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Die Halblinge des ewigen Hains von Thomas Plischke

Reihe: Die Zerrissenen Reiche Bd. 3

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Im hohen Norden des Zwergenbundes liegt Stahlstadt. Seit der Eroberungsfeldzug in den zerrissenen Reichen der Menschen begann, nahm die Bedeutung dieser Stadt immer mehr zu, denn aus Stahlstadt stammt der kriegswichtige Stahl. In Stahlstadt ist das Zwergenpaar Rinul Plattenstemmer und Karu Schneider bei dem Freibündler Bibet Darmwäscher untergekommen. Die beiden haben sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen, in der ein moralisch richtiger und zugleich zielführender Aktionsplan diskutiert wird. Da taucht der Kommissar Anini 29-3 in Stahlstadt auf – sind die Widerständler verraten worden? Was sie nicht wissen, ist, dass Anini Teil einer Verschwörung ist, die die Macht im Zwergenbund übernehmen will. Nun ist in Stahlstadt die Leiche eines wichtigen Halblings aus der Verwaltung der Sucher aufgetaucht – die Verstümmelungen weisen auf Freibündler hin.

Unterdessen treffen in Meerschaum die Geschwister Siris und Sira samt ihren Anhängseln aufeinander. Sira plant die Suche nach einer mächtigen Waffe der Herren – allerdings ist sie völlig mittellos. Siris hat da eine Idee: Vielleicht könnte man den Krüppel Oji als Erben von Gozzoldini einsetzen – Sira ist quasi Ojis Vormund. Bis auf weiteres muss man allerdings im Hause der Wolfenfurts unterkommen – der Mutter von Siris und Sira. Weil Siras Vater seine Tochter wegen eines unehelichen Kindes ermorden wollte, tötete Siris seinen Vater. Mutter Kallassendra hat den beiden noch nicht vergeben, aber da sie große Pläne für das Haus Wolfenfurt hat – für die Siris unabdingbar ist – nimmt sie die beiden erst einmal auf.

 

Der dritte Teil der Reihe Die Zerrissenen Reiche hat drei Handlungsstränge, die weitgehend an zwei Orten spielen: Stahlstadt im Zwergenbund und Meerschaum in den Zerrissenen Reichen. Der Zwergenbund ist eine aufgeklärte Gesellschaft, die vage im Viktorianischem angekommen ist: In Fabriken produziert die Stahlindustrie Gewehre, die Werften bauen gepanzerte Kanonenboote und an den Forschungszentren wird an Fluggeräten gewerkelt. Die Gesellschaft, die das trägt, ist eine Art sozialistische Basisdemokratie – alle verdienen das Gleiche, jeder Zwerg hat eine Stimme, um den Obersten Vorarbeiter zu wählen. Doch das System ist seit langem korrupt: Es werden Boni ausgezahlt, die die Reichen immer reicher machen und die Armen zu übermäßiger Arbeit zwingen. Dem stehen die Freibündler entgegen, die sich zwar für einfache Arbeiter einsetzen, aber auch in Schmuggel, Zwangsprostitution und Drogenhandel involviert sind – eine Mischung aus Mafia und Gewerkschaft. Doch nicht alle Bewohner des Bundes sind Zwerge: Die Halblinge, das Brudervolk, stellen die Verwaltungsbeamten und die Bundessicherheit. Dann gibt es noch Menschen, die entweder um den Kriegen oder der Armut zu entgehen aus dem Süden flüchteten oder um Handel zu treiben in den Bund zogen. Mittlerweile werden die ärmeren Menschen im Bund in Lager gesperrt – wann es die reicheren trifft, ist nur eine Frage der Zeit.

Die Grundzüge des Zwergenbundes wurden schon in den früheren Bänden festgeschrieben, jetzt werden sie noch weiter ausgeführt – hier erhalten die Freibündler die meiste Aufmerksamkeit. Insgesamt ist das Setting für den Plot nicht immer befriedigend, da die Machtverteilung etwas zu einfach ist: Es gibt die Bundessicherheit (die den Verschwörern gehorcht), vor der alle zittern, und die Freibündler, die eine gewisse Unabhängigkeit genießen. Das scheint mir nicht plausibel – man möge einen Blick in die aktuelle deutsche Politik werfen – selbst in der CSU gibt es Konkurrenzkämpfe, ganz zu schweigen von den Machtkämpfen zwischen den Koalitionären selbst und diesen und der Opposition. Und dann sind da noch die Nicht-Regierungsorganisationen wie Amnesty International, IG Metall, den Bundesverband der Deutschen Industrie, Eon & Co., Greenpeace, die BILD und so viele weitere Akteure, die das Werden in Deutschland beeinflussen. Kurzum: Die bipolare Machtverteilung scheint mir für eine Verschwörungsgeschichte dieser Breite zu einfach. Wo sind die einflussreichen Stahlzaren, die sich nicht alles gefallen lassen, wo die loyalen Halblinge der Bundessicherheit, wo die Generale, die nicht nach der Pfeife von Beamten – und dazu noch Halblingen – tanzen wollen? Aber vielleicht kommt das in den nächsten Bänden.

