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Desmodia

Autorin: Tanya Carpenter

 

Das Schloss Desmodia machte einen eher baufälligen Eindruck und hatte seine Glanzzeit längst hinter sich. Matthew Donahue hoffte, dass zumindest das Dach dicht wäre und nicht der Regen, der seit dem Morgen in Strömen vom Himmel floss, hindurchtropfte.

Die Kutsche, die ihn hergebracht hatte, fuhr rumpelnd wieder an und wäre ihm beinah über die Füße

gefahren, wenn er nicht einen Satz zur Seite gemacht hätte. Matschflecken spritzten auf seine blaue Hose. Unmöglicher Kerl, dieser Kutscher. Bis vors Tor und nicht weiter, hatte er gesagt. Keinen Fuß würde er auf das Anwesen setzen. Er nicht und auch keins seiner Pferde. Abergläubischer Tölpel. Das Knallen der Peitsche zerriss zeitgleich mit einem Blitz die Stille der Nacht. Das folgende Donnergrollen schien nicht aus den Wolken, sondern aus den vor ihm aufragenden Mauern zu kommen.

Matthew bekam eine Gänsehaut. Aber er war schließlich ein gebildeter Mann und ließ sich nicht von dieser schauerlichen Stimmung, die das Schloss der Gräfin von Desmodia umgab, erschrecken. Entschlossen nahm er seinen kleinen Koffer und stapfte Richtung Eingangstor. Der Regen hatte den Weg in einen regelrechten Sumpf verwandelt. In seinen schwarzen Schuhen stand das Wasser, sie waren für dieses Wetter ebenso ungeeignet, wie der leichte Reisemantel. Eine große, altertümliche Glocke hing neben den Türflügeln. Der Glockenstrang erinnerte unangenehm an einen Henkersstrick.

 

 

Ein Butler erschien auf sein Klingeln. Ein gebeugter, grauhaariger Mann mit trüben Augen.

»Sie wünschen?«, krächzte er mit müder Stimme.

»Matthew Donahue, Städtische Bibliothek London. Wir wurden eingeladen, um Einsicht in die Familienchronik zu nehmen. Man bat speziell um meine Anwesenheit.«

Die Gräfin Desmodia hatte darum gebeten, dass ihre Familienchronik von einem Experten eingesehen wurde, da sie eine professionelle Meinung zu gewissen Unregelmäßigkeiten benötigte. Im Gegenzug hatte sie in Aussicht gestellt, selbige Chronik zu Ausstellungszwecken zur Verfügung zu stellen. Die Desmodia hatten einen beeindruckenden Stammbaum, der bis weit in die Zeit vor Christi zurückreichte. Eine solche Option war daher eine große Ehre für die Bibliothek. Man hatte explizit in dem Schreiben darauf bestanden, dass Mr. Matthew Donahue mit diesem Vorgang betraut wurde. Warum, das war weder ihm, noch dem Bibliotheksleiter bislang klar.

»Folgen Sie mir«, bat der Butler und ging mit zittrigen Schritten voraus. Wie unhöflich, den Gast sein Gepäck selbst tragen zu lassen. Aber zugegeben, der Kerl hatte auch schon bessere Tage gesehen, dachte Matthew bei sich. So ein Mann gehörte eigentlich in den Ruhestand.

»Ich diene der ehrenwerten Familie schon viele, viele Jahre. Lady Vivianne war noch nicht geboren, als ich meine Stellung hier antrat«, erklärte der Mann, gerade so, als habe er Matthews Gedanken gelesen.

»Verstehe. Dann können Sie sicher auch viel über die Familie Desmodia berichten.«

Der Alte lachte gackernd. »Das überlasse ich der Gräfin.«

Sie kamen an einem Spiegel vorbei und Matthew sah seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Er sah aus wie ein Bettler in der durchnässten Kleidung. Das braune Haar klebte ihm am Kopf und die Brille war verrutscht. Doch ihm blieb zunächst nichts anderes übrig, als dem Butler weiter durch das kalte, abweisende Gemäuer zu folgen.

Er wurde in einen kleinen Empfangsraum geführt, in dem zumindest ein wärmendes Feuer im Kamin brannte. Endlich nahm der Bedienstete ihm den nassen Mantel und den Koffer ab.

