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Die Katakomben von Vuuh Quepond

Autor: Michael Schmitt

 

 

Staub und Blut.

Ohne Fehl zeigen ihm seine Handflächen wie die Dinge liegen …

Die Zähne fest aufeinander gebissenen, tastet er ein zweites Mal nach der brennenden Wunde an seinem Schulterblatt.

Er weiß, sie hat sich infiziert. Fluchend speit er aus auf den gelbsandigen Boden zu seinen Füßen.

Zwei Tage war es her, seit ihm die große Graue mit ihren Krallen das Fleisch aufgerissen hatte.

Zwei Sonnenauf- und Untergänge, in deren Verlauf sich die Wunde bereits wieder geschlossen und der Heilungsprozess eingesetzt hatte; doch durch eine unkoordinierte Bewegung seinerseits, ist sie nun erneut aufgebrochen; der faserige Schorf der Kruste zerrissen.

Sein Körper fühlt sich krank an und ausgelaugt. Einem fieberwahnartigen Traum gleich, treibt sein Geist ruderlos wirbelnde Stromschnellen hinab.

Immer wieder kehren seine Gedanken zu jener Stunde, zu jenem Kampf zurück.

Die große Graue mit ihrer Meute, die ihm folgten, seit er vor drei Tagen in den Wald eingedrungen war. Die ihn schließlich vor Hunger oder Wahnsinn ungeduldig geworden, in einem abschüssigen Kreis aus Findlingen und Bäumen gestellt hatten, und mit denen er sich ein blutiges Kampfgefecht geliefert hatte.

Drei aus dem Rudel waren von seiner doppelschneidigen Streitaxt niedergestreckt worden, bevor der eigentliche Kampf seinen Anfang nahm. Die Axt hatte ihnen die mageren Wolfsbäuche aufgeschlitzt und dampfendes Gedärm ans Licht gebracht. Sie hatte sie von der Mehrzahl ihrer Gliedmaßen befreit – das Splittern ihrer Knochen pocht unaufhörlich in seinem Schädel, was sie erbärmlich und unwürdig erscheinen lies, während sie sich jaulend und winselnd auf den ihnen verbliebenen Stümpfen davon schleppten.

Erst danach war sie ihm persönlich gegenüber getreten.

Ihre Statur war zweifelsohne imposant. Fast um das doppelte größer als die schmächtigen Körper ihrer Mitläufer.

Geifer troff in langen Fäden ihre schwarzen Lefzen hinunter, als sie die fingerlangen Zähne bleckte. Außer dem tiefen Knurren aus ihrer Kehle waren alle Geräusche innerhalb der Senke verstummt.

Selbst der Wald schien den Atem anzuhalten, als die Kämpfer sich für die alles entscheidende Konfrontation bereit machten. Er starrte ihr unverwandt in die Augen. Verleitete sie zu einem schnellen überhasteten Angriff.

Tief lasen die Kontrahenten durch die Augen in den Seelen ihres Gegenspielers. Die mächtigen Bäume ringsum – Zeugen des ewigen Kampfes zweier unvereinbarer und sich im Grunde des Wesens doch so ähnlicher Spezies.

Die Muskeln der Wölfin waren angespannt. Ihr Körper strotze noch immer vor Kraft; trotz der mageren Wochen die hinter ihr lagen. Seine Axt war für sie bereit. Wartete erhoben über seinem Kopf. Ein letztes Mal knurrte sie, um ihn einzuschüchtern. Und sprang …

Er hatte ihren Flug richtig berechnet. Im letzten Moment wich er zur Seite hin aus und sie flog dicht an ihm vorüber. Erwischte ihn nur mit ein paar Krallen am Rücken.

Er trennte ihr mit einem einzigen Hieb seiner Axt den Kopf vom Körper, kaum dass sie wieder festen Boden unter sich hatte.

Ein Schrei der Urkraft entfuhr seiner ausgedörrten Kehle, als er ihr stolzes Haupt an den Ohren packte und den steilen Hang hinab rollen lies. Ihre Meute, bestehend aus drei weiteren, eingeschüchterten Exemplaren, war bei diesem Anblick zwischen die Bäume geflüchtet, hinter denen er sie des Nachts verloren heulen hörte.

 

Staub und Blut.

Er betrachtet das Rot, welches den dünnen Stoff seiner Weste durchtränkt, als könne er darin das Schicksal der Welt heraus lesen. Doch zu solch übermächtiger Leistung wurde er nicht geschaffen. Nicht einmal seine eigene Zukunft steht ihm klar vor Augen. Kaum der nächste Tag, die kommen- den Stunden sind ihm gewiss.

Es war schon immer so. Er kennt es nicht anders.

Von den Wölfen droht kaum noch Gefahr. Dies sagt ihm die Erfahrung. In viel größerem Maße beunruhigt ihn das Unwetter, welches für seine Begriffe viel zu rasch zwischen den drei westlichen Bergspitzen herauf zieht. Die Wolkenmassen, welche zum Abend hin Regen und Blitze bringen werden und wilden Donner.

So hoch oben in den Bergen ist dies mitunter gefährlich. Er weiß, er muss sich trotz seiner Verwundung beeilen, den Kamm des Berges zu erklimmen. Rauf zur Spitze, sehen was dahinter liegt.

Die mit Geröll und erloschener Schlacke übersäte Flanke des inaktiven Vulkans bietet kaum ausreichend Schutz vor den Kraftakten und Zwistigkeiten launischer Götter.

Der Mann, der Zev genannt wird, und außer seinem Namen nichts über sich oder seine Herkunft weiß, nippt an seiner roten Hand und setzt gedankenversunken seinen Aufstieg fort. Dabei kneift er mürrisch die Augen zusammen; als bedeute zu viel zu sehen Schmerz.

Doch dies ist nicht der einzige Grund, der ihn in sich gekehrt und in düsteren Stimmungen schwelgend, weitermarschieren lässt.

Es ist der Geschmack seines Blutes – und was dieser offenbart:

Sie ist ganz in der Nähe.

Wartend. Beobachtend.

So wie Sie immer da ist. Immer wartet.

Er hat keine Chance ihr zu entkommen. Mag er auch noch so schnell voranpreschen.

In zwei, drei Tagen wird sie ihn eingeholt haben. Es wird zum obligatorischen Kampf kommen.

Wie jedes Mal, fragt er sich auch jetzt wieder, welche Chancen er hat.

Immerhin, ein paar Stunden, ein paar Tage, bleiben ihm. Es gilt sie so gut als möglich zu nutzen.

Der Geruch verbrannten Fleisches, in der kräftiger werdenden Brise, verleitet ihn schneller zu gehen.

Unter den Wolken, stumm, im lauen Aufwind über den Tälern, kreisen mächtige Raubvögel auf der Suche nach Aas.

 

*

 

Die Niederlassung, die er vorfindet, gründet sich auf ebenmäßigem Terrain. Eingegraben in einen Kessel weiterer Erhebungen; zahnartig von Nordosten bis Süden erstreckend.

Einzelne Kiefernhaine prägen das Bild außerhalb der gut drei Dutzend Zelte, die sich einer Schnur gleich beidseitig des schmalen Baches angeordnet haben, der hier für kurze Zeit oberhalb der Erde sichtbar wird.

Die Zelte sehen trotz ihrer Höhe kaum komfortabel aus. Einige bieten jedoch deutlich mehr Raum als andere. Vor die Öffnungen haben einige der Bewohner Felle und Häute von Bergrindern und Felsziegen gespannt, um die im Winter herrschende Kälte und im Sommer sengende Hitze so gut als möglich abzuhalten.

Zev ist sich durchaus der Tatsache bewusst, das seine Ankunft diese Menschen aus ihrem routine- mäßigen Alltag aufgeschreckt hat. Meist verbinden einsiedlerische Stämme die Ankunft eines Fremden mit nahendem Unglück. Er weiß dies aus Erfahrung.

