sind. Ich sollte zurück in die Burg gehen und auf Kev warten.‘

Halgrimm sah sich um und versuchte sich in der Dunkelheit zu orientieren.

‚Wo bin ich? Wieso sieht in der Nacht nur alles anders aus?‘

 

Halgrimm wusste weder, wo er war, noch, wie er zurück zur Burg kommen sollte. Der grau gewandete Verfolger spähte vorsichtig über den Rand eines Daches mit leichter Schräglage. Er hatte sich flach hingelegt und war zur Kante gerobbt, als er bemerkte, dass die Zwerge stehen geblieben waren. Die Verfolgung der Erdwühler wurde fast schon langweilig, und er musste sich zusammenreißen, um weiterhin umsichtig zu bleiben. Er sah desinteressiert mit an, wie drei der Zwerge vor einem niederknieten. Ein kurzer monotoner Gesang wurde von dem Stehenden gesprochen, und ein Leuchten, braun wie Lehmboden, erfüllte die Hände dieses Zwerges, mit denen er nacheinander seine niederknienden Gefährten an der Stirn berührte.

Der Schleicher auf dem Dach zuckte zurück, und ein unbeabsichtigtes Zischen entfuhr ihm. Der erwartete Alarmruf blieb aus. Als er wieder nach unten spähte, sah er gerade noch das letzte bronzene Leuchten einer verblassenden Aura, welche die drei niederknienden Zwerge umhüllte. Derjenige, der den Bannspruch ausführte, schwankte kurz. Er wusste, jeder Gebrauch der Macht fordert Kraft. Es war nur die Frage, wie viel Kraft der Kleriker noch hatte und wie gefährlich er dementsprechend noch werden konnte. Als die Zwerge wieder weiterzogen, wartete er diesmal einen Augenblick und gab ihnen einen Vorsprung. Nach einigen Herzschlägen führte er seine behandschuhten Hände zum Mund, und kurz darauf zerriss der lang gezogene Schrei einer Katze die Nachtluft. Wenige Sekunden später erklangen zwei andere Maunzer aus östlicher Richtung.

Nickend erhob er sich, trat zurück und schnellte dann mit zwei Schritten Anlauf über die Kluft zum nächsten Spitzdach, welches etwas höher gelegen war. Elegant landete er auf den Dachziegeln und huschte weiter hinauf zum Giebel. Mit einem Mal verharrte er. Obwohl er nichts gehört hatte, fühlte er sich beobachtet. Vehement wandte er den Kopf nach hinten und blickte zurück zum Dach, von dem er kam. Er sah niemanden, einsam und leer lag es unter ihm. Es gab kein Versteck, hinter dem jemand sich der Sicht hätte entziehen können, nur ein beindickes Rohr ragte als Rauchablass aus den Schindeln hervor. Langsam drehte er sich von einer Seite zur anderen, suchte auch Dächer in der Nähe ab. Das Dach, auf dem er sich befand, war höher als die umliegenden und bescherte ihm einen guten Ausblick. Doch es blieb alles still, nichts regte sich. Er schalt sich einen Narren, auf einmal auf seine Gefühle zu hören. Er hatte selbst kaum ein Geräusch verursacht und nicht einmal etwas gehört. Niemand hätte ihn hier oben die ganze Zeit unbemerkt verfolgen können. Entschlossen wandte er sich um und bewegte sich leise über den Giebel, um gleich darauf gewandt die Schräge auf der anderen Seite des Daches hinunterzugleiten.

Aus dem tiefschwarzen Schlagschatten des Abzugrohres des gerade noch beobachteten Daches trat leichtfüßig eine schwarze Katze hervor. Selbst jetzt waren ihre Konturen kaum auszumachen, doch in den lichtlosen Ecken wurde sie zu einem unsichtbaren Jäger. Kurz schätzte sie die Entfernung des gegenüberliegenden Daches ab und sprang ohne Anstrengung aus dem Stand hinüber. Ohne den geringsten Laut landete das schwarze Tier mit perfekt eingespielten Bewegungsabläufen auf samtweichen Pfoten. Selbst wenn die Stadt in Stille versunken wäre, hätte niemand einen Laut bei ihrer Landung vernommen. Mit ein paar schnellen Sätzen sprang die Katze zum Giebel und huschte dann der grauen Gestalt nach, die in dieser Nacht ihren Meister in der Kunst des Schleichens gefunden hatte.

