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Die Erzählung vom Klabautermann

Autor: Christine Guthann

 

Es muss wohl vor vielen Jahren auf der Heimreise von Albaranta gewesen sein, da kehrte ich, mitten in einer düsteren, graupeligen Nacht, in ein wüstes Wirtshaus ein, das am Rande eines verwitterten Gestrüppwäldchens lag. Es war eine dunkle, alte Baracke, deren Fenster bei jedem Windzug in den Rahmen klapperten und vor der Türe lag der hässlichste, dreibeinige Hund mit einer Augenklappe, den ich je gesehen habe. Er trug die Augenklappe rechts, ich bin mir ganz sicher, aber nach all der Zeit könnte es unter Umständen natürlich auch links gewesen sein. Jedenfalls sprang er auf, als ich auf die Schwelle trat und verbiss sich in meinen kniehohen Lederstiefel, der auch ohne diesen Zwischenfall mehr als ein Loch im Bereich der Zehen aufzuweisen hatte. Grund dafür war eine sechsmonatige Seefahrt auf der Kamtschatka gewesen, die ich aus gesundheitlichen Gründen hatte abbrechen müssen.

Sei es wie es sei, was der dreibeinige Hund, verbissen in meinen Stiefel, vorab versprochen hatte, fand ich also im Inneren der Spelunke bestätigt. Es war ein fürchterliches Piratenloch. Blauer Dunst zog unter der wurmstichigen Decke entlang, der aus unzähligen Pfeifen stammte, die in unzähligen Mündern steckten, die zu unzähligen Piraten gehörten.

Habe ich erwähnte, dass es Nacht war, da ich die Spelunke betrat? Nun, es war Nacht und zwar eine dieser Nächte, in denen man Dinge zu sehen bekommt, die es unter Tags einfach nicht gibt.

Ich betrat also die Gasstätte, ihr Name war, so weit ich das nach all den unzähligen Jahren, die einstweilen vergangen sind, noch sagen kann, „Zum sausenden Piratenloch“ und fühlte eine Unzahl mit Augenklappen versehener Augen auf mir ruhen, die zu ergründen versuchten aus welcher Ecke der sieben Weltmeere ich wohl stammen mochte.

Aber da ich nach sechsmonatiger Fahrt auf der Kamtschatka aussah wie ein alter Seebär wurde ich schon nach wenigen Sekunden der eingehenden Betrachtung für spelunkentauglich befunden und auch der dreibeinige Hund ließ ab und verzog sich wieder nach draußen vor die Türe.

Hinter der Theke, an die ich nun trat, wartete ein uralter Greis von vielleicht 150 Zentimetern Größe und blickte mich mit einem verschwollenen und einem gläsernen Auge an. Es ist mir bis heute ein Rätsel wie er überhaupt etwas erkennen konnte. Aber er wusste nicht nur, dass ich seit drei Tagen keine Rasierklinge mehr benutzt hatte, sondern wollte sogar wissen welcher Barbier mir meinen rechten oberen Goldzahn eingesetzt hatte. Das fand ich doch recht eigenwillig. Aber ich sagte nichts. Ich bestellte einen Eintopf und suchte mir einen Holztisch in einer alten Nische, in der das Licht des Kaminfeuers freudig flackerte. Dort war es schön warm und ich war hundemüde. Draußen war es feucht und kalt gewesen. Ich zog meinen alten, schweren Lederhut vom Kopf und legte ihn auf den Tisch neben eine Flasche, in der eine Kerze steckte, die das Glas mit dem ganzen heruntergeronnenen Wachs überzogen hatte. Da ich so in die Betrachtung des Wachses versunken war und beobachtete wie es tropfte, bemerkte ich zunächst nicht, wie sich einer der Piraten herangeschoben hatte und an meinen Tisch getreten war. Erst als er mich ansprach blickte ich zu ihm auf und konnte ein paar wirklich gelbe Zähne unter einem geradezu gigantischen Schnurrbart aufblitzen sehen.

„Gutseefahrt, Kamerad!“, grüßte er so wie es in dieser Ecke des Flundermeeres üblich war.