Nicht wenige der Bewohner blicken missgelaunt. Versuchen jedoch nicht ihn aufzuhalten, als er sich auf dem zentralen Weg durch die Niederlassung bewegt. Seiner ersten Einschätzung nach handelt es sich bei diesen Menschen kaum um eines der gewöhnlichen Bergvölker, wie sie in dieser Gegend recht häufig anzutreffen sind. Die Männer sind dafür eindeutig zu hochgewachsen und weisen in ihrer Größe einen überdeutlichen Unterschied zu ihren kleineren Frauen auf. Ihre Haut, von dunkler lederartiger Beschaffenheit, spiegelt denselben wetterabhängigen Verschleiß wider, wie ihre Augen, welche vom Starren in die Ferne leergebrannt und stumpf erscheinen. Doch ist er kein Fachmann was Völkerkunde anbetrifft und es ist ihm auch einerlei.

Die Menschen tragen eine einfache Kleidung unter dicken fellartigen Mänteln und derbes, für die Berge zurechtgemachtes Schuhwerk. Ihre Köpfe sind von verschiedenfarbigen Turbanen bedeckt, welche wohl den Stand in ihrer Gesellschaft anzeigen und worunter rot und weiß die am häufigsten anzutreffenden Farben darstellen.

Manche der Männer und Frauen sitzen an Lagerfeuern neben ihren Zelten und rösten Bratspieße mit Ziegenfleisch in den Flammen. Der aromatische Duft herber bergländischer Gewürze liegt in der Luft. Weinschläuche aus Tierhaut wandern von Hand zu Hand und ihr Inhalt in offenstehende, nur wenige Zähne beherbergende Münder.

Das Gemurmel welches die Leute veranstalten, wenn er vorüber ist, entgeht seinem angegriffenen Geist keineswegs. Die Blicke, die sie ihm zuwerfen sind jedoch kaum als aggressiv zu werten. Zumindest nicht unmittelbar.

Ein paar der älteren Frauen sitzen auf dem Boden und flicken, miteinander schwatzend, die robuste Kleidung ihrer Männer. Junge Burschen üben sich abseits in einem harmlosen Schwertkampf und wirbeln eine Staubwolke nach der nächsten auf.

Im Zentrum der Siedlung wird es lauter, lebendiger. Ein Esel erledigt sein Geschäft mitten auf dem Weg. Hühner suhlen sich gackernd im Sand zwischen den Zelten. Zwei stattliche Pferde fressen, angebunden an einen Holzpflock, Heu aus einem Trog. Zum Trocknen an gespannten Seilen aufgehängte Kleidung flattert geräuschvoll im Wind.

Eine junge Frau vor dem Eingang eines Zeltes hebt plötzlich ihren Arm und winkt in Zevs Richtung, um inmitten des Trubels seine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Hey du«, ruft sie, über den Lärm hinweg: »Starker Mann. Komm her zu mir!«

Zev folgt der energischen unerwarteten Aufforderung und tritt näher an die Frau heran.

Die, schätzungsweise Mitte zwanzig, mit rotem langem Haar und grünen Augen, hält in einer bestimmenden Geste ihr Bergochsenfell zur Seite, auf dass der Eingang des Zeltes frei und das Innere verlockend und gemütlich erscheint.

Durch den Zustand seiner Wunde zur Wahllosigkeit verdammt, eilt er sich, ihrer Aufforderung nachzukommen. Sogleich fällt ihm die ungewöhnliche Schönheit der jungen Heilerin auf; als da wären ihre aus- ladenden Hüften, der verführerisch geformte Mund und die großen Brüste, welche der dünne Stoff ihrer Kleidung kaum verbergen kann.

Auch wenn ihre Augen ihn ob ihres merkwürdig trüben Glanzes beunruhigen, ignoriert er dies fürs erste.

Erst einmal drinnen, ist es gar nicht so unbequem, wie es von außen den Anschein erweckt. Jedenfalls hat er die Hälfte seines Lebens Nächte an schlimmeren Orten zugebracht. Ein ruhiger Platz auf weichen Decken und duftendem Heu, ein Dach über dem Kopf – was kann er sich in seiner derzeitigen Lage mehr erhoffen?

Die Frau bringt ihm Wein und etwas von dem köstlich schmeckenden Fleisch. Sie hat das dichte Fell vor den Eingang gezogen und die Helligkeit des Tages ausgesperrt. Während die letzten Licht- strahlen durch den schmalen Spalt zwischen Fell und Zeltwand auf die Bettstatt dringen, labt er sich und ruht.

Die junge Heilerin hilft ihm aus seiner Kleidung. Trägt die blutbesudelten Stoffe nach draußen, um sie zu waschen. Sie reinigt auch seinen Körper. Befreit anhand von Wasser und seidenen Tüchern die Haut vom Staub und Dreck des Berges. Seine Wunde wird untersucht und gesalbt. Er fühlt, dass sie ihr Handwerk versteht, dass ihre Pflege ihn vor dem Schlimmsten noch einmal bewahrt hat.

Ihre Gestalt erscheint zunehmend ätherisch und unwirklich, je länger sie sich in der seltsamen Dunkelheit des Zeltinnern umher bewegt. Seltene, intensive Duftwolken umhüllen jede ihrer Handbewegungen, vernebeln seine ohnehin angegriffenen Sinne zusätzlich.

Als das Gewitter losbricht, donnernd, rauschenden Regen mitführend, hört er auf dem Rücken liegend riesige Tropfen auf das straff gespannte Zeltdach trommeln. Fühlt sich erinnert an die aus dem Nichts kommenden, gefürchteten Steinregen in den Tälern von Kmur.

Mitten in der Nacht erwacht er. Spürt, wie sich jemand dicht an ihn heranschmiegt und eine Hand seine nackte Brust abtastet. Finger greifen nach seinem Medaillon, das mit einer Kordel um seinen Hals befestigt ist und schwer auf seiner Brust liegt. Wenig später ist sie auf ihm. Seiner Sinne noch immer entrückt, begreift er doch soviel, dass sie nackt ist. Seine Finger erfühlen die lockende Weichheit ihrer Haut, seine Zunge schmeckt die unerschrockene Zügellosigkeit ihrer Zunge.

Im Halbschlaf wird er von seiner Hose befreit. Nahezu willenlos von ihr ertastet. Ihre Präsenz hüllt ihn ein, webt eine Aura exotischer Düfte um ihn. Ein unsichtbares Netz, dem er sich nicht entreißen kann. Sie bezirzt seine Lust. Verführt seine Lenden. Macht ihn sich untertan, auf jede nur erdenk- liche Art und Weise. Sie steckt ihn tief in sich hinein. Bestimmt den Rhythmus. Er ist viel zu schwach für sie. Kann bestenfalls reagieren, aber nicht mehr.

Seufzend, stöhnend, flüstert sie unverständliche Worte an seinen Lippen, die für ihn keinen Sinn ergeben.

Hexe!, schwarzer Zauber!, spukt es ausweglos in seinem Schädel, derweil die übrigen Zelte im Zentrum des Unwetters unkenntlich werden.

 

*

 

Er schläft bis tief in den Tag hinein. Träumt und deliriert abwechselnd. Wird unsanft wachgerüttelt von der Hand der Heilerin, die ihm bedeutet aufzustehen und mit ihr nach draußen zu kommen.

Nur mit seinem Lendenschurz aus Berglöwenhaut bekleidet, der ihm bis zum Oberschenkel reicht, tritt er ins Freie. Die Sonne steht hoch am Himmel. Die wenigen Wolken haben sich weit zergliedert.

