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Die Glasbücher der Traumfresser von Gordon Dahlquist

Reihe: Die Glasbücher Bd. 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Miss Celestial Temple fällt aus allen Wolken, als Roger Bascombe unvermittelt ihre Verlobung auflöst – ein nüchterner Brief, sie möge ihm in Zukunft aus dem Wege gehen. Miss Temple kommt ins Grübeln: Warum? Ist sie seiner Karriere nicht förderlich – oder ist es eine andere Frau? Kurz entschlossen verkleidet sie sich und beschattet ihren Exverlobten. Erst trifft er sich mit seinem Vorgesetzten, Vizeminister Harald Crabbé, aber später tritt er eine geheimnisvolle Bahnreise an – er begleitet eine Schar elegant gekleideter und maskierter Frauen auf das Harschmort Anwesen. Miss Temple beschließt, ihm weiterhin zu folgen und schleicht sich ein. Sie erfährt bald, dass dort schreckliche Dinge geschehen – und dass man verhindern will, dass sie anderen davon berichtet.

Indes ärgert sich Kardinal Chang: Er hatte auf dem Fest im Harschmort Anwesen Colonel Trapping für dessen Untergebenen Aspiche ermorden sollen, doch jemand war ihm zuvor gekommen. Aspiche ist ungehalten, lässt die Sache aber auf sich beruhen – das ist nicht gut für Changs Ruf. Noch am selben Tag erhält er einen neuen Auftrag, der wiederum mit dem vergangenen Fest zu schaffen hat: Er soll eine gewisse Isobel Hastings finden, die seither verschwunden ist.

Und dann ist da noch Dr. Abelard Svenson, der Karl-Horst von Maasmärck, den Prinzen von Mecklenburg, vor dessen unstetem Lebenswandel beschützen soll. Auf der Verlobungsfeier im Harschmort Anwesen – Karl-Horst soll Lydia Vandaariff heiraten, die Tochter des Besitzers des Anwesens – wird er jedoch Zeuge von seltsamen Ereignissen.

 

Wo genau sich die Geschehnisse ereignen, wird nie gesagt, aber es scheint, als würden weite Teile in London und auf dem englischen Lande stattfinden. Es gibt elegante Salons mit venezianischen (Spiegel-)Glas und schäbige Bordelle am Hafen, man reist per Droschke, Bahn oder Heißluftballon, die Soldaten benutzen eher Säbel als Gewehre, die Offiziere haben einen Revolver. Schlechte Zähne und Zahnersatz aus Perlen finden sich genauso wie seidene Unterwäsche und Paletots. Stets drängen strenge Benimmregeln – wer barfuß geht, erregt missfallen. Kurzum: Es scheint, als würde die Geschichte am Ende des 19. Jh., im viktorianischen England spielen.

Das Setting ist relativ stark entwickelt – die Beschreibungen erzeugen ein klares Bild, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen. Dabei legt der Autor mehr Wert auf Äußerlichkeiten als auf die gesellschaftlichen Strukturen – das Setting ist damit mehr Ambiente als Milieu.

Der Roman verwendet einige phantastische Elemente; da das Herausfinden, was es mit diesen Dingen auf sich hat, zu den Spannungsquellen gehört, will ich mich hier nur knapp und vage äußern. Im Wesentlichen geht es um ein magisches Glas, wie der Titel schon impliziert, das durch ein alchemistisches Verfahren hergestellt wird. Die Elemente gehören zur Weird-Fiction und sind daher weder eindeutig der Fantasy noch der Science-Fiction zuzuordnen. Sie treten nur selten auf, aber ihre Existenz ist für den Plot zentral. Häufig werden sie in die Nähe von Jules Vernes oder H. G. Wells' Phantastik gerückt. Das mag an der abenteuerlichen, der Zukunft zugewandten Stimmung, die allen Werken in einem gewissen Maße zueigen ist, liegen, doch vom Wesen her sind die Verne und Wells viel klarer der SF zugewandt. Dahlquists Phantastik erinnert vom Wesen her eher an Mary Shelleys Frankenstein.

 

Die Anzahl der Figuren ist recht groß, selbst für einen so langen Roman – mir fallen aus dem Stegreif zwanzig relevante Figuren ein, hinzu kommen noch zahlreiche Figuren mit nur kurzen Auftritten. Es überrascht daher nicht, dass die Figuren nicht detailliert ausgeführt werden und es keine echten Entwicklungen gibt – bei einigen Figuren sind allerdings Ansätze dazu zu bemerken. An dieser Stelle seien nur die drei zentralen Figuren vorgestellt.