„Gutseefahrt!“, sagte auch ich schließlich wollte man nicht unhöflich sein und auch der von Wind und Wetter zerfledderte Kakadu, der auf seiner Schulter saß, hätte eine Unfreundlichkeit nicht gerechtfertigt.

„Kommst du von weit her?“, wollte der seltsame Geselle wissen und setzte sich zu allem Überfluss an meinen Tisch. Der Kakadu auf seiner Schulter spreizte die Flügel und stellte die Kopffedern auf.

„Oh, ja“, sagte ich, „von sehr weit her, übers Flundermeer.“

„Ach so weit, ja?“, sagte der Pirat, „Ich war auch lange fort. Fast ein Jahr, habe überall fette Beute gemacht. Siehst du diesen Goldzahn hier?“, er grinste, dass sich die Balken bogen und deutete auf einen schiefen Eckzahn, „Aber das ist nicht alles“, er streckte die Hände aus und wackelte damit vor meinem Gesicht herum. Die Finger steckten voller Ringer, die Edelsteine so groß wie Schweineaugen hatten.

„Beeindruckend“, sagte ich und wirkte beeindruckt. Denn man hat ja immer die Hoffnung der andere möge einen in Ruhe lassen, wenn man nur möglichst beeindruckt ist.

Leider war der Pirat mit dem Goldzahn, den Ringen an den Fingern und dem Loch im Kopf, das von seinem breiten Krempenhut verdeckt war, nicht so leicht zufrieden zu stellen. Apropos Loch im Kopf! Es fiel mir auf, nachdem ich meine Beeindruckung geäußert hatte und ich starrte es ein, zwei Sekunden lang verdattert an. Aber was hätte ich schon groß sagen können? Etwa: Hör mal Kamerad, du hast da ein Loch im Kopf? Oder: Entschuldigung, mein Lieber, woher hast du eigentlich dieses Loch im Kopf her?

Über gewisse Dinge, wie löchrige oder nicht zusammenpassende Socken, Popel an den Nasen oder grotesk zu Berge stehendes Haar, spricht man einfach nicht, wenn man den Besitzer nicht gut genug kennt. Man ignoriert es und tut einfach so als seien diese Dinge einfach nicht vorhanden. Ich meinte also zu wissen, dass auch Löcher in Köpfen zu dieser Art Dinge zu rechnen seien und sagte nichts.

Der andere aber redete. Er redete von Schatztruhen, von Meeresstrudeln, in denen er ganze Schiffe hatte verschwinden sehen, von Schiffen, die statt Kornladungen Diamanten in ihren Bäuchen hatten, die aber in ähnlichen Haufen und Menge wie Korn anzutreffen gewesen waren. Er erzählte von weißen Walen, von schwarzen Haifischen, von Riesenkraken und ich dachte schien der alte Pirat würde jetzt von Riesen, Feen und Einhörnern zu reden beginnen, als er plötzlich nachdenklich still wurde und auf seine beringten Hände blickte.

„Einmal“, sagte er und ich tat so als würde ich interessiert aufhorchen, „Einmal wiederfuhr mir etwas wirklich sehr Seltsames und Denkwürdiges auf dem Flundermeer.“

Er machte ein Gesicht, als müsste er mir ein schreckliches Verbrechen beichten und ich musste wohl ein Gesicht machen, als wollte ich das Geheimnis um Gottes Willen nicht wissen. Aber der Mann war einfach nicht zu stoppen. Mit einer unglaublichen Ungnädigkeit fuhr er mit seiner Schauermär fort, ohne dass ich mich hätte wehren können. Selbst der Kakadu hypnotisierte mich mit seinen gelben Augen. Also dachte ich mir nur meinen Teil und sagte nichts.