Eine Traube von Menschen hat sich in einigem Abstand halbkreisförmig um das Zelt versammelt. Neugierig starren sie ihn an. Kinder und junge Männer ebenso wie Frauen und ihre Ältesten. Hinter ihm tritt die Heilerin aus ihrer Behausung und postiert sich dicht, wenn auch nicht direkt, neben ihm.

Gemurmel wird laut, als sich die Menge teilt und zwei Männer ausspuckt, die entschlossen auf ihn zuschreiten.

Großgewachsen, mit feisten Gesichtern und schwarzen Turbanen kommen sie näher. Ihre Ohrläppchen sind mit Reihen goldener Ringe durchstochen, dichter Bartwuchs trennt Oberlippe und Nase voneinander und setzt sich, wie dies bei so mancher Ziege üblich ist, über das Kinn hin fort. Offensichtlich genießen sie hier gesonderte Autorität.

Schon auf den ersten Blick kann er sie nicht ausstehen. Ihre Augen sind schwarze seelenlose Löcher, direkt aus der Unterwelt.

»Du«, sagt der vordere der beiden in strengem Ton: »Nenne uns deinen Namen!«

Der Mann blickt ihm geradewegs in die Augen. Er starrt zurück. Es ist der gleiche Blick den er auch bei dem Wolf angewendet hat. Der Ton mit dem er aufgefordert wird, stößt ihm bitter auf. Er kennt diesen Klang. Hat ihn schon hunderte Male gehört, quer über den ganzen Kontinent verteilt: Die unverhohlene Aggression, die fehlende Selbstbeherrschung.

Ein Ton den seine Gegenüber anwenden, bevor ihnen der Schädel gespalten wird.

Andererseits sieht er sich für die letzte Nacht auch bei ihnen in der Schuld.

»Man nennt mich Zev«, antwortet er schlicht, einen Großteil seines Grolls hinunterschluckend, »und ich mag es nicht, geweckt zu werden!«

»Zev … Zev«, wiederholt der zweite der schwarzen Turbanträger, dicht hinter dem ersten stehend, als versuche er durch die Wiederholung seines Namens Macht über das Objekt gewinnen.

»Du kommst nicht aus dieser Gegend. Das sieht ein Blinder. Verrate uns, was führt dich in diese verlassenen Berge?«

Die Heilerin an seiner Seite scheint seinen inneren Konflikt zu spüren. Sie nähert sich ihm, streicht mit ihrer Hand entspannend über seine Schultern und den Nacken. Ohne ihr Beachtung zu schenken, lässt er sie gewähren.

»Ich bin auf der Suche nach etwas… Etwas, was nur mich angeht … Komme aus dem Westen, von Jaellland, will Richtung Süden!«

Der andere verzieht sein Gesicht zu einem Grinsen. Seine Lippenbewegungen, in denen Missbilligung und geheucheltes Verständnis eine möglicherweise echte Freundlichkeit nicht in dem Maße überspielen, dass es einen Axthieb rechtfertigen würde, vollführen eine wahre Meisterleistung.

»Ahh, ich verstehe«, sagt er. »Du willst uns nicht verraten, wonach du suchst. Was natürlich dein gutes Recht ist.

Machen wir uns doch nichts vor: Wir alle haben unsere Geheimnisse.« Dabei breitet er die Arme vor sich aus, die offenen leeren Handflächen entwaffnend nach oben zeigend. »Doch sag mir, wie gedenkst du uns deine Heilung und die dir gegebene Nahrung zu vergelten, die wir dir so großzügig und ohne zu hinterfragen gewehrt haben?«

Zev schnaubt. Spukt einen Batzen Schleim neben sich in den Sand, dicht neben den Fuß seines Gegenübers, worauf diesem für einen flüchtigen Moment die Maske zu verrutschen scheint. Diese plumpe Überleitung bringt ihn fast zum Lachen. Doch damit hatte er ja rechnen müssen.

Geld besitzt er zur Zeit kaum. Die wenigen Taler reichen nicht einmal als Ausgleich für das Fleisch, geschweige denn für die Heilung seiner Wunde. Er wird das merkwürdige Gefühl nicht los, dass der Andere über diesen Umstand bestens informiert ist. Er sieht zu seiner Schulter und der Heilerin, die ihren selbstverliebten Blick etwas zu rasch abwendet.

»Wir wollen nichts, was du nicht besitzt, Zev«, kommt ihm der andere einschmeichelnd entgegen. »Wir sind keine Unmenschen. Dein Geld besitzt hier oben ohnehin keinen Wert.« Er schwenkt die Arme in einer Geste, die das trockene Land mitsamt seinen verkrüppelten Bäumen und Vulkanen miteinbezieht.

»Jasmina hier, wies mich darauf hin, dass du ein interessantes Medaillon bei dir trägst … Wir dachten … vielleicht …«

Ohne es zu ahnen, hat der Fremde seinen wunden Punkt getroffen. Mit einer unsanften Bewegung befreit er sich von den Händen der Heilerin und tritt dem Mann entgegen. Kurz bevor es zur Berührung kommt, bleibt er stehen. Der Andere reicht ihm trotz seiner Größe nur bis zum Halsansatz.

Die Menge ringsum scheint einen Schritt zurückzuweichen. Der zweite Mann lässt Zev sein breites Krummschwert sehen, welches deutlich sichtbar in seinem Gürtel steckt.

»Das Medaillon ist unverkäuflich«, knurrt er.

»Nun, ganz wie du willst«, fährt der Anführer beschwichtigend fort und weicht kaum merklich einen Schritt zurück. »Ganz wie du willst!

Eventuell gibt es da eine andere Möglichkeit, mit der du uns einen Gefallen erweisen könntest. Du scheinst dafür ja genau der richtige Mann zu sein!«

Der Mann mustert seine Gestalt wie ein Stück Marktvieh. Sein voyeuristischer Blick wandert über Zevs Muskeln und sein kantiges Äußeres. Ohne Zweifel, seine Statur gehört zum Erstaunlichsten, was diese Gegend seit langem zu sehen bekommt.

»Die Belohnung ist hoch, wenn du die in dich gesetzte Aufgabe erfüllst.«, fährt er fort. »Wir erlassen dir nicht nur all deine Schulden, wir geben dir ebenfalls soviel Proviant, wie du nur tragen kannst. Außerdem … Jasmina hier, würde sich wirklich gerne um dich kümmern, bis du für deine Aufgabe bereit bist, … wenn du verstehst, was ich meine?«

»Wo liegt der Hund begraben?«, fragt Zev. Er ist kein besonders geduldiger Mann. All das klingt in seinen Ohren viel zu verlockend, um ohne Haken zu sein. »Raus damit!«

»Es sind die Katakomben!« Diesmal ist es Jasmina, die spricht, nicht sein Gegenüber.

»Sie befinden sich nicht weit entfernt auf dem Berg.« Sie deutet einen der sie umstehenden Gipfel hinauf. »In ihnen … in ihnen geht etwas um …« Ihre Augen sind schmale Schlitze, wandern von ihm zu ihrem Anführer und wieder zurück.

»Etwas, das unsere Kinder tötet.«, fährt der Mann fort. »Das schwache Frauen und Männer verschleppt, wenn sie dem Ort zu nahe kommen. Das sie, falls überhaupt, nur als Leichen wieder heraus lässt … Viele haben wir schon verloren. Jeden Monat verlieren wir zwei weitere. Unsere einstmals große Gemeinschaft ist zusammengeschrumpft zu jenem erbärmlichen Haufen, den du hier siehst!«

Zev blickt sich unter den Leuten um. Die Gesichter der meisten sind der Erde zugewandt, als schämten sie sich für das eben gesagte.