Miss Celestial Temple – Celeste für ihre Freunde – ist eine junge Frau aus großbürgerlichen Verhältnissen; ihre Familie besitzt ausgedehnte Plantagen in Übersee, wo sie auch ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Sie ist erst seit Kurzem in der Stadt und wurde von ihrer Tante eingeführt, die auch die Bekanntschaft zur Familie Bascombe arrangierte. Celeste und Roger verliebten sich wie geplant, einer Heirat und anschließendem Dasein als sittsame Gemahlin stand eigentlich nichts mehr im Wege. Die Trennung bringt gute und weniger gute Eigenschaften Celestes zum Vorschein. So ist ihre zentrale Triebfeder ihre Neugier, aber auch ihr Gerechtigkeitssinn spielt eine gewisse Rolle. Sie zeichnet große Tatkraft und Mut aus – doch der Mut könnte auch Tollkühnheit sein, denn Celeste ist naiv und handelt oft unüberlegt. Bisweilen schimmert auch eine gewisse Grausamkeit durch, die sie wohl auf der Plantage ihres rohen Vaters erwarb.

Den wahren Namen des Kardinal Chang erfährt der Leser nicht. Den Spitznamen Chang hat er wegen seiner schlitzförmig vernarbten Augen – als rebellischer Student hatte ein Adliger ihn mit einer Reitpeitsche geschlagen. Danach tauchte er in die Unterwelt ab, um die Schmutzarbeit anderer zu erledigen. Chang ist gewitzt, zäh und brutal – er zögert nicht, wenn er aus einem Mord einen Vorteil zieht. Doch er ist kein Sadist, der Gefallen am Leid anderer findet, und er ist sich bewusst, dass Tote immer Probleme nach sich ziehen.

Dr. Abelard Svenson ist mit Ende dreißig der Älteste des Trios. Lange Zeit diente er als Militärarzt in der mecklenburgischen Marine, doch aufgrund seines guten Verhältnisses zur grauen Eminenz in Mecklenburg wurde er seit einiger Zeit mit delikateren Aufgaben betraut. Er begleitet den Prinzen Karl-Horst als 'Anstandsdame'. Eigentlich ist er ein grundsolider und anständiger Mann, doch sein Pflichtgefühl und seine Loyalität gegenüber Mecklenburg lassen ihn auch fragwürdige Dinge tun - einst zwang er einen Erpresser mit vorgehaltenem Revolver Gift zu trinken. Stolz ist er nicht auf die Tat, aber er bereut sie auch keineswegs. Auch wenn er nicht so gut mit Mordwerkzeugen umgehen kann wie Chang, so weiß er sie dennoch zu gebrauchen – und zögert im Zweifelsfall auch nicht.

Man sieht, die Figuren passen gut zum Setting: Die Unterschiede zwischen den Figuren liegen eher im Stil als im Wesen der Handlungen. Wo das Setting zur Exotik neigt, neigen die Figuren zur Exzentrik.

 

Der Plot passt insofern zu den Figuren, als dass er recht komplex, aber nicht sonderlich kompliziert ist. Es ist im Wesentlichen eine Mischung aus Abenteuergeschichte und Thriller: Die drei Hauptfiguren werden im Harschmort Anwesen in eine gefährliche und weitverzweigte Verschwörung verstrickt. Nun müssen sie einerseits die Anschläge ihrer Feinde überleben und andererseits das Komplott durchschauen und geeignete Maßnahmen dagegen ergreifen.

Entsprechend sind die wichtigsten Spannungsquellen die viele Action und die Bedrohungen: Da wird geschlichen, gelogen, gespäht, gehorcht, gerannt, gehetzt, geklettert gesprungen, geschlagen, gestochen, geschossen, geblutet, gelitten und gestorben, was das Zeug hält. Hierzu gehören auch die unzähligen überraschenden Wendungen – der Roman ist die Geschichte der zufälligen Begegnungen und gescheiterten Pläne. Dichtauf folgen natürlich die Rätsel: Wer sind die Verschwörer, was wollen sie und was hat es mit den Glasbüchern auf sich? Die schwächsten Spannungsquellen bedienen sich des Staunens ob der phantastischen Elemente, des exotischen Settings und der exzentrischen Figuren sowie einiger leicht erotischer Szenen.

Damit zu einem meines Erachtens schwerwiegenden Problem: Der Plotfluss ist außerordentlich langsam. Das liegt nur zu geringen Anteilen an ausschweifenden Beschreibungen und unnützem Reflektieren vergangenen Geschehens, wesentlich wichtiger sind zahlreiche Szenen, die den Plot nicht voranbringen, sondern einen schon gemachten Plotpunkt variieren. So gibt es eine Reihe von Kämpfen, die dem Leser nichts Neues vermitteln – es sind einfach nur andere Gegner (und oftmals nicht mal das – der Standardfeind sind schwarz uniformierte Soldaten) und andere Kampfschauplätze. Eine Kürzung um etwa ein Drittel täte der Geschichte gut.