»Ich hänge das hier ans Feuer in der Küche, damit es trocknen kann. Und den Koffer bringe ich schon mal auf Ihr Zimmer. Auf Wunsch von Lady Vivianne haben wir das einstige Zimmer ihres Vaters – Graf Ruthven von Desmodia – für Sie hergerichtet. Das Dinner wird in Kürze serviert. Die Gräfin wird Sie dann zu Tisch geleiten.«

Verwundert blickte Matthew dem Mann hinterher. Er hatte damit gerechnet, direkt zur Gräfin geführt zu werden. Doch lange musste er nicht warten. Nur wenige Augenblicke, nachdem der Butler ihn verlassen hatte, öffnete sich die Tür erneut, und eine Frau in schwarzgoldenem Kleid betrat den Raum. Matthew verschlug es den Atem. Ebenso wegen des Kleides – einen solchen Hauch von schwarzem Nichts hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen – als auch wegen der Frau, die es trug. Ihr schlanker Körper steckte sozusagen in einer zweiten Haut, die festen Brüste waren nur spärlich bedeckt. Ihre Erscheinung hatte eine Wirkung auf ihn, wie sie sie vermutlich auch auf jeden anderen Mann gehabt hätte. Matthew verspürte ein Pochen in seinen Lenden – in seinem Unterleib regte sich etwas. Es war ihm peinlich und er wünschte sich spontan seinen Mantel zurück.

Doch Lady Vivianne schien nichts von seiner misslichen Lage zu bemerken, oder sie ignorierte es schlicht. Vielleicht wusste sie auch um ihre Wirkung, beabsichtigte diese sogar, denn warum sonst sollte sie sich in solch einem Gewand einem fremden Mann präsentieren?

Ebenso ungewöhnlich wie das Kleid war auch alles andere an der Gräfin. Ihre extrem dunklen Augen hatte sie mit schwarzer Schminke betont, die in spitzem Muster weit über und unter die Augen hinaus reichte. Die Farbe schimmerte, als wäre sie mit frischen Tränen durchsetzt, und tatsächlich hatte ihr Blick damit etwas ebenso Trauriges wie Überhebliches.

Ein kleines Muttermal über ihren schwarz bemalten Lippen zog den Blick des Betrachters zusätzlich auf sich.

Um den Hals trug sie einen Reif, der in zwei Schlangenköpfen endete. An ihren Armen fanden sich die passenden Spangen wieder. Das lange schwarze Haar fiel ihr in einer seidigen Kaskade über den Rücken, nur von einem goldenen Stirnband gebändigt.

»Wenn Sie mich genug angestarrt haben, Mr. Donahue . . . « Sie beendete den Satz nicht, sondern reichte ihm nur ihre schmale Hand, damit er sie küssen konnte.

Ertappt zuckte Matthew zusammen, ergriff die kühlen Finger und deutete einen Kuss auf den Handrücken an.

»Aber Sie haben wunderschöne blaue Augen, aus denen Sie mich anstarren«, setzte sie nach.

Mit einem Lächeln nahm Lady Vivianne auf einem der beiden Sessel Platz und wies mit eleganter Geste auf den zweiten. »Ich danke Ihnen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Es liegt mir sehr am Herzen, die Geschichte meiner Familie in gute Hände zu geben. Und etwas Licht in das Dunkel eines speziellen Familienzweiges zu bringen, mit dem auch ich sehr eng verbunden bin.«

Er räusperte sich. »Die Bibliothek von London ist sich der Wertschätzung bewusst, die Ihrem Angebot innewohnt, werte Gräfin.«

»Bitte, nennen Sie mich Vivianne.«

Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und beobachtete ihn aus halbgeschlossenen Augen. Dabei umspielte ein Lächeln ihre schwarz geschminkten Lippen und Matthew sah dazwischen etwas merkwürdig aufblitzen. Vielleicht war es nur der Kontrast zwischen dem Weiß ihrer Zähne und dem Schwarz der Lippen. Verwirrt schüttelte er den Kopf.

»Glauben Sie an Vampire, Mr. Donahue?«, fragte die Gräfin völlig unvermittelt. Draußen zuckte neuerlich ein greller Blitz über den wolkenverhangenen Nachthimmel, gefolgt von krachendem Donner. Das Gemäuer schien zu erzittern, als würde es jeden Moment über ihnen zusammenbrechen.