„ Es war Winter“, erklärte der Pirat mit rauer Stimme und fixierte mich mit seinen roten Augen, in denen ich kleine rote Äderchen erkennen konnte, „Die See war eisigkalt, die Wellen fast zwei Meter hoch und rollten unablässig gegen unser Schiff. Es war die ‚Seenixe’, auf der ich damals angeheuert hatte um meinen Cousin dritten Grades zu besuchen. Die ‚Seenixe’ war ein verdammt kleines Schiff, sie taugte nicht besonders. Die Winterstürme auf dem Flundermeer warfen sie von einer Seite auf die andere, von oben nach unten, von hüben nach drüben. Es war schrecklich und ich werde diesen Winter auf der ‚Seenixe’ niemals vergessen und wenn ich hundert Haare alt werde.“

Ich nickte, Ja, ja, die Winterstürme kannte ich gut. Die waren an Bord jedes Schiffes verheerend. Aber den Namen des Schiffe hatte ich doch schon einmal gehört. Ich konnte mich nur nicht mehr erinnern in welchem Zusammenhang. Also zuckte ich bloß die Achseln und sagte nichts.

„Manchmal“, fuhr der verwegene Erzähler, der mir gegenübersaß fort, „ War es so schlimm, dass ich und mein Kamerad kein Auge zutun konnten. Es war eine fürchterliche Zeit. Wir rechneten jeden Moment damit, dass der Wintersturm die ‚Seenixe’ einfach schnappen würde“, er tat so als würde er etwas in der Luft ergreifen, „sie herum werfen würde“, er drehte das Handgelenk, „und sie mit uns an Bord bis zu den echten Seenixen hinunterstoßen würde“, er ließ die Hand sinken und fixierte mich mit seinen hervorstehenden Blutaugen. Ich saß da, mit dem Suppenlöffel in der Hand und blickte ihn an. Mein Eintopf wurde kalt und kälter, ich sagte aber nichts.

„Eine Woche, nachdem wir aus dem Hafen von Trinnini ausgelaufen waren“, fuhr er fort,

„ war der Moment gekommen, welchen wir all die Tage herbeigefürchtet hatten. Der Himmel war schwarz vor Wolken, pechschwarz sage ich dir. Die Möwen, die uns vom Festland gefolgt waren, sah man fast blendendweiß unter ihm. Der Sturm hatte das Ersatzsegel in Fetzen gerissen und der Mast des Mittelsegels knackte bei jeder Böe, als wolle es uns jeden Moment auf unsere Köpfe herabfahren. Ich befand mich gerade an Deck, da mein Kamerad mich heraufgerufen hatte, da sah ich wie sich eine Wasserwand am Horizont heraufschob. Unter dem Himmel wirkte sie fast jadegrün und sie reichte von einem Ende des Horizonts bis zum anderen“, er ließ die Augen von rechts nach links wandern und ich ließ den Löffel kraftlos sinken, sagte aber nichts.

„Die Wasserwand“, seine Stimme war jetzt ganz belegt und kratzig geworden, „ kam direkt auf die ‚Seenixe’ zugerollt. Es war ein gigantischer, atemberaubender Anblick von kolossalen Ausmaßen. Ich trat an die Reling und konnte nur mit starrem Auge auf sie blicken, unfähig einen Gedanken zu fassen nicht einmal den an Flucht. Es war schauderhaft. ‚Das ist das Ende’, sagte ich zu meinem Kamerad, ‚Das kann nur das Ende sein.’ Ich weiß noch, dass mich mein Kamerad anblickte, als sei ich ein Weltuntergangsprophet und hätte eine Erleuchtung.

Die Besatzung der ‚Seenixe’ geriet völlig in Panik. Das schlimmste Tohuwabohu brach an Deck aus, das man sich nur vorstellen kann. Drei Matrosen gingen freiwillig über Bord, einige Reisende wollten ihnen folgen, aber der Kapitän konnte sie im wahrsten Sinne des Wortes gerade noch am Kragen zurückhalten. ‚Kein Panik’, sagte er, ‚Keine Panik!’“, der Pirat machte ein Pause und strich mit dem Zeigefinger über die zerrupfte Brust des Kakadus.

Nun war es soweit, dass ich wirklich wissen wollte wie die Geschichte weiterging, denn ich muss sagen mittlerweile hatte mich die Geschichte so sehr in ihren Bann geschlagen, dass ich überhaupt nicht mehr registrierte, dass mein Gegenüber ein Loch im Kopf hatte.

