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Leseprobe: Die Ankunft

Mit gerefften Segeln rauschte das gewaltige Schiff in die Hafenbucht Saramees.

Für Unkundige mochte der Eindruck entstehen, das Schiff würde nicht zum Stillstand kommen, bevor es die Kaimauer erreichte, doch der Kreuzer wurde nur durch seine eigene gewaltige Masse vorangetrieben. Es war eine Kraftprobe auf Zeit, denn die Geschwindigkeit nahm spürbar ab. Dennoch schien es, als ob das Schiff gewaltsam ins Hafenbecken schoss.

Das war der Eindruck, den das Manöver erwecken sollte. Der Kapitän der DONNERKIND war der Ansicht, dass es sich für ein Schlachtschiff des Westlichen Imperiums nicht ziemte, wie ein Kauffahrer in den Hafen Saramees zu kriechen. Erst als die Kaimauer in Wurfweite war, ließ er beidrehen. Allein diese Bewegung raubte dem Schiff viel seines Schwungs, das Übrige besorgten zwei große Schleppanker, die für diesen Zweck vorbereitet worden waren.

Ralec stand auf der Bugplattform des Schiffes. Die Arme vor der Brust verschränkt, fing er die unvermeidlichen Stöße des Bremsmanövers mit federnden Knien ab. Seine Aufmerksamkeit galt nicht den seefahrerischen Fähigkeiten seines Kapitäns, von denen er sich bereits hinreichend hatte überzeugen können, sondern vielmehr dem Treiben auf der Kaimauer, wo sich geschäftige Hektik und neugieriges Herumlungern zu einem farbenfrohen Gewimmel verband.

Da gab es Seeleute aller Völker, die entweder die letzten Augenblicke ihres Landgangs auskosteten oder auf neue Heuer hofften. Da gab es lärmende Großhändler, die mit Frachtkapitänen um den Preis oder die Transportbedingungen der hergebrachten oder zu transportierenden Waren stritten. Dazwischen warteten schweigende Gruppen von Sklaven darauf, entweder auf ein Schiff mit ungewissen Ziel getrieben oder in die für sie fremden Straßen Saramees geführt zu werden.

Sklaven ihrer Situation waren die zahleichen Flüchtlinge, die auf ihrer wenigen Habe sitzend darauf warteten, dass ein offizieller Vertreter der Stadt ihnen ihr Viertel zuwies. Während die Erwachsenen entweder stumm ihre Möglichkeiten abschätzten oder sich flüsternd untereinander austauschten, lärmten die Kinder zwischen den Ballen gerade gelöschter oder noch aufzunehmender Ware, misstrauisch beäugt von offiziellen und privaten Hafenwachen, die einst ebenso als Flüchtlinge hierher gekommen sein mochten, die Neuankömmlinge aber nichtsdestotrotz als potentielles Ärgernis einschätzten.

Und dann gab es noch jene Leute, die tatsächlich auf Ärger aus waren; angetrunkene Seeleute auf der Suche nach Streit, Langfinger auf der Suche nach einer Gelegenheit, Söldner auf der Suche nach Arbeit.

Unwillkürlich fragte sich Ralec, zu welcher Nuance der letzten Kategorie jene Gestalt gehören mochte, die sich ein wenig abseits vom Gewimmel auf einem Haufen Netze und Tauwerk niedergelassen hatte und die beeindruckende Erscheinung des Schlachtschiffes mit der gleichen Neugier musterte wie alle Anderen im Hafen, die nicht genug mit sich selbst zu tun hatten.

Aber galt die Aufmerksamkeit des Mannes wirklich nur dem einfahrenden Schiff? Ralec hätte in diesem Moment beschwören können, dass sich sein Blick für einen längeres Moment mit dem des Fremden getroffen hatte. Nicht lange genug, um ein Kräftemessen zu sein, aber zu lange, um lediglich als flüchtige Neugier durchzugehen.

Instinktiv schätzte er den Mann ein: Seine Erscheinung und Bewaffnung ließen auf einen Söldner schließen, wie es ihrer in Saramee Tausende gab. Die Art, wie er sich verhielt, roch auf zehn Meilen gegen den Wind nach jemandem, der sein Geld damit verdiente, Augen und Ohren für ganz bestimmte Ereignisse und Personen offen zu halten. Beispielsweise für Personen wie Ralec, seines Zeichens Honorarkonsul und Gesandter des Westlichen Imperiums, im Begriff, eine Stadt zu besuchen, die dem Westlichen Imperium seit Jahr-zehnten ein Dorn im Auge war. Eine Stadt, die sich dessen vollkommen bewusst sein musste.

Ralec lächelte und ein dezenter Wink signalisierte dem im respektvollem Abstand wartenden Tarun, sich zu ihm zu bemühen.

Was das Augenscheinliche anging, war ihm Tarun als Adjutant zugeteilt. Andererseits versah der Offizier im Auftrag von Kolanra, der Tante und Beraterin des jugendlichen Thornerbens Lukoan, ebenfalls die Aufgabe eines Spitzels, der jeden Handgriff Ralecs zu beobachten und zu dokumentieren hatte. Tarun war weder dumm noch ungeschickt, auch wenn es ihm an Initiative und Kreativität mangelte, wie Ralec auf der Reise festgestellt hatte. Was lag also näher, als einen Spitzel auf den anderen anzusetzen? Mochte sich dieser Karrieremensch nützlich machen, bis es an der Zeit war, dass sich Ralec des Mannes auf unauffällige Weise entledigte.

"Was kann ich für dich tun, Konsul?"

"Schau nicht direkt hin, aber auf dem Kai steuerbords sitzt jemand, den ich im Verdacht habe, ein wenig zu neugierig zu sein, was unsere Ankunft im Allgemeinen und meine Person im Speziellen angeht. Was hältst du davon?"

Tarun zeigte auf einen der Seevögel, die über ihnen kreisten, als wollte er etwas erklären und folgte dessen Flugbewegung mit dem Blick so, dass die von Ralec benannte Stelle des Kais kurz begutachten konnte.

Gar nicht so dumm, dachte Ralec. Er machte sich eine geistige Notiz, seinen Schatten nicht zu unterschätzen.

 

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Titel: Die Ankunft

Autor: Martin Hoyer & Markus K. Korb

Reihe: Saramee Bd.7

Illustration: Chrissi Schlicht

A5 Paperback – 72 Seiten

ISBN: 3936742693

Verlag: Atlantis Verlag

Februar 2006

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.


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Erstellt: 12.11.2005, zuletzt aktualisiert: 17.02.2015 15:18