»Wie meinen?«

»Glauben Sie an die Legende des Grafen Dracula? Ich habe alle Abhandlungen dieser Erzählung in meiner privaten Bibliothek, wissen Sie.«

Er hatte natürlich einiges über den Grafen gelesen, doch glaubte er im Grunde kein Wort dieses Ammenmärchens. Die historischen Hintergründe erschienen ihm viel interessanter.

»Ich muss gestehen, so bewandert bin ich in der leichten Lektüre nicht. Ich habe die eine oder andere Geschichte gelesen, ja. Doch mich interessieren mehr die historischen Fakten des Hauses Têpec.«

»Ach, wirklich?«, seufzte Lady Vivianne und ihr Blick wurde verträumt. »Wie schön. Wissen Sie sehr viel über die historischen Tatsachen, die den Grafen umgeben? Meine Familie ist nämlich eng mit der seinen verbunden.«

Noch bevor Matthew genauer nachfragen konnte, schlug eine Glocke dreimal.

»Das Dinner ist serviert. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«

Sie erhob sich grazil und ging durch eine zweite Tür voran in den Nebenraum. Hier stand eine große Eichentafel, um die dreizehn Stühle gruppiert waren. Der Tisch war so üppig gedeckt, als erwarte man noch weiteren Besuch.

»Wann kommen die übrigen Gäste?«, erkundigte sich Matthew vorsichtig.

»Es gibt außer Ihnen keinen Gast. Doch wir möchten, dass Sie sich wohlfühlen und es Ihnen an nichts fehlt, solange Sie hier sind. Ich hoffe, die Speisenauswahl trifft Ihren Geschmack.«

Der Butler war wieder zur Stelle und rückte seiner Herrin den Stuhl am Kopfende zurecht. Matthew nahm den ihm zugewiesenen Platz zu ihrer Rechten ein.

Im Hintergrund erklangen merkwürdige Laute, doch als er sich umschaute, konnte er deren Ursache nicht ausmachen.

Lady Vivianne nahm sich ein Hühnerbein von der Fleischplatte.

Alles sehr appetitlich, befand Matthew und konnte sich kaum entscheiden, wo er zuerst hingreifen sollte. Fleischvariationen von Geflügel und Lamm, Fisch, mehrere Gemüseplatten, Kartoffeln und eine Auswahl von Obst. Einige Früchte hatte er noch nie gesehen. Ein ungewöhnliches Mitternachtsmahl, aber er war sehr hungrig von der langen Reise und daher dankbar dafür.

Der dunkelrote Wein, der in edlem Kristall kredenzt wurde, mundete ausgezeichnet, stieg ihm jedoch schnell zu Kopf, weshalb er schließlich nur noch vorsichtig daran nippte, statt in großen Schlucken zu trinken. Immer wieder wanderte sein Blick zu den halbnackten Brüsten der Gräfin, die sich zwei Äpfeln gleich unter dem Dekolleté hervorwölbten. Die Röte seiner Wangen rührte nicht vom Alkohol allein.

Ihm fiel auf, dass die Gräfin nur wenig aß. Dem Wein jedoch sprach sie zu. Vielleicht hatte sie bereits früher am Abend diniert und leistete ihm schlicht aus Höflichkeit Gesellschaft.

Nach dem Essen wartete sie geduldig, bis die Schüsseln, Teller und Platten abgeräumt und sie wieder allein waren.

»Ich möchte Ihnen etwas zeigen«, sagte sie. »Sie haben sie zu Beginn des Essens gehört.«

Hinter einem großen Vorhang enthüllte Lady Vivianne eine riesige Voliere. Doch es waren keine prächtigen Vögel darin, wie man es auf dem Schloss einer Adligen vermutet hätte. Unter der Decke des Käfigs hingen mehrere Äste und daran einige hundert Fledermäuse, etwa sieben Zentimeter groß und mit rötlichbraunem Fell. Matthew beschlich allmählich das ungute Gefühl, dass er besser daran getan hätte, den Besuch auf Schloss Desmodia abzulehnen. Die Gräfin hatte entweder einen sonderbaren Sinn für Humor, was diese ganze Vampirsache anging, oder war schlicht verrückt.