»Alles was man von ihnen findet, sind ihre ausgeblichenen Knochen auf dem Westhang unter der Ruine. Oft zu Staub zermahlen, noch häufiger aufgebrochen und ihres Marks beraubt! Es geht schon viel zu lange so.«

»Warum geht ihr nicht von hier fort, wenn es so schlimm ist?«, fragt er sie. »Warum verlasst ihr nicht diesen unmenschlichen Ort?«

»Wir sind ein stolzes Volk«, mischt sich der zweite Mann, der sich bisher zurückgehalten hat ein. »Wir lassen uns nicht einfach von irgendetwas vertreiben. Hier ist wo wir sein wollen, also bleiben wir!«

Die umstehende Menge scheint dem Gesagten beizupflichten, wenn auch ohne übermäßigen Elan. Unruhiges Gemurmel wird laut. Irgendetwas scheint die Gemeinschaft zu spalten.

»Ich soll also an eurer statt in die Katakomben eindringen und euch von der Bestie befreien. Sie töten. Ist es dass, was ihr wollt?«

»Jaaa, töte die Bestie für uns. Töte die Bestie!«, flüstert der Mann vor ihm sichtlich erregt. »Dann sind alle deine Schulden beglichen …«

Erneut spürt er die Hand der Frau auf sich. Ihre Augen sind wieder weiter geöffnet. Ihre Lippen ebenso.

»Ruhe dich noch einen Tag aus«, sagt sie, damit du vollständig bei Kräften bist. Dann erfülle dein Schicksal starker Mann!

Ich werde mich heute Nacht um dich kümmern, dir alles erzählen, was du wissen musst.«

 

Die beiden Männer machen ihm Platz. Die Menschen gehen zu ihren Zelten zurück. Alle scheinen mit diesem stillschweigenden Übereinkommen zufrieden.

Zev schaut in die angegebene Richtung, in der sich die angeblichen Katakomben befinden. Sein Wesen ist sich uneins. Sein Geist unwirsch …

»Mir knurrt der Magen«, herrscht er die Heilerin an, als diese erneut ungefragt die Finger nach ihm ausstreckt.

Erschrocken zuckt sie zusammen, was ihn mit Genugtuung erfüllt. »Bring deinem Retter mehr Fleisch!«, fletscht er die Zähne. »Oder wollt ihr mich verhungern lassen?«

 

*

 

Kurz nach Sonnenaufgang verlassen vier Gestalten das Dorf.

Der Anführer, mit dem Zev gestern das Gespräch führte, wird begleitet von zwei weiteren, mit Krummschwertern und mürrischen Gesichtsausdrücken bewaffneten Männern.

Dichte Nebelschwaden wabern über dem dunklen erdigen Boden der ansteigenden Hänge, wo sie sich in den Wirrungen hervorgebrochener Baumwurzeln sammeln und festsetzen. Die Stimmung der Männer ist beinahe ebenso kühl wie das Wetter. Der Optimismus des vergangenen Tages, des Paktes im Sonnenlicht, ist einer spannungsgeladenen Stille gewichen, die jeden Augenblick durch ungerichtete Aggressivität durchbrochen zu werden droht. Alle sind nervös. Alle sind mit den Nerven am Boden. Alle außer Zev, dessen Gedanken momentan mit ganz anderen Dingen zu Gange sind.

Die beiden Schwertträger haben rasch die Führung übernommen. Zev und ihr Befehlshaber folgen ihnen in einigem Abstand.

Die sich immer häufiger aus dem Nebel herausschälenden Bäume sind dünn und ausgebleicht wie Knochen. Wenige welke Blätter hängen an ihren weißen Ästen, gleich abgestorbenen verdörrten Fleischfetzen. Die Sicht auf den Himmel ist komplett verdeckt, seit sie in eine niedrig hängende Wolke eingetreten sind. Überall hängen Wassertropfen. An den Ästen, auf den langen flechten- artigen Moosen der glitschigen Felsen, an ihnen selbst.

Zev denkt an die Heilerin, mit der er die Nacht verbracht hat. Ihre Erzählung über die Ruinenstadt Vuuh Quepond, zu der er nun unterwegs ist, und das Böse, dass in diesen Bergen lebt.

Sie sagt, dass dort einst eine prächtige Stadt gestanden haben soll. Erbaut von einem wandernden Volk aus dem hohen Norden, den Kyphten, die, vertrieben von ihrem eigenen Grund und Boden, hier oben einen neuen Anfang suchten. Viele Jahre arbeiteten sie an der Errichtung ihrer Stadt und verdreifachten während dieser Zeit ihre Einwohnerzahl. Später gehörte sie zu den höchsterbauten menschlichen Niederlassungen im ganzen Land und war für ihren friedvollen und gastfreundlichen Ruf weithin bekannt.

Die Bewohner waren sanfte Menschen, die die umliegenden Hänge und Regionen mit mitgebrachten Gemüsesorten bebauten und das Land kultivierten. Die fruchtbaren Böden der durch die Feuer der vulkanischen Aktivitäten verbrannten Erde erwiesen sich als wahre Goldgrube für ihre Zwecke.

Ihr Ruf dehnte sich rasch über die Grenzen des Landes hin aus und sie begannen mit den von ihnen erzeugten Waren Handel zu treiben. Zuerst versorgten sie einzelne Reisende, die durch die Gebirge zogen, dann ganze Karawanen. Die Zukunft der Stadt schien gesichert. Doch dann kam es zu einem unerwarteten Unglück, dass alle Bewohner und die ganze Stadt über Nacht vernichtete und in Schutt und Asche legte. Worin dies Unglück bestand, wusste niemand mehr zu sagen. Vielleicht ein Erdbeben, welches von einer üblen Laune der Götter entfacht wurde, oder aber ein Feuerriese, der plötzlich und unbarmherzig über das Land kam. Keiner von ihnen konnten sich retten. Auf diese Zeit standen die Ruinen viele Jahre lang unbewohnt. Niemand wagte sich in die Nähe der verfluchten Stadt.

 

All dies berichtete sie ihm äußerst bereitwillig und in farbigen Einzelheiten, bevor er sie mit ebenso großer Bereitwilligkeit genommen hatte. Und diesmal war er nicht so passiv. Das Abendmahl war gut und reichhaltig gewesen, hatte ihm die nötige Stärkung verliehen vollständig zu gesunden.

Er vermutete das seine schnelle Heilung sicher nicht ohne Zauberkräfte zustande gekommen war. Doch auch wenn er einen Groll gegen Hexerei an sich hegte, war sie ihm diesmal recht willkommen.

Nachdem er sie über eine Stunde heftig geliebt hatte, lagen sie erschöpft und schwer atmend im Heu und auf den Decken in der Dunkelheit. Während des Aktes war ihm für einen kurzen Moment die Kontrolle entglitten; er hatte gespürt, wie die Frau, die ihn verfolgte, wieder näher gekommen war. Ihm war schwindelig geworden. Er konnte das Kratzen ihrer Fingernägel auf dem Schorf seiner Wunde fühlen, so dicht war sie ihm bereits auf den Fersen.

Die Heilerin unter ihm musste dies bemerkt haben. Denn als schon fast der Morgen graute, fragte sie ihn danach.

Er wich ihr aus. Sagte, er laufe vor niemandem davon. Er redete nicht gern über seine Ängste, schon gar nicht mit dieser verlogenen Hexe, die sichtlich mehr verbarg, als sie offenbarte.

Doch sie blieb hartnäckig, was ihn zutiefst ärgerte. Was ihn gegen sie aufbrachte.

»Ich habe dein Blut gekostet«, gestand sie. »Als du mich von hinten nahmst, wie es nur die wilden Barbaren tun, wie es mir jedoch gefällt, und dich dann ausruhtest, trat ein Tropfen aus deiner Wunde aus. Ein einzelner nur, den ich mit meiner Zunge gierig aufleckte. Schau nicht so vorwurfsvoll! Ich nehme mir, was ich kriegen kann, so wie du es auch tun würdest. Doch damit stimmte etwas nicht. Das Blut war nicht das Blut, welches ich von dir erwartet habe. Es war … so salzig. Es war anders. Fremd.

