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Die Kinder Húrins von J. R. R. Tolkien

Rezension von Christian Endres

 

Die Rückkehr der Kinder Húrins

– ein Klassiker aus Mittelerde in neuem Gewand

 

J. R. R. Tolkien hat die [moderne] Fantasy-Literatur wie kein anderer Autor geprägt. Völlig zu Recht gilt er als ihr Urvater, greifen doch auch heute noch viele zeitgenössische Autoren quasi permanent auf just jene Archetypen zurück, die der Professor aus Oxford aus seinem reichhaltigen Wissensfundus der Mythologie für die Fantasy kultivierte oder eben gar selbst erstmals in dieser Form für seine Werke über Hobbits, Elben, Orks und Zwerge schuf. Egal ob die klassische Multikulti-Heldengruppe, das dunkles Gezücht aus dem noch dunkleren Reich des entsprechend finsteren Herrschers oder selbst nur die allgemeine Völkerkunde, die Geographie oder die Sprache einer ersonnenen Welt – die Liste der Anleihen, die auch heute noch regelmäßig bei Tolkien und seinem beeindruckenden Gesamtwerk genommen werden, scheint schier endlos.

 

Es hätte nicht erst Peter Jacksons Blockbuster-Adaption des Herrn der Ringe bedurft, um John Ronald Reuel Tolkien und den von ihm inszenierten und in seinen Büchern gewissermaßen festgehaltenen Kampf zwischen Gut und Böse auf Mittelerde in den Fokus des allgemeinen Interesses zu rücken, doch hat es dem boomenden Tolkien-Franchise sicherlich nicht geschadet. So ist das Interesse an einem »neuen« Tolkien-Buch dieser Tage natürlich auch in den Medien recht groß. Doch nicht überall ist das Echo positiv, geschweige denn nur gerechtfertigt oder wenigstens noch wohl überlegt oder recherchiert.

 

»Die Kinder Húrins« ist keine neue Geschichte aus Mittelerde, keine neue Tolkien-Geschichte und erst Recht kein spät in Tolkiens (bereits emsig durchforsteten und aufbereiteten) Nachlass gefundenes, bisher unveröffentlichtes Manuskript. Die Verlockung, dies zu glauben oder zu propagieren, ist sicherlich groß – aber wenn man sich die Mühe macht, tiefer zu graben, die Hintergründe kennt, vielleicht das Vorwort liest, sich an das »Silmarillion« erinnert, dann weiß man trotzdem oder sollte zumindest wissen, was man an dieser Edition der Geschichte der Kinder Húrins hat.

 

Edition. Dieses schlichte Wörtchen bezeichnet die vorliegende Publikation sehr schön und vor allem treffend – treffender als ein nörglerisches »Schon oft genug abgedruckt ...«. Ja, die Geschichte ist bekannt, aus den »Nachrichten aus Mittelerde«, aus dem »Silmarillion«, aus Teilen der History of Middle-earth, hierzulande zudem aus diversen anderen Veröffentlichungen bei DTV oder Klett-Cotta. Trotzdem liegt sie hier erstmals (!) in einer ultimativen (!) und sorgfältig von Christopher Tolkien editierten (!) Fassung am Stück (!) vor, obendrei wunderschön aufgemacht und illustriert vom begnadeten Alan Lee – was will man denn bitte mehr? Hier ist die Geschichte erstmals keine Aneinanderreihung von mehr oder weniger langen, im Zweifelsfall noch kommentierten Fragmenten oder verschiedenen Versionen und Fassungen. Hier ist die Geschichte der Kinder Húrins ein »echtes Buch«, wie Tolkien es sicher gerne gesehen hätte und wie es jeder Mittelerde-Freund auch gerne – auch zum wiederholten Mal, aber eben zum ersten mal in dieser Form – lesen wird. Eine Geschichte von epischer Schönheit und Tragik, in einem ganz besonderen Ton verfasst; eine Geschichte, die es einfach verdient hat, als eigenständiges Werk zwischen zwei Buchdeckel gepackt zu werden.