Jetzt öffnete sie die Käfigtür und holte behutsam eines der kleinen Geschöpfe heraus. Statt es festzuhalten, ließ sie es an ihrem Arm hochkrabbeln, wo es sich schließlich an dem Goldreif festklammerte und mit seinen kleinen Knopfaugen unsicher die Umgebung musterte.

»Man nennt sie Diphylla ecaudata – Kammzahnvampire «, erklärte Lady Vivianne und kraulte das possierliche Tierchen am Kopf, woraufhin es die Augen schloss und die Liebkosung sichtlich genoss. »Sie gehören zur Gruppe der Desmodontinae, Vampirfledermäuse. Wesentlich realere Wesen als die Vampire aus den Schauerromanen, mit denen Sie ja so gar nichts anzufangen wissen, Mr. Donahue. Nun, sind sie Ihnen real genug?«

»Recht ungewöhnliche Haustiere.«

Sie lächelte verhalten, wobei das Schwarz um ihre Augen im Licht der Kerzen wieder schimmerte, und erklärte, dass diese Tiere eigentlich nur auf dem amerikanischen Kontinent vorkamen. »Ich verrate Ihnen etwas. An den Kuss des Blutes – den Vampirbiss der Wandlung – von dem diese Romanschreiber erzählen, glaube ich auch nicht. Aber an Vampire sehr wohl. Sie werden gezeugt, geboren und zeit ihres Lebens getrieben vom Hunger nach Blut, bis sie dann irgendwann sterben, wie jedes andere Wesen auch. Wussten Sie, dass ein Vampir gar nicht jede Nacht auf Beutejagd gehen muss? Sie halten es auch lange ohne Nahrung aus. Dafür laben sie sich umso ausgiebiger, wenn die Zeit gekommen ist und sie reiche Beute finden.«

»Nein, das wusste ich nicht. Mir sagen die Arten nichts. Aber ich bin auch kein Zoologe«, gab er entschuldigend zu. Innerlich atmete er auf. Dann war die Gräfin also doch nicht verrückt, sondern hatte die ganze Zeit von Fledermäusen gesprochen.

Wieder lächelte Lady Vivianne traurig und nickte. »Mein Vater ist viel gereist, Mr. Donahue, während er nach einer Lösung für ein sehr altes Familienproblem gesucht hat. In Amerika kam er in Kontakt mit diesen reizenden Geschöpfen. Es war ein Hoffnungsschimmer, den er sah. Er hat eine Gruppe von diesen Vampiren importiert und sie dann monatelang studiert, doch ohne Erfolg. Dennoch nahm er sie schließlich in unser Wappen auf. Offenbar gefiel ihm die Ähnlichkeit, die wir mit ihnen haben.«

Ähnlichkeit? Matthew zog fragend die Augenbrauen hoch. Aber sicher, die Namensverwandtschaft vermutlich. Desmodia – Desmodontinae. Dennoch klopfte sein Herz ein wenig schneller.

»Möchten Sie sie halten?«

Das lehnte Matthew lieber dankend ab. Lady Vivianne lachte, aber es erreichte ihre traurigen Augen nicht. Behutsam setzte sie den kleinen Blutsauger wieder zu seinen Artgenossen.

»Wir sollten uns jetzt die Bücher ansehen. Dazu sind Sie schließlich hier.«

Matthew war erleichtert, von den kleinen Blutsaugern wegzukommen, auch wenn diese sicher hinter Gitter waren. Endlich bekam er Zugang zu der Materie, von der er etwas verstand. Nur schnell diesen Job erledigen und dann wieder weg von hier, dachte er. Fledermäuse hin oder her, die Gräfin war seltsam. Schon das Kleid und diese merkwürdige Schminke, diese Schwermut, die sie umgab. Ihn fröstelte, obwohl überall Kaminfeuer brannten.

Die Bibliothek stellte sich erfreulicherweise als ein Raum heraus, in dem sich Matthew sofort wohl fühlte. Sie war nicht kahl, wie die anderen Räume, sondern anheimelnd und gemütlich. Das bedrückende Gefühl, das sich seiner beim Anblick der Fledermäuse bemächtigt hatte, schwand. Hier erstreckten sich Regale vom Boden bis zur Decke an drei Wänden des Raums, wobei in der einen Wand zumindest eine Aussparung für die Tür gelassen worden war, durch die sie nun eintraten. Bequeme Ledersessel luden zum Verweilen und Schmökern ein.