Und du hast im Schlaf gesprochen. Von Grauen gepackt. Deine Stimme, … so voll Angst. Sag mir: Vor wem fürchtet sich ein Mann wie du?«

Da hatte er sie von sich gestoßen und war aufgestanden. Sie hat kaum versucht ihn zurück zuhalten, doch als er hinausging, glaubte er ihr trotziges Kichern zu hören.

 

 

Die dürren Bäume bleiben mit dem Nebel zurück. Werden von größeren, knorpeligen Exemplaren abgelöst, deren mit Flechten überwachsene Rinde sich farblich der grüner werdenden Umgebung anpasst.

Der Boden ist jetzt mit Unmengen von Moosen und kniehohen Farnen bestanden. Die Luft deutlich wärmer.

Hin und wieder hört man den schallenden Ruf eines unsichtbaren Vogels, sie weder warnend noch verspottend, durch den Wald dringen. Schwärme von Fliegen tanzen im Sonnenlicht, welches fächerartig zwischen den Ästen hindurch bricht.

Sie gelangen zu einer großen Lichtung, wo die Vegetation deutlich die Oberhand gewinnt. Der Himmel ist wieder klar und das Licht der Sonne erscheint beinah golden zu dieser Stunde.

Grob behauene Gesteinsbrocken, welche von gewaltigen unbekannten Kräften hierher geschleudert wurden, liegen kreuz und quer über die Ebene verteilt.

Die drei Männer aus dem Dorf teilen ihm mit, ab hier nicht weiter zu gehen. Sie lassen sich, ihre Rücken an grobe Steine gelehnt, nieder und reichen sich ihre Trinkschläuche.

»Dort musst du hinauf«, bedeutet ihm der Anführer und zeigt mit seiner Hand weiter nach Westen, zwischen teilweise stehen gebliebene Mauerreste, die steil vor einer grauen Bergwand aufragen. »Dort wirst du finden, was du suchst!«

Zev blickt in die angewiesene Richtung.

Wenn er bis zum Mittag nicht zurück sei, würde man mit mehr Männern aus dem Dorf wiederkommen und ihn suchen, versichern sie ihm, womöglich um sich besser zu fühlen.

Leere Versprechungen.

Ihre gerunzelten Stirnen und der zu Boden gewandte Blick entlarven sie als feige und unehrenhaft.

Womöglich ist es ihr verletzter Stolz, der gegen ihre Furcht vor diesem Ort das Nachsehen hat, was sie mürrisch und wie gebrandmarkt aussehen lässt.

Feiglinge, denkt Zev. Vier Mann sind mehr als einer. Ein räudiger Straßenköter hätte mehr Mut als sie. Am liebsten würde er sie packen und mit sich zerren. Sie dem Feind zum Fraß vorwerfen.

Doch er belässt es bei ihrer Entscheidung.

Bleibt unnatürlich gelassen, worauf sie ihm den Segen ihres Gottes wünschen.

Wortlos wendet er sich um. Geht, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen davon. Mit schnellen Schritten schreitet er aus. Entschlossen sich keine Blöße zu geben.

Nicht ihretwegen hat er Mitleid walten lassen.

Es ist die Macht die diesem Ort innewohnt, die ihn zwingt, sich auf sich selbst zu konzentrieren.

 

*

 

Also wieder allein. Auf sich gestellt. So wie er es am Liebsten hat.

Die Überreste der zerfallenen Stadt nähern sich ihm wie ein Rudel hungriger Wölfe zwischen den Bäumen. Umstehen ihn von allen Seiten. Schließen ihn ein in ihrer Mitte und verwehren ihm so einen leicht einzusehenden Fluchtpunkt.

Von allen Seiten starren sie auf ihn hinab: uralte, in Stein gemeißelte, unvollständige Gesichter. Fragmente des Lebens; meist bis zur Unkenntlichkeit beschädigt. Entweder sind es nur ihre Köpfe oder Teile des Oberkörpers, Beine oder abgerissene Arme, die er vorfindet. Kaum eine der Darstellungen hat die Katastrophe unbeschadet überstanden.

Dafür stößt er auf allgegenwärtige Brandspuren. Geschwärzte Wände, versengte Erde und ausgeräucherte Behausungen. Gerippe alter Hütten, die wie Knochen aussehen. Fast erweckt es den Anschein, es wäre in diesen Mauern zu einem enormen Kampf gekommen. Zu Konflikten und totaler Vernichtung.

Er entdeckt einen alten Steinbrunnen, vom Zahn der Zeit mit Moosen und Flechten überzogen. Sieht dunkel widerspiegelnd sein Gesicht, in der düsteren bodenlosen Finsternis zu ihm empor starren.

Ein Stück weiter verschwindet er in den Ruinen eines zerstörten Turms, der noch immer viele Baumlängen in die Luft ragt. Krähen fliegen schreiend von den eingestürzten Zinnen und er folgt ihrem Flug eine Weile mit seinen Augen, als wäre es ihm möglich in ihrer Bewegung ein Zeichen zu deuten.

Die Treppen nach oben hin sind eingestürzt und unbrauchbar, doch jene nach unten, unter die Erde, sind noch immer vorhanden. Der Eingang der Katakomben liegt offen vor ihm, ganz wie die Heilerin ihm diese Stelle beschrieben hatte.

Während er die beiden Schneiden seiner Axt auf ihre Schärfe prüft, hat die Sonne den höchsten Stand des Tages erreicht. Heiß bescheint sie seinen muskulösen Rücken und die nahezu verheilte Wunde.

Ein letztes Mal tief einatmen. Ein letztes Mal alle Kräfte bündeln.

Ohne die Gnade eines Gottes anzurufen, steigt er die vom Regen und Wind ausgehöhlten Stein- stufen hinab, welche ihn in das einstige Herz Vuuh Queponds geleiten.

 

Schon nach wenigen Schritten sinkt die Temperatur deutlich. In der Luft liegt ein feuchter schimmliger Beigeschmack, der sich mit einer intensiven animalischen Note verbindet.

Frische und vergammelte Kotspuren auf dem Boden entlarven ein regelmäßig genutztes Areal. Führen ihn durch den ersten Durchgangsbogen und dahinter durch viele weitere, immer tiefer hinein ins Gemäuer. Einige der tragenden Wände sind eingestürzt und ihre Decken mit ihnen. Andere werden nur noch aufgrund einiger weniger Stützstreben oben gehalten.

Jedes Geräusch der Welt ist hier unten verstummt. Das natürliche Licht ist zunehmend geschwunden. Nur durch strategisch positionierte Reflektoren, in Form glänzender Metallschilder, welche die einstigen Stadtbewohner breit verteilt hier unten aufstellten und mit deren Hilfe sie Sonnenstrahlen Schritt für Schritt in die Tiefe leiteten, ist es ihm überhaupt möglich noch etwas zu erkennen.

Ab und an hört er ein heimliches Rascheln, ein Hinwegwuseln aus den helleren Bereichen der Katakomben. Doch etwas Handfestes, etwas Eindeutiges abseits der Schatten, ist nicht auszumachen.

Ganz plötzlich beginnt es unter seinen Füßen zu knirschen und zu krachen. Er braucht gar nicht erst nach unten zu blicken, um zu begreifen, um was es sich dabei handelt. Knietief watet er durch Felder aus Schädeln und Gebeinen.

 

 

Je tiefer er in die zerfallenen Katakomben hinabsteigt, desto mehr schärfen sich seine Sinne.

In vielen Jahren und hunderten ähnlich gefahrvoller Situationen geschult, entgeht ihnen nicht das unbedeutendste Detail. Nichts bleibt lange im Verborgenen. Kein Sinneseindruck wird auf die leichte Schulter genommen oder bleibt ohne mögliche Deutung.

