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Die Arche von Alastair Reynolds

Reihe: Inhibitor Bd. 2

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Die Wölfe erwachen. Aus der Kälte des interstellaren Raumes dringen sie in ein von Menschen kolonisiertes System ein um eine weitere intelligente Spezies, die sich im Weltall ausbreitet, zu vernichten. Es ist kein Zufall, dass in eben jenem System das Lichtschiff Sehnsucht nach Unendlichkeit wartet. Die Reste der Besatzung, Ana Khouri, die jetzt als Inquisitorin auf Resurgam arbeitet, und die von der Regierung gesuchte Triumvir Ilia Volyova, müssen sich überlegen, ob sie den Planeten zu evakuieren versuchen oder ob sie mit den mysteriösen Superwaffen, die sie an Bord haben, gegen die Wölfe vorgehen wollen. Doch die Wölfe sind nicht das einzige Problem der Beiden: Die Eigentümer der Waffen, die Synthetiker, wollen ihr Eigentum zurück. Skade, die Agentin des Nachtkonzils, setzt alles daran, Clavain, den Schlächter von Tharsis, für dieses Projekt zu gewinnen. Die junge Pilotin Antoinette Bax, die gerade einen letzten Flug für ihren verstorbenen Vater unternimmt, und das blutrünstige Hyperschwein Scorpio schlittern zusätzlich in diesen epischen Konflikt um den Fortbestand der Menschheit hinein.

 

Das Geschehen findet in der fernen Zukunft statt: Das Vorspiel beginnt im späten 26. Jh., die eigentlichen Plot-Handlungen 2613; es zieht sich dann einige Jahrzehnte hin. Die nationale Idee findet keinen Anklang mehr – die Menschen teilen sich stattdessen in philosophische Gruppierungen. Die Ultras sind konservative Händler. Mit ihren Lichtschiffen treiben die zumeist schwer vercyberten Raumfahrer mehr und selten minder skrupellosen interstellaren Handel zwischen den Kolonien. Die Synthetiker sind technologisch am fortschrittlichsten: Die besten Triebwerke, die auf annähernd Lichtgeschwindigkeit beschleunigen können, stammen von ihnen. Mittels Neuroimplantaten tauschen die Spinnen, wie die Synthetiker genannt werden, ihre Gedanken aus. Ihre Feinde heben die Zwangsrekrutierung in diese Synthese hervor – sie sei schlimmer als der Tod. Momentan befinden sich die Spinnen mit den Zombies – so werden die Demarchisten genannt – im Krieg. Lange Zeit waren die beiden Verbündete, doch die Ereignisse im Epsilon Eridani System, vor allem in der Stadt Chasm City auf Yellowstone, führten zur Entfremdung. Doch der Krieg ist schon entschieden – es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Demarchisten die Waffen strecken müssen.

Die technologischen Unterschiede sind enorm: Auf Resurgam, einer kleinen ehemaligen Wissenschaftskolonie von Yellowstone, fahren LKWs im Dauerregen des Terraformings. Trawlings – Gehirnscanns – sind vielleicht noch möglich, aber interplanetare Raumfahrt ist nur noch eine blasse Erinnerung. Die Demarchisten beginnen wieder Nanotechnologie zu nutzen, können aber nur Fusionstriebwerke für den Verkehr innerhalb eines Systems herstellen – einzig die Synthetiker haben die Fähigkeit Lichtschiffe zu bauen. Im Mutternest, der in einem Meteor verborgenem Hauptkolonie der Spinnen, ist die Trawl-Technik so weit gediehen, dass man Verstorbene quasi wiedererwecken kann.

Hier treten nun die mysteriösen Wölfe auf. Die heißen eigentlich Unterdrücker und sind hoch entwickelte Maschinen-Intelligenzen, deren Aufgabe es ist, die Entwicklung raumfahrender Intelligenzen zu unterbinden. Sie waren bisher recht erfolgreich – auf Resurgam finden sich die Überreste einer solchen Zivilisation.

