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Die Kaiserin von R. F. Kuang

Reihe: Im Zeichen der Mohnblume Band 2

Rezension von Matthias Hofmann

 

Rebecca F. Kuang ist eine interessante Autorin. Ihr vielbeachtetes Debüt Im Zeichen der Mohnblume – Die Schamanin von 2018 wurde in den USA in der Kategorie »Bester Roman« für den Nebula und den World Fantasy Award und weitere Preise nominiert. Bereits im Folgejahr war sie nominiert für den Campbell Award für die beste neue Autorin. 2020 gewann sie schließlich diesen Preis, der zwischenzeitlich umbenannt wurde in Astounding Award. Zu Recht?

 

Kuang selbst ist eine chinesisch-amerikanische Fantasy-Autorin, geboren 1996 in Guangzhou in der Volksrepublik China, und lebt heute in den USA. Ihr Debüt und besonders den Folgeroman »Im Zeichen der Mohnblume – Die Kaiserin« kann man als militärische Fantasy klassifizieren, wenngleich eine passgenaue Einordnung schwer fällt. Es ist martialische »GrimDark Fantasy«, der ihre Interessen widerspiegelt, wie z. B. ihr Studium »Internationaler Geschichte« mit einem Schwerpunkt auf chinesischen Militärstrategien, kollektiven Traumata und Kriegsdenkmäler sowie Konflikte zwischen den asiatischen und den westlichen Rassen.

Wer nun dankend und enerviert abwinkt, den kann ich beruhigen. Die zierliche, junge Frau mit der zarten Mädchenstimme, hat wesentlich mehr zu bieten, als einseitiges Kriegsgeschreibsel. Im Juni 2020 hat sie sich offiziell auf Twitter als bisexuell geoutet. Als queere Frau darf sie sich nun offiziell zum LGBT+-Lager innerhalb der asiatischen Gesellschaft und Literatur zählen. Als chinesische Immigrantin in den USA spürt sie nach wie vor, besonders als queere Frau, die Zurückhaltung in ihrem Umfeld, wie sie in einem Interview mit der Website Offcolor mitteilt, die sich um alle Belange und Interessen von »People of Color« kümmert. Noch hat Kuang Probleme, Szenen zu beschreiben, die von Frauen handeln, die sich lieben. Das gibt sie offen zu. Aber das wird sich mit der Zeit ändern.

Zunächst haben wir den zweiten Band der Mohnblumen-Trilogie vor uns liegen. Er ist mit knapp 800 Seiten noch um einiges umfangreicher als der erste Teil und ein richtiger Klotz. Normalerweise mache ich inzwischen einen Bogen um alle Fantasyromane, die länger als 600 Seiten sind. Meist sind diese die Lesezeit nicht wert, die man in sie investiert, weil die Autorinnen und Autoren es einfach nicht schaffen, ihre Werke so zu strukturieren und zu verdichten, dass sie mit den 300 bis 400 Seiten auskommen, die locker ausreichen, um einen guten Roman zu schreiben.

Bei R. F. Kuang ist es anders. Hatte mich der erste Teil schon positiv überrascht, denn ich bin beileibe kein ausgesprochener Fan von grimmig-düsterer, kriegerischer Fantasy, so muss ich sagen, dass der zweite Teil mich über diese 800 Seiten fesseln und begeistern konnte.

Kuang schreibt einfach mitreißend. Sie hat eine faszinierende Fantasy-Alternativwelt entworfen, welche atmosphärische Anleihen bei der alten Song-Dynastie und dem China des 20. Jahrhunderts macht. Und sie schildert die Abenteuer von Charakteren, die so mehrdimensional sind, wie es nur geht. Ihre Anti-Heldin Rin, die ausgebildete Kriegerin und Schamanin, ist ein sehr schönes Beispiel für einen Menschen, dessen Entscheidungen man als Leser nicht immer folgen kann oder will. Trotzdem hegt man große Sympathie für sie und fiebert mit, wenn ihr Leben ihr eine schlimme Prüfung nach der anderen stellt.

Es heißt ja: Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Das gilt wohl für Rin, die dunkelhäutige Asiatin, die auf der Flucht ist, denn sie hat am Ende von Band 1 große Massen von Menschen getötet, um ihr Volk zu retten. Sie ist opiumsüchtig und kann die fürchterliche Feuerkraft des Phönix beschwören. Dadurch wird sie interessant für mächtige Herrscher, insbesondere den Drachenkriegsherren, der sich mit der Kaiserin anlegen will, um sie zu stürzen. Er möchte eine neue Republik ausrufen und zettelt einen großen Krieg an, der das gesamte Kaiserreich Nikan erschüttern wird. Weitere große Verluste bahnen sich an und in der Tat: Es geht durchgehend recht blutig zu.

Rebecca F. Kuang beschönigt nichts. Sie schreibt von brutalen Kämpfen und hinterlistigen Intrigen. Immer wenn man denkt, Rin ist auf dem Tiefpunkt angelangt, dann wird man eines besseren belehrt und es kommt noch schlimmer. Als Leser sollte man sich auf Höhen und Tiefen einstellen, aber vor allem auf viel Leid. Die paar lustigen Passagen, die es auch gibt, mitunter auch witzige Dialoge, wiegen das nicht auf. Rin muss definitiv sehr viel erleiden.

Das Schöne an dem Buch, neben dem deskriptiven Schreibstil, dem reichhaltigen Worldbuilding und der spannenden Handlung, ist die Tatsache, dass Kuang ihre Charaktere völlig im Griff hat. Jede Figur ist detailreich ausgearbeitet und man merkt dies daran, dass viele Personen aus dem ersten Band wiederkehren und man als Leser keinerlei Probleme hat, sie wieder einzuordnen. Anders als andere, die ihren Romanen ellenlange Charakterlisten mit Erklärungen beifügen, kommt Kuangs Figurenensemble ohne solche Informationshilfen aus. Und das zeigt, dass Namensregister gar nicht nötig sind, wenn die Autorin ihr Fach beherrscht.

»Im Zeichen der Mohnblume – Die Kaiserin« beweist, dass der erste Band keine Eintagsfliege war. Im Gegenteil, R. F. Kuang konnte noch eine Schippe drauflegen. Sie lieferte einen wunderbaren Mix aus High und Dark Fantasy ab, mit vielschichtigen, menschlichen Charakteren, von denen man nicht immer weiß, wer jetzt die Guten und wer die Bösen sind. Moderne Fantasy, deren Schöpferin daher völlig zu Recht mit dem Astounding Award 2020 als »Beste neue Autorin« ausgezeichnet wurde. Der abschließende dritte Teil kann kommen.

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Eure Meinung:

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Buch:

Die Kaiserin
Reihe: Im Zeichen der Mohnblume Band 2
Originaltitel: The Dragon Republic, 2019
Autorin: R. F. Kuang
Taschenbuch, 796 Seiten
Blanvalet, 16. November 2020
Übersetzung: Michaela Link

ISBN-10: 3734162319
ISBN-13: 978-3734162312

Erhältlich bei: Amazon

Kindle-ASIN: B085TK87PS

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 17.04.2021, zuletzt aktualisiert: 03.05.2021 19:34