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Die Erscheinung im Weißen Hotel von Herbert Rosendorfer

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Die Erscheinung im Weißen Hotel ist ein ungewöhnliches Buch: Fabius von Gugel schuf eine große Anzahl von Innenillustrationen für andere Werke. Von diesen zum Teil hoch beeindruckenden Bildern wählte Herbert Rosendorfer sechsundzwanzig Tintenzeichnungen aus. Diese Zeichnungen haben surreale Motive, die mal ins Unheimliche, mal ins Komische spielen. Ein Bild zeigt etwa eine nächtliche Gewitterszene. Im Vordergrund kniet ein Wesen, das eine Mischung aus Mensch und Kaktus (und vielleicht Inspirationsquelle für China Miévilles Kaktusmenschen) ist, welches sich gerade anschickt, eine zappelige Eidechse zu verspeisen. Im Hintergrund greift ein traurig dreinblickendes Mischwesen aus Mensch und Baum (einer von J. R. R. Tolkiens Huorns?) nach einem davon krabbelnden, nackten Kleinkind.

 

Von diesen Zeichnungen hat Rosendorfer sich nun zu neunzehn Episoden inspirieren lassen. Eine meiner Lieblingsepisoden ist etwa Der umgekehrte Pygmalion. Darin will sich ein schwerreicher Nachfahre des Halbgottes Helios vom Bildhauer Hans-Heinrich Guthans eine Venusstatue aus Marmor anfertigen lassen. Bei den Proben hatte der Bildhauer allerdings etwas betrogen – seine Modelle waren nicht aus Marmor, sondern aus einer knetbaren Gipsmasse. Es kommt, wie es kommen muss, der überforderte Guthans kann keine Marmorvenus anfertigen, kann also nicht liefern und der Herr Helios VI wird langsam ungeduldig. Not macht erfinderisch: Guthans bemalt seine Freundin Evi weiß und behauptet keck, das sei die Marmorvenus. Nachts soll sie einen Diebstahl vortäuschen und sich davonschleichen. Doch Helios VI ist regelrecht verliebt in die Statue. Als diese dann spät in der Nacht vor Erschöpfung vom Sockel steigt, macht der Kunstfreund ihr einen Heiratsantrag. Evi nimmt an. Der doppelte Verlust – Evi und das Honorar – treibt Guthans in den Wahn: Er fertigt sich eine Evi aus Kunsthonig an, die schließlich auseinanderklafft und einen Jungen gebiert. Dieser schwebt in den Himmel und wird von Helios Guthans, dem umgekehrten Pygmalion, mit seinem Sonnenwagen abgeholt.

 

Rosendorfer zieht hier einige Register des Humors. Wichtigste Quelle ist natürlich das Groteske, das noch verstärkt wird durch die Kombination mit dem Banalen. Dazu greift der Autor mit spitzer Feder allerlei Gegenstände des Humanismus satirisch auf; besonderen Spaß hat er aber mit den seltsamen Gebräuchen des katholischen Ritus. So ist eine Figur, die viele Episoden miteinander verknüpft, etwa der Erzabt Hildigrim (mit bürgerlichen Namen Heinz), der aussieht wie eine alte Frau, die aussieht wie ein alter Mann. Ein Zitat, wie der Text prahlt. Hildigrim ist ein Asket der alten Schule – er isst nur Verdorbenes. Sieht man vom wilden Honig und gerösteten Heuschrecken ab, von denen er aber auch lässt, als ein Nobelrestaurant diese als Delikatessen führt. Hildigrim beschließt seine Askese zu steigern, indem er dem Hesychasmus folgt und das Atmen einschränkt. Seit seiner Jugend führt er ein Sündenbuch, das freilich leer geblieben ist. Dennoch ist er kein Heiliger, sondern nur ein höchst eitler Mann, der gerne ein Heiliger wäre – den Unterschied erkennen seine Mitmenschen allerdings nie. Man sieht: Groteskes, Satire, Albernheiten – feine wie grobe – Rosendorfer ist sich für nichts zu schade.

 

Das Konzept ist nun keineswegs neu. Der Kenner phantastischer Literatur wird vielleicht schon mit Walter Moers Wilde Reise durch die Nacht darauf gestoßen sein. (Rosendorfers Buch ist allerdings ein Jahr älter; ich bespreche hier eine Neuauflage.) Moers ließ sich von den phantastischen Bildern Gustave Dorés zu seiner Geschichte inspirieren; er schickt ihn selbst als Jungen auf eine wunderbare Traumreise. Bei aller grundsätzlichen Ähnlichkeit gibt es aber auch wesentliche Unterschiede. Durch das Setting und die fortlaufende Erzählung plausibilisiert und nivelliert Moers das Phantastische. Sein Stil trägt ebenfalls dazu bei. Rosendorfer hebt durch das wiederholte Gegenüberstellen von Groteskem und Banalem das Phantastische heraus, was durch seinen Stil sogar noch weiter erhöht wird.

 

Doch es ist auch ein Wort der Vorsicht angebracht: Wie bei allen Kurzgeschichtensammlungen sollte man die hier versammelten Erzählungen nur in kleinen Dosen konsumieren – ansonsten bekommt man schnell eine Überdosis und der Spaß stirbt ab.

 

Fazit:

Herbert Rosendorfer spinnt zu den surrealen Bildern von Fabius von Gugel neunzehn Episoden, in denen er zahlreiche Register des Humors zieht, um Inhalte des Humanismus und besonders katholische Riten auf's Korn zu nehmen – Vorsicht, nur in geringen Dosen nehmen!

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Die Erscheinung im Weißen Hotel

Unheimliche Geschichten zu unheimlichen Bildern

Autor: Herbert Rosendorfer

Illustrationen: Fabius von Gugel

dtv, Mai 2010

Taschenbuch, 103 Seiten

Titelbild: Fabius von Gugel

 

ISBN-10: 3423138904

ISBN-13: 978-3423138901

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 27.07.2010, zuletzt aktualisiert: 07.05.2019 18:36