Im Gegensatz zu den vorigen Romanen – Unendlichkeit und Chasm City – spielt die interstellare Raumfahrt eine wesentlich größere Rolle. Zwar ist die Lichtgeschwindigkeit immer noch die Obergrenze, doch die Synthetiker haben eine Anlage zur Unterdrückung der Trägheit entwickelt – damit lässt sich bis auf 10g beschleunigen, was die Reisedauer klar verkürzt. Der Darstellung des Settings – der Beschreibung der Schauplätze und vor allem der Erläuterung der Funktionsweise der Technologien – räumt Reynolds verhältnismäßig viel Platz ein. Leider sind die Figuren zu wenig entwickelt um zu entscheiden, ob es sich um ein Ambiente oder ein Milieu handelt.

 

Die Zahl der relevanten Figuren ist sehr groß – es gibt allein 15 Point-of-View-Figuren (auch wenn einige, wie der namenlose Regierungssprecher, nur eine sehr kleine Rolle spielen). Die Figuren sind recht flach und gewisse Typen werden öfters verwendet. Der "Reuige Sünder" tritt in vier verschiedenen Gestalten auf. Die wichtigsten Figuren sind folgende: Der Synthetiker Clavain ist ein hervorragender Soldat, doch es mangelt ihn an Loyalität – er hatte schon einmal die Seiten gewechselt, als es ihm vorteilhaft für das Gemeinwohl erschien. Er hatte vor langer Zeit sein Leben riskiert um die 'autistische' Felka (Asperger-Syndrom und klischeehaft hochbegabt), die seine Tochter sein könnte, zu retten. Sie wird von Skade gebraucht um Clavain zu manipulieren. Skade ist eine brillante junge Frau, die völlig skrupellos die Befehle des Nachtkonzils, eines geheimen Zirkels innerhalb der Synthetiker, zum Wohle des Mutternests umsetzt. Antoinette Bax ist eine junge Pilotin, die von ihrem Vater die Sturmvogel, ein Raumschiff mit seltsamer Unterpersönlichkeit, geerbt hat. Sie gerät zufällig an Clavain und wird so in das Geschehen hineingezogen. Scorpio ist ein Hyperschwein – Hyperschweine wurden vor Jahrzehnten künstlich aus menschlichen und schweinischen Genmaterial erzeugt um Ersatzorgane für Menschen züchten zu können. Das Experiment schlug fehl und die Hyperschweine machten sich selbstständig. Nun plagen Banden von halbmenschlichen Schweinen die Unterwelt der Siedlungen von Epsilon Eridani. Während Antoinette und Scorpio zunächst nur an ihrer eigenen Haut interessiert sind, geht es Clavain und Skade um die verlorenen Superwaffen, die sie selbstlos verwenden wollen. Die Waffen sind im Besitz zweier Bekannter aus Unendlichkeit: die gesuchte Ultra Ilia Volyova und Ana Khouri, die als Vuilleumier die Inquisitionsbehörde unterwandert hat. Die Beiden planen den Planeten zu evakuieren. Dazu benötigen sie die Hilfe des Unruhestifters Thorn. Während Ana sich massiv um sein Vertrauen bemüht, bleibt Ilia skeptisch – oder eifersüchtig? Daneben treten noch etliche weitere Figuren auf; auch Mirabel Tanner und Zebra aus Chasm City spielen eine gewisse Rolle. Viel Tiefgang weisen die Figuren nicht auf; zudem entwickeln sie sich kaum, wenn, dann sprunghaft und nicht immer psychologisch plausibel.

 

Dem Plot nach ist es klar eine Space Opera – Außerirdische drohen die Menschheit auszurotten – die Verteidiger streiten um den richtigen Einsatz der Superwaffen: Triumvir Volyova will sie einsetzen um die Evakuierung zu unterstützen; Stratege Clavain will sie mit den militärisch größtem Nutzen einsetzen und Synthetikerin Skade will sie nur zum Schutz der Mutternestes verwenden. Clavain und Skade geraten sehr schnell aneinander; bis dieser Konflikt die Lichtjahre entfernte Ilia erreicht, vergeht einige Zeit.

Die Spannungsquellen sind nun weniger actionreiche Kampfszenen – davon gibt es nur wenige – als vielmehr die ständige Bedrohung im Hintergrund kombiniert mit dem Wettlauf zu den Waffen. Auch die SF-Wunder – und deren Erklärung – gehören zu den Spannungsquellen. Reynolds bemüht sich auch um Transversalspannung: Wie ist mit den Waffen moralisch richtig zu verfahren? Wiegt Moral mehr als strategische Vorteile? Doch weder wird diese Thematik ausgelotet noch können die Figuren sie tragen.