„Folgendes geschah“, erklärte er weiter und lehnte sich zurück, „Die Wasserwand rollte auf die ‚Seenixe’ zu, sie rollte über die ‚Seenixe’ hinweg und raste ungebremst weiter Richtung Ostküste.“

„Ach nein,“, hauchte ich ergriffen, „wie schauderhaft schrecklich.“

„Oh ja, es war außerordentlich schrecklich, es war einfach unglaublich gigantisch sozusagen. Die Passagiere kreischten, die Planken krachten, die Taue rissen schnalzend entzwei und das weiße Wasser war überall um uns herum“, er wirbelte mit den Händen über die Tischplatte und warf dabei mein Wasserglas um.

„Das kommt dem Ganzen schon recht nahe“, sagte er und verwendete seinen ausgeleierten Hemdsärmel um das ganze Wasser wieder aufzutunken. Er tat dies mit einer akribischen Genauigkeit, während ich mich fragte wie um alles in der Welt er das Unglück auf der ‚Seenixe’ überlebt haben mochte.

Ich sagte aber nichts.

„Ich glaube“, fuhr der Pirat nach einer Weile fort, „dass außer mir und meinem Kamerad niemand das Unglück überlebt hat. Wir schwammen im eisigen Meer und blickten dem letzten Stück Mast hinterher, das alles war, was von der versunkenen ‚Seenixe’ noch übriggeblieben war und fragten uns ob wir in einer solchen verzwickten Lebenslage auf ein Wunder hoffen durften. Hast du, Kamerad, schon einmal ein Wunder auf dem Flundermeer gesehen?“

„Nein“, sagte ich und es war schon wahr, auf dem Flundermeer regnete es wirklich nicht gerade Wunder. Aber auch auf dem Festland war ich noch nie von Wundern gejagt worden, abgesehen von meinem Gegenüber hier am Tisch der Spelunke.

„’Unglaublich!’, sagte dann mein Kamerad. Wir trieben soeben unter dem schwarzen Himmel auf dem Rücken einer ausschwappenden Welle, die der Wasserwand folgte und mein Kamerad wurde so aufgeregt, dass er mich für einen Moment unter Wasser zog.

‚Nun sieh dir das an!’, brüllte er mir in mein Ohr, als ich wieder wasserspuckend auftauchte. Und ich sah es mir an, was immer sich inmitten eines solchen Unwetters mit uns auf dem Flundermeer herumtrieb.“

„Was...was war es ?“, fragte ich und löffelte langsam meinen Eintopf weiter.

„Es war ein schauderhafter Anblick. Ein riesiger Kahn war es, ohne Segel. Im Bug klaffte ein Loch, gezackt wie ein Haifischmaul. Die Maste waren abgebrochen und standen wie zerrupfte Zahnstocher in den Himmel. An Deck war keine Menschenseele zu sehen, bis zu jenem schrecklichen Augenblick, der gleich darauf eintrat.“

Was kann denn jetzt noch gekommen sein? Dachte ich mir. Selbst das Flundermeer musste doch einmal ein Ende in seiner Schreckensgalerie haben. Aber ich sagte nichts. Der Pirat hatte sich auf seinem Sessel zurückgelehnt und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich sage dir“, sagte er, „Es war der Klabautermann selbst höchstpersönlich.“

„Der Klabautermann?“, erkundigte ich mich und schlürfte mein Bierchen in einem Zug hinunter. Ab diesem Moment wünschte ich mir nur eines: So schnell als möglich die Spelunke zu verlasen und nach draußen in die Nacht zu entfliehen. Aber natürlich, wie sollte es auch anderes sein, sagte ich nichts.

„Ja, es war wirklich er. Er stellte sich uns vor, nachdem er uns an Bord geholfen hatte. Er sagte: ‚ Willkommen auf meinem Dreimaster, ich bin der Klabautermann!’

Mittlerweile war es wirklich Nacht geworden. Der Sturm hatte sich gelegt, die See war spiegelglatt, sogar die Sterne spiegelten sich in ihr. Die Luft war bitterkalt, aber wie gesagt, es war schließlich Winter über dem Flundermeer.

Sodann hielt der Klabautermann eine Ansprach“, verkündete der Pirat und mein Wunsch nach draußen zu entfliehen und einsam durch das Gestrüppwäldchen zu hasten wurde immer dringender. Fieberhaft durchdachte ich die verschiedensten Spielarten von Fluchttechniken, wobei einfaches Davonrennen wahrscheinlich das Raffinierteste war.