 

Um es gleich vorweg zu nehmen: Hobbit-Meisterdiebe oder andere Ringträger aus dem allseits beliebten Auenland spielen in »Die Kinder Húrins« keine Rolle. So weit, so gut. Und wer Tolkiens »Silmarillion« kennt, der weiß in etwa, was ihn in diesem Werk, das etliche Jahrhunderte vor dem populären Ringkrieg spielt, erwartet, wenngleich die Namensverwirrung auch nicht so groß ist wie anfangs in der Schöpfungsgeschichte oder in anderen Erzählungen der komplexen »Mittelerde-Bibel«. Dennoch: Keine niedlichen Hobbits, keine Ents, kein Gandalf, höchstens Elben, Adler und Drachen – dafür aber eben auch epische Schlachten, einsame Helden und deren Schicksale sowie ein tragender Ton, wie man ihn auch in den großen Sagen und Mythen des Nordens immer wieder vorfindet. Trotz aller Nüchternheit und Allwissenheit des Erzählers wirkt Tolkiens tragisches Heldenepos an vielen Stellen deutlich frischer und lebendiger als jedes nordische Pendant – diese Geschichte aus der Historie Mittelerdes blüht vor Leben, vor Figuren, vor Dialogen und vor packenden Szenen, die eindrucksvoll zeigen, was für ein begnadeter und vielseitiger Erzähler und Schriftsteller J. R. R. Tolkien doch war.

 

Vielleicht ist diese Saga nicht immer ganz so einfach, und vielleicht ist dem ein oder anderen Tolkiens Schreibstil hier an manch einer Stelle etwas zu trocken – aber das nimmt dem Werk keineswegs seine Faszination oder seine intensiven Charakterzeichnungen oder Momente. Gleichmäßig und mit poetischer Schönheit nimmt Tolkien uns mit in das Zeitalter der Elbenvölker, der großen Kriege zwischen dem Licht und der Finsternis und den dunklen Tagen, als einzelne Helden vom Schicksal und dem Treiben Morgoths gequält und gebrochen wurden, aber niemals den Mut verloren, wenn sie auch manchmal vielleicht verzagten. Landschaften entstehen vor dem Auge des Lesers, ästhetische (wenn z. T. auch etwas idealisierte) Schlachten gegen das Gezücht aus den dunklen Landen werden geschlagen, große Reden werden geschwungen, mutige Taten vollbracht, Freundschaften geschlossen und gebrochen, Leid gesucht und gefunden, Liebe erfahren und gegeben und verloren – in »Die Kinder Húrins« fuhr Tolkien letztlich die gesamte Palette auf, die ein klassisches Drama seit jeher ausmacht; das Bild, das er damit auf seiner breiten, überformatigen Leinwand schuf, ist auch heute, dreißig Jahre nach dem Tod des Professors, noch ein gestochen scharfes und vor Farben, aber manchmal auch nur einer Vielzahl Grautönen überquellendes Werk.

 

Apropos Farben und Grautöne: Wenn es um die Illustration von Tolkiens Welt geht, kann meine ganze Heerscharen von talentierten Künstlern nennen, die sich daran gemacht haben, Bilbo, Frodo, Aragorn, Gandalf und die Geschichten aus Mittelerde zum Leben zu erwecken. Dennoch gibt es in dieser langen Reihe mehr oder minder versierter Künstler, die für Kalender, Spiele, Tradingcardgames und natürlich Bücher Illustrationen zu Tolkiens Werken angefertigt haben, vor allem zwei herausragende Männer, die man einfach hervorheben muss: Der eine ist fraglos John Howe, der andere ohne Zweifel Alan Lee.

 

Letzterem oblag es nun auch, das am 17. April zeitgleich in mehreren Ländern erschienene »Die Kinder Húrins« zu illustrieren. Heraus gekommen sind mehrere bunte Farbtafeln auf Glanzpapier sowie eine Vielzahl nicht weniger schöner Bleistiftzeichnungen, welche die Geschichte Túrins und den Kampf von Húrins Kindern gegen das Übel Morgoths wunderbar illustrieren und in treffenden Bildern einfangen. Egal ob Landschaftsaufnahme oder Charakterstudie – Lee gelingt im Grunde jedes Bild. Nie stört oder übervorteilt er die Phantasie des Lesers, sondern gibt der Vorstellungskraft höchstens wertvolle Impulse und Anregungen. Es sind nicht zuletzt Lees Illustrationen sowie die gewohnt gute Aufmachung aus dem Hause Klett Cotta – gutes Papier, sauberer Satz, geprägter Schutzumschlag, Vorwort von Christopher Tolkien, die solide Übersetzung von Hans Joachim Schütz, ergänzt durch die Arbeit von Helmut W. Pesch –, die es zu einer wahren Freude machen, die eigentlich schon bekannte und in vielen Fällen eben schon mehrfach gelesene Geschichte der Kinder Húrins noch einmal zur Hand zu nehmen und an einem Stück zu lesen.