Lady Vivianne schritt zielstrebig auf eines der Regale zu und entnahm ihm mehrere Bücher, an denen bereits der Zahn der Zeit genagt hatte. Sie reichte Matthew die Dokumente. Als er in ihr Gesicht sah, fiel ihm auf, wie glatt und weich ihre Haut war. Allzu gerne hätte er seine Finger darüber gleiten lassen, um zu sehen, ob sie so seidig war, wie er annahm. Ein verwundertes Lächeln trat auf ihre Züge. Zum wiederholten Mal an diesem Abend hatte er das Gefühl, dass sie seine Gedanken las.

»Sie werden sehen, dass einige meiner Vorfahren tatsächlich aus Transsylvanien stammen und das Haus Têpec, bekanntermaßen der Familienname Draculas, taucht mehrmals auf.«

»Und Sie glauben, dass da tatsächlich ein direkter Bezug zwischen Ihnen und Graf Dracula besteht?«

»Das wurde bereits bewiesen, Mr. Donahue«, antwortete sie deutlich kühl diesmal. »Mehrfach bewiesen.«

Aber gleich darauf verschwand die Kälte wieder aus ihren Augen. Fast beschämt wandte sie den Blick zur Seite, die Kerzenflammen warfen Schatten auf ihr makelloses Antlitz und zauberten blauschimmernde Blitze in ihr Haar. »Ich weiß nicht recht, wie ich es Ihnen erklären soll, Mr. Donahue. Vielleicht lesen Sie besser selbst. Dort im blauen Einband ist etwas, das mir seit Wochen keine Ruhe lässt. Eigentlich ist dies der Hauptgrund für meine Einladung, weil ich hoffte, dass Sie dieses Rätsel lösen können, dass mich so quält. Gewisse Mitglieder meiner Familie . . . nun . . . da gibt es eine Besonderheit. Etwas, das uns auszeichnet . . . uns zeichnet.«

Etwas, das offenbar auch sie zeichnete, schloss er aus ihren Worten, weil sie von »uns« sprach. Sie

wirkte so traurig und hoffnungslos, dass es ihm einen Stich versetzte. Er wollte ihr helfen, wenn er es vermochte. Nur leider wurde er aus ihren Worten nicht schlau. Entschlossen griff er nach dem blauen Verzeichnis und schlug die erste Seite auf.

 

Die Blutlinie der Desmodia aus dem Geschlecht

der Grafen von Têpec Dracul

 

Und darunter ein Vers:

 

All jene, die das Zeichen tragen

Sich dem Blut verschworen haben

In einer schwarzen Träne

Liegt des Fluches Sühne

Am Zenit in jedem Jahr

Wird ihre Dunkelheit gewahr

Nur wer des Rätsels Lösung kennt

Macht dem Fluch ein ewig End

 

Matthew blätterte auf die nächste Seite. Und die nächste. Und folgende. Mit jeder Seite weiteten sich zusehends seine Augen vor Schreck. Schließlich hob er den Blick, schaute in die schwarzen Augen der Gräfin, die dunkle Schminke schimmernd wie von frischen Tränen. Schwarzen Tränen.

Ihre Lippen waren geöffnet, lange Fangzähne lugten daraus hervor. Reale Vampire?! Heute war der 30. Juni, der Zenit des Jahres. Und auf jedem Bild, das Matthew in der Ahnenreihe des Grafen gefunden hatte, Portraits der Familie aus mehreren hundert Jahren, trug die Person diese schwarzen Linien, die von der Stirn bis zu den Wangen reichten und wie tränenfeucht schimmerten. Es war keine Schminke. Es war eine Zeichnung.

»Können Sie mir irgendetwas dazu sagen, Mr. Donahue?«, fragte sie. Ihre Stimme klang kehlig, sie weinte tatsächlich.

Seine Lippen zitterten, als er den Kopf schüttelte.