Meerschaum ist eine Küstenstadt im äußersten Süden der zerrissenen Reiche. Die Stadt gehört zu den wenigen, die mit den hoch entwickelten Elfen handeln. Regiert wird die Stadt von einer Art Aristokratie aus drei Gruppierungen: den Weisen Denkern ('Wissenschaftlern'), den Klugen Händlern und den Treuen Predigern ('Kirche'). Technisch ist man etwa auf dem Stand des späten Mittelalters bis zur frühen Neuzeit. Während die Zwerge in weit überwiegender Zahl Anhänger der Vernunft sind, sind die Menschen in der Regel mehr oder minder herrengläubig. Eines haben beide gemeinsam: Die überwiegende Mehrheit ist durch und durch korrupt.

Hinzu kommen noch einige Szenen im titelgebenden Hain der Halblinge, eine Art Traumwelt der Halblinge, die sicherlich noch eine größere Rolle spielen wird.

Das Setting kann als Milieu gelten und wird durchaus breit und detailliert ausgeführt – leider nicht immer an den richtigen Stellen.

Sieht man vom Grundsetting – Zwergen, Halblingen usw. – ab, dann gibt es nur wenige phantastische Elemente; Zwerge und Menschen nutzen weitgehend (mehr oder minder) reale Technik. Es gibt zudem noch ein paar Artefakte der Herren, die auf extrem fortschrittliche Technologie hindeuten, in diesem Band aber nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Neu hinzu kommen die Elfen, die wie erwähnt hoch zivilisiert sind: Ihre Schiffe erinnern an fortschrittliche Biotech (insgesamt erinnern die Elfen deutlich an die Eldar aus Warhammer 40k). Deshalb sind sie aber nicht unbedingt nett – sie verhalten sich gegenüber Menschen wie weiße Kolonialherren gegenüber schwarzen 'Eingeborenen' im 18.-19. Jh. Damit ist das Setting also Steampunk mit Anteilen der Science Fantasy.

 

Das Buch verfügt glücklicherweise über ein 'Dramatis Personae' – verzeichnet sind zweiundfünfzig Namen. Natürlich spielen nicht alle gleichgroße Rollen. So ist eine Figur schon zu Beginn tot, eine andere komatös und andere werden bloß erwähnt. Dennoch bleiben mehr als genügend wichtige Figuren. Die meisten wird der Leser schon aus den vorherigen Bänden der Reihe kennen – die Geschwister Siris und Sira, Karu Schneider und Rinul Plattenstemmer, Garep Schmied und Himek Steinbrecher, Oji und Fianessa und einige mehr. Sieht man von den ersten vier ab, dann spielen die anderen keine tragende Rolle mehr – allenfalls als Plotdevice. Dazu kommen noch einige neue Figuren: Die Widerständler Kenal Hauer, Gesi Schreiber, Lugan Koch und der besonders undurchsichtige Ojono 30-7, die Meerschaumer Zoseos und Kallassendra, Verwandte von Siris und Sira sowie der habgierige Azzaras und seine Handlanger, einige Freibündler sowie Elfen. Die meisten werden kaum charakterisiert – wie könnte man bei der Vielzahl? – sodass sie kaum über ein oder zwei Charaktereigenschaften bzw. Motive hinauskommen, Entwicklungen können nicht stattfinden. Ein bisschen anders sieht es bei den beiden Halbling-Ermittlern Anini 29-3 und Ekela 30-9 aus; Anini war vorher schon als Randfigur aufgetreten, jetzt wird er Handlungsträger. Er ist ein wichtiger Verschwörer, der glaubt, ein besseres Reich schaffen zu können – seine Folterarbeit sieht er als notwendiges Übel. Gleichzeitig sorgt er sich um seinen Sohn und verknallt sich in seine Partnerin Ekela. Im letzten Moment wird er einige Einsichten haben.