Er mustert die steinerne Decke der großen Halle; die teilweise von Fäulnis und Moder angegriffen- en Holzbalken, zwischen denen sich gewaltige Baumwurzeln von der Oberfläche ihren Weg nach unten graben.

Hier und da tropft es aus aufgedunsenen Holzverstrebungen und Rissen im Gestein; eine allgegenwärtige Feuchtigkeit schwängert die Luft, welche auf das Vorhandensein eines unterirdischen Flusses oder Bachsystems hindeutet.

Auch die veränderten Darstellungen auf den Reliefs entgehen ihm nicht.

Denn es gibt sehr wohl Seltsames und Ungewöhnliches darunter, vergleicht man diese jetzt mit denen ein ganzes Stück weiter oben im Sonnenlicht. Es scheint beinahe als wollten die ehemaligen Bewohner der Stadt ihre wahren Gefühle, ihre echten Beweggründe für ihr so erfolgreiches Leben nicht jedem dahergelaufenen Durchreisenden mitteilen. Nicht jeder sollte auf Anhieb erkennen weshalb ihre Stadt so gut gedieh.

Zev betrachtet dunkle Rauchsäulen, die aus einer Reihe tiefer Erdspalten emporquellen. Grobkörnige Flecken und schattenhafte Wesenheiten ohne erkennbare Formen entsteigen schwarzen Kraterlöchern. Männer mit langen wallenden Bärten halten wurzelartige Stäbe zwischen sich und die ominösen Wesen, mit denen sie scheinbar in engem Kontakt stehen. Auf nebenstehenden Darstellungen brüten diese Hexenmeister über dicken uralten Büchern in ihren merkwürdigen unterirdischen Laboratorien, was Zev an infernalische namenlose Kulte denken lässt.

Er prägt sich alles ein. Versucht sich ein ungefähres Gesamtbild des Geschauten zusammenzu- setzen.

Besänftigten sie mit ihren Ritualen womöglich den Boden, die Erde selbst, um sie sich dienstbar zu machen?

Auch Felder mit Gemüse und große Erntefeste sind als Darstellungen erhalten geblieben, auf denen die Menschen scheinbar ihren Dank ausdrücken, indem sie großzügig einen Teil ihrer Gaben einem tiefen Erdloch überantworten.

Zev möchte noch weitere Bilder begutachten, als sein geschulter Instinkt Alarm schlägt.

Hinter sich hört er ein tiefes Knurren, welches noch im selben Atemzug in ein heißeres Grollen übergeht.

Blitzschnell wendet er sich um – im allerletzten Augenblick. Sein Körper weicht den klauenartigen Pranken eines Geschöpfes aus, welches beinahe doppelt so groß und drei Mal so kräftig ist, wie er selbst. Die affenartige Bestie kreischt ihren Zorn und ihre Wut darüber hinaus, dass sie ihn verfehlt hat. In ihrem grenzenlosen Hass holt sie erneut aus und Zev weicht überrascht zwei weitere Schritte zurück.

Beim dritten Versuch schließlich erwischt ihn das Biest: Schlägt mit seinen riesigen behaarten Handrücken gegen seine Brust. Fegt ihn nach hinten, sodass er gegen eine nahe Wand geschleudert wird, die seinen Stoß abschwächt und ihm die nötige Zeit verschafft, sich in die neue Situation einzufinden.

Die gelben Augen des Wesens beherbergen schwarze Pupillen, die ihn zornfunkelnd anstarren. Zev schwingt seine Axt und geht seinerseits zum Angriff über.

Die Wucht seines Hiebs verfehlt das Biest, weil es wendiger ist, als seine Statur dies erahnen lässt. Zwei weitere Angriffe Zevs verfehlen ihr Ziel. Gleichzeitig gelingt es ihm den monströsen Armen der Kreatur ein ums andere Mal auszuweichen.

Ein Schrei des Unglaubens entfährt dem zahnbewährten Maul der Bestie, als Zev durch die breiten Beine des Wesens hindurch gleitet und mit aller Wucht von Hinten zuschlägt. Die spitz gekrümmten Krallen fahren in ihre Scheiden und wieder hinaus, wie bei einer übergroßen Raubkatze. Erneut greift es an. Rennt Zev einfach um, der die Axt nicht schnell genug niedersausen lassen kann, um einen weiteren gezielten Treffer zu landen.

Stolpernd verliert er den Stand, rappelt sich aber sogleich wieder auf. Jede Sekunde Unachtsamkeit kann hier über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Das Wesen bewegt sich rasch auf allen Vieren. Ist schnell wie ein Leopard. Erst zum entscheiden- den Biss oder Hieb stellt es sich aufrecht auf die stämmigen Hinterbeine.

Zev hechtet zur Seite, als es aus dem Stand aus fünf Metern Entfernung auf ihn zu springt und die Erde, dort, wo er eben noch gestanden ist, durch die pure Masse der Kreatur eingedrückt wird.

Diesmal reagiert er schneller. Zielsicher schwingt er die Axt in Richtung Bestie. Leicht wie eine Feder zerteilt die Klinge die Luft. Ein Zzzziiiiiiisssscccchhhh ist zu hören, und dann ein abgehacktes Klaampff, als die Schneide durch das Fell des Arms in den Knochen und wieder hinaus fährt.

Die Kreatur schreit auf vor Entsetzen. Zev kann nicht anders als zu grinsen, als er die mit Blut und Fell verklebte Schneide seiner Axt mustert. Der rechte Arm der Bestie liegt blutend und noch immer zuckend am Boden. Ein roter Schwall schießt aus der neu entstandenen Körperöffnung, regnet fontänengleich über seine Gestalt. Das Wesen tauft Zev mit Blut.

Und obwohl es fast am Ende ist, schleppt sich das Biest in einem weiteren Versuch auf ihn zu; das offene Maul entblößt scharfe gebogene Reiszähne, die Zunge ist dünn und gespalten wie die einer Giftschlange. Schwarze Nüstern blähen sich in einem fellbedeckten wulstigen Gesicht.

Von dem Leben welches noch immer hartnäckig in ihm verweilt, derart überrascht, reagiert Zev nicht entschlossen genug, als das Biest seine verbliebene Klauenhand um seinen Hals schwingt und kraftvoll zudrückt.

Die Stärke des Wesens ist erstaunlich. Er kann nicht anders, als ihm leise seinen Respekt zu zollen.

Dann aber ist es genug. Zev will den Kampf endgültig beenden. Er reist die Axt hoch und bohrt sie von unten in den Kiefer des Wesens, worauf dessen Gesichtsausdruck die Form einer dümmlichen Maske annimmt. Langsam lockert sich der Griff der Kreatur. Sein Brüllen verkommt zu einem qualvollen Röcheln. Schließlich sinkt es zu Boden.

Zev erhebt sich und blickt auf den Körper zu seinen Füßen. Mit aller Kraft und Präzision holt er aus. Sein Hieb sitzt. Splitternd löst sich der Kopf der Kreatur von den Schultern. Holprig rollt er davon und bleibt in einer dunklen Lache des eigenen Blutes liegen.

 

Zum Verschnaufen bleibt ihm keine Zeit. Zwei weitere der Bestienwesen treten aus einem verborgenen Felsdurchgang ganz in der Nähe. Ihre Augen sind zornfunkelnd auf Zev gerichtet und auf den zerstückelten Körper zu seinen Füßen. Auf zwei Beinen, nebeneinander her, bewegen sie sich wie riesige Gorillas auf ihn zu; ihre langen Arme mit ausgefahrenen Krallen am Boden schleifend.

Zev zögert nicht. Trotz seiner angefachten Blutlust besitzt er die Schläue zu erkennen wann ein Rückzug einem offenen Schlagabtausch vorzuziehen ist.