»Bitte. Sie müssen doch etwas sagen können. Sie sind belesen, gebildet. Sie haben soviel über den Grafen in Ihrer großen Bibliothek. Gibt es dort denn nichts außer den gleichen armseligen Schauermärchen, die ich hier in meinem Besitz habe? Gibt es nichts über einen Fluch? Einen Fluch, den man brechen kann. Und wie er gebrochen werden kann?«

Sie war verzweifelt, zerrissen. Er sah ein Lodern in ihren Augen, wie man es von Raubtieren im Jagdfieber kannte. Aber auch den Schmerz, weil sie diesem Drang nicht nachgeben wollte. Ihr Blick glitt zu seiner Kehle, seinem rasenden Puls, der unter der Haut schlug. Großer Gott, sie gierte nach ihm, nach seinem Blut. Wie jeder Vampir. Wie diese kleinen Fledermäuse drüben im Käfig.

Im nächsten Moment spürte Matthew ihre kühle Hand an seiner Kehle, gefolgt von ihren weichen Lippen. »Bitte, Mr. Donahue, sagen Sie mir, dass Sie irgendetwas wissen. Ich will so nicht mehr leben. Ich will das nicht mehr tun.« Ihre Zunge leckte über seinen pochenden Puls. Er fühlte sich paralysiert. »Denn wenn Sie den Fluch nicht brechen, werde ich es wieder tun müssen. Helfen Sie mir. Retten Sie mich und sich selbst.«

Ihr Körper schmiegte sich an den seinen. Feste, weibliche Rundungen, die ihre Wirkung nicht verfehlten, auch wenn es völlig grotesk war, in dieser Situation an so etwas zu denken. Ihre Hand glitt zwischen seine Beine, er zuckte zusammen, konnte sich aber nicht wehren. Als lähme ihn eine fremde Kraft, Körper und Willen.

»Ich . . . weiß . . . nicht . . . «, stammelte er. »Ich habe . . . noch nie . . . von einem solchen Fluch gehört.«

Resigniert sank ihre kühle Stirn gegen seine Wange, Schluchzen schüttelte ihren Körper. »Dann ist es so wie jedes Jahr. Dann gibt es auch dieses Mal für uns beide keine Hoffnung.«

Tränen liefen ihr die Wange hinunter. Einen Moment lang weinte Vivianne hemmungslos, und er barg, trotz der Gefahr, ihren Kopf an seiner Schulter. Sie war das traurigste Geschöpf, dem er je begegnet war, und löste den starken Wunsch in ihm aus, sie festzuhalten, zu trösten und zu beschützen.

Ruckartig warf die Gräfin ihren Kopf in den Nacken und stieß einen markerschütternden, unmenschlichen Schrei aus, der Matthew das Blut in den Adern gefrieren ließ. Eine ganze Salve von Blitzen verbrannte den Himmel, der Donner rollte durch seinen Körper hindurch, wie eine unheilvolle Welle.

Er hob noch die Hände, um Lady Vivianne abzuwehren, doch es war bereits zu spät. Ihre scharfen Zähne senkten sich tief in sein Fleisch, Blut sprudelte hervor, schwarzer Nebel breitete sich in seinem Kopf aus, dann spürte er nichts mehr.

 

 

Der Butler kam herein. »Mylady?« Eine schwarze Träne rollte über das Gesicht der Gräfin, während sie auf den Körper zu ihren Füßen blickte. »Schon gut, Mylady. Vielleicht im nächsten Jahr.«

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Kurzgeschichte:

Desmodia

Autorin: Tanya Carpenter

aus der Anthologie

Alisha Bionda (Hg.)

Dark Ladies II

Englisch Broschur, 256 Seiten

 

ISBN: 978-3-927071-26-1

 

Linda Budinger • Barbara Büchner • Harald Braem • Tanya Carpenter • Robin Gates • Fran Henz • Desirée und Frank Hoese • Rainer Innreiter • Guido Krain • Aino Laos • Christoph Marzi • Dave T. Morgan • Jennifer Schreiner • Arthur Gordon Wolf • Monika Wunderlich

 

Cover und 16 Illustrationen von Gaby Hylla.

Gaby Hylla

Disclaimer

Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

Freigabe zur Weiterveröffentlichung besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

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Erstellt: 07.08.2009, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 14:17