„Der Klabautermann hielt eine Ansprache?“, wiederholte ich mit glasigem Blick. Ich fühlte mich wie hypnotisiert, wie ein Kaninchen, das der Schlange zu lange ins Auge geblickt hatte.

„Willst du sie hören?“, befragte mich mein Gegenüber und ich sagte ganz automatisch: „Ja“

Es kam mir wie von selbst über die Lippen. Ich konnte gar nichts dagegen tun. Obwohl ich wirklich nicht wissen wollte, was der Klabautermann in dieser Nacht auf dem Flundermeer gesagt hatte.

„Der Klabautermann, eine Hüne von Statur, mit unter dem Mantel hervorhängendem Knochenskelett, sprach folgendes zu mir und meinem Kamerad:

‚Es gibt nun also zwei Möglichkeiten mir zu dienen. Ihr fahrt bis in alle Ewigkeit auf meinem Schiff mit. Bohnert und wienert das Deck und massiert mir hin und wieder die Füße, oder aber ihr werdet im Außendienst tätig und werbt neue Mitglieder an.“

„Der Klabautermann“, schluckte ich und winkte dem Wirt damit er mir noch ein Bierchen brachte, „behauptete ihr könntet im Außendienst tätig werden?“

„Oh ja. Aber wir glaubten im kein Wort. ‚Der lügt doch wie gedruckt, der alte Hund’, flüsterte mir mein Kamerad zu und ich war derselben Meinung.“

„Grund Gütiger!“, entfuhr es mir, „Was habt ihr dann getan?“

„Wir sagten ja, ja, zu alle dem, schließlich wollten wir ihn nicht aufregen. Wir sagten wir würden liebend gerne im Außendienst tätig werden. Schon von jeher wäre das Reisen unsere Leidenschaft gewesen. Wir versprachen ihm die besten Außendienstmitarbeiter zu werden, die er je auf Erden gesehen hatte. Das stimmte ihn ausgesprochen milde. Er war entzückt von meiner Schilderung über meine Arbeitszeit als Außendienstmitarbeiter bei der Flunderproduktionsfirma. Schließlich hatte er genug gehört. Er wandte sich ab und wollte wohl der Kajüte zueilen, als er mit dem Fuß in eines der Taue trat. Es wickelte sich hartnäckig um seinen Stiefel und er merkte es gar nicht. Nach einem weiteren Schritt zog es sich zusammen und löste folgende Kettenreaktion aus:

Das Tau hing an einem Stück alten Segels, welches mit einem bedächtigen Knall abriss und flatternd nach unten segelte. Es verhedderte sich am Fahnenmast, der aufgrund seines Alters splitterte und sich langsam nach Süden bog. Wir sahen ihm dabei zu wie er auf die Kante einer Planke prallte, auf der irgend so ein Geistloser ein Fass Teer abgestellt hatte. Das Fass wurde in die Luft katapultiert, segelte sich drehend über den Nachthimmel und landete auf der anderen Seite des Oberdecks, wo es seinen gesamten Inhalt auf dem Boden verteilte. Ein Schiffsjunge, der rein zufällig aus der Kajüte trat und ein Beil in der Hand hatte, welches man zum Köpfen von Fischen verwendete, glitt auf dem frischen Teer aus und warf das Hackebeil in hohem Bogen von sich. Zischend raste es durch die Luft und blieb im Holz des Hauptmastes stecken. Dabei aber kappte es das Seil des stofflosen Hauptsegels und der Balken kam herabgerast, knallte auf die Halterung, drehte sich vom aufkommenden Wind getrieben einmal im Kreis und fegte dabei den Klabautermann von Bord, der am Heck vorbei dreißig Fuß dahinter ins Wasser fiel. Nur sein Stiefel blieb an Bord, denn der hing ja noch in jenem Tau, das sich vorhin darum gewickelt hatte.“

Der Wirt war herangekommen und stellte vor jedem von uns einen Krug Bier ab, auf die das Totenkopfzeichen der Piraten gepinselt war. Ich und mein Gegenüber griffen gleichzeitig nach den Krügen und tranken gurgelnd, während wir uns nicht aus den Augen ließen.