Er wendet sich von der toten Kreatur ab und läuft in einen der freiliegenden Durchgänge hinein.

Die Wesen nehmen seine Verfolgung auf. Abschüssig windend führt sie der Gang noch tiefer in das labyrinthische System der Katakomben hinein.

Klackend streifen die Krallen der Kreaturen über nackten Steinboden.

Während Zev rennt, versucht er sich eine mögliche Taktik zurechtzulegen. Besonders schlau scheinen seine Verfolger kaum zu sein. Dafür jedoch finden sie sich hier unten wesentlich besser zurecht als er. Diese Gänge sind schließlich ihr Zuhause, während er allein auf seine Instinkte bauen kann.

In einem schmalen Gang, unweit einer Öffnung in ein weiteres großes Gewölbe, endet die Jagd.

Nicht ahnend, dass er genau diesen Ort für passend erachtet mit ihnen fertig zu werden, nähern sich die Geschöpfe.

Zev wartet. Hier ist es so eng, dass seine Gegner nur hintereinander und nicht gemeinsam angreifen können. Ein großer Nachteil, dem sie in ihrem blindwütigen Rausch keinerlei Beachtung schenken.

Seine Axt bearbeitet die Brust des Ersten in satten Strichen von links nach rechts. Rotes Blut spritzt gegen die Steinwände und besprenkelt sie mit dunkel glänzendem Schein. Zev malt mit der Axt Muster in den Körper der Bestie. Das Wesen heult, brüllt. Zev duckt sich und weicht geschickt den Attacken der langen Arme aus. Bevor das zweite Biest auch nur ins Kampfgeschehen eingreifen kann, fliegt der Kopf von ersterem auch schon nach hinten, gegen dessen Brust. Wie von selbst fängt die Bestie diesen auf und dreht und wendet den abgetrennten Kopf in ihren groben Klauenhänden, ohne wirklich zu begreifen, um was es sich handelt.

In diesem Augenblick der Unaufmerksamkeit wirft Zev die Axt.

Die Waffe dreht sich mehrfach um sich selbst und findet ihr Ziel in der hohen Stirnpartie der Bestie, die noch verdutzter zu Boden geht, als ihr Vorgänger.

Zev zieht seine Axt aus dem gespaltenen Schädelknochen und blickt sich um. Das Blut auf seinem Gesicht brennt heiß und läuft ihm über die Lippen und Mund seine Kehle hinab. Er sieht aus wie ein Wilder. Wie der Bote des Chaos selbst. Er fühlt sich herrlich. »Dies geschieht mit denen, die es wagen sich mit Zev zu messen«, ruft er und das Echo verbreitet seine Botschaft in den Gängen und Hallen der untergegangenen Stadt bis in jeden noch so fernen Winkel.

Als er berauscht von diesem Hochgefühl in die große Halle tritt, bleibt er jedoch wie angewurzelt stehen.

Mit der sich nun auftuenden Situation hat er kaum gerechnet.

 

Vier Gänge, jeder auf einer Seite, führen aus dem kuppelförmigen Raum hinaus. Drei von ihnen werden von jeweils zweien der Bestienwesen belagert, die knurrend und fauchend um das Vorrecht balgen ihn anzugreifen. Der vierte scheint frei – doch noch ehe er sich auf ihn zu bewegen kann, spürt er, dass etwas damit nicht stimmt.

Irgendetwas ist in diesem Gang. Blockiert ihn. Arbeitet sich langsam aber sicher in den kuppelförmigen Dom vor, dessen Wände und Decke von abbröckelnden Farben bedeckt sind, blau und grün und golden, welche sonderbare Szenen aus dem Leben der Stadtbewohner offenbaren.

Zev wird sich eines Geräusches bewusst.

Laute, als wenn sich etwas ungeheuer Schweres und Massiges dicht am Boden fortbewegt. Ein sich wiederholendes trockenes Knacken und Dehnen, ein Sich strecken und Zusammenziehen, durchsetzt von einzelnen zischelnden Tönen.

Die Bestien hören es ebenfalls. Sie werfen sich, wie Zev glaubt, unentschlossene Blicke zu; werden unsicher, wie sie sich verhalten sollen. Ihr Fell sträubt sich. Zwei von ihnen wollen sich offenbar sofort zurückziehen, werden vom Gruppenzwang aber an Ort und Stelle gehalten.

Und dann taucht das Wesen auf. Langsam und ohne Eile befreit es sich aus dem Gang. Es sind nur die ersten Meter von ihm, doch mehr braucht Zev nicht zu sehen. Es besitzt die Gestalt einer riesigen Wurzel oder Knolle. Hunderte durchsichtiger Fäden bilden an mehreren zusammengewachsenen Stellen einen dicken Fortsatz in Form eines grotesken Tastorgans, der sich die Umgebung sondierend in die Halle schiebt.

Stöbernd durchpflügt es die Erde. Die langen dünnen Tentakeln erinnern Zev an die Begegnung mit den gigantischen Tintenfischmonstren in den Meeren der nördlichen Hemisphäre, die ihn auch Jahre später noch aus so manchem Traum schauderhaft erwachen lassen. Die ledrigen Fangarme. Die ihn blendende, grelle Biolumineszenz.

Das Wesen schiebt sich zunehmend weiter in die Halle. Zwei, drei weitere Fortsätze gesellen sich zu ersterem hinzu. Brechen wie junge Triebe aus aufgeweichtem Erdreich hervor. Mittlerweile füllt es nahezu den gesamten Verbindungstunnel aus. Fluoreszierend leuchten die schlauchförmigen Kapillaren in der zwielichtigen Düsternis der Katakomben. Ein Licht das stetig heller wird, scheint den farblosen Gefäßen im Zentrum des gigantischen Organismus zu entspringen. Ein grelles Leuchten welches die Nacht zum Tage macht. Eine Sphäre des Lichts flutet den Raum vom Boden bis zur gewölbten Kuppeldecke; bewirkt dass die Bestienwesen eins nach dem anderen Reißaus nehmen.

Das Wurzelding scheint trotz seiner Masse, die beträchtlich sein muss, relativ harmlos zu sein.

Als die ersten dünnen Leuchtfäden Zevs Waden betasten, zucken sie nervös zurück, als fürchteten sie sich vor ihm. Er sieht wie andere Fortsätze tief in der Erde graben – womöglich sucht das Ding auf diese Weise nach Nahrung.

Zaghaft winden sich die Tentakelfortsätze nochmals an seinen Beinen hinauf. Soweit, bis er sie vorsichtig von sich löst und zu Boden legt.

Das Wesen besitzt keine Augen, arbeitet ausschließlich durch den Tastsinn. Abermillionen winziger Härchen stellen sich auf und durchfiltern die Luft nach feinsten Schwebeteilchen.

Ähnlich einem Pilz ernährt sich auch dieses Exemplar ausschließlich von Mineralien und Feuchtigkeit.

Und eben jene Mineralien sind es, folgert Zev, die, indem sie vom Wesen verarbeitet werden, diesen durchdringenden Glanz in seinem Inneren erzeugen.

Und nicht nur das. Zev wird Zeuge wie das Wesen aus hohlen runden Öffnungen seines Körpers dieses Material nach außen abgibt. Es leuchtet und glänzt und besitzt eine feste, überaus glatte Struktur. Bei zu dichtem Herangehen mit den Augen blendet es und verursacht für Sekunden eine kurze Benommenheit.

Zev möchte mehr von dem Material aufheben, um es zu untersuchen, doch plötzlich zuckt er zurück. Ein beißender Schmerz überkommt ihn.

