Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Die Fließende Königin von Kai Meyer

Hörbuch

Band 1 der Merle Triologie

Rezension von Michel Bernhardt

 

Wo der Entwurf von Harry Potters magischer Zusatzwelt - bei aller Bösartigkeit dank Lord Voldemort und Konsorten - im großen und ganzen doch recht freundlich ist, kann man das von Merles Welt nicht unbedingt sagen. Wer von uns hätte nicht gerne in Hogwarts Zauberei und Hexerei studiert? In Merles Venedig will sicherlich keiner leben.

Denn hier ist die Magie zwar auch lebendig, aber die Stadt der Kanäle und Gondoliere ist belagert von den untoten Armeen des ägyptischen Pharaos Amenophis. Seit nun mehr dreißig Jahren trotz die letzte freie Stadt der Welt nun schon den Sonnenbarken und Mumienkriegern - doch nicht etwa, weil die Männer aus Venedig so beherzte Krieger wären, nein, sie werden von einer geheimnisvollen Macht beschützt; der fließenden Königin. Dieses wundersame Wesen, von dem man im Laufe der Geschichte erfährt, dass es sich um die Lagune selbst handelt, hat einen mächtigen Schutzzauber um die Stadt gelegt, der von den Nekromanten des Pharaos nicht durchbrochen werden kann.

 

In diesem Venedig also, in dem Korruption und bange Verzweiflung ob der Notlage durch den Belagerungsring herrschen, lebt das Waisenkind Merle. Der Spiegelmacher Arcimboldo nimmt sich der Kleinen und ihrer blinden Freundin Junipa an, und die beiden lernen in seinem Haus die ersten Schritte der hohen Kunst des Spiegelmachens. Doch Arcimboldo ist ebensowenig ein normaler Spiegelmacher, wie im Haus gegenüber kein gewöhnlicher Schneider lebt - die Lehrlinge der beiden Häuser liegen traditionell im Streit und so lernt Merle schnell den eigentlich sehr sympathischen Serafin kennen.

Dieser entpuppt sich auf den zweiten Blick als jugendlicher Meisterdieb, der mit den Katzen im Bunde ist und gemeinsam stolpern die beiden eines Nachts versehentlich über eine Verschwörung, deren Ziel der Untergang Venedigs ist. Verräterische Ratsmitglieder haben in Zusammenarbeit mit den finsteren Zauberern des ägyptischen Pharaos ein Gift geschaffen, das die fließende Königin aus ihrer Lagune treiben soll. Die Stadträte werden zwar von den fliegenden, steinernen Löwen beschützt, dennoch können Serafin und Merle nicht zulassen, dass dieser teuflische Pakt vollzogen wird. Beherzt greifen sie ein und stehlen eine mit einer bläulichen Flüssigkeit gefüllten Flasche. Mit knapper Not kann Merle der Leibgarde der Statdräte entkommen, Serafin hat nicht so viel Glück.

 

Nun überschlagen sich die Ereignisse. Schnell muss Merle feststellen, dass die geheimnisvolle Flüssigkeit die fließende Königin selbst ist, die nicht mehr in ihre Heimat, der Lagune von Venedig, zurück kann, weil die Ägypter und die venezianischen Verräter das Wasser für sie vergiftet haben. Um die Stadt zu retten muss Merle sie hinausbringen, um irgendwo Verbündte zu finden. Doch wie soll sie den Belagerungsring der Ägypter durchbrechen?

 

Unterdessen kommt ein Hilfsangebot von unerwarteter Seite: Der Boden auf dem Markusplatz bricht auf und ein Höllenbote offeriert den verzweifelten Venezianern ein Hilfsangebot. Die Hölle kämpft für Venedig gegen das verhasste ägyptische Imperium. Doch treibt man da nicht im wahrsten Sinne den Teufel mit dem Beelzebub aus dem Haus? Serafin kann die Verwirrung, die der abscheulich aussehende Bote verursacht, nutzen und flieht aus den Händen seiner Wächter. Während in Venedig die Hölle losbricht und Merle versucht, den uralten Verräter für ihre Sache zu gewinnen, muss Serafin feststellen, dass ganz andere Leute schon längst einen Pakt mit dem Satan haben ... und das es dabei um die blinde Junipa geht!

 

Band eins der Trilogie der fließenden Königin hat bei mir einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Auf der einen Seite steht Kai Meyers überbordene Phanatsie, die ein wahrhaft umwerfendes Setting entworfen hat: Meerjungfrauen, magische Spiegel, die Hölle ist ein Ort im Mittelpunkt der Erde und Rußland wird von Baba Jaga beherrscht! Man kann von Merles Welt gar nicht genug bekommen und lechzt nach jedem noch so kleinen Detail, nach jedem Stück, was dem Leser diese wundervolle Parallelwelt näher bringt.

Dem gegenüber steht aber eine vielleicht etwas zu geradlinige, um nicht zu sagen einfallslose Geschichte gegenüber, die von einer mäßig interessanten Titelfigur getragen wird. Merles Welt - um den Klappentext zu zitieren - ist voller Magie, Merle selbst hingegen ist farblos und blass. So bestand die Hauptmotivation dem Hörspiel zu lauschen auch tatsächlich darin, mehr über Venedig, die Hölle, Ägypten und Rußland zu erfahren: Wie die eigentliche Geschichte sich entwickelt blieb hingegen weniger wichtig.

 

Ein weiteres Problem sind die beiden Erzählerinnen. Ich gebe gerne zu, dass nicht jeder Vorleser ein Rufus Beck ist und nicht jedes Hörbuch seine Bandbreite an Stimmen verlangt, doch die Schauspielerin Nina Petri erzählt Merles Geschichte, als wäre es ihr vordringlichstes Ziel, die Zuhörer zum Einschlafen zu bringen; ohne große Höhen oder Tiefen rattert sie den Text runter, als handele es sich um eine Gebrauchsanleitung. Magie verbreitet sie gewiss nicht.

Katharina Thalbach ist zwar sichtlich bemühter, doch will ihre Stimme einfach nicht zu einem uralten Zauberwesen passen.

Die Entscheidung ausgerechnet der fließenden Königin eine eigene Stimme zu geben, überrascht ohnehin - wäre Merle nicht die logischere Wahl gewesen?

 

Alles in allem vergehen die vier Stunden Spielzeit trotz der genannten Mängel wie im Flug und obwohl die Geschichte so schnörkellos ist, muss man doch wissen, wie es weitergeht: Gerade weil der Focus sich weitet und nun erstmals Ereignisse behandelt werden, die außerhalb Venedigs angesiedelt sind.

Man hätte Kai Meyer eine bessere Hörspielumsetzung seiner Geschichte gewünscht: Vielleicht wäre die Geradlinigkeit der Handlung dann auch gar nicht weiter aufgefallen.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:


Keine Einträge
Keine alten Kommentare vorhanden.

Zum Seitenanfang

Platzhalter

Titel: Die Fließende Königin

CD - Hörcompany

3 Audio-CD's

Erscheinungsdatum: April 2003

ISBN: 3935036442

Erhältlich bei amazon

Weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 09.05.2005, zuletzt aktualisiert: 15.10.2018 10:58