„Gütige Behüter, wir sind wohl beim Marktplatz angelangt. Ja, da ist ein Brunnen, wir sind richtig. Lasst uns dieses Geschäft endlich hinter uns bringen.“

Terter blickte vom Ende der Seilgasse, aus der sie gerade gekommen waren, auf den offenen Platz vor sich. Diesen Marktplatz gleich vor dem Osttor hatte man mit quadratischen Steinplatten gepflastert. Hier war es längst nicht so dunkel wie in den schmalen Gassen mit den hohen Hauswänden. Überall verteilt standen hölzerne Buden, bunt bemalt und geschmückt mit Wimpeln und Fahnen. Die Läden waren für die Nacht verrammelt und die Türen verschlossen.

Gontram hob die Hand mit dem Streitkolben.

„Hört ihr das?“

„Was? Das Katzengejammer?“, gab Terter zurück.

„Nein, da vor uns würgt doch jemand seinen Mageninhalt hervor. Da, an der ersten Bude, hinter der Ecke sieht man noch ein Stück Mantel.“

„Immer vorsichtig! Macht Euch kampfbereit! Es könnte ein Hinterhalt sein. Terter, deckt nach hinten“, befahl Wotan leise. Dann rief er lauter: „Hey da, Ihr da vorn! Kommt hervor und gebt Euch zu erkennen, aber schön langsam.“

Keine zehn Meter weit entfernt erhob sich jemand aus einer gebückten Haltung. Ein selbst in der Dunkelheit bleich schimmerndes Gesicht sah zu Wotan.

„Verzeiht, ich bin etwas unpässlich … Was? Ihr?“

Halgrimm, der herumgeirrt und unwissend direkt zum Wachtplatz gelaufen war, sah erschrocken in das grimmige Gesicht Wotans.

„Was heißt hier ‚Was? Ihr?‘ ? Ich kenne Euch nicht. Ihr habt uns wohl erwartet.“

„Aber nein, nicht so. Äh, ich meinte, ich kenne Euch auch nicht … “ Halgrimms Stimme erstarb mit einem Krächzen. Ein Maunzen kam vom Rand des Platzes von einem der Dächer, ein weiteres folgte von einem anderen. Wotans Augen wurden schmal. Er sah kurz an den Seiten des Marktplatzes entlang und fasste Halgrimm wieder fest ins Auge. „Ihr solltet schnell zur Wahrheit kommen, ich werde nämlich gerade sehr nervös.“

Halgrimm guckte verdattert den wuchtigen Zwerg mit seinem schweren Kriegshammer an und fing an zu stammeln. Ein angsterfüllter Schrei, der unmittelbar über der Zwergengemeinschaft seinen Anfang nahm, zerriss die Nacht. Ein dunkler Kleiderhaufen landete mit einem Platschen direkt neben Wotan. Ein Stimme rief vom Dach direkt über dem gestürzten Körper herunter: „Lauft weg! Hier sind überall welche. Halgrimm, flieht, eine Falle!“

‚Das ist doch Kevs Stimme.‘, erkannte Halgrimm.

Wotan reagierte schon, während Kev noch rief. Sein Hammer schlug krachend auf die Kapuze der gefallenen grauen Gestallt ein, die sich gerade stöhnend zu erheben versuchte.

„Zum Tor!“, rief Wotan und rannte los.

Plötzlich war die Nacht von rufenden Stimmen erfüllt, die von den Dächern herunterschallten. Ein Pfeil zischte von oben herab und zerschellte harmlos auf dem Boden.

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Der Wettlauf - Aus der Reihe Dämonsilber

 

von Marc Strauch

Umschlaggestaltung von Kirsch, Thorsten. Illustriert von Gebert, Marina

Verlag : SCRATCH Verlag

ISBN : 978-3-940928-07-8

Einband : Paperback

Preisinfo : 11,80 Eur[D] / 11,80 Eur[A] / 17,00 CHF UVP

Seiten/Umfang : 542 S.

Druck : 1. Auflage 15.05.2009

Aus der Reihe : Dämonensilber 1

Erhältlich bei: www.daemonensilber.de

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.


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Erstellt: 11.02.2010, zuletzt aktualisiert: 25.01.2015 12:52, 10035