 

Fazit: Wer auf einen neuen Hobbit oder einen neuen Herrn der Ringe hofft, der wartet freilich vergebens und wird von der Geschichte der Kinder Húrins eher enttäuscht sein. Wer allerdings eine große Fantasy-Saga im Stil der großen Skalden des Nordens lesen möchte, über von einem finsteren Schatten befallene Helden, das grausame Erzböse, strahlende Elben, durchtriebene Zwerge, gemeine Drachen, verzauberte Schwerter und dergleichen, der ist hier genau richtig. Freunde des »Silmarillions« und der Nachrichten aus Mittelerde werden sich glücklich schätzen, noch einmal die Geschichte der Kinder Húrins am Stück und in ihrer wahrscheinlich besten und endgültigen, wohlüberlegten Fassung lesen zu können – erst Recht, wenn die dazugehörige Buchausgabe so schön aufgemacht und illustriert ist wie die vorliegende von Klett-Cotta.

 

»Die Kinder Húrins« sind aber auch ein posthum veröffentlichter Lebenstraum des wahrscheinlich größten und akribischsten Weltenschöpfers der modernen (Fantasy-)Literatur. Wer dieses Buch, diese große Saga in ihrer endgültigen Form, lesen möchte oder ihre Bedeutung zu ermessen glaubt und ihren unvergesslichen Autor würdigen möchte, kommt an dieser Ausgabe einfach nicht vorbei – und bekommt im Gegenzug in literarischer wie auch in bibliophiler Hinsicht ein echtes »Schmankerl« für seine Sammlung.

 

Ein recht persönliches Fazit vielleicht noch zum Schluss: J. R. R. Tolkien und die Abenteuer des Hobbits Bilbo Beutlin haben mich zu dem fanatischen Liebhaber und Sammler phantastischer Literatur gemacht, der ich heute bin. Tolkien und seine Werke haben mich schon immer fasziniert – sowohl die Geschichten, als auch der Mann hinter diesen Werken. Dennoch ist es nun schon ein paar Tage her, seit ich zuletzt Bücher wie das »Silmarillion« oder die »Nachrichten aus Mittelerde« gelesen habe. »Die Kinder Húrins« nun zeigten mir wieder mit aller Deutlichkeit, wieso Tolkiens phantastischer Kosmos seiner großen Schöpfung schon vor Jahren eine solch starke Anziehungskraft und Faszination auf mich ausgeübt, ja mich so leicht in den Bann geschlagen hat. Allein dafür gebührt dieser Ausgabe, dieser Edition mein Dank. Hinzu kommt die prächtige Aufmachung des Buches, die großartigen Bilder Alan Lees und das Wissen, dass Tolkiens Sohn Christopher hier vielleicht noch einmal eine Ausgabe geschaffen hat, wie sein Vater sie sehr gerne gesehen hätte – nun, ich will gar nicht verstehen, wieso man dieses Buch als Recycling einer bereits n-fach veröffentlichten Geschichte abtun oder beleidigen will. Ich meine, es zwingt einen ja niemand, diese Lektüre zu kaufen, oder? Leider, muss man fast sagen. Denn eigentlich müsste man es tun.

 

Auta i lomé!

 

 

 

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Die Kinder Húrins

Autor: J. R. R. Tolkien

Hrsg: Christopher Tolkien

Illustr.: Alan Lee

Hardcover, 330 Seiten

Klett Cotta, 17. April 2007

ISBN: 3608936033

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

Biographie, Bibliographie, Rezensionen und mehr zu J. R. R. Tolkien

Die Kinder Hurins bei Klett Cotta


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Erstellt: 22.04.2007, zuletzt aktualisiert: 02.08.2019 12:28