„Irgend so ein Verrückter an Bord“, redete der Pirat dann weiter, „kam später auf den irrigen Gedanken ich und mein Kamerad hätten etwas mit dem unglücklichen Verschwinden des Klabautermannes zu tun. Außerdem war man an Bord der Meinung ohne Klabautermann könne es auf gar keinen Fall weitergehen, weil er wäre für sie ja fast schon so etwas wie der Sinn des Lebens gewesen war. Es konnte auch niemand begreifen wie dem Klabautermann so ein Unglück passieren konnte, in dieser Nacht. Die Besatzung ließ das Schiff kehrt machen und suchte nach dem Klabautermann. Man rief nach ihm, man warf Rettungsringe aus, einige mussten sogar zum Taschentuch greifen, weil das denkwürdige Verschwinden des Klabautermannes zu Tränen rührte. Aber es nutzte nichts. Offenbar können auch Klabautermänner über Bord gehen und nicht wiedergefunden werden.“

„Nein so etwas“, sagte ich und versuchte echte Anteilnahme in meine Stimme zu legen. Obwohl mir allein schon der Gedanken an die Existenz eines Klabautermannes mehr oder weniger absurd erschien. Aber davon sagte ich nichts.

„Jemand brachte schließlich folgende Idee auf“, erklärte der Pirat. „Es war, glaube ich, der Kombüsenchef. Er meinte derjenige, der den Klabautermann auf dem Gewissen habe, der müsse sein Nachfolger werden. Für die gesamte Besatzung des Geisterschiffes stand fest, dass nur ich und mein Kamerad dafür in Frage kämen und mein Kamerad war der Meinung der Klabautermann wäre meinetwegen in die Schlaufe des Taues gestiegen. Wenn ich nicht so lange über meine Zeit bei der Flunderproduktionsfirma geredet hätte, wäre der Klabautermann wesentlich aufmerksamer gewesen. Da ich nun die gesamte Besatzung des ehemaligen Klabautermannes gegen mich sah, blieb mir natürlich nichts anderes übrig, als einzuwilligen und das Kommando auf dem Schiff zu übernehmen.“

Er endete und in der Pause, die entstand musterte ich ihn unentwegt und mit noch größerem Interesse. Je näher ich der Wahrheit kam, desto schneller schlug mein Herz. Wollte der Mann mit dem Kakadu auf der Schulter, dem Loch im Kopf und meinem Bierkrug in der Hand, weil seiner leergetrunken war, mir erklären er sei in höchst eigener Person kein Geringerer als der...der ganz echte Klabautermann?

Der Klabautermann!

Schoss es mir durch den Kopf. Ich sitze hier in einer gottverlassenen Spelunke dem Klabautermann gegenüber!

Ich sagte aber nichts weiter, bloß: „ Ich glaube ich muss jetzt gehen.“ Und erhob mich, „War wirklich nett mit dir zu plaudern.“

„Gleichfalls“, nickte er mir zu, „Wir werden uns schon einmal wiedersehen dort draußen auf hoher See!“

Ich grinste schwach, denn war das reine Höflichkeit oder eine ernst zu nehmende Drohung? Auf alle Fälle kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich hernach die Beine in die Hand nahm und die Spelunke auf möglichst schnelle Art und Weise verließ. Ich vergaß sogar zu bezahlen und galt von da an als Zechpreller.

Ich weiß nicht ob der alte Pirat wirklich der Klabautermann war und ich weiß nicht ob ich ihn jemals wiedersehen werde auf der hohen See des Flundermeeres. Ich weiß nur, dass ich bis heute die alte Spelunke nicht wieder aufgesucht habe und dass ich in dieser damaligen Nacht einem Irren gleich durch das Gestrüppwäldchen gerannt bin.

Außerdem dauerte es fast ein Jahr bis ich wieder an Bord eines Schiffes angeheuert habe, das südwärts über das Flundermeer segelte. Aber da ich sehr verschwiegen bin seid ihr die ersten denen ich davon erzähle. In all den Jahren dachte ich mir nur meinen Teil und sagte nichts.

 

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Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

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Erstellt: 22.06.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58