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Die Gruft am Meer

Autor: Markus K. Korb

 

Während ich nackten Fußes über Dornen steige, die mir die Sohlen aufreißen und sich mit spitzem Schmerz in das rohe Fleisch bohren, bekämpfe ich das Gefühl der Einsamkeit, das an meiner Seele nagt wie die Erinnerung an ein lang vergessenes Leben.

Die Bäume des Waldes stehen dicht an dicht. Ihre Stümpfe recken sie anklagend zum Nachthimmel, wo die erbarmungslosen Sterne ihr kaltes Licht herabwerfen, das zu Boden sinkt wie Herbstlaub. Alle Äste und Zweige sind blätterlos. Das Sternenlicht kann ungehindert herabfallen. Wie eine dünne Eisschicht glitzert es auf dem Laub, das den Waldboden bedeckt.

Ich beginne zu rennen, schlage Haken um modrige Baumstümpfe, sinke in knöcheltiefe Moosbecken ein und eile weiter dem Ziel meiner Reise zu: die Gruft am Meer.

Solange ich denken kann, bin ich dorthin unterwegs. Mein gesamtes Leben besteht darin, diese Reise zu machen, diesen Weg, der mich zu dem Platz zurückführt, den ich am meisten von allen anderen liebe. Aufgewachsen in der Fremde, erzogen durch den unbarmherzigen Rohrstock des Lebens, rieche ich nun, dass mein Weg bald zu Ende sein wird. Salziger Wind weht mir entgegen.

Ich begegne keinem Tier. Kein Reh hebt verwundert den Kopf, kein Dachs schleift über den Boden. Nur die Ameisen umkrabbeln meine Füße und Engerlinge winden sich weiß in den Pfützen, die vom Wasser gebildet werden, das in meine Fußstapfen eindringt. Die Engerlinge krümmen sich im Todeskampf. Gelbgeringelte Spinnen seilen sich von den Bäumen ab und landen weich auf meinen Schultern. Sie sind mir Gefährtinnen für kurze Zeit auf dem Weg durch das Gehölz, dann fallen sie herunter und liegen leblos mit nach oben gekrümmten Beinen.

All das beachte ich nicht, denn der Wald öffnet sich zu einer weiten Ebene. Strauchlos liegt das Land vor mir, einzig Flechten krallen sich auf den Steinen fest, worüber ein Sturmwind fegt. Er reißt mich fast von den Beinen. Eine Gänsehaut überzieht meinen nackten Körper, während ich nach vorne gebeugt gegen den Sturm ankämpfe.

Der Wind dreht. Die langen schwarzen Haare klatschten mir ins Gesicht, kleben an der schweißüberströmten Stirn. Erneut wechselt der Wind seine Richtung. Ich rudere wie ein Schwimmer gegen den Luftstrom und komme Meter um Meter voran.

Der Himmel ist bis zum Horizont bedeckt mit grauen Schlierenwolken, die schnell dahintreiben als hätten sie es eilig, von diesem fluchbeladenen Landstrich fortzukommen. Kein Mond hängt an diesem sturmbeladenen Himmel und besprenkelt die Erde mit seinen warmen Widerschein. Kein Licht leuchtet mir heim. Kein Trost wird dem einsamen Wanderer gespendet.

Woher auch?

Die Welt ist kahl und grausam kalt geworden in den letzten Lebensjahren. Sommers verfaulen die Früchte an den Bäumen, im Herbst reißt der Wind alle Blätter von ihnen, so dass sie winters einem Frühjahr entgegen frieren, das niemals kommen wird.

Mein Leben zieht auf ähnlicher Bahn dahin, einer abwärts verlaufenden Spirale gleich, die zu einem trostlosen Zentrum führt. Noch einmal will ich vorher den Ort sehen, dem meine Liebe gilt, den Platz, wo ich glückliche Stunden verbrachte, als ich auf den Dünen saß und auf die wogende See hinausblickte. Dort, über der Gruft am Meer.

Ach, erinnere ich mich an diese sonnendurchwobenen Zeiten, sticht mein Herz voller Wehmut und Trauer ob jener sorglosen Tage.