»Aaaaarrhhh«, schreit er und fasst sich an die wie brennende Lende. Der Schweiß bricht ihm aus sämtlichen Poren. Er beginnt zu zittern. Sein Kopf dreht sich wild von einer Seite auf die andere. Er schreit aus Leibeskräften, weiß aber bereits, dass er den Kampf verloren hat. Die Knie geben nach. Sein Körper sackt in sich zusammen. Er ist wenig mehr als ein nasser Haufen; als gäbe es keine Knochen mehr, die ihn tragen.

Die Knochen …

Bäuchlings liegt er auf der Erde. Sämtliche Körperteile von sich gestreckt. Seine Arme zucken unkontrolliert, als würden sie von Krämpfen gebeutelt. »Neiiinnn. Nicht jetzt«, ruft er protestierend. »Nicht hier!« Der Zorn in seiner Stimme bleibt unbeachtet. Die Wut ungehört.

Seine Lider flattern. Ihm wird schwarz vor Augen. Die Finger krallen sich in die Erde. Sein Magen fühlt sich an, als stülpe er sein Innerstes nach Außen.

Zev keucht. Zev flucht. Bilder in seinem Kopf erwachsen aus seinem Unterbewusstsein und explodieren in unmöglichen Farben. Seine Axt liegt abseits auf dem Boden. Ist unerreichbar für ihn geworden. Wenn er doch nur …

Dann geht alles ganz schnell. Die Welt dreht sich gleich einem rotierenden rasenden Kreisel und verschwimmt. Vollkommene Formlosigkeit hüllt ihn ein.

Kurz bevor er ohnmächtig wird, sieht er noch, wie die Fühler des Wurzelwesens sich bebend in die Luft erheben. Eine hell leuchtende Gestalt steht dicht vor ihm und hebt einen langen dünnen Stab, mit dessen Ende sich die Fühler des Wesens verbinden.

Eine tiefe Stimme beginnt zu sprechen …

 

*

 

Was der Geist des letzten ermordeten Hexenmeisters Vuuh Queponds berichtete, bringt Licht in die geheimnisvolle Geschichte der Stadt. Was er offenbarte, gebiert Zorn.

Zwei der Männer, die hinter einer Mauer liegend Zevs Rückkehr erwarten, werden von spitzen Pfeilen aus sicherer Entfernung niedergestreckt.

Sie sind sofort tot. Der Dritte immerhin schafft es sich zu erheben und jeder Gedanke an Zevs Ermordung schwindet für Sekunden aus dessen Geist, währenddessen er nach diesem neuen Feind Ausschau hält. Doch auch der dritte abgeschossene Pfeil findet unerbittlich sein Ziel.

Ein einziges Mal dreht sich der Anführer noch um die eigene Achse, während er vergeblich versucht den Schaft des roten Pfeils aus seinem Hals zu ziehen, dann sackt auch er leblos in sich zusammen.

Unbeeindruckt von seinem Totentanz tritt die Bogenschützin aus ihrem Versteck. Geschmeidig wie ein junges Reh läuft sie dicht neben ihm vorüber. Ohne die Männer eines weiteren Blickes zu würdigen, verschwindet sie geräuschlos im Wald.

 

 

Im Zeltdorf angekommen, nimmt sie sich, was sie benötigt. Beachtet kaum die gaffenden Gesichter der Feiglinge und ihrer Familien, die einen einzelnen Mann vorgeschickt haben, um an die Schätze des Berges zu gelangen.

Lebensmittel und Wasser. Kleidung. Einen dicken Mantel packt sie ein.

In einem der Zelte wird auch der zweite Anführer seiner verdienten Strafe zugeführt. Er stirbt mit durchschnittener Kehle; die stumpfen Augen auf eine Truhe gerichtet, randvoll mit jener glänzenden Substanz, welche über Monate und Jahre der Stadt und seinem gigantischen Bewohner entrissen wurden.

Draußen bindet sie eines der Pferde los. Das andere jagt sie in die Wildnis. In den Taschen des Sattelzeugs verstaut sie ihre Habseligkeiten.

Wie sie es doch hasst, immer wieder aufs Neue nackt zu erwachen und nur ihre Waffen und das rätselhafte Medaillon vorzufinden, welche sie auf sonderbare Weise begleiten, wohin auch immer ihre Reise gehen mag.

Irgendwann, so schwört sie sich, wird sie auch für dieses Rätsel eine Lösung finden …

 

 

Schließlich stattet sie auch der Heilerin einen Besuch ab.

Die weicht zurück, als sie die große Frau mit dem Messer eintreten sieht. Wer ist diese atemberaubende Schöne, deren Gesicht von einem spöttischen Lächeln auf merkwürdige Weise entstellt wirkt?

Woher mag sie kommen, diese Fremde, mit ihrem langen braunen Haar und ihrem schlanken wohlgeformten Körper? Mit den schmalen aufeinander gepressten Lippen und den geheimnisvoll leuchtenden Mandelaugen, in denen kaum Helligkeit zu wohnen scheint.

»Wer bist du?«, fragt Jasmina, die Hexe, doch alles was sie als Antwort bekommt, ist ein seltsames Medaillon, glänzend, welches sich zwischen den Brüsten der Frau bei jedem Atemzug bewegt, als stecke es voller Leben …

 

Jasmina überlebt diese Begegnung.

Der Schwester der beiden getöteten Anführer wird lediglich ihre Schönheit genommen. Zwei rasche Striche mit der Messerklinge über ihr hübsches Gesicht, sind dafür mehr als ausreichend.

Auch der Rest der Gemeinschaft bleibt unversehrt. Bestehend aus Feiglingen und unehrenhaften Gesellen, wird sie sich bald in alle Himmel zerstreuen.

Das Wurzelwesen ist, obgleich nur durch die Anwesenheit wilder Bestien, die es selbst bis auf den Tod fürchten, zu gut behütet, als dass ihm ein Leid geschehen könnte. Und solange niemand sonst von seiner Existenz weiß, wird dies auch so bleiben.

 

*

 

Die Frau mit Namen Nyade verlässt auf dem Rücken des Pferdes das Dorf.

Nach kurzer Orientierung wählt sie einen der südlichen, weniger bewaldeten Hänge zum Abstieg. Sehr weit entfernt glaubt sie einen Fluss ausmachen zu können, der sich glitzernd und wie eine sich windende Juwelenschlange durch ein Tal zieht.

Die Sonne wärmt ihre Haut. Sie ist guter Stimmung, wenn auch noch etwas geschwächt.

Ihr Kampf war siegreich. Wie nicht anders zu erwarten. Das Blut in ihr ist zur Ruhe gekommen.

Jetzt gilt es zu handeln. Rätsel zu lösen. Dinge in Erfahrung zu bringen.

Denn schon bald wird der Mann zurückkehren, um ihr wegnehmen zu wollen, was sie besitzt.

Doch diese Zeit wird sich ankündigen. Wie stets werden die Zeichen lange vor der eigentlichen Schlacht zu lesen sein.

Das Blut wird sprechen …

 

In einem plötzlichen Anflug von Melancholie wendet sich Nyade ein letztes Mal zum Gebirge um. Ein paar schwarze Vögel kreisen krähend über den zerfallenen Ruinen von Vuuh Quepond. Fressen sich satt an hinterlassenen Körpern.

Ein weiterer Ort an dem sie wiedergeboren wurde. Ein weiterer Platz der ewigen Schlacht, den sie siegreich verlässt, um an einem anderen, noch Unbekannten, eine erneute Niederlage zu erleiden.

Nyade streichelt dem Pferd liebevoll den Hals. Das Tier stellt die Ohren auf und wartet auf die Befehle seiner neuen Herrin.

Ihr Blick geht nach vorn. Ihre Zuversicht verdrängt für eine Weile alle Zweifel. Entschlossen gibt sie dem Tier ihr Kommando.

Schnellen Galopps nähern sich beide der glitzernden Schlange.

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Erstellt: 23.12.2013, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58