Die Großen Alten von Howard Philips Lovecraft

Reihe: H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Bd. 22 / H. P. Lovecrafts Gesammelte Werke Bd. 6 von 6

Rezension von Ingo Gatzer

 

Rezension:

Mit "Die Großen Alten" legt der auf phantastische Literatur spezialisierte Verlag Festa den sechsten und letzten Band der gesammelten Werke von Howard Philips Lovecraft vor. Der amerikanische Autor gilt neben Edgar Allan Poe und Ambrose Bierce als der bedeutendste Autor der Genres Horror und Phantastik. Zudem hat er diverse moderne Schriftsteller wie Stephen King oder Wolfgang Hohlbein beeinflusst. Der finale Band der Werkausgabe enthält insgesamt zwölf Erzählungen vom Meister des kosmischen Horrors: "Der Fall Charles Dexter Ward", "Der Hund", "Der schreckliche alte Mann", "Das seltsame Haus", "Das Tier in der Höhle", "Das Grauen in Red Hook", "Das Unnennbare", "Der böse Geistliche", "Kühle Luft", "Die Gruft", "Nyarlathotep" und "Die Fakten über Arthur Jermyn und seine Familie". Äußerlich ist der Band wie gewohnt im stilvollem Schwarz gehalten und mit einem praktischen Lesebändchen versehen.

 

"Der Fall Charles Dexter Ward" ist zugleich die umfangreichste - sie nimmt deutlich mehr als die Hälfte des Buches ein - und beste Geschichte des sechsten Bandes von H. P. Lovecrafts Werken. Die Erzählung handelt von rätselhaften Verschwinden von Charles Dexter Ward, der wie schon sein mysteriöser Vorfahr Joseph Curwen, unheilige Experimente durchgeführt hat. Lovecraft gelingt es durch Andeutungen und bewusst gesetzte Vagheiten immer wieder Spannungsbögen zu erzeugen. Diese steigert er noch, indem er Enthüllungen soweit wie möglich nach hinten verschiebt. Die akribischen Beschreibungen von tatsächlichen oder imaginierten Orten und Gegenständen sorgt dazu für eine realistische Anmutung. Diese lässt das im Anschluss herauf beschworene Grauen dann um so erschreckender wirken. Allerdings sind gerade für heutige Leser einige Andeutungen zu durchsichtig, so dass hier manchmal weniger mehr gewesen wäre. Zudem weist die Geschichte an einigen Stellen Längen auf.

 

Qualitativ dicht hinter diesem Auftakt folgt "Der Hund". In dieser Geschichte berichtet der dem Selbstmord nahe Ich-Erzähler, wie er mit seinem Freund St. John auf Friedhöfen Leichen gefleddert hat. Dabei fiel den Beiden ein Gegenstand in die Hände, dass nun scheinbar ihr Verderben zur Folge hat. "Der Hund" besticht durch das, was Lovecraft wiederholt in seinen Briefen als das wichtigste Element bei Horrorgeschichten bezeichnet hat: die Atmosphäre. Überzeugend beschreibt der Autor den an Joris-Karl Huysmans´ "Gegen den Strich" angelehnten übersteigerten Ästhetizismus und verleiht ihm zudem eine abgründig-schaurige Note. Dafür werden allerdings einige Schockmomente verschenkt.

 

Die einzige Geschichte die sich sonst noch von den restlichen eher durchschnittlichen, kurzen Erzählungen abhebt, ist "Kühle Luft". Diese erinnert etwas an eines von Lovecrafts stärksten Werken: "Die Musik des Erich Zann". Der Ich-Erzähler ist aus finanziellen Gründen gezwungen, in eine wenig anheimelnde Gegend zu ziehen. Direkt über ihn wohnt ein rätselhafter spanischer Arzt, der mithilfe eines ausgefeilten Kühlsystems in seiner Wohnung für besonderes tiefe Temperaturen sorgt. Doch eines Tages fällt diese Kühlung aus und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Typisch für Lovecraft ist hier der Auftakt, der Spannung erzeugt und zum Weiterlesen anregt, indem er beim Rezipienten eine bestimmte Frage evoziert: Warum fürchtet sich der Ich-Erzähler nur so vor kühler Luft? Genauso charakteristisch ist auch das Ende, das die für den US-Autor typische grausige Pointe liefert, die hier durchaus wirkungsvoll ausfällt.

 

"Das Grauen von Red Hook" kann insgesamt nicht überzeugen, zeigt aber die unschönen rassistischen Tendenzen, die bei Lovecraft kaum geleugnet werden können. "Der schreckliche alte Mann" und die sichtlich von Lord Dunsanys Stil beeinflusste Erzählung "Das seltsame Haus hoch im Nebel" sind an sich nicht bemerkenswert. Durch Verflechtungen - der schreckliche alte Mann, spielt bei der zweiten Geschichte eine kleine Rolle - wird allerdings eine homogene Welt konstruiert, welche die innerfiktionale Glaubwürdigkeit steigert.

 

Die Übersetzung aus dem Amerikanischen von Andreas Diesel und Felix F. Frey kann im Großen und Ganzen überzeugen. Bei "Der Fall Charles Dexter Ward" scheint es allerdings ein wenig unpassend, den Rückzugsort der Titelfigur als "Klause" zu bezeichnen. Zudem kann man sich trefflich darüber streiten, wie weit die Werktreue bei der Übertragung gewahrt werden soll. Dass der Erzähler in "Das Grauen von Red Hook" nach dem verschwinden von drei norwegischen Kindern, die drohende Rache der "Wikinger" beschreibt, wirkt auf heutige Lesern doch eher lächerlich. Hier wäre vielleicht eine Ersetzung durch einen Terminus wie "Skandinavier" passender gewesen.

 

Als Bonus erhält der Leser zudem zwei kurze Aufsätze, die aufschlussreich sind. Der Dichter Samuel Loveman beschreibt sein Zusammentreffen mit H. P. Lovecraft und charakterisiert ihn - wohl sehr treffend - als gutmütigen, etwas spleenigen literarischen Pedanten mit Hang zum Mystischen und alter Architektur; aber zugleich auch als warmherzigen, witzigen und kenntnisreichen Diskutanten. Der Bibliothekar Jospeh Payne Brennan betrachtet das Werk des Manns aus Providence und referiert einige zutreffende Kritikpunkte. Der These, dass gerade Lovecrafts Erzählungen des Cthulhu-Mythos nicht zu seinen besten Werken zählen, muss man hingegen nicht teilen.

 

Fazit:

Im sechsten Band von H. P. Lovecrafts gesammelten Werken sind zugegebenermaßen nicht alle Geschichten hochklassig. Doch für Fans ist die Vervollständigung der sicherlich besten deutschsprachigen Werkausgabe ohnehin Pflicht, zumal die umfangreiche Erzählung "Der Fall des Charles Dexter Ward", die atmosphärisch dichte Geschichte "Der Hund" und mit Einschränkungen auch "Kühle Luft" jeder Genreanhänger gelesen haben sollte. Zudem gibt es diesmal einen hochklassigen Bonus mit den zwei Artikeln von Samuel Loveman und Jospeh Payne Brennan.

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Buch

Die Großen Alten

Reihe: H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Bd. 22 / H. P. Lovecrafts Gesammelte Werke Bd. 6 von 6

Autor: Howard Philips Lovecraft

gebundene Ausgabe - 317 Seiten

Verlag: Festa

Erscheinungsdatum: 1. April 2010

ISBN-10: 3865520677

ISBN-13: 978-3865520678

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 21.03.2019 12:28 | Users Online
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