Die Gegenwart ist nur ein sehnsuchtsvolles Streben nach Vergangenheit, die ich mir in Zukunft zur Gegenwart geschmolzen wünsche. Dann soll ich dem ewigen Vergessen anheimfallen. Mehr will ich nicht mehr von dieser grauenvollen Existenz.

Da. Schon mischt sich das Geräusch von Wellen unter das Heulen des Windes. Sie branden an einen Sandstrand an, wie ich am Rauschen höre. Ich bin auf dem richtigen Weg. Nur noch die Brücke über die Klippen, dann habe ich es geschafft.

Jetzt kommt sie in mein Blickfeld als wild schwankendes Brettergeflecht, von altersschwachen Seilen zusammengehalten, die an Pflöcken festgemacht sind.

Ich bleibe am Abgrund stehen und schaue hinab. Mir ist, als sauge er mich auf, als ziehe er mich an. Doch ich will nicht diesen Weg wählen, um zu vergehen, will mich nicht hinabstürzen in die Fluten, wo große Steine alles zermahlen, was im Wasserstrom dagegen geschleudert wird. Nein. Ich wähle diesen Weg des Wassers nicht.

Vorsichtig setze ich meinen Fuß auf die glitschigen Bohlen der Brücke, die sich unter meinem Tritt schüttelt, mich wie einen unliebsamen Reiter abwerfen will. Aber es gelingt mir, sie zu bändigen, indem ich mich links und rechts an den Halteseilen festkralle und meinen Körper über die taumelnde Brücke ziehe.

Ich atme erst auf, als ich festen Boden unter den Füßen spüre. Blitze zucken vom Himmel, Regen wühlt die Erde auf. Doch noch immer erkenne ich klar den Hohlweg, der mich zu meinem Ziel führen wird.

Ein einsamer Baum schüttelt sich auf einem Hügel vor mir. Vom Wind gepeitscht schlägt er mal in die eine, dann in die andere Richtung. Sein Kampf ist hoffnungslos, wie alles auf dieser Welt, wie alles in diesem Leben. Himmelsfeuer fährt herab und schlägt sich in seine Rinde. Er geht in Flammen auf, die selbst der Regen nicht löschen kann.

Fasziniert von den leckenden Feuerzungen trete ich näher.

Sie gieren nach mir, umwerben mich mit ihren heißen Armen, wollen mich einschließen in ihre alles verzehrende Glut. Doch ich wähle auch diesen Weg des Vergehens nicht. Ich will nicht zu einer dampfenden Statue aus Asche verbrennen. Nein. Ich wähle den Weg des Feuers nicht.

Mir ist ein anderer Weg vorherbestimmt.

Ich gehe weiter und der Sturm reißt mir Büschel von Haare aus, die wie braune Schneeflocken davon wirbeln. Meine Haut ist rissig und trocken, geronnenes Blut bedeckt meine Schultern. Aber noch bin ich nicht soweit.

Sand. Ich spüre Sand unter meinen Füßen. Er quillt bei jedem Schritt durch die Zwischenräume meiner Zehen, fließt darüber hinweg, will mich hinabziehen in seine Tiefen. Voller Lust gebe ich mich dem Gefühl hin und erklimme eine Düne, wo sich nur noch einzelne Riedgrashalme unter dem Wind beugen.

Dann sehe ich es – das Meer.

Wie eine sehnsüchtig wartende Geliebte räkelt es sich in seinem Bett aus Wasser und Sand. Die See schaukelt sich zu von Gischt gekrönten Wellenbergen hoch, fährt in sich zusammen und brandet an den Strand, wo die schwarzen Wogen flacher werden und auslaufen. Beim Zurückweichen bilden sich Strudel und die Wellen spülen kleine Gegenstände auf den Sand. Wie Opfergaben legen sie diese auf dem Altar der Erde ab.