Tatsächlich ist mir die politisch-moralische Haltung, wie sie hier durchzuschimmern scheint, sogar etwas unheimlich: Freiheit muss hinter der Sicherheit zurückstehen und, da die Leute dumm sind, ist Demokratie ein Luxus, den man sich in Krisenzeiten nicht leisten kann – da braucht es starke Führer, die sich im Notfall schon mal über moralische Gebote hinwegsetzen müssen.

Der Plotfluss ist ausgesprochen langsam, da es einerseits etwa ein halbes Duzend Plotstränge gibt, die sich nur langsam mit einander verweben, und liegt zum anderen an den detaillierten Beschreibungen der Szenen. Sind die immer wieder eingeschobenen technischen Erläuterungen und das ausführliche Aufgreifen der Geschehnisse der vorigen Bände dies bezüglich nur nicht hilfreich, so sind die Dopplungen einiger Szenen und die Zusammenfassungen der zuvor geschilderten Szenen desselben Bandes sogar als handwerkliche Fehler zu werten, die das Buch nur unnötig aufblähen.

Es gibt ein paar Kontinuitätsschwächen: Ana Khouri wurde in Unendlichkeit eine künstliche Loyalität verpasst – warum entführen die beiden Verschwörerinnen nicht einfach Thorn und verpassen ihn dieselbe Behandlung?

 

Erzähltechnisch bietet der Roman einige Eigentümlichkeiten. Der Handlungsaufbau ist über weite Strecken dramatisch, doch dann mit eigenartigen Handlungssprüngen versehen; er verläuft progressiv mit wenigen regressiven Einsprengseln. Die Vielzahl der Stränge sorgt für eine hohe Komplexität, verlangsamt den Plotfluss aber auch enorm. Der Umgang mit der Zeitdilatation ist wiederum gelungen, wenn auch nicht neu: Schon in Unendlichkeit nutzte Reynolds dieses Verfahren. Was in Ana Khouris Strang zu Beginn des Bandes geschieht liegt noch Jahrzehnte zu den Ereignissen zu Beginn von Clavains Strang in der Zukunft, obwohl die beiden Stränge am Ende zusammenlaufen und für Ana wie für Clavain gleichviel persönliche Zeit vergeht. Die Erzählperspektive ist weitgehend personal, wenngleich es aufgrund der 15 Point-of-View-Figuren auktorial wirkt.

Der Stil ist leicht empathisch. Die Sätze sind kurz, wenn Handlungen oder Beobachtungen gemacht werden, aber neigen zur Länge, wenn es um Erläuterungen geht. Die Wortwahl neigt zum Technischen. James N. Frey schreibt in seinem arrogant betitelten Werk Wie man einen verdammt guten Roman schreibt über Dialoge, dass sie nicht nur vom Konflikt geprägt sein sollen, sondern auch so geistreich und farbig wie möglich gestaltet werden sollten. Ich halte dieses für ein überzogenes Ziel, besonders wenn dafür die Plausibilität der Figuren oder Szene geopfert wird, doch Reynolds hätte gut daran getan, seine Dialoge zu überarbeiten: Sie sind oftmals hölzern und konfliktarm; ein bisschen mehr Esprit hätte auch nicht geschadet.

 

Fazit:

Die Wölfe bedrohen die Menschheit und Clavain, Skade und Volyova wollen den Kampf auf unterschiedliche Weise führen – es beginnt ein tödlicher Konflikt um die Superwaffen. Eine Empfehlung fällt schwer: Die Arche hat ein paar ausgesprochene Schwächen, die aber nicht unbedingt ins Gewicht fallen, jedoch keine herausragenden Stärken; es ist eine mittelmäßige Fortsetzung. Klar ist jedenfalls, dass wer rasante Hochspannung oder tiefe Charaktere sucht, sucht hier vergebens. Wer Unendlichkeit gern gelesen hat und sich an der sehr komplexen und damit langsamen Geschichte nicht stört, der mag es mit dieser Space Opera versuchen.

 

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Die Arche

Reihe: Inhibitor Bd. 2

Autor: Alastair Reynolds

Heyne, April 2004

Taschenbuch, 894 Seiten

ISBN-10: 3453875516

ISBN-13: 978-3453875517

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 02.08.2007, zuletzt aktualisiert: 21.08.2019 20:32