 

Beim Plot werden die drei Stränge wieder relevant. Bei den Stahlstädter Strängen geht es im Wesentlichen um zwei Politikthriller; Anini und Ekela ermitteln in einem Mordfall, in welchem die Politik mit hineinspielt, und Karu und Rinul engagieren sich im Widerstand, wozu bald die Suche nach Verrätern gehört – schließlich überschneiden sich die beiden Stränge. Der Meerschaumer Strang ist im Wesentlichen eine Aufstiegsgeschichte: Siris ist zu Beginn ein abgebrannter Vagabund, der Geld braucht. Dazu muss er sich seiner Herkunft stellen, denn die Wolfenfurts sind keine x-beliebige Familie.

Die Spannungsquellen sind enorm breit gestreut – Action, etwas Erotik, Wunder, Horror usw.; es wird fast nichts ausgelassen. Neu scheint mir eine deutlichere Zuwendung zum Humorigen. Die sind einerseits die ironischen, sarkastischen Figuren, andererseits groteske Momente – etwa wenn ein Zwerg sich von einer Zwergendomina im Kettenhemd mit Aussparungen im Bereich der Geschlechtsmerkmale erniedrigen lässt. Das glückt meines Erachtens nicht immer.

Der Plotfluss ist eher langsam – für meinen Geschmack besonders zu Beginn zu langsam. Das liegt einerseits an der großen Breite der Geschichte, andererseits an unnötigen Szenen. So befragt Anini eine 'Verdächtige' obwohl er weiß, dass sie mit dem Fall nichts zu schaffen hat, was er ihr auch eröffnet. "Warum habt ihr mich überhaupt mit euren Fragen gequält?", will die Befragte wissen – ja, warum eigentlich? Anini erwidert, er liebe halt die Wahrheit – das kann für die Autoren nicht gelten, denn Fiktion steht jenseits von Wahrheit.

 

Erzähltechnisch ist der Band konservativ. Die drei Handlungsstränge werden aus verschiedenen personalen Perspektiven (meist die der Handlungsträger) geschildert, der Aufbau ist dramatisch, beim Meerschaumer Strang progressiv, bei den Stahlstädter Strängen halb progressiv, halb regressiv, ganz wie üblich bei Thriller-Plots.

Der Stil ist eher blumig, wobei Menschen und Zwerge ihre eigenen Metaphern nutzen – die der Zwerge entstammen zu meist dem Bergbau – Kinder sind "Kiesel", Unsinn ist "Schutt" – die der Menschen eher dem Ackerbau – eine Frau, die Sex hat, "lässt ihren Acker pflügen" – kommen aber seltener vor als bei den Zwergen. Die Sätze sind mittellang, ein Hauptsatz und ein Nebensatz, können aber auch kürzer werden, um Hektik auszudrücken.

 

Fazit:

In Stahlstadt ermittelt der Kommissar Anini 29-3 im Fall eines ermordeten Verwaltungsbeamten, was die Widerständler um Karu Schneider und Rinul Plattenstemmer nervös macht – gibt es womöglich einen Verräter in ihrer Mitte? Unterdessen müssen Siris und Sira sich ihrer Vergangenheit stellen, um die Suche nach den Artefakten der Herren fortsetzen zu können. Im dritten Band der Reihe wird die Balance leider nicht mehr so gut gehalten wie zuvor: Zu breit ist die Geschichte, zu langsam kommt sie in Fahrt. Nichtsdestoweniger stimmen die Fundamente – ein spannender Polit-Thriller, eine Queste um die verlorenen Herren, gefällige Figuren. Jetzt muss allerdings der Plotfluss deutlich erhöht werden – und das nicht auf Kosten der Figuren, denn diese könnten noch etwas Entwicklung vertragen. Sehen wir mal, was der vierte Band bringen wird.

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Buch:

Titel: Die Halblinge des ewigen Hains

Reihe: Die Zerrissenen Reiche Bd. 3

Original: -

Autor: Thomas Plischke

Übersetzer: -

Verlag: Piper (September 2010)

Seiten: 455 Broschiert

Titelbild: Bao Pham

ISBN-13: 978-3-492-26718-2

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 14.11.2010, zuletzt aktualisiert: 18.07.2019 19:45