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Die Dunklen von Ralf Isau

Rezension von Christine Schlicht

 

Franz Liszt wurde schon von einigen seiner Zeitgenossen als wahnsinnig betrachtet. Oder sollte das Chaos bei der Vorstellung eines neuen Stückes von ihm in einer Kirche einen anderen Grund haben? Liszt versucht im Kampf der Töne gegen den Russen Nekrasow Zeit zu gewinnen, um etwas sehr Wichtiges verschwinden zu lassen.

 

Unsere Zeit.

Beim Wiederaufbau der Anna-Amalia-Bibliothek wurde eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Hinter einer Darstellung der Weltkarte lagen einige Original-Notenblätter von Franz Liszt, eine bislang unbekannte Fantasie. In Weimar wird das Stück uraufgeführt und unter den illustren Gästen befindet sich auch Sarah D’Albis, eine berühmte Pianistin. Sie ist eine Nachfahre von Liszt und besitzt wie dieser eine besondere Begabung, die Synästhesie. Das bedeutet, das sie Farben hören kann und jede Melodie sich für sie auch in Bildern wieder spiegelt.

 

Als sie der Uraufführung lauscht, bemerkt sie die geheime Botschaft, die ihr Ahn in das Musikstück eingewoben hatte. In Versen werden verschiedene Hinweise und Warnungen an sie weiter gegeben und Sarah ist fasziniert und erschüttert zugleich. Sie wird aufmerksam beobachtet und plötzlich erscheint auch ein Schatten aus ihrer nicht allzu fernen Vergangenheit wieder: Ein russischer Musikprofessor lässt ihr eine Warnung vor großer Gefahr zukommen, doch sie betrachtet diesen Mann, den sie für einen Stalker hält, selbst für die größte Gefahr.

 

Als sie mit einem Satz Kopien der Notenblätter Liszts, den man ihr zum Geschenk gemacht hatte, zu ihrem Hotel zurückkehren will, wird sie von einem Mitglied des Ensembles, einem Russen, fast entführt. Aber sie bekommt Hilfe von überraschender Seite: Der Musikprofessor rettet sie. Ganz theatralisch, mit einem Schwert. Obwohl sie sich vor ihm fürchtet, lässt sie sich auf ein Gespräch mit ihm ein und erfährt von ihm abstruse Dinge über einen Orden von Farbenlauschern. Diese wissen um die Klänge der Macht, die der Harfenspieler Jubal einst komponierte. Der Orden spaltete sich einst in Weiß und Schwarz, wobei die Dunklen die Weltherrschaft anstrebten. Doch etwas fehlt ihnen, die sogenannte Purpurpartitur. Mit ihr könnten sie die Welt ins Chaos stürzen, doch diese wurde wohlweislich gut versteckt.

 

Sarah glaubt ihm zunächst kein Wort, doch dann wird in ihrem gut gesicherten, nobeln Hotel ein Mordanschlag auf sie verübt. Der Nachtportier wurde mit zarten Flötenklängen hypnotisiert und niemand kann es verhindern, dass wild auf sie geschossen wird. Die Polizei ist ziemlich ratlos, stellt Sarah jedoch Leibwächter zur Verfügung. Der Einbrecher hat allerdings noch etwas mitgehen lassen: Die kopierten Notenblätter. Und nicht nur die – auch die Originale wurden gestohlen und alle anderen Kopien.

 

So hat niemand mehr die geheime Botschaft – außer Sarah. Sie hatte die Noten zuvor noch einmal genau gelesen und analysiert. Ihre Fähigkeit in der Synästhesie beschränken sich nicht nur auf das erkennen der Klangfarben, sie kann sich auch umgekehrt, über die Bilder die sie sah, auch jede Melodie, jede Note merken. Sie beginnt, die Fantasie zu rekonstruieren und trifft sich freiwillig mit Oleg Janin, dem Musikprofessor. Doch das Gespräch bringt nicht die erhofften Erkenntnisse, im Gegenteil, sie misstraut dem Mann noch mehr als jemals zuvor. Immerhin gibt er zu, der Sohn eines Dunklen zu sein.

 

Auf Spurensuche durch Weimar entdeckt sie eine Windrose, die schon Franz Liszt gekannt haben musste und Sarah beginnt zu begreifen, dass Liszt mit seinem, in das Musikstück eingewobenen Text, eine Art Schatzkarte zur Purpurpartitur geschaffen hat. Doch noch etwas wird klar: Überall, wohin sie auch kommt, die Dunklen sind schon da. Der Russe, der den scheinbaren Mordanschlag verübt hat, ist plötzlich wieder in ihrer Nähe.

 

Sarah, die sich unter Polizeischutz wie im Gefängnis vorkommt, beginnt weitere Nachforschungen und kommt hinter die Bedeutungen diverser Abschnitte der Textzeilen. Im Sinne, das Angriff die beste Verteidigung ist, begibt sie sich auf die gefährliche Suche nach der Purpurpartitur.

 

 

Oh, welch inflationärer Gebrauch von beschreibenden Adjektiven. Aber hier muss es einfach sein, ohne das kann man die Faszination und die Musik als geschriebenen Text nicht rüberbringen. Ralf Isau gelingt es, dass man beim Lesen die Musik zu hören glaubt, selbst wenn man nie ein Stück von Liszt in die Ohren bekommen hat oder völlig unmusikalisch ist. Man versteht die Faszination, die von Musik ausgeht, und kann begreifen, dass Musik tatsächlich Macht über uns besitzt. Dadurch bekommt man auch eine Gänsehaut bei dem Gedanken an den nächsten Supermarktbesuch. Beser, man nimmt sich Ohrenstöpsel mit, damit man nicht von den Dunklen beeinflusst wird.

 

Einmal mehr eine Weltverschwörung, einmal mehr strebt eine dunkle Bruderschaft die Apokalypse an, um auf den Ruinen eine neue Weltordnung aufzubauen. Hatten wir alles schon... aber selten so glaubwürdig! Hier wurde recherchiert was das Zeug hielt und das Vermächtnis Liszts hergab. Natürlich entstehen dabei Lücken, die wunderbare Interpretationsspielräume lassen – und von Isau perfekt gefüllt wurden zu einem flüssig zu lesenden, von der ersten bis zur letzten Seite fesselnden, spannungsgeladenen Mystery-Thriller der Extraklasse. Das wird nicht zuletzt durch die glaubwürdigen, mit viel Liebe zum Detail aufgebauten Charaktere untermauert.

 

Auch für Leute, die nie ein Instrument zu spielen gelernt haben und denen Klassik normalerweise ein Gräuel ist, ist „Die Dunklen“ ein Lesegenuss. Damit kann man sich wunderbar kalte Winterabende erwärmen – zumindest gibt es warme Hände durch das hohe Lesetempo.

 

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Die Dunklen

Autor: Ralf Isau

Gebundene Ausgabe: 592 Seiten

Verlag: Piper; Auflage: 2 (September 2007)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3492701396

ISBN-13: 978-3492701396

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 25.11.2007, zuletzt aktualisiert: 18.07.2019 19:45