Freudig wie ein Kind renne ich die Dünung hinab und taumele dem Meer entgegen. Die Dinge am Saum der See sind kleine Muscheln, Seetang und Tand von gesunkenen Schiffen, deren Besatzungen längst zu Gerippen vermodert am Grunde des Meeres ruhen. Als ich den Strand entlang laufe, entdecke ich eine hölzerne Galionsfigur: Eine Meerjungfrau mit obszön geöffnetem Mund, die Arme nach hinten gebogen. Sie hält sich am zerbrochenen Balken fest, der einst ein Segelschiff zierte. Die Farben sind verblasst, blind glotzen die Augen in einem Gesicht, das mir wie verwest erscheint.

Ein tiefes Brausen erklingt über den Strand. Ich hebe den Kopf und höre auf den Ton, der mir vertraut ist, der mich fortlockt von den wertlosen Dingen im Sand und sehe den weiß schimmernden Flecken weit vorne an der Böschung – der Eingang zur Gruft am Meer.

Während ich verzückt näher laufe, erkenne ich, dass der Wind den Ton erzeugt, indem er durch die eng aneinander stehenden Säulen des Portals bläst wie durch ein Muschelhorn. Schon früher hat mich dieses Phänomen mit Staunen und Ehrfurcht erfüllt.

Jetzt sehe ich die Gruft deutlich vor mir: dorische Säulen stützen das Vordach, das halb aus der Dünung ragt. Seetang windet sich um die basaltenen Rundungen und flattert im Sturmwind. Sand liegt als kleiner Haufen vor der eisernen Gittertür, welche die Gruft verschließt, ganz so, als würde man zu verhindern suchen, dass etwas aus den immerwährenden Schatten der Krypta flieht. Ich trete unter das rissige Vordach und sehe den Sand, der zwischen den Eisenstäben des Gitters hindurch rinnt und wie ein gelber Strom über die steilen Stufen hinab in die Gruft geflossen ist.

Kein Schloss, kein Riegel verwehrt mir den Zugang. Ich ziehe die Gittertür auf, deren Eisenstäbe durch die Sandanhäufung gebremst werden. Plötzlich kennt das Dunkel kein Innen und kein Außen mehr. Ich kann nicht unterscheiden, ob es aus der Gruft heraus- oder hineinfließt. Alle Farben ebnen sich zu einem grauen Schleier. Körperliche Dinge wie Steine und Gräser werden flach, unplastisch, wirken wie Kulissen. Das Meer erstarrt zum unbeweglichen Tableau, die Dünung zur Szenerie. Das einzige, was sich voll und ganz seine alte Form bewahrt, ist die Gruft am Meer.

Der Abgang zur Krypta saugt mich auf. Ich rutschte über die sandbedeckten Stufen hinab, die Hände an den nahen Wänden abgestützt. Es geht nur wenige Steinquader abwärts, dann bildet festgestampfter Ton den Untergrund. Ein Schimmer durchdringt den Gang. Ich kann erstaunlich gut im Halbdunkel sehen und erkenne, dass das weißliche Licht den bleichen Maden entströmt, die sich aus den Wänden bohren. Sie strecken ihre feuchtglänzenden Leiber aus der Erde und räkeln sich mit wohligen Schauern entgegen, fordern die Berührung meiner Hand, welche ich nicht verwehre.

Nur wenig fällt der Boden ab, fast waagerecht führt der Gang hinein in die Erde unter der Küste. An seinem Ende sehe ich den Sarkophag aus Kreidegestein, der leicht erhöht auf einem altarartigen Steinquader liegt. Dort will ich mich von der Reise meines Lebens ausruhen...für immer.

Von Gangseite zu Gangseite schwankend, reibe ich mit den Schultern an den Wänden, wo sich die Würmer winden. Faules Fleisch fällt von mir ab, während ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann.

Als ich das niedrige Podest ersteige und mich hineingleiten lasse in das steinerne Bett, fühle ich mich, als sei ich nach einem leidensvollen Weg endlich zuhause angekommen. Ich schließe die Augen.

Genussvoll.

Dem Vergessen anheimgegeben.

An dem Ort, den ich schon immer als meine wahre Heimat betrachtete:

Der Gruft am Meer...

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Erstellt: 03.10.2009, zuletzt aktualisiert: 18.03.2017 12:10