Die Gretchenfrage (Sleeper Bd. 3)
 
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Die Gretchenfrage

Reihe: Sleeper Bd. 3

Rezension von Olaf Kieser

 

Rezension:

Holden Carver ist einer der besten Agenten des Geheimdienstes I.O. Als John Lynch, ein hochrangiger und mit allen Wassern gewaschener Meisterspion, ihn für einen besonderen Auftrag rekrutieren will, willigt Holden ein. Er soll die Terror-Organisation des mysteriösen TAO infiltrieren und ausspionieren. Dazu muss Holden sein bisheriges Leben völlig aufgeben und als vermeintlicher Verräter auf die falsche Seite des Gesetzes wechseln. Gejagt von seinen bisherigen Kameraden beweist Holden in diversen Geheimoperationen für TAO seine Fähigkeiten und steigt zu einem seiner engsten Vertrauten auf, findet Freunde und beginnt eine wechselvolle Beziehung mit Miss Misery. Als Lynch, der als einziger von Holdens Auftrag und wahrer Identität weiß, beim einem Attentat schwer verletzt wird und in ein Koma fällt, ist der Weg zurück jedoch verbaut. Ohne Hoffnung jemals in sein altes Leben zurück zu kehren und von TAO enttarnt, entscheidet sich Holden für den Weg des Verbrechers und Terroristen. Einige Monate nach seiner Wahl erfährt der desillusionierte Holden, dass Lynch wider Erwarten aus dem Koma erwacht ist. Der alte Meisterspion verliert natürlich keine Zeit und versucht sofort, Kontakt mit seinem verlorenen Agenten aufzunehmen. Er will ausloten, ob Holden für immer verloren ist. Obwohl Holden sich in seinem neuen, gefährlichen Leben eingerichtet hat, gerät er ins Grübeln. Das liegt an einem Angebot, das ihm Lynch macht, und das Holden kaum ablehnen kann. Doch wie soll er sich entscheiden, wenn er nicht in dem Duell zweier Meisterstrategen als entbehrlicher Bauer geopfert werden will?

 

Mit „Sleeper“ haben Autor Ed Brubaker („Criminal“, Captain America“) und Zeichner Sean Phillips („Wildcats“, Marvel Zombies“, Criminal“) eine packende Mischung aus Spionage-Thriller und Superhelden-Epos geschaffen, die ihresgleichen sucht. Erstaunlich ist dabei, dass man die Welt, in der „Sleeper“ spielt, durchaus als glaubwürdig empfindet. Es gibt zahlreiche Elemente des Superhelden-Genres. Holden kann keine Schmerzen spüren und besitzt eine fantastische Selbstheilungskraft, Gestaltwandler gehen um, TAO und Lynch besitzen große Mentale Kräfte, fliegende Autos, Aliens, außerirdische Artefakte und High-Tech aller Art findet man reichlich. Das alles hätte durchaus auch ein knallbuntes Superhelden-Agenten-Spektakel werden können, wie man es beispielsweise Hollywood-Blockbustern oder Bond-Filmen kennt. Doch das ist eindeutig nicht der Fall. Zunächst finden sich in „Sleeper“ viele Element, die Pädagogen oder viele Eltern die Hände über den Köpfen zusammenschlagen lassen würden. Sex, Action, Gewalt und Unmoral tauchen auf den Seiten dieses Comics häufig auf. Aber eben auch Tragik und gespaltene Charaktere. Das lässt die Figuren lebendig und modern erscheinen. Es beginnt bei Holden, der eigentlich nur ein normales Leben führen will, dennoch oft unmoralische Dinge tun muss. Lynch, eine faszinierende Figur, will zwar das Gute und die Welt vor dem Sturz ins Chaos schützen. Dabei muss er aber oft skrupellos vorgehen und immer wieder große Opfer von seinen Agenten verlangen. Dieses Widerspruchs ist er sich durchaus bewusst. Nebenbei ist es zu begrüßen, dass Lynch endlich mehr Platz in der Handlung einnimmt. Er befindet sich mit TAO auf Augenhöhe und ist somit ein gleichwertiger Gegner. Miss Misery hingegen muss gegen moralische Konventionen verstoßen, um leben zu können. Auch Nebenfiguren werden von Brubaker so ausgestaltet, dass sie lebendig erscheinen. Nahezu alle Figuren müssen schwierige Entscheidungen treffen, die je nach Disposition ihr Gewissen mehr oder weniger belasten. Eine Ausnahme scheint nur TAO zu sein, doch auch ihn treibt eine nachvollziehbare Motivation an. Natürlich schadet es nicht, dass die Geschichte mit hohem Tempo immer wieder verblüffende Wendungen nimmt und so die Spannung konstant hoch hält.

 

Dass Brubakers Geschichte ihre Stärke voll entfalten kann, ist den genialen Zeichnungen von Sean Phillips zu verdanken. Dem Briten gelingt es wie kaum einem anderen zeitgenössischen Comic-Zeichner die Gefühle und Stimmungen der Figuren in seinen Bildern einzufangen. Sie werden so für den Leser fast spürbar. Sicher, es mag Zeichner mit gefälligerer Optik geben, doch man kann sich einfach keinen anderen Zeichner für diese Serie vorstellen. Und diese Tatsache ist eine Auszeichnung. Überzeugend ist auch die Farbgebung von Carrie Strachan und Alex Sinclair. Sie tauchen die Welt von „Sleeper“ bis auf wenige Ausnahmen in bedrohlich dunkle Farben. Aus den Panels scheint das Licht weitgehend entwichen zu sein scheint.

 

Erwähnenswert ist auch, dass Cross Cult in dem dritten Band von „Sleeper“ wieder ein paar Schmankerl beigefügt hat. So findet man den Prolog zur zweiten Season von „Sleeper“, der im amerikanischen Original nicht Bestandteil der monatlichen Heftserie war, sondern in den Nachwehen der Ereigniss um die „Coup D`Etat“-Storyline. Darin übernahm das Superheldenteam The Authority die Macht in den USA, nachdem es zu einem katastrophalen Ereignis in Florida gekommen war. Wenn also von den „neuen Bossen“ die Rede ist, ist nicht die Obama-Regierung gemeint. Dazu gibt es noch am Ende des Bandes ein Interview mit Ed Brubaker.

 

„Sleeper 3: Die Gretchenfrage“ hält das Niveau der bisher erschienen Bände. Härter als Bond oder Bourne ist „Sleeper“ die wahrscheinlich beste Superhelden-Serie, die man derzeit in Deutschland bekommen kann.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240618043538507e964e
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Comic:

Die Gretchenfrage

Reihe: Sleeper 3

Originaltitel: Sleeper : A Crooked Line

Autor: Ed Brubaker

Zeichner: Sean Phillips

Übersetzung: Maria Morlock

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 151 Seiten

Verlag: Cross Cult

Erscheinungsdatum: Juli 2009

Erscheinungsdatum des Originals: 2005

Empfohlenes Lesealter: 16 +

ISBN-10: 3936480733

ISBN-13: 978-3-936480-73-3

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 18.11.2009, zuletzt aktualisiert: 28.12.2022 16:07, 9555