Damit verbunden ist die Dramaturgie. Im Laufe der Geschichte entwickeln sich das Spannungsniveau der Geschichte und der jeweiligen Kapitel (es gibt insgesamt zehn Kapitel, von denen die ersten neun knappe achtzig Seiten lang sind, das letzte ist beinahe zweihundert Seiten lang) immer weiter auseinander – während die Geschichte eigentlich eine gesteigerte, rasch ansteigende Spannungskurve verlangt, bietet das Kapitel wieder einen langsamen, eher flachen Angang.

Als Letztes noch kurz zum Ende: Für manchen Leser mag das Ende unbefriedigend abrupt sein – es gibt eine Fortsetzung – Das Dunkelbuch – die genau da anfängt, wo Die Glasbücher der Traumfresser aufhört. Die zentralen Punkte werden allerdings abgeschlossen.

 

Die Erzähltechnik ist zwar konservativ, aber in Teilen durchaus ungewöhnlich. Es gibt drei Erzählstränge, die weitgehend aus der personalen Perspektive der drei zentralen Figuren erzählt werden; nur selten schleichen sich auktoriale Momente ein. Die drei Stränge sind zum Teil symmetrisch aufgebaut: Die Geschichte beginnt mit einem Kapitel aus Celestes Sicht, es folgt eines aus Changs Sicht und schließt mit einem aus Svensons Sicht, dann beginnt der Kreis von Neuem. Die Handlungsstränge beeinflussen sich dabei gegenseitig: Mal wirkt sich ein Ereignis aus dem einen Strang auf die anderen aus, mal kreuzen sich die Stränge kurz, mal laufen sie für eine Zeit zusammen. Darüber hinaus weisen die Kapitel der verschiedenen Stränge einige Parallelen auf. Die Geschichte erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa drei Tagen. Zwar entwickeln sich die Stränge weitgehend progressiv (es gibt allerdings zu Beginn einige regressive Abschnitte), da aber die Stränge nacheinander denselben Zeitraum behandeln, ist die Geschichte an sich etwa zu zwei Dritteln regressiv, was wiederum nur selten (dann aber an wichtigen Stellen) auffällt, da ja zumeist unterschiedliche Ereignisse geschildert werden. Die kurze Zeitspanne der erzählten Zeit wird sehr dicht geschildert – man gewinnt fast den Eindruck, in jeder wachen Minute der drei Tage an der Seite der Hauptfiguren zu sein. Das führt zum für einen Roman dieser Länge ungewöhnlichen Umstand – für die meisten Leser wird die Erzählzeit (ich habe knapp zehn Tage gebraucht) deutlich länger als die erzählte Zeit sein.

Der Stil ist überraschend unauffällig. Er ahmt vorsichtig die viktorianischen Vorbilder nach: Die Sätze sind oftmals länglich und nicht selten verschachtelt, die Wortwahl ist gehoben und leicht altertümlich.

 

Fazit:

Miss Temple, Kardinal Chang und Dr. Svenson werden auf einer Feier im Harschmort Anwesen in eine weitreichende Verschwörung verstrickt. Während sie sich mörderischer Anschläge erwehren müssen, gilt es das Rätsel um die Verschwörer und das blaue Glas zu lösen. Mit Die Glasbücher der Traumfresser hat Gordon Dahlquist ein beeindruckendes, aber auch durchwachsenes Romandebüt vorgelegt. Diese Mischung aus Abenteuergeschichte und Thriller ist außerordentlich stimmig durchgeformt, aber leider sind Dramaturgie und Plotfluss dem nicht angemessen. Die Geschichte spielt in den eleganten Hinterzimmern des viktorianischen Zeitalters – und ist wohl eher für Leser mit bürgerlichem als solchen mit proletarischem Hintergrund zu goutieren.

 

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Roman:

Titel: Die Glasbücher der Traumfresser

Reihe: Die Glasbücher Bd. 1

Original: The Glass Books of the Dream Eaters (2006)

Autor: Gordon Dahlquist

Übersetzer: Bernhard Kempen

Verlag: Blanvalet (August 2009)

Seiten: 925 - Klappbroschur

Titelbild: Nick Hardcastle

ISBN-13: 978-3-442-37277-4

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 01.12.2009, zuletzt aktualisiert: 16.05.2019 14:35